mini|hochkant|Theos Schädel Theo der Pfeifenraucher (* um 1790; † um 1820 in Kleinbasel) ist der fiktive Name eines Mannes, dessen Skelett 1984 in einem ehemaligen Armenfriedhof bei der Theodorskirche in Kleinbasel gefunden wurde. Benannt wurde er nach der Kirche, in deren Friedhof er gefunden wurde.

Kleinbasel um 1800 Kleinbasel gehörte zwar seit dem Mittelalter zur Stadt Basel, blieb aber durch seine Lage am rechten Rheinufer in mancherlei Hinsicht eigenständig. Hier lebten mittelständische Gewerbler mit ihren Familien und Hausangestellten. Die Volkszählung von 1799 ergab für das dicht besiedelte Kleinbasel eine Bevölkerung von knapp 3000 Personen, hinzu kamen nicht erfasste Personen wie Durchreisende oder Taglöhner. Als Theo zur Welt kam, war die Mittlere Brücke die einzige Verbindung über den Rhein in der Region, die Wettsteinbrücke wurde erst 1879 gebaut.

Die Lebensader Kleinbasels war damals der «Teich», ein Netz von Kanälen mit Wasser aus dem Fluss Wiese für das Gewerbe. Genutzt wurde er von Sägereien, Färbereien und Walkereien, von Gerbern und Müllern, für Gipsmühlen, Tabakstampfen und anderes. 1823 trieb der Teich insgesamt 64 Räder an, 34 davon waren Getreidemühlen.Basler-bauten.ch Durch die zahlreichen Abwässer und Fäkalien waren die Kanäle stark verunreinigt. Der Kleinbasler Teich wurde erst zwischen 1907 und 1917 zugeschüttet. An ihn erinnert heute noch das «Teichgässlein» zwischen Claragraben und Ochsengasse.

Auf der südlichen und östlichen Seite Kleinbasels, die nicht von Wasserläufen durchflossen wurde, lebten viele Kleinbasler von der Landwirtschaft, als Weinbauern oder Schiffsleute.Philipp Senn in Theo der Pfeifenraucher; Christoph Merian Verlag, Basel 2010, S. 114 ff

Der Friedhof Das ehemalige Rebgelände im Westen der Theodorskirche wurde 1779 vom Ratsmitglied Remigius Merian erworben und nach der letzten Weinlese zur längst benötigten Erweiterung des regulären Kirchhofs hergerichtet; am 5. Oktober 1779 fand die erste Beerdigung statt. Der neue Friedhof war von einer Mauer umgeben und wurde nach ihrem ehemaligen Besitzer «Merianscher Totenacker» genannt. In ihm wurden vorwiegend Angehörige der sozialen Unterschicht beigesetzt. Da aber seine Kapazität schnell erschöpft war, wurden 1805 mit dem «Kleeacker» und 1831 mit dem «Mättelein» zwei weitere neue Areale als Friedhöfe genutzt, aber auch diese Massnahmen erwiesen sich nicht als nachhaltig. 1832 richtete man ausserhalb der Stadt beim Messeplatz einen neuen Friedhof für die stark gewachsene Basler Bevölkerung ein. Der Meriansche Totenacker bei der Theodorskirche wurde per 1. Mai 1833 geschlossen.

In den 54 Jahren verstarben in Kleinbasel insgesamt 4334 Personen. Sie wurden dort in den verschiedenen Friedhöfen begraben, ein Grossteil von ihnen auf dem kleinen «Merianschen Totenacker». Auf ihm wurden Einwohner von Kleinbasel beerdigt; Handwerker, Kleingewerbler, Fuhrleute, Fischer und ihre Familienangehörigen. Alle Beerdigten wurden im Sterberegister der St. Theodor Kirchgemeinde mit Vor- und Nachnamen, Alter und oft auch mit Beruf und Herkunft verzeichnet. Auf dem Gelände des ehemaligen Totenackers steht heute das 1855/56 erbaute Theodorsschulhaus.

Der Fund mini|Der Fundort auf dem Trottoir der Rebgasse. Hinten die Theodorskirche In diesem Schulhaus sollte 1984 eine Wärmepumpenheizung eingebaut werden, was den Bau neuer Leitungen erforderlich machte. Da im Bereich westlich der Theodorskirche neben dem Schulhaus mit der Aufdeckung von Gräbern gerechnet werden musste, wurden die Grabungsarbeiten von der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt begleitet. Im Winter 1984 stiessen die Arbeiter im westlichen Bereich des ehemaligen Merianschen Totenackers auf die Reste von 24 Gräbern.

