mini|Verlauf des Stanegate und des Hadrianswalls mit Standorten der Kastelle mini|Münzportrait des Trajan mini|Ausgrabung des Südtores (1907–1908) mini|Areal des Kleinkastells mini|Befundskizze mini|Lageskizze der römischen Befestigungen

Das Kleinkastell Haltwhistle Burn war eine römische Befestigung an der Stanegategrenze im Norden Britanniens. Es befindet sich auf dem Gebiet der Gemeinde (Parish) Haltwhistle im County Northumberland, England. Die Befestigung wurde im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. erbaut, um eine Straßenbrücke über den Fluss Haltwhistle Burn und die Nordgrenze Britanniens zu schützen. Überreste ihrer Umwehrung und die Umrisse einiger ihrer Innengebäude sind heute noch sichtbar. Das Kastell wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts teilweise ausgegraben. Die Befunde zeigten, dass es ungefähr zu der Zeit, als der Hadrianswall fertiggestellt worden war, wieder aufgegeben wurde. In der Umgebung des Kleinkastells stieß man auch auf die Reste temporärer Marschlager.

Lage und Funktion Die Kleinstadt Haltwhistle liegt etwa 16 Kilometer östlich von Brampton am Tyne. Sie befindet sich auf der dritten Etappe des Fernwanderwegs Hadrian’s Wall Path und grenzt im Norden an den Northumberland-Nationalpark. Etwa drei Kilometer nördlich der Stadt befinden sich die Überreste des Hadrianswalls. Der Haltwhistle Burn ist ein kleiner Fluss, der östlich der gleichnamigen Stadt die Torfebenen unter dem Kamm der Basaltklippen der Whin Sills verläuft und dabei auch die Militärzone südlich des Hadrianswalls (Meilenkastell 42) querte. Er fließt nahe der südöstlichen Ecke am Kleinkastell vorbei, wendet sich dann durch eine Sandsteinschlucht nach Westen und mündet am östlichen Rand von Haltwhistle in den South-Tyne. Im späten 2. Jahrhundert gehörte die Region zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda.

Das Kleinkastell stand nördlich der heutigen B6318 (ursprünglich eine Militärstraße aus dem 18. Jahrhundert), nordwestlich des Milecastle Inn und östlich des Haltwhistle Burn, ca. 800 Meter südlich des Cawfields-Parkplatzes. Seine Überreste befinden sich auf einem Plateau am Ostufer des Flusses, etwas nördlich des Übergangs der B6318 und jeweils 5,6 km von seinen benachbarten Lagern entfernt. Dies entspricht ungefähr der Hälfte der Strecke, die normalerweise zwischen den Kastellen in Wales und den Pennines zurückgelegt werden musste, aber vergleichbar mit den Distanzen an der Gask Ridge in Schottland. Vermutlich erhofften sich die Armeestrategen dadurch eine bessere Kontrolle über die Nord-Süd-Bewegungen der indigenen Bevölkerung, oder es war den Anforderungen des Geländes bzw. den damit verbundenen größeren Sicherheitsrisiken entlang des Stanegate geschuldet. Die Kastellbesatzung sollte die Straßenbrücke an einem vom Wasserlauf durchschnittenen, steil abfallenden Geländeschnitt sichern, der nach Süden hin bis in das Flusstal des Tyne reichte.Symonds 2018, S. 100.

Forschungsgeschichte Das Areal rund um das Kastell wurde durch Entwässerungsgräben und die Lorengleise einer etwa 400 Meter entfernten Eisenerzgrube aus dem 19. Jahrhundert stark gestört. In einem Steinbruch westlich des Kastells stieß der Antiquar bzw. Antikensammler und einer der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie am Hadrianswall, John Clayton, im Jahre 1844 auf eine Inschrift der Legio VI Victrix, die in eine Felswand eingemeißelt war. Der Steinbruch war in diesem Jahr für kurze Zeit wieder in Betrieb genommen worden. Die Inschrift wurde deswegen bald nach ihrer Entdeckung zerstört. Clayton vermutete, dass dort ursprünglich Baumaterial zur Errichtung der Hadriansmauer gebrochen wurde. Von 1907 bis 1908 wurden von J.P. Gibson und Frank Gerald Simpson die Umwehrung und einige Innengebäude des Kleinkastells (und auch die umliegenden Marschlager) ausgegraben bzw. untersucht, darunter ein Kasernenblock und die Offiziersquartiere, sie sind noch heute als Geländeerhebungen zu sehen. Weiters wurden Keramikscherben aus trajanischer Zeit entdeckt, die eine Datierung dieses Kastells ermöglichte. Man vermutete früher, dass der römische Name der Festung Gabaglanda (Tabula Peutingeriana) gelautet haben könnte. Diese Annahme wird aber von der heutigen Forschung abgelehnt. Geogr. Rav. 431, 10

