mini|Fredrika Bremer, Initiatorin der schwedischen Frauenbewegung. Gemälde von Johan Gustaf Sandberg (1843) Das Frauenwahlrecht in Nordeuropa wurde früher als in anderen europäischen Staaten eingeführt und hatte eine Vorreiterrolle inne. Das aktive und passive Frauenwahlrecht in Finnland wurde am 28. Mai 1906 vom Parlament beschlossen und am 20. Juni 1906 proklamiert. Damit war Finnland zwar weltweit das erste Land, das Frauen das volle aktive und passive Wahlrecht verlieh, aber es unterstand damals noch Russland, war also kein unabhängiger Staat. Schweden war zwar das erste Land Europas, in dem Frauen das kommunale Wahlrecht erhielten, aber eines der letzten, in dem das Frauenwahlrecht auf nationaler Ebene eingeführt wurde: Witwen und unverheiratete Frauen, die Steuern bezahlt hatten, durften in Schweden auf kommunaler Ebene und Provinzebene seit 1862 wählen. Die Einführung des Frauenwahlrechts trat auf nationaler Ebene erst am 26. Januar 1921 in Kraft. Noch langsamer verlief die Entwicklung in Großbritannien: Die volle Gleichheit mit Männern in Bezug auf das aktive und passive Wahlrecht erst am 2. Juli 1928 erreicht. Als fünfter Staat der Erde nach Neuseeland, Australien, Finnland und Norwegen nahm Dänemark mit Island 1915 das Frauenwahlrecht ins Grundgesetz auf. Es lässt sich in einigen Staaten ein Zusammenhang zwischen den Bestrebungen für die Einführung des Frauenwahlrechts und nationalen Tendenzen, religiösen Bewegungen, der Gründung von Frauenorganisationen und anderen Faktoren zeigen.
Untersuchung möglicher Einflussfaktoren auf die politische Repräsentation von Frauen Strukturelle Ähnlichkeiten der nordeuropäischen Staaten als Hintergrund für vergleichbare Entwicklungen Die Tatsache, dass Skandinavien bei der Einführung des Frauenwahlrechts in Europa Vorreiter war, hat auch mit strukturellen Ähnlichkeiten der Staaten zu tun. Die Bevölkerung in Schweden, Finnland und Norwegen war überwiegend von der Landwirtschaft geprägt.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 177. Der Nationalismus war die vorherrschende politische Strömung. Schweden und Dänemark waren im 19. Jahrhundert unabhängige Staaten, aber Norwegen, Finnland und Island waren von fremden Mächten beherrscht. Die nationale Freiheit, die zu Unabhängigkeitsbestrebungen führte, verband sich mit dem Wunsch nach persönlicher Freiheit, der in dem Wunsch nach dem Frauenwahlrecht einen Ausdruck fand. In Skandinavien herrschte ein allgemeiner Widerstand gegen Neues. Frauen genossen zwar relativ viel Freiheit, etwa wenn es um bezahlte Arbeit außer Haus ging. Doch die Kultur sah paradoxerweise vor, dass Frauen ihren männlichen Verwandten unterstanden.
Literarischer Feminismus miniatur|Camilla Collett, Schriftstellerin und erste norwegische Frauenrechtlerin Die Literatur trug in Skandinavien mehr zur Frauenbewegung bei als in allen anderen Regionen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 176. Menschen wie die schwedische Autorin Fredrika Bremer oder die erste norwegische Frauenrechtlerin Camilla Collett machten die Situation von Frauen zum Thema und führten zur Gründung von Frauenvereinigungen, so 1871 in Dänemark und 1885 in Norwegen und Schweden.
Bildung Wesentlich für den Fortschritt der Bewegung zur Einführung des Frauenwahlrechts in Finnland war eine fast völlige Alphabetisierung der Frauen um 1900.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 178. Während in Finnland die Frauenbewegung maßgeblichen Anteil an der Bildung von Frauen hatte, lässt sich dies von der norwegischen Frauenbewegung nicht sagen.
