Der Maskarenen-Flughund (Pteropus niger) ist eine Flughundart aus der Gattung Pteropus innerhalb der Familie der Eigentlichen Flughunde (Pteropodidae). Er ist ein Endemit der Maskarenen. Auf der Insel Réunion ist die Art zwischen 1772 und 1801 ausgestorben. Durch einzelne mit Stürmen dorthin getragene oder aus der Gefangenschaft entkommene Tiere hat sich auf Réunion wieder eine kleine Population gebildet, von der unklar ist, ob sie eigenständig reproduziert. Auf Mauritius gilt die Art als bedeutender Schädling der Obstplantagen und wird wegen angeblich stark zunehmender Bestände verfolgt. Die IUCN betrachtet die Art hingegen als gefährdet (EN - Endangered), das ist die zweithöchste Gefährdungskategorie, und berichtet von zurückgehenden Beständen.

Merkmale mini|Schädel von Pteropus niger Mit einem Gewicht nicht reproduzierender adulter Weibchen von 380 bis 540 Gramm (im Durchschnitt 473 Gramm) gehört der Maskarenen-Flughund zu den mittelgroßen Arten der Gattung Pteropus, der Indische Riesenflughund (Pteropus giganteus) und der Kalong (Pteropus vampyrus) wiegen mehr oder fast das Doppelte, der Goldmantel-Flughund (Pteropus pumilus) weniger als die Hälfte. Die Gesamtlänge erreicht 270 Millimeter, wovon 70 Millimeter auf den Kopf entfallen. In der älteren Literatur wird von unterschiedlich langen Unterarmen der Geschlechter berichtet, 152 bis 165 Millimeter beim männlichen und 143 bis 162 Millimeter beim weiblichen Geschlecht. In der Literatur seit dem Jahr 2000 wird eine Unterarmlänge von 143 bis 165 (durchschnittlich 152) Millimeter ohne signifikanten Unterschied bei den Geschlechtern genannt. Die Spannweite adulter Maskarenen-Flughunde beträgt zwischen 900 und 1020 Millimeter.

Der Maskarenen-Flughund unterscheidet sich von den anderen Flughunden der Region durch die heller gefärbten Flanken, einen ausgeprägten schwarzen Aalstrich und seine auffallend kleinen Ohren.

Verbreitungsgebiet und Lebensraum mini|Madagaskar, östlich davon die Inseln Réunion und Mauritius Die Flughunde der Gattung Pteropus sind vom westlichen Indischen Ozean bis zur Mitte des Pazifiks verbreitet. Untersuchungen der mitochondrialen DNA lieferten Hinweise auf eine von Indien und Südostasien ausgehende Kolonisation der Inseln des Indischen Ozeans, die in mindestens drei Schüben erfolgte. Dabei liegen die beiden letzten Ereignisse relativ kurze Zeit zurück und führten im zweiten Ereignis von Indonesien ausgehend zur Besiedelung der Insel Rodrigues durch den Rodrigues-Flughund (Pteropus rodricensis), und im dritten Ereignis von Indien aus zur Besiedelung von Mauritius durch den Maskarenen-Flughund.

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Maskarenen-Flughundes sind die Maskarenen und umfasst die Vulkaninseln Mauritius (), Réunion () und, mit einem einzigen subfossilen Fund, Rodrigues . Berichte über Funde auf Madagaskar beruhen auf Verwechslungen. Mehrere alte Exemplare in zoologischen Sammlungen sind mit dieser Herkunftsangabe versehen, teilweise mit dem Ortsnamen Tamatave, der französischen Bezeichnung der madagassischen Stadt Toamasina und der gleichnamigen früheren Provinz. Ein Dorf auf Réunion trägt denselben Namen.

Mauritius Der Maskarenen-Flughund lebt vorwiegend in den verbliebenen Primärwäldern von Mauritius und in Gebieten, in denen einheimische und eingeführte Bäume wachsen. Mauritius ist eine etwa 62 Kilometer lange und 45 Kilometer breite Insel, wenige Breitengrade nördlich des Wendekreis des Steinbocks im westlichen Indischen Ozean, etwa 800 Kilometer östlich von Madagaskar. Zwar ist ein Viertel der Inselfläche bewaldet, doch nur zwei Prozent der Fläche sind nicht durch invasive Pflanzen beeinträchtigt. Diese ursprünglichen Habitate sind zudem stark fragmentiert. Die Flughunde bevorzugen für ihre Ruheplätze den weitgehend störungsfreien Wald an der Leeseite der Berge, mit einem Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung.

