mini|hochkant|Thomas Davatz um 1880 mini|hochkant|Katharina Davatz-Auer um 1880 mini|hochkant|Überfahrtsvertrag der Familie Thomas Davatz für ihre Auswanderung nach Brasilien
Thomas Davatz (* 23. April 1815 in Fanas; † 6. Februar 1888 in Landquart) war ein Schweizer Lehrer pietistischer Prägung, der 1855 die Leitung einer Schweizer Auswanderergruppe nach Brasilien übernahm.
Er entstammte einer Prättigauer Kleinbauernfamilie und war in mehreren Bündner Gemeinden als Lehrer angestellt. Die Gruppe von Emigranten, deren Führung er 1855 übernahm, bestand aus Schweizern, die ihre Heimat aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation dort verließen und zu denen auch noch einige Deutsche stiessen. Gemeinsam mit ihren Familien kamen die Auswanderer auf die Kaffeeplantage Ibicaba des Senators Nicolau Pereira de Campos Vergueiro in der Provinz São Paulo, wo sie sich im Juli 1855 als Siedler niederliessen. Vergueiro hatte angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten im Sklavenhandel ein neues Halbpachtsystem entwickelt. Anstelle der afrikanischen Sklaven suchte er europäische Arbeitskräfte und probierte mit ihnen das neue Arbeitsverhältnis aus. Das führte zu Konflikten mit den Schweizer Siedlern um Davatz, die sich gewaltfrei für die ihnen vertraglich zugesicherten Rechte, die sich von Vergueiros Halbpachtssystem unterschieden, einsetzten. Aufgrund der Konflikte, die sich nicht vollständig lösen liessen, kehrte Davatz 1857 wieder in die Schweiz zurück und verfasste dort 1858 einen Bericht über die Lebenssituation der Emigranten in Brasilien. Diese Ausführungen erregten in Europa Aufsehen und hatten Folgen für die deutsche und schweizerische Auswanderungspolitik. Heute wird sein Text von der brasilianischen und europäischen Geschichtsforschung als bedeutende Quelle betrachtet und wurde in einem historischen Roman sowie in einem Theaterstück literarisch verarbeitet.
Biografie Jugend und Ausbildung mini|hochkant|Haus Davatz in Fanas, etwa 1919
Thomas Davatz war das älteste Kind von Christian und Margreth Davatz, geborene Janett, aus Fideris. Die protestantische Familie lebte von der Landwirtschaft auf einem kleinen Gut mit etwas mehr als einer halben Hektare. Zusammen mit der jüngeren Schwester Luzia wuchs Thomas in Fanas, Kanton Graubünden, auf und besuchte dort die Dorfschule. Schon in jungen Jahren machte ihm ein «Brustleiden», vermutlich Bronchial-Asthma, zu schaffen. Nach Abschluss der Winterschule als Klassenbester übernahm Davatz in den Wintern 1834–1836, zuerst in Stellvertretung seines erkrankten Vetters, die Unterschule Fideris. Auf Empfehlung des Fideriser Pfarrers besuchte Davatz im Frühjahr 1835 das Seminar für Armenschullehrer auf Schloss Beuggen, ein soziales Werk der Deutschen Christentumsgesellschaft, wo er sich in drei Jahren zum Lehrer ausbildete. Hier entwickelte sich eine prägende Beziehung zum Direktor Christian Heinrich Zeller und dessen Familie. In der Folge war Davatz als Lehrer in Fideris und Malans tätig. Am 6. September 1840 heiratete er Katharina Auer aus Fideris. Im Sommer 1842 unterzog er sich im Bad Fideris wegen seines Bronchial-Asthmas einer Kur; den Schuldienst musste er im Herbst aufgeben. Die inzwischen dreiköpfige Familie zog zu den allein wohnenden Grosseltern nach Fanas. In dieser Zeit kam ein weiteres Kind zur Welt. Während zweier Winter führte Davatz die Oberschule in Fanas, zeitweise amtete er als Vizepräsident des Schulrats von Fanas und war Mitglied des Kreisgerichts sowie Protokollführer des Gemeinderats und Mitglied der Armenkommission.
