mini|Eine Seite der Handschrift (UBG Ms 781, fol. 72v); oben ein Abschnitt der dreizeilig nachgetragenen Margaretenlegende, darunter Psalm 115 in Latein Bei der Seckauer Margaretenlegende (auch Grazer Margaretenlegende), die in der Handschrift Ms. 781 der Universitätsbibliothek Graz auf den Blättern 71v–110r in den ersten drei Zeilen überliefert ist, handelt es sich um eine selbstständige Neubearbeitung der Lebens- und Leidensgeschichte der heiligen Margareta von Antiochien in einfacher mittelhochdeutscher Sprache. Sie wurde im 14. Jahrhundert in Seckau nachträglich aufgezeichnet.
Die heilige Margareta von Antiochien
Margareta, die im Osten vor allem unter dem Namen Marina bekannt ist, war eine heilige Jungfrau und Märtyrerin, die im 4. Jahrhundert unter Kaiser Diokletian ihr Martyrium erlitt. Zu ihrer Person liegen keine historischen Belege vor, einzig eine legendarische Leidensgeschichte eines gewissen Theotimos ist bekannt. Diese Passio war die Grundlage vieler weiterer lateinischer und volkssprachlicher Bearbeitungen in Prosa und Vers.
Überlieferungs- und Gebrauchssituation Diese Legende wird nach dem Ort ihrer Entstehung Seckauer Margaretenlegende genannt und ist in der Handschrift Ms. 781, die in der Grazer Universitätsbibliothek aufbewahrt wird, unikal überliefert, weshalb dieser Text in Fachkreisen auch unter dem Namen ‚Grazer Margaretenlegende‘ bekannt ist. Die Handschrift Ms. 781 ist ein lateinischer Psalter auf Pergament aus dem 13. Jahrhundert mit 175 Blättern. Die Legende hingegen wurde am Beginn des 14. Jahrhunderts auf den Blättern 71v–110r nachträglich auf dem oberen freien Rand dreizeilig in mittelhochdeutscher Sprache aufgezeichnet. Auch auf den übrigen Seiten des Psalters sind oben in gleicher Weise volkssprachliche Legenden eingetragen.
Die Entscheidung, den freien, dekorativen Platz zur Niederschrift des Textes zu verwenden, um diesen zu bewahren, zeigt, welche Bedeutung dieser Legende zugekommen sein muss. Der Umfang dieser volkssprachlichen Legende lässt darauf schließen, dass es sich hierbei um keine Zufallserscheinung handelt. Neben der Margaretenlegende enthält die Handschrift Ms. 781 den Text Unser vrouwen hinvart von Konrad von Heimesfurt (Blätter 1r–70v) und das Grazer Marienleben (Blätter 110v–172v).
Möglicherweise wurde die Legende im Chorfrauenkonvent bei Tisch vorgelesen, um sie auch den lese- und schreibunkundigen Ordensschwestern zugänglich zu machen. Der Prolog richtet sich an Frauen und Männer, möglicherweise wurde der Text einem größeren Publikum in der Kirche bzw. an einem Feiertag öffentlich vorgeführt.
Zur Zeit der Entstehung dieser Legende erlebte der Margaretenkult im Raum nördlich der Alpen seine Hochblüte.
Inhalt Die Legende gibt in einfacher Sprache das Leben und Sterben der heiligen Margareta wieder. Dabei behält der prosaische Legendentext, dem eine Vorrede in Versen vorangestellt ist, größtenteils die Darstellung der apokryphen Lebensbeschreibung bei. Die Vorrede besteht aus 30 Versen und der Prosatext füllt etwa sechs Buchseiten. Im Text findet man alle Elemente einer typischen Heiligenlegende: „Prolog, Kindheitserzählung, Widerstand gegen das Heidentum, Kampf mit dem Teufel, Martyrium, Tod, Himmelfahrt, postmortale Wunder und abschließendes Gebet“.
Die in der älteren Forschung vertretene Meinung, dass die Legende von einer Schreiberin im Seckauer Chorfrauenkonvent verfasst worden war, wurde erst durch die jüngsten Studien von Thomas Csanády, der in Seckau kein eigenes Frauenskriptorium zur Entstehungszeit der Legende annimmt, widerlegt. Aus diesem Grund gilt heute die Annahme, dass es sich bei dem Verfasser um zwei Chorherren handelt, als die wahrscheinlichere. Als relativ sicher gilt zudem, dass es sich um dieselbe Hand handelt, die auch in der Grazer Handschrift 1501 Nachträge vorgenommen hat.