Nationalismus mini|Frauenrechtlerinnen in Helsinki um 1900 Der Nationalismus war für die Einführung des Frauenwahlrechts von größerer Bedeutung als der Feminismus. Frauen verkörperten nationale Werte und durch die Einbeziehung von Frauen in den Kreis der Wahlberechtigten wurden nationale Ideale unterstützt. Von daher war die Einführung kein radikaler, sondern ein konservativer Akt.
Nur etwa 12 Prozent der Bevölkerung Finnlands sprachen Ende des 19. Jahrhunderts Schwedisch, aber sie stellten die Oberschicht und Schwedisch war die Amtssprache. 1863 wurde ein Dekret veröffentlicht, das vorschrieb, dass innerhalb von 20 Jahren die Gleichstellung von Schwedisch und Finnisch erreicht werden sollte. Frauen spielten wegen ihrer Bedeutung für das Schulwesen in diesem Prozess eine besondere Rolle. Inspiriert von John Stuart Mills Buch Die Hörigkeit der Frau gründete eine Gruppe von Frauen um Alexandra Gripenberg im Mai 1884 die Suomen Naisyhdistys (Finnischer Frauenverein), die erste finnische Frauenorganisation. 1892 gründete Lucina Hagman die Union of Women’s Societies, in der auch Männer Mitglieder werden konnten. Diese Gruppe war radialer als der Suomen Naisyhdistys: Sie teilte die Einstellung der Jungfinnischen Partei, die die völlige Unabhängigkeit Finnlands von Russland anstrebte.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 180. Das Frauenwahlrecht war in Finnland ein Ziel von mehreren und dem Bestreben untergeordnet, Freiheit von Russland zu erreichen. Wie in Indien, so gingen auch in Finnland Nationalismus und die Entwicklung der Demokratie Hand in Hand: Frauen waren auf allen Ebenen aktiv am Widerstand beteiligt. Durch einen Generalstreik wurde das Frauenwahlrecht 1905 erzwungen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 181.
Auch in Norwegen spielte der Nationalismus eine wichtige Rolle. 1814 war das Land als ein Ergebnis der Napoleonischen Kriege von der dänischen Oberherrschaft unter schwedische Herrschaft gekommen, was von der Bevölkerung abgelehnt wurde.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 183. Frauen und Männer kämpften gemeinsam für ein norwegisches Parlament, und schließlich konnte ein solches, wenn auch unter schwedischer Kontrolle, gegründet werden. Jedoch durften nur etwa 8 Prozent der Bevölkerung wählen. Eine hart erkämpfte Verfassungsänderung führte 1884 dazu, dass das Männerwahlrecht ausgeweitet wurde. Die Frauenrechtlerin Gina Krog gründete in Folge mehrere Vereinigungen mit dem Ziel, auch Frauen an die Urnen bringen zu können.
In Island blockierte der dänische König, unter dessen Oberherrschaft das Land stand, zwei Gesetze zum Frauenwahlrecht, die der isländische Althing beschlossen hatte. Auch hier waren also die Themen Nationalismus und Frauenwahlrecht verwoben. Der Kampf zielte zunächst auf eine interne Selbstverwaltung ab, die Island 1874 erreichte, doch es stand immer noch unter dänischer Überwachung, wofür es in der dänischen Regierung einen eigenen Minister gab. Dies führte in den 1880er und 1890er Jahren zu zahlreichen Konflikten. Erst 1903 wurde eine isländische Regierung mit einem eigenen Ministerium in Reykjavik zugestanden.
Abweichend von dieser Linie gab es in Schweden keine Vermischung der Themen nationale Unabhängigkeit und Frauenwahlrecht. Doch die Argumente der Frauenwahlrechtsorganisation für die Einführung des Wahlrechts riefen im Bild der guten Mutter und des guten Hauses Verbindungen zum Nationalismus wach: Alle Bürger sollten vor dem Gesetz gleich sein und die traditionelle Rolle der Frau als Mutter habe ihr Fähigkeiten verschafft, die sie in die politische Sphäre einbringen solle.
Belohnung für die Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung Sowohl in Norwegen als auch in Finnland wurde das Frauenwahlrecht als eine Belohnung für die Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegungen gesehen. Auch sollte durch die Einführung erreicht werden, dass Frauen weiterhin Patriotinnen blieben.
