Orso Particiaco, in den zeitlich näheren Quellen Ursus, bzw. Partecipazio oder Participazio in den neuzeitlichen Darstellungen, war nach der venezianischen traditionellen Geschichtsschreibung, also der vom Staat kontrollierten Historiographie, nie als Doge von Venedig anerkannt, weil er eher als Mitherrscher galt, als Mitdoge. Er war nur kurzzeitig, etwa von 885 bis 887, Mitdoge seines älteren Bruders Iohannes II. Particiaco, der als alleinherrschender Doge Anerkennung in den Augen der örtlichen Historiographie fand. Ursus soll die Kirche Santi Cornelio e Cipriano auf dem Lido di Malamocco gegründet haben (sie wurde später nach Murano verlegt).

Er trat gemeinsam mit seinem schwer erkrankten ältesten Bruder zugunsten des Dogen Pietro Tradonico zurück, der, wie eine Reihe von Dogen in diesen Jahrzehnten, ebenfalls nur für kurze Zeit herrschte. Bereits sein Bruder Petrus war als sein Vorgänger im Amt des Mitdogen früh gestorben und ein weiterer Bruder war bei einem Überfall ums Leben gekommen. Damit endete die Dynastie der Particiaco-Familie, ausnahmsweise durch Rücktritte, nicht durch den Tod der Dogen. Johannes und Ursus waren ihre letzten Repräsentanten. Die Familie Badoer führte sich später auf die Particiaco/Partecipazio zurück.

Das Amt des Mitdogen Ursus war der Bruder und Mitdoge Iohannes’ II., der seinerseits durch seinen Vater Ursus ohne Wahl ins Amt gebracht worden war. Nach dessen Tod folgte ihm Iohannes im Jahr 881 im Amt des Dogen.

Außenpolitisch erlangte Iohannes von Kaiser Karl III. 883 in Mantua die Erneuerung der bereits unter Ursus I. im Jahr 880 erneuerten Privilegien, die wiederum auf das Pactum Lotharii von 840 zurückgingen. Es gelang jedoch nicht, das Territorium von Comacchio zu okkupieren, das der Papst beanspruchte. Um die Herrschaft über die bei Ferrara gelegene Stadt zu erlangen, schickte Iohannes seinen Bruder Badoer zu Verhandlungen nach Rom zu Papst Hadrian III., doch kam dieser infolge eines Angriffs durch Marino, den Grafen von Comacchio, ums Leben (auf ihn führte sich die Familie Badoer zurück). Aus Rache ließ der Doge 883 die Stadt verwüsten, die trotz der Zerstörungen weiterhin eine bedeutende Konkurrentin Venedigs blieb.

Gegen Ende seiner Regierungszeit löschte eine Reihe von Todesfällen die Familie in der männlichen und damit herrschaftsberechtigten Linie aus. Zunächst erhob der Doge seinen jüngsten Bruder Petrus zum Mitdogen, da er selbst erkrankt war. Dieser jedoch, vom Volk akklamiert, starb schon bald im Alter von nur 25 Jahren. Der verbliebene Bruder Ursus kam auch nicht in Frage, denn dieser lehnte es ab, das Amt zu übernehmen, obwohl er schon als Mitdoge geherrscht hatte. Laut der Chronik des Johannes DiaconusLa cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime (= Fonti per la storia d’Italia [Medio Evo], IX), Rom 1890, S. 59–171, hier: S. 128 (Digitalisat). wählten die Venezianer angesichts dieser Situation Petrus Candianus zum Dogen. Diesen Übergang soll Iohannes II. laut der Chronik selbst eingeleitet haben, indem er Petrus Candianus zum Mitregenten erhob. Er selbst dankte am 17. April 887 ab, am selben Tag, an dem er Petrus die Insignien der Macht übergeben hatte, womit die kurzlebige Dynastie der Particiaco endete. Petrus Candianus kam seinerseits nach fünf Monaten ums Leben.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der kurzen Mitherrschaft des Ursus gab, insofern von symbolischer Bedeutung, als eine der Dynastie bildenden Familien mit dem Ableben der Particiaco-Brüder endete. Das Schicksal hatte somit den dritten Versuch in der Geschichte Venedigs zunichtegemacht, eine Dynastie dauerhaft durchzusetzen. Der Doge hält in seiner Chronik die Erhebung eines Mitdogen, genauer gesagt die gleichzeitige Herrschaft zweier Dogen, für „verderblich“, wie bereits Henry Simonsfeld konstatierte.Genauer heißt es: „perniciosae rei exemplum“ (zitiert nach Henry Simonsfeld: Andreas Dandolo und seine Geschichtswerke, T. Theodor Ackermann, München 1876, S. 138 f.). Ungewöhnlich ist dabei der friedliche Übergang des Amtes in dieser ansonsten überaus gewalttätigen Epoche Venedigs, aber auch der freiwillige Verzicht durch den Mitdogen Ursus.

Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer in dieser Zeit längst üblichen, von Einzelpersonen dominierten Ebene dar.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 39. Als der Doge erkrankte – „de corporal infirmitade agrevado“ –, so der Chronist, „Piero Badoer, suo fradelo, coaiuctor et compagno nel seggio dugal constituì“. Petrus erscheint hier also als „coaiuctor“ und „compagno“. Nach dieser Chronik verzichteten der Doge und sein Bruder Ursus am Ende nach acht Herrschaftsjahren gemeinsam auf das Dogenamt: „lui cum suo fradelo refiutò lo ducado“.

Mit einigen Abweichungen berichtet Pietro Marcello. Er führt 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de’prencipi di Vinegia übersetzten Werk aus,Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 26 f. (Digitalisat). Johannes, der seit 881 Doge war, sei erkrankt und daher habe er seinen Bruder Pietro ausdrücklich zu seinem Nachfolger erhoben. Doch gesundete der Doge wieder, so dass Pietro nun Mitdoge wurde. Nach Pietros Tod „si tolse in compagnia Orso suo fratello minore“. Gemeinsam mit diesem ‚jüngeren‘ Bruder, den er statt des verstorbenen Pietro zum Mitdogen erhoben hatte – „in compagnia“ –, traten beide, Iohannes erneut schwer erkrankt, gemeinsam vom Dogat zurück. Genauer gesagt heißt es dort aber nur: „lasciò il Magistrato“. Dies sei noch vor Erreichen des sechsten Herrschaftsjahres geschehen.