Entwicklung 81 n. Chr. ließ der damalige Statthalter Britanniens, Agricola, den Stanegate, eine von Ost nach West verlaufende Straße zwischen den Lagern von Carlisle (Luguvalium) und Corbridge (Coriosopitum), anlegen. Nach dem Rückzug der Römer aus Schottland auf die Linie zwischen den Flüssen Tyne und Solway, 84 n. Chr., avancierte dieser unter Kaiser Trajan zur nördlichen Grenze des Reiches. Zur Verteidigung und Überwachung dieses Limes entstanden entlang der Straße zahlreiche Kastelle und Kleinfestungen bzw. Wachtürme. Das Kastell am Haltwhistle Burn wurde möglicherweise um 105 n. Chr. oder erst in frühhadrianischer Zeit hinzugefügt, diese Datierung ist jedoch unsicher. Es war vermutlich bis zur Errichtung des Hadrianswalls (122 n. Chr.) besetzt, als die Mauer bzw. das Kohortenkastell Aesica fertiggestellt waren, wurde das Kastell wieder aufgegeben bzw. systematisch abgetragen. Der Hadrianswall blieb die nördlichste Grenze des Römischen Reiches in Britannien, bis sich die römische Armee und Verwaltung ab 400 n. Chr. nach und nach von der Insel zurückzog.Birley 1961 S. 145–146, Gibson/Simpson 1909, S. 213–85, Breeze/Dobson 1985, S. 1–19

Kastell Die Festung in Haltwhistle Burn und die benachbarte Befestigung in Throp sind die frühesten bekannten Beispiele eines römischen Kleinkastells in England. Das Lager war nach SO ausgerichtet und hatte den klassischen, in diesem Fall etwas nach Südosten verzogenen, typischen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken. Es maß 64 × 51 Meter und umfasste damit eine Fläche von 0,32 Hektar. Der westliche Sektor des Kastells wurde durch Erosion des Prallhanges des Flussbetts und durch Steinbrucharbeiten im frühen 19. Jahrhundert beschädigt.

Als Annäherungshindernis war an drei Seiten ein Spitzgraben ausgehoben worden. Seine Nord-Ost-Ecke ist heute bereits verschlammt, der südliche Abschnitt ist noch 2,1 Meter tief. Der Nordgraben nutzt streckenweise eine natürliche Geländerinne und vertieft sich zu seinem westlichen Ende hin noch etwas. An der südwestlichen Ecke schwenkt der Graben nach Nordwesten und endet am Rand eines heute stillgelegten Steinbruchs, der bis zur Westmauer des Kastells reicht. Die Nordseite wurde noch zusätzlich durch einen vorgelagerten Torfwall geschützt. Heute noch sichtbar sind einige Bodenerhebungen, sie markieren die Reste der Umwehrung und der Innengebäude, sowie der nördliche und südliche Wehrgraben. Eine Besonderheit sowohl vom Kastell am Haltwhistle Burn als auch von den meisten anderen Stanegatelagern ist, dass sie von Anfang in Stein – oder wie bei ersterem – wenigstens mit einem durch Mauerwerk verstärkten Erdwall versehen wurden. Man plante also offensichtlich sich dauerhaft am Stanegate einzurichten.Birley 1961, S. 145–146, Wilson 1984, S. 51–61

Die Umwehrung bestand aus einem Torf/Erde-Wall, der mit einer äußeren Steinmauer verstärkt wurde. Als Wehrgang diente eine an der Rückseite aufgeschüttete Rampe. Die Brustwehr auf der Mauerkrone bestand möglicherweise nur aus Holz. Sowohl Haltwhistle Burn als auch Throp weisen ein bemerkenswertes Konstruktionsmerkmal auf. Anstelle der bei mittelkaiserzeitlichen Lagern üblichen Anordnung der vier Tore im Zentrum der einander gegenüberliegenden Seiten der Kastelle, verfügten sie nur über ein Süd- und ein Osttor und eine kleine Schlupfpforte an der Westmauer. Diese wurde später wieder zugemauert. Das Südtor stand nicht im Zentrum, sondern nahe der SO-Ecke des Kastells. Süd- und Osttor hatten nur einen, etwa ein Meter breiten, Durchgang und waren von der Mauerflucht etwas zurückgesetzt. So entstand ein kleiner Vorhof oder Zwinger, der es den Verteidigern ermöglichte, die Angreifer von drei Seiten aus unter Feuer zu nehmen. Dieser Tortyp war im 2. Jahrhundert eigentlich schon veraltet. Er erinnert stark an die Holz-Erde-Toranlagen aus augusteischer Zeit, die an ihrem Zugang ebenfalls einen Vorhof aufwiesen.

