Rouzan („Razan“) Ashraf Abd al-Qadir al-Najjar (; * 13. September 1997 in Chan Yunis; † 1. Juni 2018 an der Grenze von Gaza) war eine palästinensische Rettungshelferin der Palestinian Medical Relief Society (PMRS), die im Gazastreifen von dem Überschallprojektil eines Scharfschützen des israelischen Militärs (IDF) getötet wurde, als sie ehrenamtlichen Sanitätsdienst während der Proteste an der Grenze verrichtete. Zur Zeit des Geschehens war die 20-Jährige durch Sanitäterinnen-Kleidung als Teil des medizinischen Personals zu erkennen und stellte gemäß der UN-Menschenrechtskommission, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem keine Gefahr für die IDF-Soldaten dar, die etwa 100 Meter entfernt auf israelischem Gebiet hinter einem Sandhügel verschanzt waren.
Nach einer umfangreichen Untersuchung von The New York Times und Forensic Architecture, die auf Zeugenaussagen und über 1000 Fotos und Smartphone-Videos des Geschehens basierte, war das Geschoss vom Boden abgeprallt und hatte das Knie des palästinensischen Sanitäters Rami Abu Jazar durchdrungen, bevor es al-Najjar tödlich in der Brust traf.
Die von der israelischen Armee editierte Version eines Interviews, das al-Najjars Rolle als die eines „menschlichen Schildes der Hamas“ belegen sollte, erwies sich als unzulässig geschnitten, was den Protest der Vereinten Nationen hervorrief, da die manipulierte Fassung zu massiven „Hasskommentaren und entmenschlichender Terminologie“ gegen das Opfer geführt hatte. Auch unbelegbare Beschuldigungen palästinensischer Aktivisten gegen ein weibliches Mitglied der IDF als verantwortliche Scharfschützin wurden von den UN kritisiert.
Al-Najjar war bereits zuvor in ihrer Funktion als Ersthelferin im Gaza-Grenzkonflikt bekannt gewesen, da Medien wie New York Times, Al Jazeera und Al Mayadeen über sie berichtet hatten und sie als Ikone galt, wodurch der Vorwurf einer vorsätzlichen Tat verschärft erschien. Nach ihrem Tod wurde al-Najjar zu einem Symbol der Proteste in Gaza von 2018.
Während die israelische Armee von sich weist, dass es sich um eine vorsätzliche Tat gehandelt habe, kommt B’Tselem zu dem „nur einen möglichen Schluss“ einer gezielten Tötung. Dem Urteil schloss sich u. a. der israelische Publizist Uri Avnery an, der von einem „Kriegsverbrechen“ sprach und die offizielle israelische Darstellung „Gehirnwäsche“ nannte. Der Sprecher der israelischen Armee, Jonathan Conricus, sprach dagegen von einem „Unfall“.
Der Vorfall wurde mehrfach von den Vereinten Nationen erörtert und führte international zu emotionalen Debatten, in der die eine Seite zivile Opfer und „exzessive Gewalt“ durch israelische Kriegshandlungen konstatierte, dagegen die andere Seite den Vorwurf als „Israel-Bashing“ in einem Fall der Verteidigung der Grenze zurückwies.
Leben Herkunft und Ausbildung
Rouzan al-Najjar stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Sie war das älteste von sechs Kindern und hatte drei Brüder und zwei Schwestern. Ihr Vater war zunächst in Israel in der Stahlindustrie tätig gewesen. Aufgrund von Auflagen war es nicht mehr möglich, über die Grenze zu reisen, weshalb er im Gazastreifen ein Geschäft für Motorradzubehör eröffnete, das bei einem israelischen Luftangriff 2014 aber zerstört wurde. Al-Najjars Vater war seitdem arbeitslos. Die Familie lebte in einer Wohnung bei Verwandten in Khuza, 500 Meter von der Grünen Linie entfernt und in Reichweite an der Grenze stationierter israelischer Soldaten. Das Wohngebäude war daher mit einer vier Meter hohen Mauer umgeben.New York Times, „A Woman Dedicated to Saving Lives Loses Hers in Gaza Violence“, 2. Juni 2018: „Her father, Ashraf al-Najjar, had a shop that sold motorcycle parts, which was destroyed in an Israeli airstrike during the 2014 war between Israel and the militant group, he said. He has since been unemployed“; The Lancet, „Razan Ashraf al-Najjar“, 23. Juni 2018; The Independent, „Razan al-Najjar: 21-year-old Palestinian medic who became a symbol in Gaza“, 17. Juni 2018.
