Landhaus in RueilDeutscher Bildtitel gemäß Angelika Wesenberg: Landhaus in Rueil in Angelika Wesenberg (Hrsg.), Birgit Verwiebe (Hrsg.), Regina Freyberger (Hrsg.): Malkunst im 19. Jahrhundert, die Sammlung der Nationalgalerie, 2017, Band 2. L–Z, Seite 552. (Französische Bildtitel gemäß Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, S. 296.) ist der Titel von zwei 1882 entstandenen Gemälden des französischen Malers Édouard Manet. Die Bilder zeigen die sommerliche Gartenansicht eines Wohnhauses im Pariser Vorort Rueil, wo sich der Künstler wenige Monate vor seinem Tod zur Kur aufhielt. Die Werke gehen in der Bildkomposition auf japanischer Vorbilder zurück und zeigen in der Ausführung typische Merkmale des Impressionismus. Die beiden nahezu identischen Versionen sind in Öl auf Leinwand gemalt und unterscheiden sich vor allem im Format. Das Motiv als Querformat mit den Abmessungen 71,5 × 92,3 cmGrößenangaben gemäß Angelika Wesenberg: Landhaus in Rueil in Angelika Wesenberg (Hrsg.), Birgit Verwiebe (Hrsg.), Regina Freyberger (Hrsg.): Malkunst im 19. Jahrhundert, die Sammlung der Nationalgalerie, 2017, Band 2. L–Z, Seite 552. befindet sich in der Sammlung der Nationalgalerie in Berlin, die Fassung als Hochformat mit den Maßen 92,8 × 73,5 cmDie Größenangaben finden sich auf der Internetseite der National Gallery of Victoria. gehört der National Gallery of Victoria in Melbourne. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die Ansichten des Landhauses in Rueil Einfluss auf verschiedene deutsche Maler, die nach Manets Vorlage ähnliche Motive schufen.

Bildbeschreibungen

Es ist nicht überliefert, welche der beiden Bildversionen Manet zuerst gemalt hat. Die Autoren des Werkverzeichnisses von 1975, Denis Rouart und Daniel Wildenstein, bezeichnen die Fassung im Hochformat des Museums von Melbourne als „Réplique“ (Wiederholung).Die beiden Gemälde mit dem Titel La maison du Rueil tragen im Katalog des Werkverzeichnisses von 1975 die Nummer 406 (Version im Museum von Melbourne) und Nummer 407 (Version in der Berliner Nationalgalerie). Bei Nummer 406 ist vermerkt „Réplique en hauteur du no 407“, siehe Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, S. 296. Demnach hätte Manet zunächst die Berliner Version im Querformat ausgeführt. Während das Gemälde der Berliner Nationalgalerie unbezeichnet ist, hat Manet die in Melbourne aufbewahrte Fassung mit „Manet“ signiert und mit „1882“ datiert, ein Zeichen dafür, dass er diese Ausführung als vollendet betrachtet hat.Scott allen: The House at Rueil in Scott Allen, Emily A. Beeny, Gloria Groom: Manet and modern beauty, the artist’s last years. S. 315.

Beide Gemäldefassungen zeigen in Nahsicht die sonnenbeschienene Fassade eines Hauses mit davorliegendem Garten. Der Blick richtet sich frontal auf das Landhaus; es erscheint bildparallel und schließt den Gartenraum ab.Scott Allen, Emily A. Beeny, Gloria Groom: Manet and modern beauty, the artist’s last years, S. 315. Die Hauswand wird durch ein umlaufendes graues Gesims und darunter einem roten Farbstreifen gegliedert, die die beiden Stockwerke optisch voneinander trennen. In der Mitte der quadrierten hellgelben Fassade befindet sich die Tür, die von einem kleinen Portal mit Giebelaufsatz gerahmt wird. Die linke weißgraue Säule des Portals wirft einen Schatten auf das Mauerwerk der Hauswand. Deren Quader wurden scheinbar „zum Teil mit dem Lineal gezogen“, wie der Kunsthistoriker Gotthard Jedlicka feststellte.Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 383. Andere Bereiche der Wand sind hingegen mit lockerem Pinselstrich ausgeführt.

