Schurahbīl ibn Simt (; gest. 660/61 in Salamiyya) war ein arabischer Militärführer aus dem Stamm der Kinda, der nach der arabischen Eroberung des Irak kurzzeitig als Statthalter von al-Madā'in fungierte und später für ungefähr 20 Jahre Statthalter von Homs war. Nach der Kamelschlacht spielte er eine bedeutende Rolle in der Auseinandersetzung zwischen ʿAlī ibn Abī Tālib und Muʿāwiya ibn Abī Sufyān, weil er sich von Anhängern Muʿāwiyas überzeugen ließ, dass ʿAlī ibn Abī Tālib den Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān ermordet habe, und dies anschließend in Syrien verbreitete. Auf diese Weise half er Muʿāwiya vor der Schlacht von Siffīn im Sommer 657, die syrischen Araber, in deren Reihen es bis dahin große Sympathien mit ʿAlī gegeben hatte, hinter sich zu vereinen. Mit seiner Parteinahme für Muʿāwiya stellte sich Schurahbīl gegen seine beiden Stammesgenossen al-Aschʿath ibn Qais und Hudschr ibn ʿAdī, die bei dieser Auseinandersetzung auf der Seite ʿAlīs standen.

Abstammung Schurahbīl gehörte dem arabischen Stamm der Kinda an, und zwar dort den Banū Dschabala, die wiederum ein Unterzweig der Banu Muʿāwiya al-Akramūn waren. Den Banū Dschabala gehörten auch die beiden bekannten kinditischen Stammesführer Hudschr ibn ʿAdī und al-Aschʿath ibn Qais an.Werner Caskel: Ǧamharat an-nasab: das genealogische Werk des Hišām Ibn Muḥammad al-Kalbī. 2 Bde. Brill, Leiden, 1966. Bd. I, Tafel 236 und Bd. II, S. 381. Aus den Berichten über die Ridda geht hervor, dass zwischen Schurahbīls Vater as-Simt ibn al-Aswad und al-Aschʿath ibn Qais eine Rivalität bestand.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. I, S. 2004f.

Rolle während der Ridda-Kriege In vorislamischer Zeit lebte Schurahbīl im Hadramaut. Als junger Mann (ġulām šābb) zeichnete er sich in den Ridda-Kriegen aus.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ al-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2225. Als sich die Kinditen unter den Banū Muʿāwiya in ihren Festungen verschanzten und die Ridda beschlossen, erhoben sich Schurahbīl und sein Sohn gegen sie, zogen aus und schlossen sich Ziyād ibn Labīd, dem muslimischen Statthalter des Hadramaut, an.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. I, S. 2004f. Zusammen mit Ziyād kämpfte Schurahbīl gegen die aufständischen Kinditen.Leube: Kinda in der frühislamischen Geschichte. 2017, S. 158.

Rolle während der arabischen Eroberungszüge In der Zeit des Kalifats von ʿUmar ibn al-Chattāb (ab 634) wanderte Schurahbīl nach Medina aus.al-Mizzī: Tahḏīb al-kamāl fī asmāʾ ar-riǧāl. 1988, Bd. XII, S. 420. Sein Vater Simt gehörte zu denjenigen, die mit Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh nach Syrien zogenaṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ al-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2225. und an der Schlacht von Yarmūk teilnahm. Schurahbīl wollte ihm nach Syrien folgen, doch entsandte ihn ʿUmar ibn al-Chattāb mit anderen Kinditen in den Irak, wobei er ihm für Saʿd ibn Abī Waqqās ein Empfehlungsschreiben mitgab. Nach einer Überlieferung, die auf asch-Schaʿbī (gest. 721–29) zurückgeführt wird, wurde ihm während dieses Marsches al-Aschʿath ibn Qais unterstellt.al-Mizzī: Tahḏīb al-kamāl fī asmāʾ ar-riǧāl. 1988, Bd. XII, S. 420.

Bei der Schlacht an der Brücke (634) kämpfte Schurahbīl mit 700 Reitern unter dem Kommandanten Saʿd ibn Abī Waqqās.Ibn Aʿṯam al-Kūfī: Kitāb al-Futūḥ. Bd. I, S. 138. Danach kommandierte er bei der Schlacht von al-Qādisīya (635/36) unter Saʿd ibn Waqqās den rechten oder linken Flügel.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2225. Vor der Schlacht soll ihn Saʿd aufgefordert haben, als Dichter und Redner unter den Stämmen und Bannern umherzugehen und sie zum Kampf anzufeuern.Ad-Dīnawarī: Kitāb al-Aḫbār aṭ-ṭiwāl. 1882, S. 128. Nach der Schlacht und der Niederlage der Perser hatten er und al-Qaʿqāʿ ibn ʿAmr at-Tamīmī die Aufgabe, diejenigen Perser, die flussaufwärts oder flussabwärts geflohen waren, zu verfolgen und zu töten.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2338, 2341, 2346. Noch im Jahre 14 der Hidschra (635/36 n. Chr.) wurde Schurahbīl von Saʿd ibn Abī Waqqās zum Statthalter von al-Madā'in ernannt.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2360f.

