Die Jungsozialist*innen Schweiz (kurz: JUSO, oder Eigenschreibweise: JUSO; , , ) ist die Jungpartei der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) und die zweitgrösste Jungpartei der Schweiz. Trotz ihrer Verbundenheit mit der SP ist die JUSO selbständig und bestimmt selbst, wie sie sich politisch engagiert. Gleichzeitig versucht sie, die politische Ausrichtung der SP zu beeinflussen. Ihre Position sieht sie am gewerkschaftsnahen linken Flügel der Sozialdemokratie. Die Sektionen der JUSO Schweiz verfügen über ein hohes Mass an Autonomie gegenüber der Mutterpartei, was auch in der föderalistischen Struktur der Schweiz bzw. der Partei begründet ist.
Positionen Die JUSO fordert eine solidarische Gesellschaft, in der alle Menschen gleiche Chancen haben, ungeachtet der persönlichen Hintergründe wie Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft. Sie setzt sich für die «Überwindung des Kapitalismus» und für den «demokratischen Sozialismus» ein. Traditionell verfolgt sie dieses Ziel durch den Einsatz für die Demokratisierung der Wirtschaft und verteilungspolitische und regulatorische Vorstösse wie die 1:12- und die Spekulationsstopp-Initiative.juso.ch: Sie wehrt sich zudem gegen Rayon- und Ausgangsverbote. So rief die Jungpartei im Sommer 2008 die Veranstalter von Botellones auf, die von Städten wie Bern ausgesprochenen Verbote zu missachten.news.ch: JUSO: Aufruf zur Missachtung des Botellón-Verbots, vom 21. August 2008
Die JUSO hat eine kritische bis ablehnende Haltung zur Armee, was sich zum Beispiel durch Teilnahme am Referendum gegen die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge äussert.juso.ch: juso.ch: Sie setzt sich für den Klimaschutz ein und fordert den Ausstieg aus der Kernenergie.juso.ch:
In der Bildungspolitik fordert die JUSO, dass Noten abgeschafft und durch «qualitative Beurteilungen» ersetzt werden. Sie verlangt zudem eine Aufstockung des Lehrpersonals und erhofft sich so bessere Lernbedingungen für Schülerinnen und Schüler. Ihr Bildungspapier fordert weiter einen Mindestlohn für Lernende; Stipendien sollten national vereinheitlicht werden und zumindest das Existenzminimum garantieren.juso.ch:
Organisation In den Statuten der SP Schweiz ist die JUSO als Jugendorganisation der Partei aufgeführt, organisatorisch ist die JUSO jedoch unabhängig. Sie ist in Kantonal- und Untersektionen gegliedert. Statutarische Organe sind die Delegiertenversammlung, die mindestens viermal im Jahr einberufen wird, die Jahresversammlung, die die Hauptkompetenz hat, die Geschäftsleitung und das Präsidium zu wählen, sowie die Geschäftsleitung mit dem Präsidium selbst. Die Geschäftsleitung ist mit neun Personen besetzt; administrative Aufgaben werden durch das Zentralsekretariat erledigt. Wichtige Entscheidungen (beispielsweise Positionspapiere und Resolutionen) werden grundsätzlich von einer Delegierten- oder Jahresversammlung gefällt.
Die JUSO versteht sich als Teil der internationalen Arbeiterbewegung und der weltweiten sozialistischen Jugendbewegung und ist mit ihren Schwesterorganisationen in der International Union of Socialist Youth (IUSY) zusammengeschlossen. Da die Schweiz nicht EU-Mitglied ist, war die JUSO lange Zeit nur assoziiertes Mitglied der Young European Socialists (YES). Anfang November 2012 wurde der Schweizer Jugendorganisation nach kurzer Diskussion die volle Mitgliedschaft zugesprochen.
Geschichte mini|Demonstration der Sozialdemokratischen Jugend für den Achtstundenarbeitstag (ca. 1920) Vorgängergruppierungen 1900–1971 Die erste historisch belegte Gründung einer sozialistischen Jugendgruppierung in der Schweiz fand mit den «Jungsozialisten» 1894 in Luzern statt. In Bern und Basel wurden darauf zwei ähnliche Gruppierungen gegründet, die jedoch aus Mitgliedermangel erfolglos blieben. In Zürich gründeten einige junge Männer am 25. März 1900 die «Vereinigung gleichgesinnter Arbeiterjünglinge zum Zwecke der Belehrung und der Freundschaft» (Jungburschen). 1906 formierten sich die Jungsozialisten zum «Verband schweizerischer Jungburschen», dem eigentlichen Vorreiter der «Jungsozialist*innen Schweiz». Die Organisation wuchs rasch an und gründete in vielen Orten der Deutschschweiz Sektionen, in denen sie die Mitglieder förderte und bildete.
Ab 1907 erschien in Zürich die Zeitschrift «Der Skorpion. Offizielles Zentralorgan der Schweizerischen Jungburschenvereine», noch im gleichen Jahr und bis 1910 fortgesetzt unter dem Namen «Der Jungbursche». Von 1911 bis 1918 hiess das Periodikum «Freie Jugend. Organ der Sozialdemokratischen Jugendorganisation der Schweiz».
hochkant|mini|Willi Münzenberg (ca. 1920) Als erster eidgenössischer Sekretär der Jungsozialisten in Bern spielte Willi Münzenberg eine zentrale Rolle in der sozialdemokratischen Jugendbewegung. In Zürich versammelten sich die Jungburschen im «Pockenhüsli» in Aussersihl, wo sich nebst den Jungburschen auch politische Emigranten trafen. Ab 1911 konnten erstmals auch Frauen der Organisation beitreten. In der Folge gründete sich diese neu als «Sozialdemokratische Jugendorganisation der Schweiz». 1913 zählte die Organisation rund 750 Mitglieder, 1917 wurden 5000 Mitglieder gezählt, davon etwa ein Fünftel Mädchen.