Aufgrund der wirtschaftlichen Bedingungen konnte al-Najjar nach dem Besuch der staatlichen Schule in Khusa kein Studium aufnehmen und absolvierte stattdessen eine zweijährige Rettungshelferin-Ausbildung im Al Nasser Krankenhaus in Khan Younis und arbeitete dann bei der Palestinian Medical Relief Society.Middle East Monitor, „Who killed Razan al-Najjar?“, 2. Juni 2018: „She did not attend university, but instead completed two years’ paramedic training at the Nasser Hospital in Khan Younis and then volunteered her services with the Palestinian Medical Aid Society“; The Guardian, „Mother of shot Gaza medic: ‘She thought the white coat would protect her’“, 8. Juni 2018; NBC News, „Protests resume after Palestinian paramedic's Gaza funeral“, 1. Juni 2018.
Al-Najjar verbrachte ihr Leben in der Zeit der Gaza-Blockade und mehrerer militärischer Konflikte. Sie erlebte den Kampf um Gaza im Juni 2007, die Luftangriffe und die Invasion der israelischen Armee im Gaza-Krieg von 2008/2009, die israelische Militäroffensive in Gaza vom November 2012, den Gaza-Krieg von 2014 und schließlich die Gaza-Proteste von 2018, bei denen sie seit deren Beginn am 30. März als Rettungshelferin der PMRS tätig war.
Pazifismus und Feminismus
Für die Verhältnisse in Gaza galt al-Najjar als pazifistisch und auch als feministisch, da sie sich traditionellen Gender-Rollen entgegenstellte. In einem Interview mit der New York Times am 7. Mai 2018 hatte sie erklärt, dass die Rettungshelfer nur eine Botschaft an die Welt hätten: „Ohne Waffen, so können wir alles tun.“ Und Frauen müssten von der Gesellschaft als starke Personen akzeptiert werden, sei es freiwillig oder notgedrungen: „Denn wir haben mehr Kraft als jeder Mann. Die Kraft, die ich am ersten Tag der Proteste als Rettungshelferin gezeigt habe, müssen Sie bei jemandem anders erstmal finden.“New York Times, „A Woman Dedicated to Saving Lives Loses Hers in Gaza Violence“, 2. Juni 2018, Rouzan al-Najjar: „We have one goal – to save lives and evacuate people. And to send a message to the world: Without weapons, we can do anything. This is the tent where volunteers work daily. We volunteer here every day. We do this for our love for our country. It's humanitarian work. We don't do it for money, we do it for god. We don't want go get paid or be employed. People ask my dad what I'm doing here without getting a salary. He tell's them: 'I'm proud of my daughter. She provides care to the children of out country'. And especially in our society women are often judged. But society has to accept us. If they don't want to accept us by choice, they will be forced to accept us. Because we have more strength than any man. The strength that I showed as a first responder on the first day of the protest I dare you to find in anyone else.“
Ähnlich hatte sich al-Najjar im TV-Sender Al Mayadeen geäußert:
Doch habe al-Najjar auch in traditioneller Weise ihrem Vater gehorcht. Sie sei bedacht auf ihr Äußeres gewesen und habe für eine Aussteuer gesammelt, da sie und der 23-jährige Sanitäter Izzat Shatat nach dessen Aussage nach dem Ramadan ihre Verlobung bekannt geben wollten.Jewish Telegraphic Agency, Andrew Silow-Carrol, „The New York Times says a Palestinian medic’s death in Gaza could be a war crime“, 31. Dezember 2018: „She was a feminist, by Gaza standards, shattering traditional gender rules, but also a daughter who doted on her father, was particular about her appearance and was slowly assembling a trousseau.“
Vorfälle im April 2018
Im April hatte al-Najjar dem TV-Sender Al Jazeera erklärt, dass die israelische Armee sie als Ziel ausgemacht und mehrfach auf sie geschossen hätte und dass sie von den Verletzten fern bleiben solle, das alles aber ignoriere.Al Jazeera, „Israeli forces 'deliberately killed' Palestinian paramedic Razan“, 18. Juni 2018; „I'm targeted by the Israeli army (...) Soldiers tried to kill me so many times. I received some information that I'm targeted by the Israeli army and that I have to stay away from the field because of my activities [tending to the injured] but I ignore all of that.“ Medico International erklärte, dass sie am 20. April 2018 von einem gummiummantelten Stahlgeschoss am Fuß getroffen worden sei, am 28. April habe sie ein Tränengasbehälter an der Brust getroffen.Medico international, Der Tod der Razan al-Najjar.
