Die Kirow-Klasse (Киров) (Projekt 26 bzw. Projekt 26-bis/26-bis2) war eine sechs Schiffe umfassende Klasse Schwerer Kreuzer der sowjetischen Marine. Namensgeber der in den 1930er Jahren konzipierten Klasse (wie auch des Typschiffes) war der sowjetische Staats- und Parteifunktionär Sergei Mironowitsch Kirow. Alle sechs Einheiten dieses Typs – die nach russischen oder sowjetischen Politikern, Militärangehörigen oder Kulturschaffenden benannt wurden – wurden kurz vor oder während des Zweiten Weltkrieges in Dienst genommen, wobei je zwei Kreuzer für die Baltische Flotte, die Schwarzmeerflotte und die Pazifische Flotte fertiggestellt wurden. Die Schiffe überstanden sämtlich den Zweiten Weltkrieg und wurden schließlich in den 1960er und 1970er Jahren außer Dienst gestellt. Die Kreuzer der Kirow-Klasse waren die ersten großen Kriegsschiffe, die in der Sowjetunion nach Ende des Russischen Bürgerkrieges (1922) geplant und gebaut wurden.Whitley: Kreuzer im Zweiten Weltkrieg. S. 248. Zudem handelte es sich um die einzige Klasse von Schweren Kreuzern, von der zeitweise geplanten Fertigstellung des im Deutschen Reich angekauften Kreuzers Petropawlowsk abgesehen, die für die sowjetische Marine gebaut wurde.Der Artikel folgt hierbei der Definition für Schwere Kreuzer, die bei der Londoner Flottenkonferenz von 1930 formuliert wurde, wonach Kreuzer, deren Hauptgeschütze ein Kaliber von über 15,5 cm besitzen, als Schwere Kreuzer zu klassifizieren sind. In der Fachliteratur gibt es aber teils unterschiedliche Darstellungen, so klassifiziert Whitley die Schiffe als Schwere Kreuzer, Yakubov/Jordan indessen sprechen von Leichten Kreuzern.

Vorgeschichte und Konstruktion Nach den schweren Verlusten im Ersten Weltkrieg sowie den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg war die 1922 gegründete Sowjetunion vorerst noch nicht in der Lage, selbstständig größere Kriegsschiffe zu konzipieren und zu bauen, zu sehr hatten Schwerindustrie und Versorgungswirtschaft unter den kriegerischen Umbrüchen gelitten.Steigleder: Die Kriegsmarine und der Ostfeldzug. S. 81. Zudem waren viele frühere Fachkräfte (zaristische Marineoffiziere wie auch Schiffbauingenieure) vor den Bolschewiki ins Ausland geflohen. Erst nach 1928 wurde die Industrialisierung, auch der Schiffbau, im Kontext des ersten Fünfjahresplans wieder stark vorangetrieben. Dennoch fehlte weiterhin das Fachwissen für den Bau von modernen Kriegsschiffen, weswegen die Sowjetunion, die zu diesem Zeitpunkt international noch stark isoliert war, im Ausland um Unterstützung nachsuchte.

Hierbei gelang es 1933 von der italienischen Marine die Baupläne für die Leichten Kreuzer der Montecuccoli-Klasse („Condottieri“-Typ) zu erwerben. Ursprünglich hatten die sowjetischen Konstrukteure noch einen Leichten Kreuzer mit einer Wasserverdrängung von etwa 7.200 tn.l., hoher Geschwindigkeit und einer Bewaffnung von sechs 15,2-cm-Geschützen in drei Zwillingstürmen ins Auge gefasst gehabt. Dieses Konzept wurde aber alsbald wieder verworfen, vor allem, da der Bau reiner Schwerer Kreuzer bei fast allen großen Seemächten nach den Flottenkonferenzen von Genf (1927) und London (1930) – an denen die Sowjetunion allerdings nicht teilgenommen hatte beziehungsweise zu denen sie nicht eingeladen worden war – stark vorangetrieben wurde. Nachfolgend wurde deswegen entschieden, den neuen Schiffstyp mit Geschützen vom Kaliber 18 cm in Drillingstürmen zu bewaffnen; dieses Ende der 1920er Jahre entwickelte neue Marinekaliber war ab 1932 in die sowjetische Marine eingeführt worden und wies hohe Leistungsdaten auf.

mini|links|Heckansicht des Kreuzers Lasar Kaganowitsch (siehe Schriftzug achtern). Es handelt sich vermutlich um eine Nachkriegsaufnahme, da das Schiff zuvor lediglich Kaganowitsch hieß und der Vorname erst 1945 hinzugefügt wurde.