Streit mit al-Aschʿath ibn Qais in Kufa und Versetzung nach Syrien Von der Zeit des Auszugs aus Medina bis zur Gründung Kufas hatte Schurahbīl bei seinem Stamm größeren Einfluss als al-Aschʿath ibn Qais.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ al-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2225. Nach einem Bericht, der auf Muhammad ibn as-Sā'ib al-Kalbī (gest. 763) zurückgeführt wird, rivalisierte er aber in Kufa mit al-Aschʿath um die Führung der Kinda.Al-Balāḏurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. Ed. Michael Jan de Goeje. Brill, Leiden, 1866. S. 138. Digitalisat – Deutsche Übers. Oskar Rescher. S. 141. Digitalisat Al-Madā'inī (gest. 850) beschreibt das Verhältnis zwischen den beiden als „Entfremdung“ (tabāʿud).al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. 1996, Bd. V, S. 91.

Nach einem Bericht, den al-Balādhurī unter Berufung auf asch-Schaʿbī zitiert, ehrte Saʿd ibn Abī Waqqās Schurahbīl und zog ihn al-Aschʿath vor, was die Kinda erzürnte. Dies hatte auch damit zu tun, dass Schurahbīl als Befehlshaber spezielle Bußriten einführte. So bot er denjenigen Männern an, die in der Zeit der Dschāhilīya ein Hadd-Vergehen begangen hatten, sie zu läutern. Die betreffenden Männer gestanden dann ihre Vergehen und wurden anschließend von ihm ausgepeitscht.al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. 1996, Bd. V, S. 91. Nach einer anderen Überlieferung, die Ibn ʿAsākir anführt, bezog sich die Läuterung nicht auf die Zeit der Dschāhilīya, sondern auf Hadd-Vergehen, die die muslimischen Kämpfer auf Feindesgebiet begangen hatten, „wo es Frauen und Alkohol gab.“ Als ʿUmar ibn al-Chattāb von diesen Praktiken hörte, rügte er sie und warf Schurahbīl vor, seinem Stamm zu befehlen, „Dinge aufzudecken, die Gott mit seinem Schleier verhüllt hatte“.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1995, Bd. XXII, S. 461f.

Später zog ʿUmar Schurahbīl nach Syrien ab. Für diese Versetzung werden in den arabischen Quellen zwei Gründe angegeben. Zum einen soll Dscharīr ibn ʿAbdallāh al-Badschalī, der als Abgesandter von Kufa zu ʿUmar reiste, Schurahbīl auf Wunsch von al-Aschʿath bei diesem in Misskredit gebracht haben.al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. 1996, Bd. V, S. 91f. Zum anderen soll ʿUmar damit dem Wunsch von Schurahbīls Vater al-Simt nachgekommen sein, der nach Syrien gezogen war, Homs eingenommen und sich mit seinen Truppen in der Stadt niedergelassen hatte. Er soll zu ʿUmar gezogen sein und ihn gebeten haben, ihn mit seinem Sohn zusammenzuführen. Der Bericht, der auf al-Kalbī zurückgeführt wird, zitiert Schurahbīls Vater Simt mit den Worten an ʿUmar: „O Befehlshaber der Gläubigen. Die Kriegsgefangenen trennst Du nicht, mich und meinen Sohn hast Du aber getrennt. So versetze ihn nach Syrien oder mich nach Kufa.“ ʿUmar habe daraufhin Schurahbīl nach Syrien versetzt, wo er sich bei seinem Vater in Homs niederließ.

Als Militärführer und Statthalter in Homs Später erlangte Schurahbīl in Syrien eine hohe Stellung.al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. 1996, Bd. V, S. 91f. Während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān (reg. 644–656) teilte er Homs neu unter den arabischen Stämmen auf.Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 155. Muʿāwiya stellte ihn an die Spitze eines Teils seiner Armeen.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1995, Bd. XXII, S. 455. Nach einer Überlieferung, die Ibn ʿAsākir anführt, begab sich Schurahbīl auch eine Zeitlang nach Ägypten, um von dort an kriegerischen Unternehmungen im Maghreb teilzunehmen.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1995, Bd. XXII, S. 459. Nach einer Überlieferung, die auf den arabischen Geschichtsschreiber Chalīfa ibn Chaiyāt zurückgeht, war Schurahbīl ungefähr 20 Jahre Statthalter von Homs.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1995, Bd. XXII, S. 461.