Nach Auffassung der Regierung von Mauritius hat die Population in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts stark zugenommen, weil die Zyklone mit ihrer bestandsregulierenden Funktion ausgeblieben sind. Die Größe der Population des Maskarenen-Flughunds ist umstritten, dabei gibt die Regierung von Mauritius grundsätzlich deutlich höhere Zahlen an als inländische Naturschutz-Organisationen und der IUCN. Naturschutzorganisationen nennen gelegentlich nur die Zahlen adulter Tiere, deren Anteil an der Gesamtpopulation wird auf 65 Prozent geschätzt. Die angegebenen Zahlen wurden mit unterschiedlichen Methoden ermittelt und sind daher nicht direkt miteinander zu vergleichen. Auch die IUCN räumt ein, dass es bis 2013 einen Anstieg der Population gegeben hat. Bei früheren Zählungen waren nicht alle Ruheplätze bekannt, so kannte man im Jahr 2003 nur vierzehn und 2007 bereits 54 Ruheplätze, 2013 63 Ruheplätze und 2016 waren es 83.

Jahr Regierung Naturschützer Anmerkungen 1974 10.000 Grobe Schätzung, basierend auf Zählungen weniger Kolonien, Gesprächen mit Jägern und anekdotenhaften Berichten 2006 2007 mehr als 25.000 Hochrechnung, basierend auf der Zählung von 12.000 bis 16.000 Tieren an 24 von 57 bekannten Ruheplätzen 2010 49.000 bis 56.00055.000 2013 90.00092.000 2015 90.000 50.000 2016 58.125 bis 66.875 Nach Regierungsangaben 62.500 Tiere, ± sieben Prozent 2017 37.700 adulte Tiere

Réunion Die ältesten Berichte über den Maskarenen-Flughund stammen von Réunion. Dort galt die Art seit dem frühen 19. Jahrhundert als ausgestorben, der Bestand ist zwischen 1772 und 1801 erloschen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden einzelne Maskarenen-Flughunde auf Réunion vorgefunden, die vermutlich durch die jährlichen Zyklone von dem etwa 180 Kilometer entfernten Mauritius dorthin getrieben wurden. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sie 2006 oder 2007 bei der Schließung des Zoos von Saint-Denis freigelassen wurden. 2007 wurde eine kleine Gruppe von zehn bis zwanzig Individuen beobachtet. Anfang 2015 wurde die Zahl der Flughunde auf etwa 40 geschätzt, einschließlich mehrerer Weibchen mit Jungtieren. Bislang ist nicht erwiesen, dass diese Population stabil reproduziert.

Rodrigues Von der Insel Rodrigues ist nur ein subfossiler Schädel bekannt, der in einer Höhle zusammen mit subfossilen Knochen des Rodrigues-Solitärs gefunden wurde. Der Schädel wurde 1881 von James Caldwell dem Indian Museum in Kolkata übergeben und von John Anderson fälschlich als Pteropus rodricensis identifiziert. Erst 1981 wurde eine handschriftliche Randnotiz von Knud Christian Anderson in einem Exemplar seines Katalogs der Fledertiere des British Museum veröffentlicht, in der er den von ihm begutachteten Schädel als Pteropus niger bezeichnete. Es gibt keine Hinweise auf ein Vorkommen nach der Ankunft von Menschen auf Rodrigues.

Lebensweise mini|Zugwege (orange Linien) für jeweils sechs weibliche (links) und männliche Tiere (rechts), Dezember 2014 bis September 2016 mini|Drei Maskarenen-Flughunde in Ruhehaltung, Zoo La Vanille, Mauritius mini|Maskarenen-Flughund im Zoo La Vanille, Mauritius

