Der Sozialdemokratische Pressedienst war von 1924 bis 1933 und von 1946 bis 1995 die Nachrichtenagentur der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Er lieferte täglich Informationen sowie Meinungen mittels verschiedener journalistischer Darstellungsformen vorwiegend an parteinahe Medien. Dazu zählten in Spitzenzeiten über 200 parteieigene Zeitungen sowie 30 Druckereien und 26 Verlage. Die Ausgaben des Pressedienstes repräsentieren ein Standardinstrument der politischen Kommunikation und über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten das einzige authentische Sprachrohr des SPD-Parteivorstands.

Geschichte Die sozialdemokratische Bewegung in Deutschland nutzte schon vor Gründung der SPD (1863) Zeitungen und Zeitschriften als wichtige Instrumente der Meinungsbildung. Zu den bekanntesten zählten die Neue Rheinische Zeitung (1848), die Urwähler-Zeitung (1849), der Social-Demokrat (1865), der Volksstaat (1869), das Demokratische Wochenblatt (1869). Bis zum Gothaer Einigungskongress (1875) verfügten die Sozialisten über 23 politische Organe. Davon wurden elf bereits als genuine Lokalzeitung herausgegeben, hauptsächlich im mittel- und süddeutschen Raum.Nadja Fischer: Die Geschichte der sozialdemokratischen Parteipresse in Deutschland und im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt. (S. 71 f.) Historische Kommission des SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, abgerufen am 5. Dezember 2019.

Am 1. Oktober 1876 erschien erstmals der Vorwärts. Zwei Jahre später zählten zur sozialdemokratischen Presse 42 Organe. Obwohl im Gothaer Programm angestrebt, existierte keine zentrale Aufsicht über die Zeitungen der Partei. Hierzu schrieb Friedrich Engels am 19. November 1892 an August Bebel:

Grundsätzlich war eine Zentralaufsicht über die Parteipresse auch gar nicht möglich, da die preußische Vereinsgesetzgebung in anderen Gliedstaaten des Deutschen Reichs keine Anwendung fand beziehungsweise bis 1908 eine Verbindung auf nationaler Ebene nicht erlaubte.Nadja Fischer: Die Geschichte der sozialdemokratischen Parteipresse in Deutschland und im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt. (S. 71 f.) Historische Kommission des SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, abgerufen am 5. Dezember 2019. Mit dem Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie wurde im Oktober 1878 die politisch linke Presse verboten. Die Aufhebung des sogenannten Sozialistengesetzes erfolgte erst am 25. Januar 1890. Im direkten Anschluss legte die SPD den Grundstein für ihr heutiges Presseimperium. Rückblickend merkte dazu die ehemalige SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier an:

Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die sozialdemokratische Presse straff organisiert. Das heißt, die lokalen Zeitungen waren niemals unabhängig. Um die Redaktionen auf eine einheitliche Linie zu bringen, erfolgten Zeitungsgründungen bereits nach 1875 nur mit Zustimmung des Parteivorstands. Darüber hinaus unterbanden die Leitungsorgane ein zu starkes Eigenleben der lokalen Zeitungen, indem sie über Darlehensgewährungen und finanzielle Zuschüsse Druck ausübten. Von Anbeginn war ohne finanzielle Unterstützung vielerorts eine politische Pressearbeit überhaupt nicht realisierbar.Nadja Fischer: Die Geschichte der sozialdemokratischen Parteipresse in Deutschland und im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt. (S. 71 f.) Historische Kommission des SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, abgerufen am 5. Dezember 2019.

Auf dem 18. Reichsparteitag der SPD (1907) beschlossen die Delegierten schließlich die Gründung einer „Zentralstelle für die Presse“, welche „die tägliche Zustellung wichtiger politischer Nachrichten an die Provinzpresse“ übernehmen sollte. Dieses Sozialdemokratische Pressebureau nahm am 15. Juli 1908 in Berlin seine Tätigkeit auf. Besondere Schwerpunkte bildeten die „Übermittlung wichtiger, parlamentarischer Anträge und Gesetzesentwürfe“ an alle sozialdemokratischen Zeitungen, die „Zurückweisung und Berichtigung von Angriffen oder Verleumdungen gegen die Partei oder Parteigenossen“ sowie die Berichterstattung über die Arbeit der Partei- und Reichstagsfraktion.Antje Sommer: Vom Pressedienst zur Pressemitteilung. S. 381. Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, abgerufen am 6. Dezember 2019.

Bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs konnte die SPD die Anzahl ihrer Zeitungen auf 94 steigern, mit einer Gesamtauflage von rund 1,5 Millionen Exemplaren.Das Unternehmensimperium der SPD Deutschlandfunk vom 2. Februar 2001, abgerufen am 5. Dezember 2019. Im Zuge der Burgfriedenspolitik stellte die SPD-Presse die öffentliche Auseinandersetzung mit der Regierung ein und übte Selbstzensur. In der Folge verlor die Partei bis März 1916 insgesamt 64 % ihrer Mitglieder und die SPD-Zeitungen 46 % ihrer Abonnenten. Damit begann die Spaltung der Arbeiterbewegung in revolutionäre und reformistische Sozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten (SPD, SAG, MSPD, USPD, KPD etc.).Nadja Fischer: Die Geschichte der sozialdemokratischen Parteipresse in Deutschland und im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt. (S. 78.) Historische Kommission des SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, abgerufen am 5. Dezember 2019.

Weimarer Republik Mit Ausrufung der Republik in Deutschland setzte sich die SPD an die Spitze des neuen Staates. Fortan stellte sie nicht mehr die Stimme der Opposition dar, sondern war Stütze der Regierung. Dementsprechend entwickelten sich die sozialdemokratischen Zeitungen zu einem einflussreichen Meinungs- und Machtfaktor. Bis zum Jahr 1923 stieg die Anzahl der SPD-Parteiblätter auf 187 und bis zum Jahr 1929 auf 203.Nadja Fischer: Die Geschichte der sozialdemokratischen Parteipresse in Deutschland und im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt. (S. 78.) Historische Kommission des SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, abgerufen am 5. Dezember 2019. Schon Mitte Dezember 1918 hatte der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte zur Durchsetzung eines klaren Meinungsjournalismus seine verschiedenen Presseabteilungen zu einem Pressedienst vereinigt, unter der Leitung von Felix Stroessinger und Paul Scholze.Kurt Koszyk: Zwischen Kaiserreich und Diktatur. Die sozialdemokratische Presse von 1914 bis 1933. Quelle & Meyer, 1958, S. 116.

Von diesem Nachrichtendienst grenzte sich die SPD ab. Zunächst entstand 1920 das „Büro Braun“ um die Reichstagsabgeordneten Adolf Braun und Wilhelm Sollmann, zu denen bald Erich Alfringhaus stieß. Zunächst versorgte dieser Korrespondenzdienst nur fünf bis zehn Zeitungen per Brief und Telefon mit Nachrichten und Leitartikel (Meinungsstücke) aus dem Reichstag, Preußischen Landtag und Berliner Stadtverordnetenversammlung. Der Ausbau als Agentur wurde vor allem von Sollmann und Alfringhaus vorangetrieben, die die Entwicklungsperspektiven trotz miserabler Finanzlage der Presse in der Inflationszeit optimistisch beurteilten, während Braun das nach ihm benannte Büro unter Protest verließ.Stohl, Hertha. Der drahtlose Nachrichtendienst für Wirtschaft und Politik : seine Entwicklung und Organisation in Deutschland. Berlin: von Decker's Verlag, S. 59. Im November 1921 beschloss eine Konferenz der Geschäftsführer der Parteipresse und der Vorsitzenden der Pressekommission, eine Sozialdemokratische Parlamentsdienst GmbH zu gründen.„Stichtag: 28./29. Nov. 1921“, in: Franz Osterroth; Dieter Schuster. Chronik der deutschen Sozialdemokratie. 2. Vom Beginn der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 3., unveränd. Aufl. 1980. Bonn: FES Library, 2001, abgerufen am 18. Juli 2025 von https://library.fes.de/fulltext/bibliothek/chronik/band2/e235f298.html Unter diesem Namen firmierte die Korrespondenz von 1921 bis 1924. In Reaktion auf den Ende 1923 abgewendeten Zusammenbruch der Weimarer Republik konstituierte die SPD ihren Dienst neu und ging am 2. November 1924 mit dem Sozialdemokratischen Pressedienst an den Start. Als Geschäftsräume erwarb die Partei die Grundstücke am Belle-Alliance-Platz 7–8. Neuer Chefredakteur wurde Erich Alfringhaus.Paul Kampffmeyer: Der Sozialdemokratische Pressedienst (SPD). Dietz, 1929. S. 4.