Es zeigte sich aber zugleich sehr schnell, dass die vorliegenden Pläne der Montecuccoli-Klasse einerseits eine Einbeziehung dieser schwereren Geschütze im Kontext der Schiffsgröße nicht zuließen. Zudem waren andererseits die italienischen Schiffe strukturell eher leicht gebaut, während die sowjetischen Ingenieure die oft rauen und winterlichen Wetterbedingungen in der Barentssee oder in der Ostsee zu berücksichtigen hatten. Infolgedessen wurde, wenngleich auch die architektonischen Grundzüge des italienischen Kreuzerentwurfs erhalten blieben, ein neuer Entwurf aufgelegt. Dieser sah ein Schiff mit einer Standardverdrängung von nun 7.700 tn.l. und drei Drillingstürmen vor. Rein rechnerisch konnten in dieses Konzept auch die notwendigen Verstärkungen der Rumpfverbände inkludiert werden. In der Praxis zeigten See- und Schießschäden aber später, dass die Schiffe der Kirow-Klasse immer noch vergleichsweise leicht beziehungsweise zu schwach konstruiert worden waren. Der neue Kreuzertyp wurde schließlich am 29. Dezember 1934 vom Rat der Volkskommissare gebilligt und der Auftrag zum Bau von sechs Einheiten erteilt. Die Schiffe sollten dabei in drei Losen gebaut werden, wobei je zu Jahresfrist 1934, 1935 und 1936 zwei Einheiten bewilligt werden sollten. Dies ermöglichte es, bei den Schiffen der nachfolgenden Baulose gegebenenfalls Modifikationen durchzuführen – was dann später auch geschah –, wodurch die Projektbezeichnung sich von 26 (Baulos 1934) auf 26-bis (Baulos 1935) und 26-bis2 (Baulos 1936) änderte.

mini|Die vorderen 18-cm-Drillingstürme des Kreuzers Woroschilow.

Technische Details Bewaffnung Die Kreuzer der Kirow-Klasse verfügten über eine aus neun 18-cm-Geschützen L/57 B-1-P Modell 1932 bestehende Hauptartillerie, welche in drei in Mittschiffslinie stehenden und je 232 (Projekt 26) bis 243 (Projekt 26-bis2) Tonnen schweren Drillingstürmen untergebracht waren. Zwei Türme, in überhöhter Aufstellung, befanden sich vor und ein Turm achtern der Aufbauten. Diese ab 1932 in der sowjetischen Marine eingeführten Geschütze verschossen eine 97,55 Kilogramm schwere, panzerbrechende Granate über eine maximale Distanz (bei 45 Grad Rohrerhöhung) von 37.800 Metern. Die Dotierung lag gewöhnlich bei 100 Granaten pro Geschütz. Diese Geschütze waren gemessen am Kaliber zwar etwas schwächer als die vergleichbaren Geschütze auf Schweren Kreuzern anderer Nationen zu jener Zeit (deren Kaliber zumeist bei 20,3 cm lag; lediglich die argentinischen Kreuzer der Veinticinco-de-Mayo-Klasse sowie die britische Hawkins-Klasse – die allerdings vor den diversen Flottenkonferenzen gebaut wurde – führten ein ähnliches Kaliber von 19 cm beziehungsweise 19,1 cm), jedoch verfügte der sowjetische Typ über eine vergleichsweise hohe Feuergeschwindigkeit von im Durchschnitt fünf bis sechs Granaten pro Minute und eine hohe Reichweite. Die Feuergeschwindigkeit des auf den Kreuzern der britischen County-Klasse genutzten 20,3-cm-Geschützes L/50 Mark VIII lag demgegenüber im Durchschnitt bei etwa vier Schuss pro Minute, die Reichweite betrug rund 28.000 Meter. Ein gravierender Nachteil hingegen war, dass die Lebensdauer der 18-cm-Geschütze, die mit einem vergleichsweise hohen Gasdruck von rund 4,0 Tonnen pro Quadratzentimeter arbeiteten (20,3 cm L/50 Mark VIII: 3,23 Tonnen pro Quadratzentimeter), sehr niedrig war – zu Beginn lag diese bei nur 70 Schuss. Spätere Varianten mit kleinerer Treibladung und tieferen Zügen erreichten dann zwar eine Lebensdauer von 320 Schuss, diese lag aber immer noch deutlich unter der des britischen Geschützes (ca. 550 Schuss).