Auswanderung nach Brasilien 1854 beschloss er, mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern. Seine ursprüngliche Idee war es, sich in den Vereinigten Staaten niederzulassen. Infolge der positiven offiziellen Propaganda der brasilianischen Regierung, die zinslos auf zwei Jahre Reisevorschüsse und andere Begünstigungen leistete, entschied er sich schliesslich für Brasilien. Dass diese Begünstigungen ab 1855 weggefallen waren, wurde jedoch verschwiegen. Viele Schweizer Gemeinden leisteten zudem Reisevorschüsse an ihre auswanderungswilligen Familien, allerdings oft unter der Bedingung, das gesamte Hab und Gut der betreffenden Familie in Beschlag zu nehmen. Davatz kam im Juli 1855 mit seiner Familie, die inzwischen neun Kinder zählte, nach Brasilien und führte eine Gruppe von Landsleuten an, die von der Kolonisationsfirma des Senators Nicolau Pereira de Campos Vergueiro (1778–1859) angeheuert worden waren. Diese Siedler wurden in die Provinz São Paulo auf das Landgut Ibicaba geführt, das dem Senator Vergueiro gehörte und auf dem dieser Kaffee anbauen liess. Ein Teil der Siedler war zwei anderen Landgütern zugeteilt worden. Dieser Teil musste den Fussmarsch von Ibicaba aus fortsetzen – eine Gruppe bis zum Gutshof Angelica, der ebenfalls Vergueiro gehörte, die andere Gruppe in eine andere Richtung bis zum Landgut Birÿ.
Zurück in Landquart Davatz stellte fest, dass das von Senator Vergueiro eingeführte Halbpachtsystem in eine Verschuldung der einzelnen Siedlerfamilien führte, aus der ein Entrinnen schwierig war. Ausserdem durchschaute er die von den Kolonisationsagenten verbreiteten Berichte als leere Versprechungen und erkannte, dass persönliche Briefe, die Klagen über das Leben auf Ibicaba enthielten oder zumindest hinsichtlich einer Auswanderung nach Brasilien abschreckend wirkten, die Verwandten in der Schweiz kaum erreicht hatten. Denn die Familie der Vergueiros besorgte den Postdienst in der Provinz St. Paulo und scheute sich nicht, Briefe zu kassieren. Nach mehreren Versuchen, für die Rechte der Kolonisten zu kämpfen, musste Davatz seinen Siedlerplan aufgeben. Er reiste 1857 mit seiner Familie wieder in die Heimat zurück. In Landquart versah er ab 1858 den Verwaltungsposten der Bahnstation und den damit verbundenen Postdienst. Nach der Trennung von Bahn und Post diente er von 1863 bis 1884 in Landquart als Posthalter und Telegraphist. Danach versah er den Posten des Salzverwalters von Landquart. 1884 wanderten die drei jüngsten Söhne Jakob (geboren 1852), Johann Peter (1857) und Thomas (1863) nach Nordamerika aus. Nach längerer Krankheit starb Thomas Davatz im Alter von 72 Jahren in Landquart. Er wurde auf dem Friedhof Mastrils begraben.
Stammbaum
Auswanderung in eine Halbpacht-Kolonie Ansiedlung in Brasilien Davatz begleitete eine Gruppe von insgesamt 46 Schweizer Familien und mehreren Einzelpersonen, insgesamt 266 Männer, Frauen und Kinder, dazu ab Hamburg noch neun preussische Passagiere, auf das Landgut Ibicaba, das dem Senator Vergueiro gehörte. Von den ankommenden Schweizern konnten sich 20 Familien und fünf Alleinstehende hier niederlassen. Die übrigen wurden trotz heftiger Proteste der Kolonisten mit Verweis auf die vertragliche Zusicherung, Gruppen nicht zu trennen, aufgeteilt und auf die Landgüter Angelica und Birÿ weitergeführt. Senator Vergueiro hatte sie alle «importiert» und vom vertraglichen Recht, Kolonisten an andere Gutsherren zu verkaufen, Gebrauch gemacht, was die Kolonisten erst rückblickend als eigentlichen Sklavenhandel begriffen.
Schon auf seiner Seereise kam Davatz in den Genuss einiger Vergünstigungen, die wohl auf seine Funktion als «Reiseleiter» zurückzuführen sind. So schenkte ihm die Gesellschaft Vergueiro die Hälfte der Kosten für eine Schiffspassage; ausserdem standen ihm für seine Familie drei Kajütenplätze zur Verfügung. In Hamburg gab ihm Dr. Schmid ein Empfehlungsschreiben an das Haus Vergueiro mit. Auch nach der Ankunft auf dem Gutshof Ibicaba munterten ihn die beiden Söhne der Vergueiros, Joze und Luiz, die aufgrund ihrer Ausbildung in Deutschland gut Deutsch sprachen, auf, sich gut anzulassen. Dann könne er eine bevorzugte Stellung erhalten, indem er dem Direktor zur Hand gehe. Dabei könne er dessen Arbeit und die Landessprache lernen.