Theo lag in der Mitte eines Sechserstapels im Grab 19 und war in Südwest-Nordost-Lage in gestreckter Rückenlage beerdigt worden. Von einem Sarg waren kaum noch Spuren zu erkennen. Das Skelett wurde vollständig geborgen, nur die Fussknochen mussten im Boden verbleiben, da die Grubenwand aus statischen Gründen nicht abgetragen werden konnte. Die Nachbargräber 15, 17 und 22 waren 90 Grad verdreht nordwest-südostorientiert und lagen tendenziell weniger tief. Theos Grab wurde als später datiert als diese, aber früher als das gleich orientierte Grab 20 zu seinen Füssen. Dies bedeutet, dass Theo vor der Endphase des Friedhofs beerdigt worden war. Dass diese Gräber der älteren Phase zum Teil höher lagen als die Gräber der jüngeren Phase, hängt möglicherweise damit zusammen, dass in der «Verordnung bezüglich der Leichenbestattung» vom 25. Februar 1814 gefordert wurde, die an «Nervenfieber» (Flecktyphus) Verstorbenen in besonders tief liegenden Gräbern zu bestatten, um das Aufsteigen von «giftigen Dämpfen» zu verhindern. Die Archäologen folgerten daraus, dass diese Änderung der Bestattungsweise möglicherweise mit der grossen Typhusepidemie von 1814 zusammenhing. Die älteren Gräber waren nordwest-südostorientiert und eher flach angelegt, während die Gräber der jüngeren Phase südwest-nordostorientiert waren und tendenziell tiefer im Boden eingebracht wurden.

Theo war also offenbar weder zu Beginn dieser jüngeren Bestattungsphase von 1814 noch zur letzten um 1833 bestattet worden, sondern wohl in den 1820er-Jahren. Insgesamt wurden 24 Skelette geborgen, ins Naturhistorische Museum Basel gebracht und dort in der Sammlung archiviert.Gerhard Hotz et al.: Theo der Pfeifenraucher; Christoph Merian Verlag, Basel 2010, S. 32 ff

Das Projekt Identifizierte historische Skelette liegen meist von Personen der sozialen Oberschicht vor. Deren Grabstätten liegen oft in Kirchen und die Umstände der Grablegung sind gut dokumentiert. Das Projekt zur Identifizierung von Theo stellt also insofern eine Ausnahme dar, als hier ein Namenloser identifiziert werden sollte, ein «Nobody» aus der Unterschicht.

Die Forschungen zu Theos Skelett und seiner Person waren auch der Beginn der umfangreichen Bürgerforschung Basel (BBS), in dem heute (2019) rund 70 freiwillige wissenschaftliche Mitarbeitende historische Quellen transkribieren und Daten bearbeiten. Die zahlreichen Dokumente des Staatsarchivs Basel-Stadt aus dem 18. und 19. Jahrhundert in schriftlicher und bildlicher Form erleichterten die Nachforschungen enorm. Natur- und geisteswissenschaftliche Disziplinen arbeiten zusammen und ergänzen sich, wobei der genealogischen Forschung eine Schlüsselfunktion zukommt. Die Leitung des Projekts liegt beim Anthropologen Gerhard Hotz, Kurator am Naturhistorischen Museum Basel. Ein weiteres Projekt der Bürgerforschung waren zum Beispiel auch die Nachforschungen zu Anna Catharina Bischoff.

Erste Untersuchungen Im Rahmen einer Übung des Instituts für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie IPNA der Universität Basel untersuchten zwei Studenten, der Anthropologe Simon Kramis und der Historiker Fabian Link, im Jahr 2004 das Skelett aus dem Grab 19. Ihnen fielen zwei ovale, fast kreisrunde Lücken im Gebiss des jungen Mannes auf, die bei den jungen Forschern die Neugierde weckte und zu weiteren Untersuchungen des Skeletts führten. Diese ergaben, dass es sich beim Verstorbenen um einen Mann handelte, der im Alter zwischen 28 und 32 Jahren verstorben war.

Wo Theo zur Welt kam, ist nicht bekannt. Eine Strontiumisotopenanalyse von drei seiner Backenzähne ergab, dass er mit grosser Wahrscheinlichkeit bis zu seinem 14. Lebensjahr in der Region Basel gelebt hatte. Untersuchungen von Zahnzement und Knochen zeigten, dass er als junger Mann mindestens zwei Stressphasen durchlitten hatte und Anzeichen von beginnender Arthrose aufwies. Er war mit 1,60 Meter eher klein und hatte sich auch während des Wachstums ausgewogen ernährt. Dies lässt darauf schliessen, dass er nicht zu den Ärmsten gehört hatte. Wie Analysen der Arm- und Schlüsselbeinknochen ergaben, war Theo mit grosser Wahrscheinlichkeit ein rechtshändiger Handwerker.Gerhard Hotz et al.: Theo der Pfeifenraucher; Christoph Merian Verlag, Basel 2010, S. 45 ff

Theo verstarb zu jung; die Lebenserwartung eines Dreissigjährigen betrug im 19. Jahrhundert 49 Jahre. In den Jahren vor seinem Tod war er gesund und gut ernährt: Sein Skelett zeigte keinerlei gravierende Krankheiten oder schwere Mangelernährung an. Als Todesursache kommt neben einer Verletzung der Weichteile durch Gewalteinwirkung auch eine Infektionskrankheit mit schnellem Verlauf in Frage, die keine Spuren am Skelett hinterliess.

