mini|Überreste der Burg Chevremont
Die Burg Chèvremont (historisch auch Kievermont, Kievermunt oder Capremons genannt) ist eine heute kaum noch sichtbare Burgruine in der belgischen Gemeinde Chaudfontaine im Arrondissement Lüttich. Die auf einem steilen Felssporn oberhalb des Flusses Vesdre gelegene, im Frühmittelalter als uneinnehmbar geltende Festung zählte zu den bedeutendsten Residenzen und Zentralorten der frühen Karolinger (Pippiniden).
Nach ihrer endgültigen Zerstörung im ausgehenden 10. Jahrhundert wurden die Überreste im 19. Jahrhundert durch den Bau der Basilika Unserer Lieben Frau von Chèvremont und eines Klosters der unbeschuhten Karmeliten weitgehend überbaut.
Geschichte
Vor- und Frühgeschichte sowie römische Epoche
Die strategisch günstige Höhenlage des Chèvremont-Hügels begünstigte eine frühe Besiedlung. Eine prähistorische Nutzung der Anhöhe ist durch Funde von Abschlägen aus Feuerstein (Silex) aus der Mittelsteinzeit und der Jungsteinzeit sowie durch eine 1980 am Fuß des Hügels entdeckte bronzezeitliche Axt archäologisch nachgewiesen. Eine anschließende keltische Präsenz lässt sich primär über die lokale Toponymie, namentlich das zu Namont gewandelte Nemetum (Heiligtum), herleiten. Aus der gallorömischen Epoche traten bei Grabungen bedeutende Funde zu Tage, darunter eine dem Gott Merkur gewidmete Stele sowie Reste einer Befestigungsmauer der Spätantike nahe der heutigen Kapelle.
Fränkische Blütezeit unter den Karolingern
Ihre historisch bedeutendste Phase erlebte die Anlage vom 7. bis zum 9. Jahrhundert im Frühmittelalter als ein befestigtes Machtzentrum der austrasischen Hausmeier. Nach einem Bericht in der Vita sanctae Beggae, der Heiligenvita der Begga, ließ Ansegisel, ein arnulfingischer Gefolgsmann der Merowinger, die Anlage im 7. Jahrhundert erneuern und schlug dort mit seiner Gemahlin Begga seinen Wohnsitz auf. Über diese Verbindung wurde die Burg zur Wiege der späteren Karolinger-Dynastie. Ihr gemeinsamer Sohn Pippin der Mittlere (Pippin von Herstal) wurde mutmaßlich auf Chèvremont geboren und nach seinem Tod im Jahr 714 im dortigen Marienkloster beigesetzt. Da die Vita sanctae Beggae erst deutlich später entstanden ist, ist die Überlieferung zu dieser Bestattung die älteste Erwähnung der Burg Chèvremont.Pippin der Mittlere wurde laut M.G. SS.13,728 in Kievermunt (Chèvremont) bestattet, siehe auch RI I n. 21b.
Die Burg wird zu Beginn des 8. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Marienkloster als „Novum Castellum“Regesta Imperii II: Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern, neu bearbeitet von Engelbert Mühlbacher Regest Nummer 221 1115 Novo Castello. bezeugt. Der Name „novum castellum“ findet sich auch in einer Urkunde Karls des Großen von 779. Die Burg lag im Zentrum des Besitzes von Karl Martell, Karls Großvater. Da Martells Söhne Karlmann und Pippin ihrem Halbbruder Grifo seinen Anteil am väterlichen Erbe nicht überlassen wollten, ließen sie Grifo Ende 741 auf Burg Chèvremont inhaftierten.
Kaiser Lothar I. (Frankenreich) urkundete 855 auf dem ChèvremontDD Lo.I./Lo.II, Nr.138. Diplomata (Urkunden). Lo.I. / Lo.II. steht für die Kaiser Lothar I. und Lothar II. Es ist ein Verweis auf die Monumenta Germaniae Historica (MGH), genauer gesagt auf die Reihe Die Urkunden der deutschen Karolinger. Es ist die Urkunde Nummer 138, die Kaiser Lothar I. im Jahr 855 auf dem Chèvremont ausgestellt hat., 862 auch sein Sohn, König Lothar II. (Lothringen)RI I n.1296. RI I steht für Regesta Imperii, Band I (Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern 751–918). Das n. steht für Numero (Nummer). Der Inhalt: Regest Nummer 1296 dokumentiert eine Rechtshandlung oder den Aufenthalt von König Lothar II. (von Lothringen) aus dem Jahr 862 auf bzw. im Zusammenhang mit Chèvremont.. Noch Ende 910 bestätigte König Ludwig das Kind der Abtei auf dem Chèvremont dessen BesitzRIplus Regg. EB Mainz 1 [n.527]. Regg. EB Mainz 1 steht für Die Regesten der Erzbischöfe von Mainz, Band 1. Der Inhalt: Der Mainzer Erzbischof war der Erzkanzler des Reiches. Unter der Nummer 527 ist dort die Urkunde von König Ludwig dem Kind aus dem Jahr 910 verzeichnet, mit der er der Abtei auf dem Chèvremont (das dortige Marienkloster) ihre alten Rechte und Besitztümer offiziell bestätigt..
