Das Mädchen mit den Schwefelhölzern ist eine „Musik mit Bildern“ (teilweise vergleichbar einer Oper) in zwei Teilen von Helmut Lachenmann mit einem eigenen Text nach dem Märchen Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian Andersen und Texten von Leonardo da Vinci, Gudrun Ensslin, Ernst Toller und Friedrich Nietzsche. Sie wurde am 26. Januar 1997 in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt.

Handlung

Das Werk besitzt ebenso wenig eine traditionelle dramatische Handlung mit Dialogen und erkennbaren Rollen wie ein auskomponiertes Libretto. Der Musik liegt allerdings die linear erzählte Geschichte des Märchens zugrunde. Sie ist in 24 Szenen unterteilt. Sofern nicht anders angegeben, basieren die folgenden Erläuterungen zur Musik auf Helmut Lachenmanns Beitrag Eine musikalische Handlung, aus dem auch die Zitate stammen.

Erster Teil: „Auf der Straße“

Nr. 1. Choralvorspiel: „Oh du fröhliche“

Märchen: Es ist ein fürchterlich kalter verschneiter Silvesterabend.

Musik: „Kalte“, klirrende, geräuschhafte Klänge dominieren.

Nr. 2. Überleitung: „In dieser Kälte“

Märchen: Ein kleines armes Mädchen geht barfuß auf der Straße.

Musik: Das Mädchen zittert und friert fürchterlich. Seine Versuche, sich zu wärmen, werden nicht nur von den beiden Darstellerinnen, sondern auch vom Orchester und den Vokalisten dargestellt. Nur die Erinnerung an die Mutter erwärmt es für einen Moment.

Nr. 3. „Frier-Arie“, 1. Teil

Nr. 4. Trio und Reprise: „Frier-Arie“, 2. Teil

Nr. 5. Scherzo, 1. Teil: „Königin der Nacht“

Musik: Als die Kälte wieder zurückkehrt, nimmt das Mädchen allen Mut zusammen: „pedalisierte Intervall-Klänge, utopische Hall-Räume“.

Nr. 6a. Scherzo, 2. Teil: „Schnalz-Arie“

Musik: Mit einem im Siciliano-Rhythmus geschnalzten Weihnachtslied versucht das Mädchen, die Kälte zu verdrängen.

Nr. 6b. „Stille Nacht“

Nr. 6c. „Schnalz-Arie“, Schluss

Nr. 7. „Zwei Wagen“

Märchen: Das Mädchen trägt die Pantoffeln ihrer Mutter, verliert sie aber, als sie zwischen den Wagen über die Straße eilt. Ein Junge stiehlt den einen Pantoffel, der andere geht verloren.

Nr. 8. „Die Jagd“

Musik: Das Mädchen verfolgt den Jungen eine Weile. „Neoexpressionistische[] Tonmalerei“ mit brutalen „orchestralen Klang-Entladungen“, in denen die innere Lage des Mädchens nach außen gekehrt wird.

Nr. 9. „Schneeflocken“

Märchen: Mit verfrorenen Füßen versucht das Mädchen, Streichhölzer zu verkaufen, findet jedoch keine Kunden. Schneeflocken fallen auf sein blondes Haar.

Musik: „verstreute Dreiklangsequenzen“.

Nr. 10. „Aus allen Fenstern“

Märchen: Aus den Straßenfenstern scheint Licht, und es riecht nach Gänsebraten.

Musik: Eine Collage aus Verkehrslärm, Weihnachtsliedern sowie Musik- und Sprachfragmenten aus dem Radio. Aus dem Zusammenhang gerissen erklingen u. a. Bruchstücke aus dem Schlusstanz von Igor Strawinskys Sacre du printemps, Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre, dem Schluss aus Arnold Schönbergs Orchestervariationen, dem Anfang aus Pierre Boulez’ Pli selon pli, der a-moll-Schlussakkord aus Gustav Mahlers sechster Sinfonie und der im dreifachen Forte gespielte Sechsklang aus Alban Bergs Wozzeck. Zwischendurch ruft das Mädchen erstmals: „Ich“.

Zweiter Teil: „An der Hauswand“

Nr. 11. Hauswand 1: „In einem Winkel“

Märchen: Das Mädchen kauert sich frierend zwischen zwei Häusern hin, da es sich nicht zurück nach Hause traut.

Musik: Schrille Klänge verweisen auf die Kälte und die Todesangst des Mädchens.

Nr. 12. Ritsch 1: „Ofen“

Märchen: Um sich wenigstens etwas zu wärmen, zündet es eines der Streichhölzer an. Es kommt ihr vor wie ein Ofenfeuer.

Musik: Das erste „Ritsch“ wird äußerst vorsichtig von den Geigen „collegno saltando“ gespielt. Aus der darauffolgenden Stille löst sich der „angewärmte“ Klang des am Rand geriebenen japanischen Tempelgongs. Der Ofen emittiert „Konsonanzen“ in einem auskomponierten Crescendo des Orchesters.

