mini|Die Apostolischen in Deutschland, eine Übersicht
Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist eine christliche, trinitarische und prämillenaristische Religionsgemeinschaft, die sich als Wiederherstellung urchristlicher Verhältnisse zur Zeit der biblisch überlieferten Apostel betrachtet und folglich in Anspruch nimmt, von neuen Aposteln geführt zu werden. Ihre Ursprünge gehen auf eine Erweckungsbewegung um die Entstehung der katholisch-apostolischen Gemeinden (KAG) im 19. Jahrhundert in Großbritannien zurück. Mit anderen verwandten Gemeinschaften zählt sie deshalb auch zur Konfessionsgruppe der apostolischen Gemeinschaften.
Während sich die NAK selbst als direkte Nachfolgerin der KAG als Folge eines Schismas 1863 in Hamburg sieht,Neuapostolische Kirche: Festschrift zum Jubiläum „Ein Glaube – ein Ziel. 150 Jahre Neuapostolische Kirche“. Herausgeber: Wilhelm Leber. S. 16. ist dies unter Experten umstritten: Der Theologe Albrecht Schröter datiert den eigentlichen Beginn der (späteren) NAK auf das Jahr 1879, als es zu einer Trennung innerhalb der allgemeinen christlichen apostolischen Mission zwischen den Anhängern um Friedrich Wilhelm Schwarz und Heinrich Geyer kam.Johannes Albrecht Schröter (1998): Die katholisch-apostolischen Gemeinden in Deutschland und der "Fall Geyer". Tectum-Verlag, S. 228–241. Der Religionswissenschaftler Helmut Obst verweist gar auf das Jahr 1897, in dem Friedrich Krebs das für die neuapostolische Lehre kennzeichnende Stammapostelamt schuf.Helmut Obst (1996): Neuapostolische Kirche – die exklusive Endzeitkirche?. Friedrich Bahn Verlag, S. 39–40.
Anfänge Trennung von den katholisch-apostolischen Gemeinden mini|hochkant|links|Apostel Friedrich Wilhelm Schwarz
In den 1830er Jahren entstand in Großbritannien eine endzeitlich geprägte, konfessionsübergreifende Erweckungsbewegung. In Teilen dieser Bewegung kam es zu einzelnen Gemeindegründungen. Unter dem Eindruck endzeitlicher Prophezeiungen wurden zwölf Persönlichkeiten aus Großbritannien zu „Aposteln“ berufen, deren Aufgabe es sein sollte, das gesamte Christentum auf das zweite Kommen Jesu vorzubereiten. Sie versammelten sich auf dem Albury-Anwesen in Surrey und verfassten das sogenannte „Testimonium“, das sie verschiedenen weltlichen und kirchlichen Oberhäuptern der damaligen Welt überreichten. Später entstanden daraus die katholisch-apostolischen Gemeinden, die nach biblischem Vorbild in zwölf verschiedene geografische Stämme eingeteilt und von jeweils einem Apostel betreut wurden. Diese gerieten 1855 nach dem Tod dreier Apostel allmählich in eine Krise, da man die vakant gewordenen Plätze wegen fehlender theologischer Rechtfertigung nicht wiederbesetzte.
Dagegen opponierte besonders eine Gruppe um den deutschen Propheten Heinrich Geyer. Der Großteil der Mitglieder der katholisch-apostolischen Gemeinde in Hamburg, einschließlich des Ältesten Friedrich Wilhelm Schwarz, des Priesters Carl Wilhelm Louis Preuß und Heinrich Geyers, wurden vom Apostel Francis Valentine Woodhouse 1863 aus den katholisch-apostolischen Gemeinden ausgeschlossen, nachdem Geyer Rudolf Rosochacki in Königsberg ohne Zustimmung der englischen Apostel ebenfalls zum Apostel ausgerufen hatte. Rosochacki trat kurz darauf von seinem Apostelamt zurück und kehrte zur katholisch-apostolischen Gemeinde zurück.
Die getrennte Hamburger Gemeinde nannte sich von da an Allgemeine christliche apostolische Mission (AcaM) und wurde vom zum Apostel dieser Gemeinschaft ordinierten Carl Wilhelm Louis Preuß geführt. Friedrich Wilhelm Schwarz wurde als Apostel in die Niederlande gesandt, wo er die „Apostolische Zending“ und spätere „Hersteld Apostolische Zendingkerk“, den niederländischen Arm der Bewegung, gründete. Dort lernte er 1870 auch den evangelischen Missionar Friedrich Wilhelm Menkhoff kennen, der sich der Bewegung anschloss und Schwarz von einer Abkehr von der katholisch-apostolischen Liturgie zugunsten einer calvinistischen Gottesdienstform überzeugte;Vgl. Schmolz 2016, S. 39 diese hallt in Liturgie und Kircheneinrichtung der NAK bis heute nach. Aufgrund seiner Haltung wurde Menkhoff auch ein wichtiger Gegenspieler des traditionalistischen Propheten Geyer.