Die Neuankömmlinge fanden entgegen der vertraglichen Versprechungen teils unfertige oder von anderen Kolonisten besetzte Behausungen vor. So wurde die Familie von Davatz mit mehreren anderen grossen Familien während drei Wochen im sogenannten Schullokal zusammengepfercht. Davatz unterrichtete auch einige Monate und leitete als Laie protestantische Feiern wie zum Beispiel Beerdigungen oder las Predigten vor. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Siedler unterschieden sich jedoch erheblich von der Propaganda, die sie zur Auswanderung bewogen hatte.
Bericht über die Lebensbedingungen Vor der Reise war Davatz von einigen Bündner Gemeindebehörden beauftragt worden, einen Bericht über die Arbeits- und Lebensbedingungen auf der Kolonie zu verfassen. Einen ersten Bericht, den er dem Schweizer Arzt Gattiker zur Durchsicht überlassen hatte und den dieser inhaltlich für korrekt hielt, verschickte Davatz nicht, denn Gattiker hielt den Versand des Berichts für lebensgefährlich. Dieser Bericht geriet zudem durch Gattikers Indiskretion in die Hände von Vergueiro, was Davatz aber erst Monate später feststelle. Im Februar 1856 schickte Davatz einen neu verfassten Bericht, den er der bündnerischen Regierung noch schuldig war, im Geheimen, um die Zensur seiner Korrespondenz zu umgehen. Der Postdienst der Provinz war in den Händen der Vergueiros, was ihnen ermöglichte, die Korrespondenz zu kontrollieren.
In seinem Bericht vom 19. Februar, der im Mai 1856 in Graubünden ankam, erklärte Davatz, dass die Siedler von den brillanten Versprechungen der Regierung getäuscht worden waren, Masse und Gewichte nicht stimmten, sie durch übersetzte Währungsumrechnungen betrogen wurden und alles in allem einem sklavereiähnlichen Regime unterworfen waren. Der Bericht löste in der Schweiz grosse Beunruhigung aus. Mehrere Kantone mandatierten zur Untersuchung der Zustände auf den Kaffeeplantagen den Schweizer Arzt und Geologen Jakob Christian Heusser. Die Nachricht von der bevorstehenden Untersuchung führte wiederum sowohl im Herrenhaus von Ibicaba wie auch unter den Siedlern zu Aufregung.
Der Aufstand von Ibicaba
mini|hochkant|Porträt des Nicolau de Campos Vergueiro von Domenico Failutti (1872–1923), einem in Nord- und Südamerika tätigen italienischen Maler
Die Siedler versammelten sich, um ihren Kampf zur Wahrung ihrer Rechte zu organisieren. Zu diesem Zweck schlossen sie ein Abkommen, das alle verpflichtete, solidarisch und gewaltfrei für ihr Recht zu kämpfen und für mögliche Kosten gemeinsam aufzukommen. Als am 24. Dezember 1856 Davatz ins Herrenhaus zitiert wurde, umzingelten sie das Hauptquartier des Landguts, weil sie befürchteten, dass Davatz bestraft oder verletzt werden könnte. Diese Konfrontation wurde als Aufstand von Ibicaba bekannt. Sie verlief gewaltfrei und endete, als wenige Tage später der Schweizer Gesandte Jakob Christian Heusser erschien und begann, die Zustände auf Ibicaba zu dokumentieren. Während der Untersuchung von Heusser in Ibicaba bemühte sich das Herrenhaus, Harmonie mit den Siedlern zu zeigen. Heussers Untersuchung führte zur Einigung zum einen darüber, dass Davatz mit seiner Familie wieder in die Schweiz zurückkehren sollte. Zum andern klärte Heusser die Schuldensituation der einzelnen Siedlerfamilien und dokumentierte die unredlichen Vorgehensweisen der Vergueiros. Für die Siedler auf Ibicaba änderte sich jedoch unmittelbar nichts. Die Situation wurde in den folgenden Jahren sogar noch schlechter, weil Vergueiro einen neuen Direktor einstellte, der rücksichtslos seine Interessen durchsetzte. Auch einige Jahre später, 1861, erhielt der schweizerische Sondergesandte Johann Jakob von Tschudi für eine weitere Untersuchung keinen Zugang zu den Pflanzungen der Vergueiros.
Davatz blieb auf dem Landgut noch bis Anfang März 1857. Nach Todesdrohungen zog er sich allein nach Rio de Janeiro zurück; seine Familie folgte wenige Wochen später nach. Von Rio de Janeiro aus reiste Davatz im selben Jahr mit seinen Angehörigen nach Europa zurück.
Pietistisches Sendungsbewusstsein