Der Dienst beteiligte sich am innerdeutschen Presserundfunk über Langwelle (Sender Königs Wusterhausen), über den aktuelle Nachrichten an abonnierende Zeitungsverlage verlesen wurden. Der SPD erhielt im Juli 1924 als dritte deutsche Agentur eine Zulassung als Sonderfunkdienst, wobei er sich die Sendeplätze mit der konservativen Telegraphen-Union teilen musste, was in den folgenden Jahren zu Konflikten führen sollte. Der Radioservice begann versuchsweise am 10. Juli und regelmäßig ab 16. Juli 1924.Winfried B. Lerg. Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland: Herkunft und Entwicklung eines publizistischen Mittels. Frankfurt am Main: J. Knecht, S. 285.

War zuvor die Berichterstattung für die sozialdemokratische Presse auf Klassenkampf gerichtet, so bildete nun die eigene Regierungspolitik mit allen staatlichen Themen den Schwerpunkt der Nachrichten.Antje Sommer: Vom Pressedienst zur Pressemitteilung. S. 381. Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, abgerufen am 6. Dezember 2019. Mit dem Sozialdemokratischen Pressedienst entstand ein effizienter Apparat, der jeden Werktag den parteinahen Tageszeitungen auf bis zu 20 Druckbögen Berichte und Analysen lieferte. Dem Pressedienst lag ab 1925 eine eigenständige Beilage „Deutscher Reichstag“ bei, welche die Redebeiträge von Abgeordneten zusammenfasste. Diese „Reichstagsstimmungsbilder“ schrieb Eugen Prager.Sozialdemokratischer Pressedienst 1928–1933 Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, abgerufen am 6. Dezember 2019.

Auch zu dieser Zeit sind die sozialdemokratischen Zeitungen alles andere als Plattformen der Meinungsvielfalt gewesen. Von den damals rund 200 Tageszeitungen waren ein Drittel Kopfblätter, das heißt inhaltlich identische, aber unter anderem Namen erscheinende Lokal- und Regionalausgaben. Die anderen zwei Drittel unterlagen ebenfalls einer strikten Uniformität, denn für nahezu alle Provinzzeitungen war der parteiamtliche Sozialdemokratische Pressedienst die wichtigste und einzige Informationsquelle. Walther Victor, damals Redakteur der SPD-Lokalblätter Hamburger Echo und Sächsisches Volksblatt, hielt rückblickend fest:

Victor zählte zum linken Flügel, welcher der Parteileitung Demokratiedefizite vorwarf. Diese erheblichen Differenzen über die innerparteiliche Meinungslenkung führten im Oktober 1931 zu einer weiteren Spaltung der SPD und zur Gründung der SAPD.Hans-Albert Walter: Deutsche Exilliteratur 1933–1950. Band 1. Die Vorgeschichte des Exils und seine erste Phase. Die Mentalität der Weimardeutschen. Die Politisierung der Intellektuellen. Springer-Verlag, 2016, S. 331. Noch alarmierender war der Wechsel ehemaliger SPD-Wähler zur NSDAP. Allein bei den Landtagswahlen in Sachsen im Mai 1929 gaben bereits rund 60.000 vormals sozialdemokratische Stammwähler ihre Stimme der NSDAP.In Sachsen begann der Siegeszug der NSDAP Die Welt vom 12. Mai 2019, abgerufen am 11. Dezember 2019. Eine wesentliche Ursache für die Stimmverluste der SPD waren die Ereignisse beim sogenannten Blutmai. Ausgelöst wurden die Unruhen durch die kommunistische und sozialdemokratische Presse, welche die Stimmung wechselseitig in die Höhe putschten und damit der Arbeiterbewegung reichsweit schweren Schaden zufügte.Hans-Albert Walter: Deutsche Exilliteratur 1933–1950. Band 1. Die Vorgeschichte des Exils und seine erste Phase. Die Mentalität der Weimardeutschen. Die Politisierung der Intellektuellen. Springer-Verlag, 2016, S. 50 f.