mini|Buchdeckel des 2012 erschienenen Katechismus der Neuapostolischen Kirche.

Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist eine christliche, trinitarische und prämillenaristische Religionsgemeinschaft, die sich als Wiederherstellung urchristlicher Verhältnisse zur Zeit der biblisch überlieferten Apostel betrachtet. Folglich nimmt die NAK in Anspruch, von neuen Aposteln geführt zu werden. Sie leitet ihre Lehre von der Bibel ab, wobei ihre Auslegung in etlichen Punkten jener anderer christlicher Lehren entspricht. Kennzeichnende Unterschiede bestehen im Sakramentsverständnis der Heiligen Versiegelung, in der Bindung von Sakrament und Sündenvergebung an das „heilsnotwendige“ Apostelamt, in der damit verknüpften endzeitlichen Erwartung sowie im Entschlafenenwesen. Von anderen apostolischen Gemeinschaften grenzt sich die NAK insbesondere durch das Stammapostelamt ab, das die oberste Autorität im wiederbesetzten Apostelamt darstelle. Die NAK unterscheidet zwischen der Kirche Jesu Christi, der Gemeinschaft aller gläubigen Christen, und sich selbst als Erlösungswerk des Herrn.

Die Apostel der NAK erschließen nach eigener Vorstellung „göttliche Offenbarungen“ auf Grundlage der BibelNeuapostolische Kirche International (2012): Katechismus der Neuapostolischen Kirche – Abschnitt 7.4.1 Charakteristika des Apostelamts, wobei der Stammapostel als höchste Autorität über die neuapostolische Lehre für deren „Reinhaltung und Weiterentwicklung“ zuständig istNeuapostolische Kirche International (2012): Katechismus der Neuapostolischen Kirche – Abschnitt 7.6.6 Das Stammapostelamt. Grundlagenwerk für die neuapostolische Lehre ist der 2012 erschienene Katechismus der Neuapostolischen Kirche. Zuvor galt zumindest formell noch das 1992 veröffentlichte Lehrbuch Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben.

Entstehung der neuapostolischen Lehre Die wichtigsten Wegbereiter der neuapostolischen Lehre waren der aus der katholisch-apostolischen Gemeinde ausgeschlossene Apostel Friedrich Wilhelm Schwarz sowie später der erste Stammapostel der NAK, Friedrich Krebs. Während man in der Vorgängergemeinde, der allgemeinen christlichen apostolischen Mission, einen stark ökumenischen Ansatz zur Reform und Vereinigung aller christlichen Kirchen verfolgte, formte sich vor allem über die stärkere Betonung der Heiligen Versiegelung bis zu Stammapostel Bischoff eine eigenständige Lehre mit exklusivistischem CharakterMÜNCH, P. (2013). … für die gesamte Kirche Christi gegeben...: Tauftheologie und Kirchenverständnis der Neuapostolischen Kirche in Geschichte und Gegenwart. MD. Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, 64(3), 47–52..

Zentrale Meilensteine zur Entstehung einer einheitlichen Lehre waren:

Die ersten Sakramentsspendungen an die Seelen Verstorbener zwischen 1872 und 1874Müller-Bahr, Sebastian: Sakramentale Handlungen an Toten in den Apostolischen Gemeinden, in Eberle, Mathias [Hg.] Aufbau, Ausbau, Trennungen – Die Entwicklung der apostolischen Gemeinschaften im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, Nürtingen, 2009, S. 190–227, ISBN 978-3-939291-04-6 Die Proklamierung des Stammapostelamtes 1897, das fortan die ausschließliche Befähigung zur Ordination neuer Apostel innehatte, als Teil der Lehre vom Neuen LichtObst, Helmut. Neuapostolische Kirche: die exklusive Endzeitkirche?. Friedrich Bahn Verlag, 1996; S. 41 Der weitere Einfluss der Lehre vom Neuen Licht auf das Amtsverständnis vom „heilsnotwendigen“ Apostelamt als „Christus im Fleische“, zulasten der Bedeutung des ProphetenamtsMathias Eberle (Netzwerk Apostolische Geschichte): „Dir, Jesus im Apostel, …“ – die Lehre vom Neuen Licht. Vorträge zur Kirchengeschichte – Teil 6, gehalten am 21.2.2013 in Brockhagen Die Neuorientierung hin zur stärkeren Erwartung der Wiederkunft Christi zur Zeit des Ersten Weltkriegs und unter der Amtsführung von Stammapostel BischoffHelmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Gründer christlicher Religionsgemeinschaften des 19. und 20. Jahrhunderts. 4. Auflage. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-55438-9, S. 132–133. Die endgültige Festlegung der exklusivistischen Lehre von geistiger Wiedergeburt nach heutiger Vorstellung im neuapostolischen Glaubensbekenntnis ab 1951