Zähne mini|hochkant|Gebiss mit den beiden charakteristischen Zahnlücken Theos Zähne waren stark von Karies befallen oder abgestorben. Abgesehen davon fallen die bereits erwähnten ovalen Lücken auf der linken Seite des Gebisses auf, die bei leicht geöffnetem Kiefer beinahe einen kreisrunden Querschnitt erhalten. Untersuchungen mit dem Rasterelektronenmikroskop zeigten feine Kratzspuren auf der Zahnoberfläche, die auf eine Abnützung durch das Keramikmundstück einer Tonpfeife und die darin enthaltenen feinen Quarzkörnchen hinwiesen.Lukas M. Kofmehl, Georg Schulz, Hans Deyhle, Andreas Filippi, Gerhard Hotz, and Simon Kramis: Computed tomography to quantify tooth abrasion, Proceedings of SPIE 7804. 2010.

Solche Abrasionen traten vom 17. bis zum 19. Jahrhundert beinahe weltweit auf, Tonpfeifen waren damals weit verbreitet. Ausgrabungen auf Friedhöfen mit gut dokumentierten Angaben zu den Verstorbenen zeigten, dass exzessives Rauchen von Tonpfeifen, die auch während der Arbeit ohne Zuhilfenahme der Hände geraucht werden konnten, eher in sozial schwachen und hart arbeitenden Bevölkerungsschichten verbreitet war.Simon Kramis: Tonpfeifenraucher aus Basler Friedhöfen. Anthropologische und historische Aspekte des "Tabaktrinckens". Knasterkopf, Fachzeitschrift für Tonpfeifen und historischen Tabakgenuss, Band 19, 2007, Seite 41–44. Da das tönerne Mundstück härter war als der Zahnschmelz, schliff es sich mit der Zeit in die umliegenden Zähne ein. Dadurch wurde das weichere Dentin freigelegt und die Abnützung verstärkte sich. Pfeifenlöcher entstehen nach fünf bis zehn Jahren intensiven Rauchens. Demzufolge muss Theo ein langjähriger Raucher aus der handwerklich arbeitenden Bevölkerungsschicht gewesen sein.

Wer war Theo? Auf dem kleinen Merianschen Totenacker, der vom 5. Oktober 1779 bis 1. Mai 1833 in Gebrauch war, gab es weder Grabsteine noch Gedenktafeln noch einen Lageplan, nichts erinnerte an die Toten, die hier beerdigt worden waren. Im Staatsarchiv Basel-Stadt hingegen fand sich das Sterberegister der St. Theodor Kirchgemeinde, in dem die Namen, Berufe, Sterbealter und Geburtsorte aller in Kleinbasel Verstorbenen aufgeführt waren. Angaben zum Bestattungsplatz hingegen fehlten; es war nicht angegeben, ob ein Verstorbener in der Kirche St. Theodor, im «Merianschen Totenacker» oder einem anderen der Friedhöfe Kleinbasels seine letzte Ruhestätte fand.

Von den 4334 Personen, die zwischen dem 5. Oktober 1779 und 1. Mai 1833 in Kleinbasel verstarben, waren 2069 männlich. Einer von ihnen musste Theo sein. Da Theos Alter auf rund 30 Jahre bestimmt werden konnte, fielen alle Kandidaten weg, die jünger als 26 und älter als 34 waren, was den Kreis der in Frage kommenden auf 134 verkleinerte. Zu weiteren 16 Männern fand sich in einem besonderen Verzeichnis, dem Steinbuch, der Hinweis, dass sie in der Theodorskirche beerdigt wurden. Diese 16 kamen demnach aus der sozialen Oberschicht, da nur diese sich einen besseren Bestattungsort leisten konnten. 118 Namen blieben übrig. Da Theo zur jüngeren Bestattungsphase gehörte und diese von den Archäologen in Zusammenhang mit der grossen Typhusepidemie von 1814 gebracht wurde, wurden alle vor 1814 verstorbenen Männer von der Liste gestrichen. 25 Männer blieben übrig. Der Zusammenhang mit der Typhusepidemie ist jedoch bis heute nicht nachgewiesen. Sollte sich diese Annahme als falsch erweisen, müsste sich die Suche auf die vor 1814 verstorbenen Personen fokussieren.