Burg Chèvremont war eine Klosterburg, wie sie zu dieser Zeit typisch für Griechenland, Georgien und Armenien war. Das Marienkloster auf Burg Chèvremont wird häufig mit dem Marienkloster in Aachen verwechselt, was daher rührt, dass Kaiser Otto I. 972 die Besitzungen von Kloster Chèvremont an das Aachener Marienstift schenkteRI II,1 n.547., weshalb die Urkunden beider Klöster zusammengeführt wurden und heute nur eine gemeinsame Überlieferung existiert.
Ottonische Epoche, Belagerungen und Zerstörung
Im 10. Jahrhundert lag Chèvremont im Herzogtum Lothringen (Niederlothringen). Durch den Maasgau-Graf Giselbert kam das 843 entstandene Lothringen an dessen Enkel, Herzog Giselbert von Lothringen. Im Jahr 918 erhob sich Herzog Giselbert von Lothringen gegen den westfränkischen König Karl III. den Einfältigen, woraufhin dieser die Festung im Jahr 922 erfolglos belagerte. Giselbert vermählte sich 928 mit Gerberga, einer Schwester des ostfränkischen Königs Otto I. Dennoch schloss er sich der Rebellion von Ottos jüngerem Bruder Heinrich I. an. In der Folge rückte König Otto I. im Juni 939 vor und belagerte Giselbert auf Burg Chèvremont.
Nach dem Zusammenbruch des Aufstands besetzte und übernahm Pfalzgraf Immo die Burg Chèvremont im Herbst 936, die er bis 966 in seinem Besitz behielt. Zugleich fungierte Immo als Hauptvogt des reichen reichsunmittelbaren Marienklosters innerhalb der Burgmauern. Da Graf Immo Lothringens Unabhängigkeit erhalten wollte, weshalb er mit Königin Gerberga und König Ludwig von Frankreich Verbindung hielt, griff Otto I. die Festung erneut an; das königliche Heer musste sich aufgrund der Uneinnehmbarkeit der Mauern jedoch wieder nach Sachsen zurückziehen.
Burg Chèvremont sah bis 966 mehrfach sowohl Otto I. als auch dessen Bruder, Erzbischof Brun von Köln, amtierender Herzog von Lothringen, zu Besuch. Während ihrer Flucht Ende 955 zu Herzog Hugo dem Großen machten die Grafen Ekbert und Wichmann auf der Burg Chèvremont Station.
Die politische Wende zugunsten der kaiserlichen Zentralgewalt erfolgte im Jahr 972, als Kaiser Otto I. das Kloster Chèvremont mitsamt all seinen reichen Besitzungen an das Aachener Marienstift schenkte. Dadurch wurden die Urkundenbestände beider Stifter dauerhaft zusammengeführt. Im Jahr 986 rückte das kaiserliche Heer unter der Regentin Theophanu, der Mutter des noch minderjährigen Königs Otto III., erneut vor Chèvremont, um aufrührerische lothringische Kräfte niederzuwerfen.
Bischof Notger von Lüttich gelang es sich mit einer List der Burg und des Klosters Chèvremont zu bemächtigen, um die verbliebenen Befestigungen endgültig zu schleifen und die Entstehung eines rivalisierenden Machtzentrums nahe Lüttich dauerhaft zu unterbinden. Nach erfolgreicher Einnahme im Zuge dieser kriegerischen Auseinandersetzungen wurde die Festung im Jahr 987 vollständig zerstört.Ernst M.S.P., Histoire du Limbourg, Ed. Collardin, T1, Liège, 1837
Archäologische Erforschung
Die historischen Ruinen sind an der Oberfläche kaum noch sichtbar und beschränken sich im Wesentlichen auf Fundamentreste der hochmittelalterlichen Kernburg sowie Abschnitte der äußeren Ringmauer mit den Basen von etwa zehn Wehrtürmen. Die archäologische Aufarbeitung des Geländes vollzog sich in mehreren Kampagnen:
1852 und 1862: Erste wissenschaftliche Teilgrabungen und Dokumentationen durch das Institut archéologique liégeois. 1877 bis 1899: Notgrabungen und Fundbergungen im Zuge der weitreichenden Erdarbeiten für den Bau der neugotischen Wallfahrtsbasilika und des angeschlossenen Karmelitenklosters. 1943: Systematische archäologische Untersuchung durch den Archäologen Jacques Breuer. 1965 bis 1967: Großflächige Grabungskampagnen unter der Leitung von Joseph Mertens, bei denen die spätantiken und frühmittelalterlichen Bauphasen des Castrums und der vormaligen Sakralbauten gesichert wurden. 2024: Initiierung einer modernen archäologischen Grabungskampagne im Kontext eines städtebaulichen Projekts zur teilweisen Umnutzung der Basilika Notre-Dame de Chèvremont für Wohnzwecke.
Das historisch geborgene Fundmaterial wird in lokalen wissenschaftlichen Sammlungen in Lüttich verwahrt.
Literatur Studien zur europäischen Vor- und Frühgeschichte, Walter Schlesinger: Beobachtungen zur Geschichte und Gestalt der Aachener Pfalz in der Zeit Karls des Großen Jahresbericht der Gesellschaft für nützliche Forschungen zu Trier Jg. 1854
Einzelnachweise
Kategorie:Bauwerk in Lüttich Kategorie:Burg in Belgien Kategorie:Ersterwähnung im 8. Jahrhundert Kategorie:Karolinger Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Belgien Kategorie:Burgruine in Belgien Kategorie:Zerstört im 10. Jahrhundert Kategorie:Geschichte von Lüttich