Pietro Particiaco, in den zeitlich näheren Quellen Petrus, auch Piero, bzw. später Partecipazio oder Participazio (* um 860; † um 885 in Venedig) war nur kurzzeitig, bis zu seinem Tod, Mitdoge seines älteren Bruders Iohannes II., der als Doge Anerkennung in den Augen der örtlichen Historiographie fand. Nach der venezianischen traditionellen Geschichtsschreibung, also der vom Staat kontrollierten Historiographie, fand er keine Anerkennung als Doge der Republik Venedig, weil er nie allein herrschte. Andererseits erkennt die Überlieferung an, dass Petrus, der jüngste der vier Particiaco-Brüder, für kurze Zeit vom Volk erwählter und von diesem akklamierter Doge war. Dies geschah während der schweren Erkrankung seines älteren Bruders.

Das Amt des Mitdogen, Insignien Petrus war der Sohn und Mitherrscher seines älteren Bruders Iohannes II., der seinerseits durch seinen Vater Ursus ohne Wahl in das höchste Amt gebracht worden war. Nach dem Tod des gemeinsamen Vaters folgte ihm Iohannes als Erstgeborener im Amt des Dogen. Außenpolitisch erlangte Iohannes von Kaiser Karl III. 883 in Mantua die Erneuerung der bereits unter Ursus im Jahr 880 erneuerten Privilegien. Es gelang jedoch nicht, das Territorium der Handelskonkurrentin Comacchio zu okkupieren, das der Papst beanspruchte. Um über die Herrschaft über die bei Ferrara gelegene Stadt zu verhandeln, schickte Iohannes einen anderen Bruder, Badoer, nach Rom zu Papst Hadrian III. Doch kam Badoer auf dem Weg dorthin infolge eines Angriffs durch Marino, den Grafen von Comacchio, ums Leben. Aus Rache ließ der Doge 883 die Stadt verwüsten.

Gegen Ende seiner Regierungszeit löschte eine Reihe von Todesfällen die Dogenfamilie aus, genauer gesagt starben nach Badoer die verbliebenen drei Brüder ebenfalls. Zunächst erhob Iohannes seinen jüngsten Bruder Petrus – „minimum suum fratrem“ wie es bei Johannes Diaconus (ed. Monticolo, S. 128) heißt – zum Mitdogen, da er selbst erkrankt war. Petrus, vom Volk akklamiert und als Nachfolger des Dogen vorgesehen – „populo adclamante, successorem sibi elegit“ –, bewährte sich zwar, starb aber schon bald im Alter von nur 25 Jahren. Er wurde neben seinem Bruder Badoer beigesetzt – „sepultusque fuit iuxta predictum Badovarium fratrem suum.“

Der nach diesem frühen Tod verbliebene Bruder Ursus lehnte es ab, das Amt allein fortzuführen. Damit kam keiner der Brüder mehr für die Nachfolge im Dogenamt in Frage. Laut der Chronik des Johannes DiaconusLa cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime, Rom 1890, S. 59–171, hier: S. 128 (Digitalisat); ed. Zanichelli, III, 32 (Nicola Bergamo: Venezia bizantina, Helvetia editrice, Spinea 2018, S. 134). wählten die Venezianer angesichts dieser Situation Petrus Candianus zum Dogen. Diesen Übergang soll Iohannes laut der besagten Chronik selbst eingeleitet haben, indem er Petrus Candianus zum Mitregenten wählen ließ und indem er ihm ostentativ die Insignien der Dogenherrschaft übergab: Schwert, Szepter und Stuhl – „quem domnus Iohannes dux clementer ad palatium convocans, spatam fustemque ac sellam ei contradidit, eumque sibi successorem constituens“. Er selbst kehrte in sein Haus zurück und dankte damit am selben Tag, dem 17. April 887 ab, womit die Dynastie der Particiaco erlosch.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der kurzen Mitherrschaft des Piero gab, insofern von symbolischer Bedeutung, als eine der mächtigsten Familien mit dem Ableben der Particiaco-Brüder ein Ende nahm. Das Schicksal hatte somit den dritten Versuch in der Geschichte Venedigs zunichtegemacht, eine Dynastie durchzusetzen. Andererseits genoss die Familie weiterhin hohes Ansehen, so dass den Badoer, die zu einer der einflussreichsten Familien aufstiegen, der Nachweis der Abstammung von den Particiaco von hohem Prestigewert war.

Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer in dieser Zeit längst üblichen, von Einzelpersonen dominierten Ebene dar.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 39. Als der Doge erkrankte – „de corporal infirmitade agrevado“ –, so der Chronist, „Piero Badoer, suo fradelo, coaiuctor et compagno nel seggio dugal constituì“. Petrus, hier bereits als Angehöriger der Badoer bezeichnet, erscheint also als „coaiuctor“ und „compagno“. Nach dieser Chronik verzichteten er und sein Bruder Orso am Ende nach acht Herrschaftsjahren gemeinsam auf das Dogenamt: „lui cum suo fradelo refiutò lo ducado“.

Mit weiteren Abweichungen berichtet Pietro Marcello, denn er führt 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk aus,Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 26 f. (Digitalisat). Johannes, der seit 881 Doge war, sei erkrankt und daher habe er seinen Bruder Pietro ausdrücklich zu seinem Nachfolger erhoben: „Giovanni poi, essendo caduto gravemente ammalato, s’ordinò per successore Pietro suo fratello“. Doch gesundete der Doge wieder, so dass Pietro nun Mitdoge wurde („lo prese per compagno nel governo della Repub.“). Nach Pietros Tod „si tolse in compagnia Orso suo fratello minore“. Gemeinsam mit diesem Bruder Ursus, den er statt des verstorbenen Pietro zum Mitdogen erhoben hatte – „in compagnia“ –, traten beide, Iohannes erneut schwer erkrankt, gemeinsam vom Dogat zurück. Genauer gesagt heißt es dort aber nur: „lasciò il Magistrato“. Dies geschah noch vor Erreichen des sechsten Jahres.

In seinen Historie venete dal principio della città fino all’anno 1382 berichtet Gian Giacomo Caroldo über „Ioanni Badoaro“, er habe das Regiment ab 871 allein geführt.Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 64 f. (online). Zuvor hatte er sich große Verdienste erworben, denn nach zwei Tagen vor Grado wichen die Sarazenen vor Johannes und seiner Flotte aus, nachdem sie in der Nachbarschaft noch Orte geplündert hatten. Heimgekehrt sei er zum Mitdogen erhoben worden. Den Handel mit Sklaven verboten er, sein Vater, Klerus und Volk gemeinsam: „li Duci co’l’ Clero et Popolo“. Für Caroldo war es offenbar unproblematisch, Vater und Sohn gleichermaßen als „Duci“ anzusprechen. Nach der Schilderung des Todes Badoers und der folgenden Racheaktionen berichtet der Autor zunächst von der Bestätigung der alten Rechte durch den Kaiser, doch dann setzt Caroldo fort: „Il Duce hebbe una grave infirmità, nella quale (consentiente il Popolo) constitui successore nel Ducato Pietro suo minor fratello; et dopo, risanato, lo fece consorte, il quale, poco dopo, passò di questa vita d’anni XXV. Morto Pietro, il Duce fece consorte del Ducato messer Orso l’altro fratello“. Als der Doge also schwer erkrankte, war das Volk damit einverstanden, dass er seinen jüngeren Bruder Pietro zu seinem Nachfolger erhob. Nach der Gesundung machte er diesen wieder zum Mitdogen. Doch starb Piero bereits mit 25 Jahren nur wenig später. Daher erhob er Orso zum Mitdogen („consorte“), der die Kirche Santi Cornelio e Cipriano auf dem Lido di Malamocco gründete. Als der Doge erneut erkrankte, gestattete er dem Volk, einen anderen Dogen zu wählen („permesse al Popolo ch’elegesse un Duce che più li fusse grato“). Johannes übergab dem gewählten Pietro Candiano „l’insegne del Ducato et sede Duce“. Pietro kam am 17. September 887 ebenfalls ums Leben. Johannes hörte trotz seiner Krankheit auf die Bitten des Volkes – „per soddisfare alle preghiere del Popolo“ –, sein Amt wieder aufzunehmen. Nach sechs Monaten und dreizehn Tagen waren die „pubblici rumori“ soweit beruhigt, dass er das Volk dazu überreden konnte, im Jahr 888 abermals einen neuen Dogen zu wählen. Caroldo unterscheidet also sorgsam zwischen den Amtserhebungen, die jedes Mal dann vonnöten wurden, wenn Iohannes erkrankte. Bei ihm und seinem Vater wurden beide als Dogen angesprochen, dann setzte er unter Zustimmung der Volksversammlung Petrus zu seinem Nachfolger ein, um ihn nach seiner Gesundung zum „consorte“ zu machen. Ursus wurde von vornherein zum „consorte“ erhoben, vielleicht war dazu nicht die Zustimmung des Volkes nötig. Er seinerseits gestattete dem Volk einen neuen Dogen zu wählen, das Volk wiederum konnte den abgetretenen Dogen bitten, das Amt wieder anzunehmen.