Prolog (fol.71v-fol.74r) Der Ich-Erzähler bekennt seine Schuld, bittet um Vergebung derselben und darum, vom Heiligen Geist erfüllt und inspiriert zu werden, um so Gottes große Taten rühmen zu können. Der Erzähler preist Gottes Namen und sein Wirken und Walten. Im Anschluss daran beruft er sich auf ein Buch, auf das er nicht näher eingeht, als seine Quelle. Zudem wird die heilige Margareta als äußerst willensstarke Frau charakterisiert und das Publikum direkt angesprochen. Den Abschluss der Vorrede bildet die Bitte des Ichs, die Männer durch diesen Text zu bessern und zu läutern: + Textbeispiel: Prolog (fol.71v-fol.74r)Getorst ich vor meiner missetateTrotz meiner Sündenwie gern ich herregot dich petemöchte ich es wagen, dich, Herrgott, zu bitten,daz du durch willen des trauten sunes deindass du um deines geliebten Sohnes willenvergebest der grozzen schulde meinmeine große Schuld vergibstvnd mir sandest deinen trost gaistund mir deinen erbauenden Geist sendest,der aller guete ist vollaistder erfüllt ist von unermesslicher Barmherzigkeit,der mich weis und leresodass er mich lehrt und leitet,daz da herre sei dein lob vnd dein eredamit dir, Herr, Lob und Ehre zuteilwerden.manichvaltich ist herre dein gevaltDeine Macht, Herr, ist gewaltigvil groz ist dein guete. du wis mein genistund deine Güte ist riesengroß. Sei du meine Rettung,da du daz swendun veuer sust pistder du der Weg aus den Flammen bist.ic waiz waz sprechen mereIch vermag nichts Besseres zu tun,imer sag ich dir lob und ereals dir Lob und Ehre auszusprechen.zewundern du wol pistDu bist wahrhaftig vollkommen,wand du wunderleicher pistda du auf wundersame Weise wirkstden allez daz der istin allem, was existiert.wol sind worden deineu wunder scheinDeine Wundertaten offenbarten sichan ainem vil hailigen magedeinan einem heiligen Mädchen,gehaizzen war si margaretewelches Margarete genannt wurde.got si vil holden hereSie war Gott vollkommen ergeben,vol schain daz daranwas sich an all dem zeigte,als ich andern purch vernomen hanwas ich in einem Buch erfahren habe.wande si truch mannes mutSie verfügte über die Willenskraft eines Mannes,doch ez manegen man nicht daucht gutwas jedoch so manchem Mann missfiel.vie daz allez sei dergangWie sich das alles genau zutrug,daz vernemet wol, weib und man,das erfahrt ihr nun, Frauen und Männer.nu freu sich weibes gueteErfreuen möge sich nun die wohlgesinnten Frauen,daz under in funden sei ain so starch gemuetedass sich unter ihnen ein so starkes Wesen fand.gepezzert sein dapei die man,Geläutert werden sollen dabei die Männer!gotesnamen so heb wir anIn Gottes Namen beginnen wir nun.
Prosatext (fol.74r-fol.110r) Am Anfang der Legende wird auf diverse christliche Märtyrer Bezug genommen. In diesem Zusammenhang wird erwähnt, dass andere Menschen den Versuchungen des Teufels nicht widerstehen konnten und unterschiedlichen Göttern dienten: +Textbeispiel: Prosatext (fol.74r-75v)Nach der marter und nach der vrstendeUm des Opfertodes und der Auferstehungunsers heren iesu christiunseres Herrn Jesus Christus willenund nach seiner lobleichen aufferteund zu Ehren seiner ruhmvollen Auffahrthin zu himel zu got vater almechtigen indes namen manige martere wurden gemartertin den Himmel zu Gott Vater wurden im Namen des Allmächtigen zahllose Märtyrer gemartertvnd uberwunden die weltund das Irdische überwunden,und die vlesichere dannoch pehabtender Leib aber blieb dennoch erhalten.iedoch de tobbait des tieudels vil manigen menschenDurch die Raserei des Teufels jedoch verfielen zahlreiche Menschen dazu,daz si die abgot unhoernten und stumigendass sie die Götzenbilder, die sie nicht erhören und die stummund plinten und mit der hant des menschen gemachten anpetenund blind und von der Hand des Menschen gemacht worden waren, anbetetenund den ophertenund ihnen opfertendeu in selben noch andern iemen frumtenwas weder ihnen noch anderen jemals nützte. Der Ich-Erzähler gibt seinen Namen „Theodim“ preis und seine Absicht, das Martyrium der heiligen Margareta zu verbreiten und zu bekennen. Eine schriftliche Grundlage für diese Legende wird erwähnt, aber ohne Nennung der Quelle. Die Zuhörer werden zur Bereitschaft aufgefordert, durch die bewusste Beschäftigung mit dem Text die Seele zu reinigen und zu heilen.