Neuapostolisches Glaubensbekenntnis

Das neuapostolische Glaubensbekenntnis fasst die für die neuapostolische Kirche verbindlichen Grundlagen der Lehre in den folgenden zehn Glaubensartikeln zusammenErläuterungen siehe: Erläuterungen zu den zehn Artikeln des neuapostolischen Glaubensbekenntnisses: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben, eingegangen in das Reich des Todes, am dritten Tag auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er wiederkommen. Ich glaube an den Heiligen Geist, die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Ich glaube, dass der Herr Jesus seine Kirche regiert und dazu seine Apostel gesandt hat und noch sendet bis zu seinem Wiederkommen mit dem Auftrag zu lehren, in seinem Namen Sünden zu vergeben und mit Wasser und Heiligem Geist zu taufen. Ich glaube, dass die von Gott für ein Amt Ausersehenen nur von Aposteln eingesetzt werden, und dass aus dem Apostelamt Vollmacht, Segnung und Heiligung zu ihrem Dienst hervorgehen. Ich glaube, dass die Heilige Taufe mit Wasser der erste Schritt zur Erneuerung des Menschen im Heiligen Geist ist und dass dadurch der Täufling aufgenommen wird in die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus glauben und ihn als ihren Herrn bekennen. Ich glaube, dass das Heilige Abendmahl zum Gedächtnis an das einmal gebrachte, vollgültige Opfer, an das bittere Leiden und Sterben Christi, vom Herrn selbst eingesetzt ist. Der würdige Genuss des Heiligen Abendmahls verbürgt uns die Lebensgemeinschaft mit Christus Jesus, unserm Herrn. Es wird mit ungesäuertem Brot und Wein gefeiert; beides muss von einem vom Apostel bevollmächtigten Amtsträger ausgesondert und gespendet werden. Ich glaube, dass die mit Wasser Getauften durch einen Apostel die Gabe des Heiligen Geistes empfangen müssen, um die Gotteskindschaft und die Voraussetzungen zur Erstlingsschaft zu erlangen. Ich glaube, dass der Herr Jesus so gewiss wiederkommen wird, wie er gen Himmel gefahren ist, und die Erstlinge aus den Toten und Lebenden, die auf sein Kommen hofften und zubereitet wurden, zu sich nimmt; dass er nach der Hochzeit im Himmel mit diesen auf die Erde zurückkommt, sein Friedensreich aufrichtet und sie mit ihm als königliche Priesterschaft regieren. Nach Abschluss des Friedensreiches wird er das Endgericht halten. Dann wird Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen und bei seinem Volk wohnen. Ich glaube, dass ich der weltlichen Obrigkeit zum Gehorsam verpflichtet bin, soweit nicht göttliche Gesetze dem entgegenstehen.

Die ersten drei Artikel entsprechen im Wesentlichen dem apostolischen Glaubensbekenntnis (Apostolikum), die weiteren Artikel den spezifischen Lehren der Neuapostolischen Kirche.

Das Glaubensbekenntnis findet keinen Gebrauch in der Liturgie. Es wird den neuapostolischen Christen insbesondere im Konfirmandenunterricht vermittelt.