Als Apostel Preuß 1878 starb, entbrannte ein Nachfolgestreit, der bei einem Gottesdienst in Hamburg am 4. August 1879 eskalierte.Helmut Obst (2000): Apostel und Propheten der Neuzeit. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, S. 74 Geyer versuchte Johann Friedrich Güldner vor der Gemeinde zum neuen Apostel zu berufen, wie er es bereits im März 1878 und bei einer Gebetsversammlung im Juli 1879 in Braunschweig getan hatte. Dagegen formierte sich heftige Opposition, der der Hirte Eduard Wichmann vorstand. Im Zuge der Tumulte ließ sich Wichmann, dem bereits Friedrich Schwarz deutliche Ambitionen auf die Nachfolge von Preuß nachsagte, von seiner Ehefrau und seinem Sohn durch prophetische Rede zum Apostel rufen. Heinrich Geyer und Johann Friedrich Güldner verließen unter Protest den Kirchensaal und trennten sich mit zahlreichen anderen unter dem bisherigen Namen „Allgemeine christliche apostolische Mission“ von der Hamburger Gemeinde. Der Rest verblieb bei den Aposteln Wichmann, Schwarz und Menkhoff sowie dem Ältesten Friedrich Krebs – vorerst unter dem Namen „Allgemeine apostolische Mission“.
Festigung der (neu-)apostolischen Gemeinden mini|Stammapostel Hermann Niehaus (Gemälde) mini|Denkmalgeschützte Kapelle in Wahlsdorf (1911), die der Neuapostolischen Kirche von 1910 bis 2005 als Gottesdienstlokal diente. In den damaligen Herzogtümern Anhalt und Braunschweig war die NAK bereits bis 1918 relativ stark verbreitet.
Die Gemeinden, die in Deutschland von Wichmann und Krebs (später „Apostolische Gemeinde“) und in den Niederlanden von Schwarz und Menkhoff („Apostolische Zending“) angeführt wurden, stellten zu dieser Zeit einen losen Verbund mit uneinheitlichen Glaubensvorstellungen und -praktiken dar. Erst unter der Führung des 1881 zum Apostel ordinierten Friedrich „Fritz“ Krebs (zuständig für den Stamm Nord- und Ostdeutschland) und damit nach der Trennung von Geyer, der für eine Aufrechterhaltung der katholisch-apostolischen Tradition stand, sowie dem Tod von Schwarz und Merkhoff 1895 erwuchs eine zunehmend uniformere Religionsgemeinschaft. Seit 1896 wurde Krebs als „Einheitsvater“ oder Stammapostel bezeichnet. Am 21. Juli desselben Jahres setzte er Hermann Niehaus zum Apostel für den Bereich Bielefeld ein. 1898 bestimmte er ihn dann in einem Gottesdienst in Berlin als seinen Nachfolger im Stammapostelamt. Am 20. Januar 1905 starb Krebs, und Niehaus übernahm das Amt.
Unter Niehaus entwickelte sich die NAK stark im Hinblick auf innere Festigung, Ausbreitung und Profilgebung. Im August 1906 setzte der neue Stammapostel für den verstorbenen Apostel Ruff den Apostelhelfer und späteren Nachfolger Johann Gottfried Bischoff zum Bezirksapostel für Mitteldeutschland und Württemberg ein. Nach Entschluss einer Apostelversammlung 1907 wurde die Gemeinschaft erstmals als „Neuapostolische Gemeinde“ benannt und erwarb in einigen Ländern des Deutschen Kaiserreiches den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Niehaus setzte zahlreiche jüngere Amtsträger ein, berief regelmäßig Apostelversammlungen ein und gründete 1907 die Kirchenschrift Apostolisches Sonntagsblatt (später Neuapostolische Rundschau) als neue wöchentliche Lektüre und Ersatz der Zeitschriften Der Herold und Wächterstimme aus Ephraim. 1908 gab er die Allgemeinen Hausregeln – und darin das erste neuapostolische Glaubensbekenntnis – heraus, 1916 das erste Lehrbuch über den neuapostolischen Glauben Fragen & Antworten.Helmut Obst (2000): Apostel und Propheten der Neuzeit. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, S. 97–98 Am 19. August 1909 besuchte Niehaus zusammen mit Apostel Carl August Brückner als erster Stammapostel die amerikanischen Gemeinden. 1912/1913 erschien das einflussreiche Lehrbuch Alte und neue Wege, verfasst vom neuapostolischen Apologeten Emil Schmidt unter dem Pseudonym „Salus“, das die Gesamtschau der Neuapostolischen Gemeinde auf die christlich-jüdische Heilsgeschichte bis zur NAK als vollendender „Schlusskirche“ sowie eine erneuerte Version des Glaubensbekenntnisses beinhaltete.