Es folgt die Legende: Die heilige Margareta ist die Tochter des heidnischen Patriarchen Theodosius, der heidnische Götter anbetet. Margareta wird in Antiochia nach dem frühen Tod der Mutter von Ammen im christlichen Glauben erzogen, womit der Vater nicht einverstanden ist. Im Alter von zwölf Jahren wird sie von Gott als seine Dienerin auserwählt, zur Zeit einer Christenverfolgung in Antiochia. Deren Anführer Olibrius verliebt sich in Margareta und will sie zu seiner Ehefrau machen. In ihrem Gebet bittet Margareta Gott um Stärke im Glauben und darum, dass ihre Seele unbefleckt bleibt. In bildreicher Sprache vergleicht sie ihren Verführer mit einem reißenden Wolf und einem hinterlistigen Vogelfänger und sich selbst mit einem Schaf, einem Vogel und einem Reh im Netz. Olibrius erfährt, dass Margareta eine Christin ist, lässt sie wütend vorführen und verhört sie. Margareta bekennt ihren christlichen Glauben, worauf sein Zorn wächst und er sie in den Kerker werfen lässt. Er legt ihr nahe, sich den heidnischen Göttern zuzuwenden und seine Ehefrau zu werden. Er droht ihr den Tod an, falls sie seinen Wünschen nicht nachkommt.
Margareta lehnt mehrfach ab und weigert sich, vom gewählten Weg der Wahrheit und der Jungfräulichkeit abzuweichen. Sie wird gefoltert. Sie bleibt jedoch standhaft und beruft sich darauf, dass Olibrius ihren Körper, nicht aber ihre Seele verwunden könne. Sie preist Gott mehrfach im Gebet und bittet um Vertrauen auf das ewige Leben, um Unterstützung im Kampf gegen das Böse und darum, anderen Mädchen und Frauen ein nachahmenswertes Beispiel zu sein.
Olibrius bittet sie darum, nun endlich vom christlichen Glauben abzulassen und lässt sie zurück in den Kerker bringen, wo sie wieder betet. Plötzlich erscheint ein riesiger furchterregender Drache, der sie bei lebendigem Leib verschlingt. Während sie der Drache hinunterschluckt, bekreuzigt sich das Mädchen, reißt so den Drachen entzwei und bleibt selbst unverletzt. Anschließend sieht sie den Teufel. Sie kniet nieder und bittet Gott um Erlösung von ihren Feinden. Daraufhin bittet der Teufel sie um Gnade und Barmherzigkeit. Sie stellt ihren Fuß auf den Kopf des Teufels und teilt ihm ihren Entschluss mit, eine Braut Christi zu sein. Nach diesen Worten erscheint ein helles Licht im Kerker. Der Heilige Geist, der Margareta offene Himmelspforten prophezeit, setzt sich in Form einer Taube auf das Kreuz, das ebenfalls im Kerker erscheint.
Margareta wird erneut verhört und wiederum mit verschiedenen Methoden gefoltert, was sie im Gebet erträgt. Nachdem sie in einem Fass ertränkt werden soll, bittet sie Gott um eine Reinigung durch dieses Wasser, wie sie in der Taufe geschieht, und ruft den Heiligen Geist an. Mit einem gewaltigen Erdbeben erscheint der Heilige Geist in Form einer Taube, krönt Margareta mit einer goldenen Krone und löst ihre Fesseln. Sie preist Gott und dankt ihm. Eine Stimme aus dem Himmel verkündet ihr die Einladung in den Himmel. Zeitgleich bekehren sich 5000 Männer, Frauen und Kinder, die allerdings von Olibrius enthauptet werden. Auch Margareta soll enthauptet werden. Ihr Henker bittet sie um ihr Gebet, da er Christus und Engel um sie herum sieht.