Seine Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Muʿāwiya und ʿAlī Das Werben Muʿāwiyas um Schurahbīls Unterstützung Die meisten Berichte über Schurahbīl in der arabischen Geschichtsschreibung betreffen seine Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Muʿāwiya und ʿAlī nach der Ermordung ʿUthmāns und der Kamelschlacht im November 656.Zur Datierung siehe al-Minqarī: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 47, wo auf die Kamelschlacht Bezug genommen wird. In dieser Zeit kam Dscharīr ibn ʿAbdallāh mit einem Brief ʿAlīs zu Muʿāwiya und forderte ihn auf, ʿAlī den Treueid zu leisten. Nach übereinstimmenden Berichten teilte Muʿāwiya in dieser Situation Dscharīr mit, dass er die Entscheidung darüber Schurahbīl überlassen wollte, weil er „einer der hervorragenden Männer Syriens“So Ibn Aʿṯam al-Kūfī: Kitāb al-Futūḥ. Bd. II, S. 516f. bzw. „das Oberhaupt der Syrer“ (raʾs ahl aš-šām) sei.al-Minqarī: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 44. Dies soll eine Empfehlung von ʿAmr ibn al-ʿĀs gewesen sein. Er schlug Muʿāwiya vor, so vorzugehen, weil er wusste, dass Schurahbīl mit Dscharīr verfeindet war. Muʿāwiya solle einen Gesandten zu Schurahbīl zu senden und verbreiten zu lassen, dass ʿAlī ʿUthmān getötet habe. Das werde die Leute hinter ihm vereinen. Muʿāwiya forderte daraufhin Schurahbīl brieflich auf, zu kommen, und rief gleichzeitig mehrere südarabische Stammesführer auf, die seine Vertrauensleute und Schurahbīls Verwandte waren, Schurahbīl nach seinem Eintreffen zu bezeugen, dass ʿAlī ʿUthmān getötet habe. Die Männer, die Muʿāwiya auf diese Weise vorbereitete, werden in den Quellen namentlich genannt: Yazīd ibn Asad, Busr ibn Artāt, ʿAmr ibn Sufyān, Machāriq ibn al-Hārith az-Zubaidī, Hamza ibn Mālik und Hābas ibn Saʿd at-Tā'ī.al-Minqarī: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 44 und Ibn Aʿṯam al-Kūfī: Kitāb al-Futūḥ. Bd. II, S. 518.

Als der Brief Schurahbīl in Homs erreichte, befragte er zunächst die jemenitischen Araber von Homs darüber, wie er antworten sollte. Hierbei stellte er fest, dass diese unterschiedlicher Meinung waren. ʿAbd ar-Rahmān ibn Ghanm al-Azdī, der zu den gelehrtesten Leuten Syriens gehörte, riet ihm hinsichtlich des Vorwurfs, dass ʿAlī ʿUthmān getötet habe, zur Vorsicht. Wenn dies ʿAlī tatsächlich getan haben sollte, so müsse berücksichtigt werden, dass die Muhādschirūn und Ansār, die die Richter über die Menschen seien, ihm den Treueid geleistet hatten. Wenn aber ʿAlī ihn nicht getötet hatte, warum sollte dann Schurahbīl Muʿāwiya glauben und sich und sein Volk zugrunde richten. Um zu vermeiden, dass Dscharīr seinen Platz einnähme, empfahl ʿAbd ar-Rahmān Schurahbīl, sich zu ʿAlī ibn Abī Tālib zu begeben und ihm die Baiʿa zu leisten, was Schurahbīl jedoch ablehnte.al-Minqarī: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 45.

Eine weitere Person, die ihm davon abriet, zu Muʿāwiya zu gehen, war der Asket ʿIyād ath-Thumālī. Er sandte ihm ein Gedicht,al-Minqarī: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 45f. in dem er ihn aufrief, nicht auf ʿAmr zu hören und sich nicht von Muʿāwiya täuschen zu lassen, der sich zum König und Imam über sie erheben wolle und das Blut der jemenitischen Araber für das Wohl der Quraisch einsetzen wolle. Um nicht dem Unglauben anheimzufallen, solle er lieber ʿAlī die Baiʿa leisten, der der beste Mann von den Banū Hāschim sei. Ihm gegenüber seien die Menschen durch einen Vertrag genauso verpflichtet wie früher gegenüber Abū Hafs (= ʿUmar ibn al-Chattāb) und Abū Bakr.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 200.