In beiden Stockwerken gibt es eine Reihe von Fenstern. In der Berliner Fassung sind deren graublaue Fensterläden teils geöffnet und teils geschlossen, in der Fassung in Melbourne stehen alle Fensterläden offen. Die in die dunklen Räume des Hauses hineinragenden Fenster „lassen schattige Zimmer ahnen“, wie der Autor Peter Krieger anführt.Peter Krieger: Maler des Impressionismus aus der Nationalgalerie, S. 18. Die geöffneten Fenster suggerieren nach Krieger eine „sommerliche Atmosphäre“ und geben „dem Bild trotz der Menschenleere eine verhaltende Lebendigkeit“.Peter Krieger: Maler des Impressionismus aus der Nationalgalerie, S. 18. Ähnlich argumentiert Gotthard Jedlicka, der in den geöffneten Fenstern einen Hinweis sieht auf „die Bewohntheit des Hauses, das Wirken der Hausfrau, der Mägde oder des Dieners in seinen verschiedenen Räumen“.Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 383.

Vom dunkelblauen Dach ist in der Berliner Fassung nur ein Teilbereich zu sehen, der Rest wird vom oberen Bildrand abgeschnitten. Ein hellerer Blauton in der linken oberen Ecke könnte den Himmel andeuten. Die Autorin Angelika Wesenberg stellte hingegen fest: „Vom Dach des Hauses sehen wir wenig, vom Himmel nichts“.Angelika Wesenberg: Landhaus in Rueil in Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe, Regina Freyberger: Malkunst im 19. Jahrhundert, die Sammlung der Nationalgalerie, S. 552. In der Version der National Gallery of Victoria endet das Bild mit dem zweiten Stockwerk; der Dachbereich ist vollständig vom oberen Bildrand abgeschnitten. Insgesamt zeigt die Version aus Melbourne gegenüber der Berliner Fassung einen engeren Bildausschnitt. Besonders deutlich wird das auf der linken Bildseite, wo die Berliner Fassung weitere Fenster zeigt. Auch eine im Berliner Bild vor der Hauswand positionierte hellblaue Gartenbank fehlt im Hochformat aus Melbourne.

Der Bildvordergrund ist in beiden Fassungen der Darstellung des Gartens vorbehalten. In der Mitte ragt aus einer Rasenfläche der Stamm eines Baumes hervor, der zum Großteil die Haustür verdecktet. Die Baumkrone ist nur im Ansatz zu sehen, der Rest wird vom oberen Bildrand beschnitten. Aus den Überlieferungen von Manets Patenkind Léon Leenhoff geht hervor, dass es sich bei dem Baum um eine Akazie gehandelt habe.Léon Leenhoff zitiert in Françoise Cachin: Landhaus in Rueil in Françoise Cachin, Charles S. Moffett und Juliet Wilson-Bareau: Manet: 1832–1883, S. 495. Um diesen Baum verläuft rechts ein Weg in einem Bogen vom unteren Bildrand zum Hauseingang. Der geschwungene Pfad liegt im Schattenbereich der Baumkrone und erscheint in violetter Farbgebung mit vereinzelten helleren Tupfern. Am rechten Bildrand erscheint jeweils das üppige grüne Blattwerk eines nicht weiter erkennbaren Baumes, von links ragen einzelne Baumzweige ins Bild. Im Vordergrund entfaltet sich ein Rasenbeet, dessen Grasbewuchs mit virtuoser Pinselführung variantenreich in Szene gesetzt wurde.Peter Krieger: Maler des Impressionismus aus der Nationalgalerie, S. 18. Büsche und rotblühende Blumenrabatten am Rand der Rasenfläche komplettieren das Gartenarrangement. Die Autorin Ingeborg Becker hebt hierbei die „spontan gesetzten Farbklänge der Vegetation“ hervor.Ingeborg Becker: Französische Malerei von Watteau bis Renoir, S. 135. mini|Katsushika Hokusai: Der Mishima-Pass in der Provinz Kai, um 1830 Trotz der in weiten Teilen spontan wirkenden Malerei, folgen die beiden Gemäldeversionen einer von Manet durchdachten Komposition. Er orientierte sich hierbei sicher an japanischen Farbholzschnitten, von denen er die „ungewohnte Flächigkeit und unvermittelte Ausschnitthaftigkeit“ übernahm.Angelika Wesenberg: Landhaus in Rueil in Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe, Regina Freyberger: Malkunst im 19. Jahrhundert, die Sammlung der Nationalgalerie, Band 2, S. 552. So ist ein zentraler Baum, der den Hintergrund durchschneidet und zugleich selbst vom oberen Bildrand beschnitten wird, keine Erfindung Manets, sondern japanischen Vorbilden entlehnt. Beispiel hierfür ist die um 1830 entstandene Ansicht Der Mishima-Pass in der Provinz Kai von Katsushika Hokusai. Das Motiv aus der Serie der 36 Ansichten des Berges Fuji und ähnliche Arbeiten kannte Manet spätestens seit der Weltausstellung von 1867 und aus dem Angebot der auf asiatische Kunst spezialisierten Pariser Händler.