Die mittlere Bewaffnung bestand aus sechs (ab 1942 teils acht) einzeln lafettierten 10-cm-Geschützen L/56 B-34 des Modells 1938. Dieses moderne Mehrzweckgeschütz war ab 1936 in kleiner Serie produziert und ab 1938 in die sowjetische Marine eingeführt worden. Die Kanonen verfeuerten eine 15,8 Kilogramm schwere Granate, wobei bei einer Rohrerhöhung von 85,5 Grad die maximale Schusshöhe bei rund 10.000 Metern lag. Obgleich es sich um eine vergleichsweise leistungsfähige Waffe handelte – je nach Ausbildungsstand der Bedienmannschaften lag die Feuergeschwindigkeit bei zehn bis 15 Schuss pro Minute –, erfolgte die Produktion sehr langsam. Zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion im Sommer 1941 waren gerade einmal 38 bis 42 Exemplare hergestellt worden. Da nach Sommer 1941 die Heeresrüstung absoluten Vorrang erfuhr, führte dies dazu, dass die beiden in Fernost gebauten Kreuzer (Kalinin und Kaganowitsch, die erst 1942 beziehungsweise 1944 in Dienst gestellt wurden) infolge Lieferengpässen nicht mit diesen Geschützen ausgestattet wurden, sondern stattdessen je acht schwere 8,5-cm-Flak L/52 90-K in Einzellafetten erhielten. Hierbei handelte es sich um die Marineversion der schweren Heeresflak M1939 (52-K).

mini|3,7-cm-Flak L/67 70-K (hier ein an Land ausgestelltes Exemplar mit Marinelafette im polnischen Nationalen Maritimen Museum in Gdynia).

Auch die leichte Flugabwehrbewaffnung variierte von Schiff zu Schiff teils stark. Gemäß den Planungen sollte diese je Kreuzer aus sechs halbautomatischen 4,5-cm-Flak L/46 21-KM Modell 1932 und vier schweren 12,7-mm-Fla-Maschinengewehren bestehen. Allerdings scheint es hierbei bereits zu Baubeginn Abweichungen gegeben zu haben. So besaß z. B. der Kreuzer Maxim Gorki von Indienstnahme im Oktober 1940 an vermutlich neun 4,5-cm-Flak 21-KM. Im Rahmen von Modifikationen wurden zwischen Spätsommer 1941 und Sommer 1943 wahrscheinlich auf fast allen Schiffen die 4,5-cm-Kanonen, die sich infolge der geringen Schussfolge (ca. 40 Schuss pro Minute) nicht bewährt haben sollen, vollständig von Bord gegeben und durch modernere 3,7-cm-Flak L/67 70-K Modell 1939/1940 ersetzt. Die Anzahl dieser Kanonen, die einzeln lafettiert waren, wich von Schiff zu Schiff erheblich voneinander ab, so dass keine einheitlichen Angaben gemacht werden können. Während beispielsweise die Kirow 1942/43 insgesamt 15 dieser Geschütze führte (dies wird auch im nebenstehenden Informationsblock so gehalten), besaß die Kaganowitsch um 1944 vermutlich deren 21. An Bord der Molotow sollen 1944 zeitweise sowohl ältere 4,5-cm-Flak 21-KM (6?) und neuere 3,7-cm-Flak 70-K (12?) nebeneinander genutzt worden sein. Auch die Maschinengewehrbewaffnung wuchs im Laufe der Einsatzzeit an. Die Anzahl lag 1943/44 bei bis zu 20 12,7-mm-Maschinengewehren, wobei sowohl Einzel- als auch teilweise Vierlingslafetten (hierbei handelte es sich möglicherweise um im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes gelieferte Vickers-Lafetten) zum Einbau kamen.

Alle Einheiten der Kirow-Klasse besaßen sechs 53,3-cm-Torpedorohre (Typ 39Y / 53-38U) in zwei schwenkbaren Drillingsrohrsätzen, die beiderseits des Flugzeugkatapultes an Oberdeck aufgestellt waren. Die Torpedobewaffnung verblieb die gesamte Kriegszeit über an Bord und war noch 1946 auf allen Schiffen vorhanden. Daneben waren alle Kreuzer auch zum Legen von Seeminen ausgestattet, wobei beiderseits der Aufbauten Minenlegeschienen etwa von Höhe des hinteren Schornsteins bis zum Heck verliefen. Im Regelfall konnten bis zu 100 Minen (Typ KB 1940, Ankertauminen) mitgeführt werden, wobei die Woroschilow allerdings bis zu 164 Minen aufnehmen konnte (vermutlich war dies möglich, weil dieses Schiff längere Minenlegeschienen besaß).

Maschinenanlage