In seinen Historie venete dal principio della città fino all’anno 1382 berichtet Gian Giacomo Caroldo über „Ioanni Badoaro“, er habe das Regiment ab 871 allein geführt.Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 64 f. (online). Von der Rettung Grados heimgekehrt sei Johannes zum Mitdogen erhoben worden. Den Handel mit Sklaven verboten er, sein Vater, Klerus und Volk gemeinsam: „li Duci co’l’ Clero et Popolo“. Für Caroldo war es offenbar unproblematisch, Vater und Sohn gleichermaßen als „Duci“ anzusprechen. Nach der Schilderung des Todes Badoers und der folgenden Racheaktionen berichtet der Autor von der Bestätigung der alten Rechte durch den Kaiser. Dann setzt Caroldo, der Erkrankung, Amtserhebung und Tod des Petrus aufführt, fort: „Morto Pietro, il Duce fece consorte del Ducato messer Orso l’altro fratello“. Als der Doge also schwer erkrankte, war das Volk damit einverstanden, dass er nach dem Tod Pietros Orso, einen weiteren Bruder, zum Mitdogen („consorte“) erhob. Dieser gründete die Kirche Santi Cornelio e Cipriano auf dem Lido di Malamocco an einem Ort namens Vigna. Sie sollte der „Cappella di San Marco“ unterstehen, also dem späteren Markusdom. Als der Doge erneut erkrankte, gestattete er dem Volk, einen anderen, ihm genehmen Dogen zu wählen („permesse al Popolo ch’elegesse un Duce che più li fusse grato“). Johannes übergab dem gewählten Pietro Candiano „l’insegne del Ducato et sede Duce“. Dieser Pietro kam am 17. September 887 ebenfalls ums Leben. Johannes hörte trotz seiner Krankheit auf die Bitten des Volkes – „per soddisfare alle preghiere del Popolo“ –, sein Amt wieder aufzunehmen. Nach sechs Monaten und dreizehn Tagen waren die „pubblici rumori“ soweit beruhigt, dass er das Volk dazu überreden konnte, im Jahr 888 abermals einen neuen Dogen zu wählen. Caroldo unterscheidet also sorgsam zwischen den Amtserhebungen, die jedes Mal dann vonnöten wurden, wenn Iohannes schwer erkrankte. Bei ihm und seinem Vater wurden beide als Dogen angesprochen, dann setzte er unter Zustimmung der Volksversammlung Petrus zu seinem Nachfolger ein, um ihn nach seiner Gesundung zum „consorte“ zu machen. Ursus wurde von vornherein zum „consorte“ erhoben, vielleicht war dazu nicht die Zustimmung des Volks nötig. Er seinerseits gestattete dem Volk einen neuen Dogen zu wählen, das Volk wiederum konnte den abgetretenen Dogen bitten, das Amt wieder anzunehmen.

In der 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben des Frankfurter Juristen Heinrich Kellner, die auf Marcello aufbauend die venezianische Chronistik im deutschen Sprachraum bekannt machte,Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 10r–10v (Digitalisat, S. 10r). nahm Johannes „Orsi Son / … das Regiment an/im 881.jar“. Auch bei ihm eroberte der Doge aus Rache für den Tod Badoers Comacchio „mit wenig mühe. Strafft auch die gantz hart / so umb seines Bruders Todt mit wissenschaft hatten“. Auch überzog er die „Ravignaner“ mit „Schwerdt und Fewer.“ Doch bald erkrankte er schwer und „macht er zum Nachfolger Petrum / seinen Bruder“. Doch als er wider Erwarten gesundete, nahm er ihn „zu einem Gehülfen im Regiment“. Als auch Petrus starb, „erwehlet er ihm zum Gesellen seinen jüngern Bruder Orsum“. Erneut erkrankte der Doge und so „ubergab er sampt seinem Bruder den Befelch / als er noch nicht sechß jar auß regieret hatt.“ Der Jurist Heinrich Kellner unterscheidet sorgsam zwischen dem Status eines Nachfolgers (hier ohne Zustimmung der Volksversammlung) und dem eines „Gehülfen“.

In der Übersetzung der Historia Veneta des Alessandro Maria Vianoli, die 1686 in Nürnberg unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 107–111, Übersetzung (Digitalisat). war die Gleichsetzung der Badoer mit den Particiaco, beginnend mit Johannes’ Vater, bereits Standard. 881 folgte dem verstorbenen Ursus ohne Umschweife sein Sohn Iohannes, ein Zusammenhang zu Grado, also aus Dankbarkeit, bestand damit nicht, erst recht keine Erhebung zum Dogen zu Lebzeiten des Vaters. Als nach dem Tod Badoers und dem Straffeldzug gegen Comacchio und Ravenna der Doge schwer erkrankte, „ernennete“ er „seinen Bruder ihm zum Nachfolger“, doch als der Doge „gantz unverhoffter Weise wiederum genesen / nur als ein Mitgehülfe dem Regiment vorgestanden“, und auch er habe „seinem jüngeren Bruder Orso die Stelle eingeraumet“. Vianoli erkennt den Mitdogen gewissermaßen ihr Amt wieder ab und macht ihn zum „Mitgehülfen“.