Unterstützung der Demokratie In Schweden wie auch in den Niederlanden war die Einführung des Frauenwahlrechts kein revolutionärer oder auch nur radikaler Akt, sondern im Gegenteil das Ergebnis der Erkenntnis, dass das Frauenwahlrecht zur Stabilisierung der Demokratie beitragen und das Bollwerk gegen revolutionäre Bestrebungen verstärken werde.
Bevölkerungsschicht Die Unterstützung für das Frauenwahlrecht in Finnland war in ländlichen Gebieten stärker als in den Städten. Möglicherweise lag dies daran, dass die bäuerliche Bevölkerung das Frauenwahlrecht für eine Maßnahme hielten, die ihrer konservativen Einstellung entsprach, und keine Angst vor einem eventuellen revolutionären Potential bei den Wählerinnen hatten. Die Finnisch sprechende Bevölkerung war leichter für das Frauenwahlrecht zu gewinnen als die Schwedisch sprechende Oberschicht.
Religiöse Faktoren und die Abstinenzbewegung Die Historikerin Irma Sulkunen betont den Einfluss religiöser Erweckungsbewegungen, in denen in Finnland vor allem Frauen aktiv waren, auf die frühe Erlangung des Frauenwahlrechts. Sie hatten Ende des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit und verfügten über enge Verbindungen zur Finnischen Partei, die das Ideal einer agrarischen Gesellschaft vertrat.
In Norwegen entstand in den 1880er Jahren eine Frauenbewegung, die den Radikalen Liberalen (Moderate Venstre) nahestand. Diese strebten die Trennung von Schweden an und setzten sich für Abstinenz, eine hohe Moral und das Frauenwahlrecht ein.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 184. Aktivisten wie Bjørnstjerne Bjørnson zogen durchs Land, brandmarkten die sexuelle Doppelmoral und sprachen sich für eine Sexualmoral aus, die für beide Geschlechter gleichermaßen gelten sollten.
Auch in Island spielte die Abstinenzbewegung bei der Einführung des Frauenwahlrechts.
Wirtschaftliche Faktoren und Parteipolitik In Norwegen strömte vor allem aus Schweden und Frankreich ausländisches Kapital ins Land, um die industrielle Expansion zu finanzieren. 1906 gehörten drei Viertel der Wasserkraftwerke ausländischen Konzernen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 185. Mit einer Gesetzesinitiative wollten die Radikalen Liberalen (Moderate Venstre) und die Sozialisten, die im Storting über die Mehrheit verfügten, die natürlichen Ressourcen schützen, indem sie die Konzessionsvergabe für industrielle Entwicklungen stärker beschränkten. Da sie auch die Frauen in dieses Vorhaben einbinden wollten, waren sie dem Frauenwahlrecht zugeneigt.
Frauenorganisationen Frauenorganisationen wurden meist in einer Zeit gegründet, in der das Frauenwahlrecht zum Thema wurde. Sie trugen wesentlich dazu bei, dass das Frauenwahlrecht auf die politische Tagesordnung kam und schließlich eingeführt wurde. Hier lassen sich Ähnlichkeiten mit der Entwicklung der Frauenwahlrechtskampagne in Großbritannien feststellen, die die Meinung vertrat, das Frauenwahlrecht sei nicht nur um seiner selbst willen erstrebenswert, sondern es sei auch ein Gewinn für die gesamte Politik.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 189.
So gründete zum Beispiel die isländische Frauenrechtlerin Bríet Bjarnhéðinsdóttir 1907 die erste Frauenwahlrechtsorganisation Kvenréttindafélag Íslands des Landes.
In Schweden fiel 1902 die Gründung der Association for Women’s Political Franchise in Stockholm und Göteborg in eine aufgeheizte Stimmung über die Wahlrechtsreform, die von der Liberalen Union geschürt wurde. Diese Frauenorganisation schloss sich 1903 mit der neu gegründeten Landsföreningen för kvinnans politiska rösträtt, (LKPR) (National Association for Women’s Suffrage) zusammen.
Geografische Randlage