In der 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben des Frankfurter Juristen Heinrich Kellner, die auf Marcello aufbauend die venezianische Chronistik im deutschen Sprachraum bekannt machte,Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 10r–10v (Digitalisat, S. 10r). nahm Johannes „Orsi Son / … das Regiment an/im 881.jar“. Ursus entsandte „seinen Bruder Badoerum zu Bapst Johanne / daß er Comachio den Venetianern übergeb.“ Marinus, „Graff zu Comachio“, warf „Badoerum jenseit Ravenna nider/verwundet in/und nam in gefangen.“ Auf die Zusage, auf seine Unternehmung zu verzichten, ließ der Graf ihn zwar frei, doch starb Badoer „kurtz darnach / als er wider zu Hauß kommen war / von dem streich den er empfangen hatt.“ Aus Rache eroberte der Doge Comacchio „mit wenig mühe. Strafft auch die gantz hart / so umb seines Bruders Todt mit wissenschaft hatten“. Auch überzog er die „Ravignaner“ mit „Schwerdt und Fewer.“ Doch bald erkrankte er schwer und „macht er zum Nachfolger Petrum / seinen Bruder“. Doch als er wider Erwarten gesundete, nahm er ihn „zu einem Gehülfen im Regiment“. Als auch Petrus starb, „erwehlet er ihm zum Gesellen seinen jüngern Bruder Orsum“. Erneut erkrankte der Doge und so „ubergab er sampt seinem Bruder den Befelch / als er noch nicht sechß jar auß regieret hatt.“ Auch Kellner unterscheidet sorgsam zwischen dem Status eines Nachfolgers (hier ohne Zustimmung der Volksversammlung) und dem eines „Gehülfen“.

In der Übersetzung der Historia Veneta des Alessandro Maria Vianoli, die 1686 in Nürnberg unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 107–111, Übersetzung (Digitalisat). wird der Doge „Johannes II. Badoarius“ genannt. Die darin erkennbare Gleichsetzung der Badoer mit den Particiaco, beginnend mit Johannes’ Vater, war demnach inzwischen Standard. Als nach dem Tode Badoers und dem Straffeldzug gegen Comacchio und Ravenna der Doge schwer erkrankte, „ernennete“ er „seinen Bruder ihm zum Nachfolger“, doch als der Doge „gantz unverhoffter Weise wiederum genesen/nur als ein Mitgehülfe dem Regiment vorgestanden“, und auch er habe „seinem jüngeren Bruder Orso die Stelle eingeraumet“. Vianoli erkennt den Mitdogen gewissermaßen ihr Amt wieder ab und macht ihn zum „Mitgehülfen“.