Nr. 13. Hauswand 2

Märchen: Bevor das Mädchen sich auch die Füße wärmen kann, erlischt das Streichholz wieder.

Musik: Styropor-Rauschen symbolisiert die Kälte der Wand. Es gibt jedoch noch Widerstand.

Nr. 14. Ritsch 2 – „gedeckter Tisch“ – Hauswand 3

Märchen: Beim Schein des zweiten Streichholzes kann das Mädchen durch die Hausmauer sehen und erblickt einen reich gedeckten Tisch mit einer Gans, die auf einmal zum Leben erwacht und auf das Mädchen zuläuft. Das Streichholz erlischt.

Musik: Dieses Bild ist nicht komponiert.Aufteilung laut CD-Beilage. Im Harenberg Opernführer wurde das nicht komponierte Bild ausgelassen und die folgende Nummerierung entsprechend angepasst.

Nr. 15a. „Litanei“

Brief von Gudrun Ensslin: Klage über das „Verrecken“ der Opfer des Systems: Kriminelle, Wahnsinnige, Selbstmörder.

Musik: „Tonlose[s] Fortissimo“ mit geflüstertem Text.

Nr. 15b. „Schreibt auf unsere Haut“ („Cadenza parlando“)

Musik: Tomtoms und Pauken. Die Paukenstimme nimmt an einer Stelle den Wortrhythmus des Leonardo-Texts (Nr. 18) vorweg.

Nr. 16a. Ritsch 3

Märchen: Als das Mädchen das nächste Streichholz anzündet, glaubt es, unter einem prächtigen Weihnachtsbaum mit unzähligen Lichtern zu sitzen. Beim Verlöschen des Holzes steigen diese Lichter auf und sind nun als die Sterne des Himmels zu erkennen.

Nr. 16b. Kaufladen

Musik: Der Pracht im Laden entspricht die „ornamentalste Klangsituation im ganzen Werk“. Hier funkeln Klavier, Vibraphon, Celesta und Harfe wie ein „subversive[r] Kommentar“ zur Kapitalismuskritik Gudrun Ensslins. Die beiden Soprane haben große Intervallsprünge. Die Stimmführung erinnert ihrer „expressiv-belcantistischen Manier“ an die von Lachenmanns Lehrer Luigi Nono.

Nr. 16c. Überleitung: „Die Weihnachtslichter stiegen höher“

Nr. 17. Abendsegen: „Wenn ein Stern fällt…“

Märchen: Einer der Sterne fällt mit einem Feuerstreifen herab. Das Mädchen erinnert sich an eine Aussage ihrer Großmutter: Dies bedeute, dass eine Seele zu Gott aufsteige.

Musik: Das im vorangegangenen Bild begonnene Duett der beiden Soprane setzt sich fort.

Nr. 18. „… zwei Gefühle …“, Musik mit Leonardo

Leonardo da Vinci: Umgeben von Naturgewalten, heftiger als das stürmische Meer „zwischen Scylla und Charybdis“ oder die Vulkanausbrüche des Stromboli oder Ätna, sucht ein Wanderer nach Erkenntnis. Vor einem Höhleneingang verspürt er sowohl Furcht vor der Dunkelheit als auch Verlangen nach Wissen über den Inhalt der Höhle.

Musik: Diese Nummer liegt in zwei unterschiedlichen Fassungen vor. In der Werkfassung der Uraufführung ist hier Lachenmanns Komposition „… Zwei Gefühle …“ integriert, bei dem dieses von einem Sprecher und einer Sprecherin rezitierte Intermezzo mit einem „wie Lavamasse brodelnden und zuckenden“ Orchesterklang unterlegt ist. Für die spätere „Tokyo-Fassung“ schuf Lachenmann eine gekürzte und klanglich ausgedünnte Neuvertonung, die von einem einzelnen Sprecher über fünf Klang-Fermaten vorgetragen wird (siehe Werkgeschichte).

Nr. 19. Hauswand 4: „Zähltakte“

Musik: Nach dem Ende des „auskadenzierenden tonlosen Streicher-Rauschens“ wartet das Orchester undirigiert, während sich allmählich „individuelle Signalsplitter […] zu lockeren Strukturen versammeln“.

Nr. 20a. Ritsch 4Im Harenberg Opernführer als Ritsch 3 der Nr. 19 zugeordnet.

Märchen: Beim nächsten Streichholz sieht das Mädchen seine Großmutter in leuchtendem Glanz.

Musik: Das lauteste „Ritsch“, ein „Riss“ über die Klaviersaiten und von den Streichern mit Plektren hinter dem Steg gespielten Pizzicato-Arpeggien.

Nr. 20b. Großmutter

Musik: Ein „hämmernde[r] Holzstab“ setzt die Erscheinung in Gang. Eine „quasi pedalisierte Unisono-Linie“ des Orchesters stellt die Schönheit und Größe der Großmutter dar.