Theologische Positionen Bibel Der Bibel (einschließlich der Apokryphen) wird als höchste Offenbarung Gottes eine besondere Autorität zugeschrieben, da sie durch vom Heiligen Geist inspirierte Menschen geschrieben und zusammengetragen worden seiNeuapostolische Kirche International (Hrsg.): ''Der Katechismus der Neuapostolischen Kirche.'' Friedrich Bischoff Verlag, Frankfurt am Main 2012, Abschnitt 1.2 – Die Heilige Schrift. Dies ist jedoch vom Glauben an die direkte Eingebung, die sogenannte „Verbalinspiration“, die besonders unter evangelikalen Christen verbreitet ist, abzugrenzen. Die Neuapostolische Kirche lehnt folglich auch die wortwörtliche Interpretation der Bibel ab und sieht deren Aussagen nicht im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Andererseits steht die NAK der historisch-kritischen Bibelauslegung und deren wissenschaftlichen Erkenntnissen zurückhaltend gegenüber und lehnt zum Beispiel Überlegungen oder Abstufungen zur Integrität eines Textes aufgrund von Unterschieden zwischen vorgeblichem und tatsächlichem Verfasser (→ siehe Pseudepigraphie (Bibel) oder Verfasserschaft der Paulusbriefe) ab. Die Aussagen des Neuen Testaments gelten als normsetzend; Aussagen aus dem Alten Testament werden aus dogmatischer Sicht abgelehnt, sofern sie nach Auffassung der NAK ersteren widersprechen. Aussagen über einzelne Bibelbücher oder Bibelstellen, aber auch die Aussagen sämtlicher Amtsträger der Kirche, müssen in der Bibel verankert sein und dürfen nicht im Widerspruch zu ihr stehen.

Die Apostel haben die exklusive Aufgabe, über die richtige und verbindliche Auslegung zu wachen, wozu sie der Heilige Geist befähigt.Neuapostolische Kirche International (Hrsg.): Der Katechismus der Neuapostolischen Kirche. Friedrich Bischoff Verlag, Frankfurt am Main 2012, Absatz 1.2.5.1 – Auslegung der Heiligen Schrift durch den Heiligen Geist Die NAK erkennt keine außerbiblischen Offenbarungen als der Bibel gleichgestellt an und unternimmt auch keine eigenen Bibelübersetzungen.

In deutschsprachigen Ländern wird wie auch in der Evangelischen Kirche die Lutherbibel verwendet. Seit dem 1. Januar 2019 ist für alle deutschsprachigen Gemeinden die Lutherübersetzung 2017 verbindlich (zuvor die Version von 1984 und bis 2001 die Version von 1912), die anlässlich des 500. Jubiläums der Reformation erschien. In englischsprachigen Gemeinden wird die New King James Version verwendet.

Kirche Jesu Christi Die Ekklesiologie der NAK, die sie 2012 erstmals in ihrem Katechismus ausführlich festhielt, ist den allgemeinen christlichen Glaubensbekenntnissen und besonders dem Unitatis redintegratio von 1964 aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil der römisch-katholischen Kirche entlehnt.

Die Kirche Jesu Christi, in älteren Abhandlungen der „Leib Christi“ (nach oder ), ist aus neuapostolischer Sicht die von Jesus Christus gestiftete Einheit aller, die zur Erlösung durch Gott berufen sind. Sie ist die eine, heilige, allgemeine und apostolische KircheNeuapostolische Kirche International (Hrsg.): Der Katechismus der Neuapostolischen Kirche. Friedrich Bischoff Verlag, Frankfurt am Main 2012, Abschnitt 6.5 – Die Kirche Jesu Christi und die Kirchen als Institutionen, die von Jesus Christus durch den Heiligen Geist geführt werde. Parallel zur christologischen Zwei-Naturen-Lehre, nach der Jesus von Nazareth im christlich-ökumenischen Konsens „wahrer Mensch“ und zugleich „wahrer Gott“ war, hat die christliche Kirche aus neuapostolischer Sicht eine unvollkommene „sichtbare“ und eine vollkommene „unsichtbare“ Seite.