Die Kartellgeschichte (oder Kartellgeschichtsschreibung; ) ist ein Teilgebiet der Industriegeschichte und Unternehmensgeschichte. Da Kartelle eine besondere Ausprägung von Verbänden darstellen, ist auch die Geschichte des wirtschaftlichen Verbandswesens berührt. Sofern Kartelle eine gesamtwirtschaftliche und politische Bedeutung hatten, ist darüber hinaus die Geschichte der Wettbewerbspolitik, Ordnungspolitik, ja mehr oder weniger der gesamten Wirtschaftspolitik betroffen.

Quellen Für die Kartellgeschichtsforschung kommen als schriftliche Quellen ein vielfältiges Archivmaterial in Frage, nämlich Dokumente aus den Archiven von Unternehmen, die in einer Beziehung zum jeweiligen Kartell standen, etwa als Mitglieder oder Außenseiter; den betreffenden Kartellen selbst oder Instanzen wie Ministerien oder Kartellbehörden, welche Kartelle beobachteten oder überwachten.

Diese Quellen können durch persönliche Nachlässe ergänzt werden von Personen in entsprechender beruflicher Position. In Gestalt der baulichen Überreste ehemaliger Kartellzentralen oder deren Verkaufsstellen bestehen z. T. auch aussagekräftige Sachquellen bzw. auch Bildquellen darüber.

Kriterien für die Epochengliederung Kartelle entstehen aus marktwirtschaftlichen Bedingungen heraus zur Einschränkung von Wettbewerb und zur Wettbewerbsbeschränkung. Solche Verhältnisse bestanden mehrfach in der Geschichte, aber keineswegs beständig. Kartelle hörten üblicherweise auf zu bestehen, wenn der freie Wettbewerb durch staatliches Eingreifen beendet wurde. Dies konnte durch eine Änderung der Wirtschaftspolitik erfolgen. Auch die großen Weltkriege stellten eine Zäsur für die Kartellgeschichte dar, weil die Geschäftsabsprachen zwischen Unternehmen dadurch undurchführbar gemacht wurden. Ein weiteres Kriterium besonders für das 20. Jh. ist das Einsetzen oder die Durchsetzung eines allgemeinen Kartellverbots. Die trotzdem neu gegründeten oder auch rechtswidrig fortbestehenden Wirtschaftskartelle verhielten sich anders als in Zeiten, als Kartelle rechtlich zulässig waren.

Kartelle in der Antike Während der europäischen Antike, etwa im römischen Kaiserreich bis zum 3. Jh., bestanden über einige Jahrhunderte hinweg einigermaßen marktwirtschaftliche Verhältnisse. Hier können erste Kartelle belegt werden.Hans-Heinrich Barnikel: Kartelle in Deutschland. In: Ders. (Hrsg.): Theorie und Praxis der Kartelle, Darmstadt 1972, S. 1.

Kartelle im Mittelalter Im Mittelalter und danach gab es in Europa Zünfte, in diesem Sinne Zusammenschlüsse von Handwerkern gleicher Branchen. Diese gelten oder galten in der Wissenschaft als kartellähnlich oder mit Kartellen vergleichbar.Holm A. Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien, Hildesheim 2013, S. 79. Im Bergbau des Spätmittelalters gab es bereits straff organisierte Vertriebskartelle, beispielsweise das Salz-Syndikat der Königreiche Frankreich und Neapel von 1301, oder das Alaun-Kartell von 1470 zwischen dem Vatikan und dem Königreich Neapel.Nino Herlitzka: Bemerkungen zur historischen Entwicklung von Kartellen. In: Ludwig Kastl (Hrsg.): Kartelle in der Wirklichkeit. Festschrift für Max Metzner zum 75. Geburtstag. Köln 1963, S. 124–127 Beide Verbände besaßen eine gemeinsame Verkaufsorganisation für die jeweilige Gesamtproduktion, die Societas Communis Vendicionis.

Kartelle im 19. Jh. bis ca. 1870 Der Wiener Kongress schuf eine europäische Friedensordnung mit vershältnismäßig stabilen Wirtschaftsbeziehungen. Kartelle konnten sich in den zunehmend liberaler werdenden Volkswirtschaften herausbilden. 1828 wurde z. B. der Neckarsalinenverein gegründet, ein Verkaufskartell zwischen vier Salinenbetrieben am Neckar. Durch deren Zugehörigkeit zu insgesamt drei Staaten, nämlich den Sitzländern Großherzogtum Baden, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Württemberg handelte es sich um ein internationales Kartell. Zielsetzung von Kartellen jener Zeit war in erster Linie die Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse gegenüber konjunktureller Volatilität durch gezielte Produktions- und Marktregulierung auf einem auskömmlichen Preisniveau. Kartelle mit der Zielsetzung einer Monopolisierung von Märkten und Preismaximierung bildeten eher die Ausnahme.