Der Baumstamm in Manets Ansichten des Landhauses in Rueil kann zudem als senkrechte Linie eines Fadenkreuzes gesehen werden, dessen waagerechte Entsprechung das Gesims und das rote Farbband der Fassade bilden.Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 383. Vertikale und horizontale Linien finden sich zudem in den Mauerquadern und Fensterläden.Peter Krieger: Maler des Impressionismus aus der Nationalgalerie, S. 18. Diesem kompositorisch geordneten System stehen ein ausgewogenes Wechselspiel der Farben Gelb, Grün, Blau und Rot gegenüber. Angelika Wesenberg: Landhaus in Rueil in Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe, Regina Freyberger: Malkunst im 19. Jahrhundert, die Sammlung der Nationalgalerie, S. 552. Hugo von Tschudi betonte „die verschiedenen vom Gelblichen ins Bläuliche spielenden Farben des Vordergrundes“. Er attestierte Manet zudem: „Die breite lebendige Pinselführung verrät erstaunliche Sicherheit seiner Hand.“Hugo von Tschudi: Manet, S. 24. Dem fügte Françoise Cachin in Bezug auf das Landhaus in Rueil hinzu, Manets „Pinselführung ist frei und vibrierend“.Françoise Cachin: Landhaus in Rueil in Françoise Cachin, Charles S. Moffett und Juliet Wilson-Bareau: Manet: 1832–1883, S. 496. Für Gotthard Jedlicka ist das Landhaus in Rueil „mit einer unbeschreiblichen geistigen Verzauberung und künstlerischen Überlegenheit wiedergegeben.“Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 382. Im Vergleich der beiden Bildversionen merkte der Kunstkritiker Karl Scheffler zur heute in Melbourne befindliche Version an, sie sei „vielleicht noch frischer, herzhafter und jubelnder“.Karl Scheffler: Funfzig (sic) Jahre Französische Malerei, 1875–1925, Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs in Paris. In Kunst und Künstler Jahrgang 24, Heft I, S. 26. Hugo von Tschudi begründete die Aufnahme des Querformats in die Sammlung der Nationalgalerie in Berlin mit der Qualität des Gemäldes.Hugo von Tschudi-Zitat nach Angelika Wesenberg: Edouard Manet, Landhaus in Rueil in Johann Georg Prinz von Hohenzollern, Peter-Klaus Schuster: Manet bis van Gogh, Hugo von Tschudi und der Kampf um die ModerneS. 84. Es sei ein „durch abgeklärte Reife der Anschauung, die sichere Technik, die Schönheit der Malerei schon völlig klassisch wirkendes Bild aus der letzten Zeit des Meisters.“Josef Kern: Impressionismus im Wilhelminischen Deutschland, S. 175.

Manets Aufenthalt in Rueil