Nr. 21. „Nimm mich mit“

Märchen: Das Mädchen bittet die Großmutter, es mitzunehmen, bevor sie wie der Ofen, der Braten oder der Weihnachtsbaum wieder verschwindet. Um sie nicht zu verlieren, zündet es schnell die restlichen Hölzer an.

Musik: „‚Ritsch‘-Festival mit Trompetensignalen“ und fünf geriebenen Tamtams.

Nr. 22. Himmelfahrt: „In Glanz und Freude“

Märchen: Beim hellen Schein der Streichhölzer nimmt die Großmutter das Mädchen in die Arme und fliegt mit ihm gemeinsam in die Höhe.

Musik: „Hohe[s] Streicherflirren“ kennzeichnet die vibrierende Luft. Im Gegenzug „rast“ das Orchester „in Zweiklängen vorbei in die Tiefe“. Ab hier löst sich der Orchesterklang auf.

Nr. 23. Shô: „Sie waren bei Gott“

Märchen: Im Himmel verspürt das Mädchen nichts mehr von Kälte, Hunger oder Furcht.

Musik: Der „silbern-entrückte“ Klang der japanischen Mundorgel Shō wirkt als „im glücklich-befreiten Sinne ‚trostloses‘ Medium des Transzendenten“.

Nr. 24. Epilog: „Aber in der kalten Morgenstunde“

Märchen: Am nächsten Morgen sitzt das Mädchen erfroren, aber lächelnd, im Winkel. Neben ihr liegen die abgebrannten Streichhölzer. Die Umstehenden fragen sich, was sie wohl vor ihrem Tod Schönes gesehen hat.

Musik: Die Morgenstimmung wird mit „Geistermelodien der Klaviere“, gehauchten Trompetenklängen und weiträumigen Bogenstangen-Wischbewegungen der Streicher abgebildet. Die Musik löst sich beinahe in Stille auf.

Gestaltung

Text

Mit den beiden Einschüben betonte Lachenmann einige „sperrigere Aspekte“ des Märchens: Der eine betrifft die Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen: „Naturgewalt in Form von grausamer Kälte, gesellschaftliche Gewalt in Form von bürgerlich-unschuldiger Gleichgültigkeit gegenüber Hilflosigkeit und Elend“, aber auch die aus der Not geborene Entscheidung des Mädchens, die Streichhölzer für sich selbst zu nutzen. Gudrun Ensslin sah er als eine „extrem verformte Variante“ des Mädchens. Sie habe „nicht bloß gezündelt, sondern darüber hinaus zu Gewalt gegriffen, und […] dabei die eigene Menschlichkeit entstellt“. Mit dem Text Leonardo da Vincis nach der Szene mit der Sternschnuppe und der Erinnerung des Mädchens an seine Großmutter wollte er der „winterlich-tragischen Idylle und jenen Schwefelhölzchen eine weitläufigere Perspektive […] verschaffen“. Die verborgenen Aspekte betreffen somit die „unschuldig sich helfende Kreatur, die schuldhaft handelnde Rebellin, aber auch de[n] erkenntnisbesessene[n], im Gefühl seiner Unwissenheit in die Höhle starrende[n] Geist des Menschen.“ Lachenmann erweiterte die Handlung „ins Politische und Philosophische“.

Musik

Lachenmanns „Musik mit Bildern“ ist nur eingeschränkt mit einer Oper zu vergleichen. Eine szenische Darstellung der Märchenhandlung ist nicht vorgeschrieben. Die beiden musikalisch miteinander verbundenen Soprane repräsentieren zwar recht deutlich das frierende Mädchen selbst, müssen aber nicht zwingend als Darsteller auf der Bühne stehen. Eine solche Entscheidung bleibt der Regie überlassen. Rudolf Maschka zufolge lässt sich das Werk „am ehesten als szenisch visualisierte, säkulare Passion bezeichnen“. Die Textvorlage steht ähnlich wie bei den biblischen Passionen im Präteritum und enthält Rückblenden. Wie bei der barocken Passion ergänzen kommentarische Einschübe den Haupttext. Auch die zweiteilige Großform sowie einige religiös konnotierte Abschnittsüberschriften erinnern an Passionsmusiken. Die Handlung wird dadurch jedoch nicht verklärt, sondern mit bitterer Ironie hinterlegt.

Die Vokalstimmen setzt Lachenmann wie Instrumente ein. Der Text ist auf zwei Soprane und vier Chorquartette verteilt und bis auf Silben- und Buchstabenebene auseinandergerissen, sodass er für den Hörer größtenteils unverständlich bleibt. Martin Kaltenecker beschrieb dies folgendermaßen: „auseinandergezogene Silben, sich überlagernde, ineinander verhakte Sätze, so als wäre der Text selber etwas verrutscht und der Rand der Wörter verwischt worden“. Die Vokaltechniken sind extrem erweitert und reichen bis zum Schnalzen und differenzierten Atemgeräuschen. Dadurch entsteht eine „musikalische Semantik des Frierens“.