Kartelle von ca. 1870 bis zum Ersten Weltkrieg Im letzten Drittel des 19. Jh. wurde das Vereinigungsstreben der Unternehmer gleicher Branche zu einer um sich greifenden Massenbewegung, zur Kartellbewegung. Kartellvereinigungen entwickelten sich seit dem späten 19. Jahrhundert in nahezu allen Branchen und vielen Ländern zu einer üblichen Art der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit. Besonders ausgeprägt war die Kartellbewegung in Deutschland und Österreich. Bis zum Zweiten Weltkrieg galt das Deutschland als das „klassische Land der Kartelle“, bis zum Ersten Weltkrieg aber zusammen mit dem ebenfalls sehr kartellfreudigen Österreich.Holm A. Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien, Hildesheim 2013, S. 83. Auch die USA durchliefen im letzten Drittel des 19. Jh. eine Phase intensiver Kartellisierung: Es war die Zeit der Robber barons, also brachialer Industrieller und Selfmademen, in der instabile Quotenkartelle (pools) bald zu horizontalen Konzernen, den Trusts, führten.Holm Arno Leonhardt: The development of cartel+ theory between 1883 and the 1930s. Hildesheim 2018. p. 18.

In Deutschland hatten die Unternehmer eine „ruinöse Konkurrenz“ in größerem Maße in der sogenannten Gründerkrise kennengelernt. Daraufhin und auch in den darauffolgenden Phasen wirtschaftlicher Instabilität schlossen sich zahlreiche Unternehmen der Grundstoffindustrie zu Kartellen zusammen. Von vielen Nationalökonomen war die Kartellbildung als ein Mittel gegen die Wechselbäder der Konjunktur, zur Vermeidung von Absatzkrisen und ruinösem Wettbewerb betrachtet worden. Friedrich von Kleinwächter beschrieb Kartelle als „Kinder der Not“. Dies Kartellbewegung wurde von der Reichsregierung durch eine kartellfreundliche Rechtsprechung sowie von den Banken stark unterstützt, welche die Bildung von Kartellen einer sonst fälligen Marktbereinigung durch Unternehemszusammenbrüche vorzogen. Breite Gesellschaftskreise waren zunehmend von der positiven Wirkung von Kartellen überzeugt. Dazu zählten auch Arbeitnehmer und Gewerkschaften, die geregelte Märkte und Erzeugung dem ungehemmten Wettbewerb vorzogen, da damit mehr Arbeitsplatzsicherheit und regelmäßige Einkünfte verbunden waren. Selbst Radikalsozialisten begrüßten die Bildung von Kartellen, die darin eine Vorstufe zu dem von ihnen erhofften, endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus sahen. Ein leidenschaftlicher Anhänger von Wirtschaftskartellen nach deutschem Vorbild war unter anderem Lenin, der hierfür allerdings Begriffe wie „Kombinat“ und „Kooperative“ bevorzugte. Obwohl Kartelle in Deutschland (im Unterschied zu heute) rechtsmäßig waren und Rechtsschutz genossen, wurde der Terminus „Kartell“ von den Unternehmern selbst meist nicht ausdrücklich benutzt. Im Gebrauch waren Begriffe wie „Syndikat“, „Gemeinschaft“, „Konvention“, „Vereinigung“.

In der Blütezeit der Kartellbewegung entwickelte sich die sog. „Mannigfaltigkeit der Kartelle“: Es gab sehr unterschiedliche, eigentümliche Arten von Zusammenschlüssen. Sie waren in individueller Weise geografisch, preispolitisch, produkt- oder produktionsbezogen ausgerichtet und verbundene Regelungen für verschiedene wirtschaftliche Parameter. Überwiegend aber waren Wirtschaftskartelle dieser Epoche noch national. Die ersten internationalen Kartelle mit deutscher Beteiligung waren das im Jahr 1881 gegründete Gasrohr-Exportkartell zwischen Großbritannien und Deutschland sowie das im selben Jahr entstandene Kesselrohr-Exportkartell zwischen Belgien, Deutschland und Großbritannien. Im Jahr 1883 folgte das Internationale Schienenkartell zunächst mit Unternehmen aus Belgien, Deutschland und Großbritannien, später kamen solche aus Luxemburg, den USA und weiteren Länder hinzu.