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts geriet die Gemeinschaft stärker ins Visier landeskirchlicher Kritik und Schmähungen,Dominik Schmolz: Kleine Geschichte der Neuapostolischen Kirche. 4. Auflage. Edition Punctum Saliens, Steinhagen 2016, ISBN 978-3-939291-08-4, S. 48/52. wobei man ihr auch staatsfeindliche Umtriebe unterstellte.Davon zeugt insbesondere die zwischen 1906 und 1910 erschienene Streitschrift Abwehr der königstreuen patriotisch gesinnten Neuapostolischen Gemeinde gegen feindliche Angriffe; vergleiche dazu Obst (2000) Apostel und Propheten der Neuzeit; S. 112 ff. Stammapostel Niehaus und andere neuapostolische Apologeten verdeutlichten ihren konservativ-patriotischen Monarchismus; die nationalistischen Anklänge fanden dabei auch in Predigt und Liedgut Widerhall. Nach den Allgemeinen Hausregeln von 1908 war neuapostolischen Christen die Mitgliedschaft in der aufstrebenden Sozialdemokratie und anderen revolutionären Bewegungen untersagt. Niehaus unterstützte die deutsche Kriegsführung im Ersten Weltkrieg, besonders aufgrund seiner feindlichen Gesinnung gegen das mit der katholisch-apostolischen Bewegung verknüpfte Vereinigte Königreich.NEUAPOSTOLISCHE RUNDSCHAU Zeitschrift zur Förderung des Glaubenslebens der Neuapostolischen Gemeinden des In- und Auslandes. 24. Jahrgang. Nr. 40 Sonntag, 29. September 1918 Der Kriegsausbruch stellte die Glaubensgemeinschaft vor gewaltige Probleme, da zahlreiche dem Kriegspotential angehörende, ehrenamtliche Amtsträger (zwangs-)rekrutiert und an die Front entsandt wurden.Dominik Schmolz: Kleine Geschichte der Neuapostolischen Kirche. 4. Auflage. Edition Punctum Saliens, Steinhagen 2016, ISBN 978-3-939291-08-4, S. 58. Während des Krieges wurde das Abendmahl als Feldpostbrief mit einer mit drei Tropfen Wein beträufelten Hostie an Soldaten versandt. 1917 wurde diese – bis heute geltende – Praxis in allen Gemeinden eingeführt. War das Heilige Abendmahl bis dahin unter den beiden getrennten Gestalten Brot und Wein gefeiert worden, so finden seitdem bei der Abendmahlsfeier Hostien Verwendung, auf die bereits während der Herstellung drei Tropfen Wein geträufelt wurden. Die Niederlage der Mittelmächte gegen die Alliierten der Entente stellte auch auf Glaubensebene einen Rückschlag für die Neuapostolische Gemeinde dar: Stammapostel Niehaus und der als (Stamm-)Prophet tätige Ernst Schärtlein sagten diverse Male einen Endsieg der deutschen Waffen voraus. Als interner Kritiker dieser Wirrungen trat besonders der Apostel Brückner hervor.
Am 10. Oktober 1920 ernannte Niehaus Bischoff zum Stammapostelhelfer und am 14. Dezember 1924 bestimmte er ihn zu seinem Nachfolger. Am 3. Oktober 1926 feierte der Stammapostel Niehaus noch seine Silberhochzeit, dann zwang ihn am 25. Januar 1930 ein Unfall am Vorabend der Feiern zu seinem 25-jährigen Stammaposteljubiläum, sich von seiner Tätigkeit zurückzuziehen. Er erholte sich nicht mehr, und am 21. September 1930 versetzte ihn das Apostelkollegium in den Ruhestand. Er starb am 23. August 1932 im Alter von 84 Jahren.
1905 hatte Niehaus sechs Apostelbezirke mit 488 Gemeinden übernommen; am Abschluss seiner Wirksamkeit waren daraus zwölf europäische Apostelbezirke mit etwa 1.600 Gemeinden geworden, zu denen noch 200 überseeische Gemeinden, die in dieser Zeit entstanden, zu zählen sind. 1925 zählte die Gemeinschaft in Deutschland 138.000 Mitglieder. Wesentlich für das Wachstum der Gemeinschaft wurden die sozial schwächeren Schichten, aus denen später wichtige Amtsträger hervorgingen. Kennzeichnend ist in diesem Zeitraum die zunehmend hierarchische Kirchenstruktur. Ab 1930 etablierte sich die Bezeichnung „Neuapostolische Kirche“.Helmut Obst (2000): Apostel und Propheten der Neuzeit. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag. S. 55.
Herausbildung der neuapostolischen Lehre