Die Umrisse der sechs ergrabenen Innengebäude, darunter ein Kasernenblock und die Offiziersquartiere, sind noch als Bodenerhebungen sichtbar. Bei der Ausgrabung im Jahr 1908 stieß man im Zentrum des Lagerareals auf Mauerreste (Gebäude VI), die vielleicht zur Principia oder Kommandantenhaus (Prätorium) des Kastells gezählt haben könnten. Gebäude IV stand unmittelbar westlich des Südtors und könnte als Getreidespeicher (Horreum) gedient haben, der Befund konnte von den Ausgräbern aber nicht zweifelsfrei bestätigt werden. Er würde aber zu in anderen britischen Straßenkastellen – wie z. B. in Castleshaw – nachgewiesenen Lagerhäusern passen. Auch die Anordnung der beiden Kastelltore begünstigte das Ein- und Ausfahren von Lastkarren zum Laden oder Entladen von Nachschubgütern. Dies könnte ein Beweis dafür sein, dass die Stanegatekastelle auch eine logistische Rolle spielten und nicht ausschließlich zur Grenzsicherung verwendet wurden. Beide Lagerstraßen (Nord-Süd, West-Ost) weisen Spuren einer Bepflasterung auf. Die südliche Lagerstraße verband das Kastell mit dem Stanegate, ihre Trasse wird aber heute von einem Hohlweg gestört.Gibson/Simpson 1909, S. 252–255; vgl. Breeze/Dobson 2000, S. 18, Dobson 1986, S. 4–5, Reddé 2006, S. 250, Bidwell/Hodgson 2009, S. 73.

Stanegate Zwischen dem Kastell und der heutigen Autostraße lag die Trasse des Stanegate. Es ist noch deutlich eine bogenförmige Geländeerhebung mit beidseitigen Abzugsgräben zu sehen, auf der die antike Straße – am Südtor der römischen Festung vorbei – bis zum Fluss verlief. Bei Haltwhistle Burn wurde die Straße eingehend untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass der Straßenbelag aus einem Kopfsteinpflaster und mehreren Schichten Kies bestand. Ohne die Gräben misst die antike Straße etwa 8 Meter in der Breite. Beim Kleinkastell ändert sie ihre Richtung nach Südwesten, um das steile und schmale Tal des Haltwhistle Burn zu überwinden. Sie quert den Fluss im SW des Kleinkastells und kann auch noch deutlich an seinem Westufer beobachtet werden. Dort verläuft sie direkt hinter der Fell End Farm und führt weiter zum Kastell von Carvoran. Die Route zwischen Carvoran und Gilsland konnte ebenfalls dokumentiert werden, es ist jedoch dort nur noch wenig von ihr zu sehen. Der Straßendamm ist wieder sichtbar, sobald er die Straße Greenhead–Gilsland überquert, und wird dann durch Weidezäune in Richtung Gap markiert, ungefähr parallel zum Vallum des Hadrianswalls. Sie erscheint erneut auf einer kurzen Distanz östlich von Upper Denton, wo ihre Trasse über ein Feld führt. Danach folgt sie wahrscheinlich der heutigen Autostraße bis Chapelburn. Bis zum Naworth Park gibt es keine Spuren von ihr. Hier laufen eine Reihe tiefer Einschnitte und Böschungen bis zum Ufer des Irthing hinunter, sie markieren den Straßenverlauf bis Boothby, westlich des Naworth Parks.Gibson/Simpson, 1909, S. 213–285, Margary 1973, S. 443–448.

Straßenverbindungen bestanden:

zum Hadrianswall nach Norden, Meilenkastell 42 (Cawfields), über den Stanegate nach Osten zum Kastell Vindolanda (Chesterholm), über den Stanegate nach Westen zum Kastell Magnis Carvetiorvm (Carvoran).

Garnison