Ruheplätze Ein Auswahlkriterium für geeignete Bäume ist die Zugänglichkeit des Kronenbereichs und das Vorhandensein hinreichend starker Äste am Rand der oberen Baumkrone, um das Gewicht mehrerer Flughunde tragen zu können. Wahrscheinlich benötigen die Flughunde an den Ruheplätzen und den Futterpflanzen Raum nach unten, um beim Abflug im Fallen Geschwindigkeit aufzunehmen. Bevorzugt werden fünf Baumarten, die sowohl importierte als auch endemische Arten umfassen: Eukalypten (Eucalyptus spp.), Araukarien (Araucaria spp.), Tabebuia pallida, Lebbekbaum (Albizia lebbek) und die endemischen Labourdonnaisia spp. Darüber hinaus werden Orte bevorzugt, in deren Nähe sich geeignete Futterpflanzen befinden. Die meisten Ruheplätze sind gemischt belegt, es gibt aber auch Ruheplätze mit nur männlichen Tieren, oder nur mit Weibchen und ihren Jungen. Während der Trockenzeit werden die Ruheplätze im Nordwesten der Insel stärker genutzt. Viele Ruheplätze werden sehr lange genutzt, wobei die Zusammensetzung der Gesellschaft wegen der fehlenden Standorttreue des Maskarenen-Flughunds wechselt. Es kommt vor, dass über Generationen genutzte Ruheplätze nach einer schweren Störung aufgegeben werden. Die nachtaktiven und nur ausnahmsweise tagsüber nach Futter suchenden Maskarenen-Flughunde fliegen während der Nächte zu ihren Futterplätzen in stark unterschiedlichen Habitaten, einschließlich Obstplantagen und menschlichen Siedlungen. Dabei fressen viele in der Nähe ihrer Ruheplätze, andere legen Flugstrecken bis zu mehr als 90 Kilometer in einer Nacht zurück und wechseln die Ruheplätze aus verschiedenen Gründen, wie der vorherrschenden Windrichtung oder dem Futterangebot. Die Fluggeschwindigkeit beträgt beim An- und Abflug an den Ruheplätzen durchschnittlich 18,5 km/h mit Spitzen von 24 km/h.

Nahrungsspektrum Der Maskarenen-Flughund ernährt sich von einheimischen und eingeführten Pflanzen. Noch vor wenigen Jahren wurde angenommen, dass sich die Nahrung zu mehr als einem Drittel aus bestandsgefährdeten endemischen Arten und zur Hälfte aus eingeführten Pflanzenarten zusammensetzt. Jüngere Forschungen, die durch die Diskussion um die verursachten Schäden in der Landwirtschaft angestoßen wurden, deuten darauf hin, dass die Flughunde sich in stärkerem Maß als bislang bekannt von den Früchten, Blüten und Blättern einheimischer Pflanzen ernähren. Dabei bevorzugen sie reife Früchte und greifen, wenn es daran mangelt, auf unreife Früchte zurück. Der Verzehr von Blättern und Blüten dient möglicherweise der Versorgung mit Proteinen, an denen es in den Früchten mangelt.

Maskarenen-Flughunde tragen erheblich zur Verbreitung der Samen einheimischer Pflanzen bei. Sie ernähren sich unter anderem von den Früchten des Calvariabaums, von dem in der Vergangenheit behauptet wurde, er sei zur Vermehrung auf den Dodo angewiesen. Weitere verzehrte Früchte sind jene der endemischen Ebenholzbäume Diospyros tessellaria und Diospyros nodosa, und der Sapotengewächse Mimusops maxima und Labourdonnaisia glauca. Bei Labourdonnaisia glauca und zahlreichen weiteren Baumarten gibt es Hinweise darauf, dass die Art zur Verbreitung ihrer Samen auf die Maskarenen-Flughunde angewiesen ist. Dabei werden Früchte bevorzugt, die an hohen, ausladenden Bäumen wachsen und deren Samen wegen ihrer Größe von Vögeln nicht verbreitet werden können. Die Samen der Pflanzen werden entweder verschluckt und mit dem Kot wieder ausgeschieden, oder im Maul der Flughunde von Saft und Fruchtfleisch befreit und wieder ausgespuckt. Der Maskarenen-Flughund spielt beim Erhalt der letzten Naturwälder auf Mauritius eine entscheidende Rolle.

mini|Schäden an Litschis im Vergleich: aus natürlichen Ursachen aufgeplatzt (a, b); braune oder faulige Stellen durch Nährstoffmangel, Insektenbefall oder Erkrankungen (c); Vogelfraß (d-f); Fraßschäden durch Flughunde (g-h)