Weitere Beispiele für Kartelle mit Gründungsjahr ab ca. 1870: Amerikanische Kartelle im Erdölbereich: Die South Improvement Company von 1871, die National Refiners Association von 1872 und weitere Zusammenschlüsse von Raffinerieunternehmen der 1870er Jahre waren Entwicklungsstufen hin zum Standard Oil Trust von 1882 und der Standard Oil Company von 1890. Internationales Diamantenkartell unter der Führung des Bergbaukonzerns De Beers, 1873–1992.Debora L. Spar, The cooperative edge. The internal politics of international cartels, Ithaca [u. a.]/Cornell Univ. Pr., 1994, S. 39–87. Internationales Aluminiumkartell, 1886–1978; Rheinisch-Westfälisches Kohlen-Syndikat, 1893–1945; Mitteldeutsches Braunkohlen-Syndikat, 1910–1913 als GmbH, 1919–1945 staatliches Zwangssyndikat; Chemiefarben Kartelle in Westdeutschland zwischen Ende des 19. Jh. und 1926, aus denen der I.G. Farben-Konzern (1945 aufgelöst) entstand; Schweizerische Käseunion, von 1914 bis 1999 exklusive Vermarktung der drei Schweizer Hartkäsesorten Greyerzer, Emmentaler und Sbrinz.

Kartellstatistik und Kartellliteratur Die Kartelle wurden seit Ende des 19. Jh. zunehmend auch statistisch, also von ihrer zahlenmäßigen Bedeutung erfasst. Dies war die Folge eines gesteigerten politischen und wissenschaftlichen Interesses, das sich in einer Vielzahl von Veröffentlichungen und in der Herausbildung einer wissenschaftlichen Kartelltheorie niederschlug. Zwischen 1902 und 1905 fand im Deutschen Reich mit der Kartellenquete eine erste Untersuchung über die Bedeutung von Kartellen für die Volkswirtschaft statt. Die Fachliteratur zum Kartellwesen, bis in die 1930er Jahre überwiegend deutschsprachig, wurde auf ca. 1000 Monographien (bis Ende der 1950er Jahre) geschätzt.Holm A. Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien, Hildesheim 2013, S. 73.

+ Gesamtzahl der Kartelle in DeutschlandBechtold, Hartmut (1986): Die Kartellierung der deutschen Volkswirtschaft und die sozialdemokratische Theorie-Diskussion vor 1933. Frankfurt a. M.: Haag u. Herchen, S. 75; König, Kartelle und Konzentration, in: H. Arndt (Hg.), Die Konzentration in der Wirtschaft, Bd. 1, Berlin 1960, S. 304; Frederick Haussmann, Der Wandel des internationalen Kartellbegriffs. Amerikanische Kartelldoktrin und World Trade Charter, Bern 1947, S. 9. Jahr Anzahl1865 41875 81887 701888 751889 1061890 1171896 2501900 3001905 3851910 6731920 10001923 15001925 2500Ende der 1930er Jahre 2000–2500

Gesamtzahl der Kartelle in EuropaFrederick Haussmann, Der Wandel des internationalen Kartellbegriffs. Amerikanische Kartelldoktrin und World Trade Charter, Bern 1947, S. 9. Ende der 1930er Jahre: ca. 10.000

Gesamtzahlen der internationalen Kartelle:Clemens Wurm, Politik und Wirtschaft in den Internationalen Beziehungen. Internationale Kartelle, Außenpolitik und weltwirtschaftliche Beziehungen 1919–1939, in: ders. (Hrsg.), Internationale Kartelle und Außenpolitik, Stuttgart, 1989, S. 9. 1931: 321

+ Kartell-Anteil am Bruttoproduktionswert in der deutschen IndustrieWilhelm Treue, Hans Pohl: Die Konzentration in der deutschen Wirtschaft seit dem 19. Jahrhundert. Wiesbaden 1978, S. 41.Industriezweig19071925/19281935/1937 Bergbau 74 83 95 Eisen- u. Stahlerzeugung - - - Eisen- u. Stahlwarenindustrie 20 30 75 Metallhütten- u. Halbzeugwerke 10 31 80 Metallwarenindustrie - 15 20 Chemische Industrie - 70 75 Maschinen- u. Apparatebau 2 15 25 Elektroindustrie 9 14 20 Fahrzeugbau u. Schiffbau 7 11 15 Feinmechanisch-optische Industrie 5 12 15 Textilindustrie - 10 15 Papiererzeugung u. Verarbeitung 89 70 85 Glasindustrie 36 66 100 Lederindustrie 5 5 10

Kartelle der Zwischenkriegszeit (1918–1939) mini|Die amerikanische Druckmaschinen-Vereinigung ATF erklärte in ihrem Jahrbuch von 1923 ausdrücklich, dass ihr Ziel 'die Entmutigung ungesunder Konkurrenz' in der Druckindustrie sei.