Tod 250px|mini|Gazastreifen und Zahlen palästinensischer Opfer der Proteste, inzwischen veralteter Stand vom 31. Mai 2018 Bei den am 30. März 2018 begonnenen Protesten, die innerhalb des Gazastreifens vor der Grenze zum israelischen Staatsgebiet stattfanden, als „Great March of Return“ bezeichnet, war al-Najjar als freiwillige Rettungshelferin der Palestinian Medical Relief Society (PMRS) mit anderen Sanitätern dafür zuständig, die von Tränengasbehältern, Gummigeschossen und scharfer Munition verwundeten Protestierenden zu versorgen und aus der Gefahrenzone zu tragen, so dass sie ins Krankenhaus transportiert werden konnten. Es steht außer Zweifel, dass al-Najjar auch am 1. Juni einen Sanitäterinnen-Kittel und eine weiße, mit einem roten retroreflektierenden Streifen ausgestattete Sanitäterinnen-Weste über der Jeans trug und somit als dem medizinischen Personal zugehörig zu erkennen war.The Guardian, „Mother of shot Gaza medic: ‘She thought the white coat would protect her’“, 8. Juni 2018.
Die Ereignisse ihres Todes wurden in dem Bericht der bereits am 18. März 2018 von der durch die UN-Resolution S 28/1 eingesetzten Internationalen Kommission zur Untersuchung der Proteste in den besetzten Palästinensischen Gebieten des UN-Menschenrechtsrates zusammengefasst, u. a. von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem, medico international und der gemeinsamen Untersuchung von New York Times und Forensic Architecture bestätigt.United Nations Human Rights Council, „Report of the detailed findings of the independent international Commission of inquiry on the protests in the Occupied Palestinian Territory“, 18. März 2019, S. 151 f.; B’Tselem, „Israeli soldiers deliberately and fatally shot Palestinian paramedic Rozan a-Najar in the Gaza Strip“, 17. Juli 2018.
Demnach demonstrierten am 1. Juni, dem dritten Freitag des Ramadan, gegen 15 Uhr hunderte von Palästinensern in einiger Entfernung von der Sperranlage um den Gazastreifen zu israelischem Gebiet. Einige schickten brennende Drachen über die Grenze und warfen Steine mit Steinschleudern. Ab etwa 15 Uhr 30 beantworteten die israelischen Sicherheitskräfte das mit Gummigeschossen und über die Grenze geschossenen Tränengasbehältern, wobei etwa 100 Demonstranten verwundet wurden. Einer von ihnen sei von Rouzan al-Najjar versorgt und gerettet worden. Auf etwa 40 Demonstranten wurde von den israelischen Soldaten dann scharf geschossen. Gegen 18 Uhr 30 hatten sich die Aktivitäten auf beiden Seiten jedoch etwas gelegt. Die durch Videomaterial rekonstruierten Ereignisse zeigen, dass al-Najjar gemeinsam mit vier ebenfalls als Sanitätern erkenntlichen Kollegen zwei Demonstranten zu Hilfe kam, die von Tränengasbehältern getroffen worden waren. Die Sanitäter, so die UN und B’Tselem, hätten ihre Arme in die Richtung der Scharfschützen als Zeichen friedlicher Absichten erhoben, woraufhin die Waffen aber nicht gesenkt worden seien. Gemäß der Rekonstruktion von New York Times und Forensic Architecture und gemäß der UN-Menschenrechtskommission befanden sich drei speziell ausgebildete IDF-Scharfschützen hinter einem der als Schutzwall aufgeschütteten Sandhügel auf israelischem Gebiet verschanzt, die Entfernung zu al-Najjar wurde mit 109 Metern berechnet. Nach Zeugenaussagen seien dann drei Schüsse zu hören gewesen. Der UN-Bericht sagt aus, dass die Sicht zu dieser Zeit, um 18 Uhr 31, gut gewesen sei.UN-Menschenrechtskommission, S. 75, Punkt 269 u. 272.