1921 spaltete sich der linke Flügel der Sozialdemokratischen Partei ab und gründete die Kommunistische Partei der Schweiz. Nachdem sich 1919 die Kommunistische Jugendinternationale konstituiert hatte, schloss sich die Sozialdemokratische Jugendorganisation der Schweiz ihr an und änderte ihren Namen zu «Kommunistischer Jugendverband der Schweiz (KJV)». Erst 1922 nahm die sozialdemokratische Jugendorganisation ihre Arbeit wieder auf, als im Tessin die «Federazione Giovanile Socialista Ticinese» gegründet wurde. Sie setzte sich im italienischsprachigen Landesteil gegen den aufkommenden italienischen Faschismus ein. 1945 bis 1948 erschien die «Neue Schweiz. Zeitung der Sozialistischen Jugend der Schweiz».
1946 trat die SDJ der neu gegründeten International Union of Socialist Youth bei. Als zentrales Thema nannte die SDJ die Situation der Lehrlinge und der jungen Arbeitnehmern. Sie setzte sich für die Vierzigstundenwoche sowie für drei Wochen bezahlte Ferien für Lehrlinge ein. Weiterhin beschäftigte sich die Organisation mit der Bildung der Mitglieder und engagierte sich in den Jugendparlamenten der Grossstädte. Anfang der 1950er Jahre wurde die «Sozialistische Jugend» in «Sozialdemokratische Jugend (SDJ)» umbenannt. In den 1950er Jahren hatte die SDJ rund 1’200 Mitglieder. 1961 wurde die «Vereinigung Junger Sozialdemokraten (VJS)» gegründet, die aus den sozialdemokratischen Fraktionen der Jugendparlamente herausgewachsen war. Sie löste die SDJ als offizielle Jugendorganisation der SP ab, löste sich aber Anfang der 1970er Jahre weitgehend auf.
Gründung der Jungsozialistischen Partei Der Wiederaufbau der Organisation erfolgte 1971 mit der Gründung der «Schweizerischen Jungsozialisten», an welcher der spätere Nationalrat Andreas Gross nicht beteiligt war. Erster Präsident von 1971 bis 1979 war der später bekannte Zürcher Wirtschaftsanwalt Peter Nobel. Andi Gross engagierte sich ab 1974 bei den Zürcher JUSOs und ab 1977 auf schweizerischer Ebene für die JUSO, zuerst als Redaktor der neu lancierten Mitgliederzeitung «Infrarot», dann im Vorstand und von 1979 bis 1983 als JUSO-Präsident. In dieser Zeit wurde auch die Idee einer «Schweiz ohne Armee» entwickelt und 1981 erstmals öffentlich gemacht. Diese Idee wurde dann aber von der JUSO getrennt und zur Lancierung der entsprechenden Volksinitiative 1982 die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) als eigenständige Organisation gegründet. Als JUSO-Präsident wurde Gross 1983 von einem dreiköpfigen Co-Präsidium abgelöst.
Die heutigen Strukturen der JUSO stammen grösstenteils aus dem «Jahr der neuen JUSO» 1991: Der damalige Vorstand sowie das Co-Präsidium wurden durch eine Geschäftsleitung ersetzt, die die Ressorts Medien/Werbung, Internationales, Kontakte mit der SP Schweiz, Finanzen, Bildung und inländische Kontakte umfasst. Ihre Aktivitäten finanziert die JUSO aus Beiträgen der SP, Subventionen des Bundes sowie aus Mitgliederbeiträgen.
Gegen Mitte der 1990er Jahre verschärfte sich der Konflikt zwischen den einzelnen Sektionen, die sich «reformistisch» bzw. «marxistisch» positionierten. Im Jahresbericht von 1993 heisst es: «Beide Gruppen arbeiteten und feilten an je einem Grundsatzpapier, welches ihren Positionen gerecht werden sollte. Die beiden Papiere wurden an einer Tagung den interessierten JUSOs vorgestellt und diskutiert. Hintergründe wurden aufgezeigt und nach Mittelwegen gesucht. Diese zu finden, zeigte sich aber als immer unwahrscheinlicher.» An einer ausserordentlichen Jahresversammlung entschieden sich die Jungsozialisten für das «reformistische Papier», worauf einige Mitglieder der Geschäftsleitung zurücktraten.
Bei den Nationalratswahlen 1999 trat die JUSO erstmals in zehn Kantonen mit eigenen Listen und Listenplätzen auf Wahllisten der SP an.Der älteste «Jungsozialist». In: Neue Luzerner Zeitung vom 21. Juli 1999, S. 32. Die Kandidatur des Genfers Jean Ziegler auf der Liste der JUSO Zürich, die erstmals mit einer eigenen Liste zu den Wahlen antraten, sorgte landesweit für Schlagzeilen.Ziegler und Zürich. In: Der Bund, 21. Juli 1999, S. 11. Mit der Bernerin Ursula Wyss schaffte am 24. Oktober 1999 die erste JUSO-Vertreterin den Einzug in den Nationalrat.Bernhard Kislig: Ursula Wyss sagt Adieu. In: Berner Zeitung vom 14. Dezember 2012, 2. Februar 2026.
Wiedereinführung des Präsidiums mini|Cédric Wermuth (2010) mini|Tanja Walliser (2010) mini|David Roth (2011) Anfang des 21. Jahrhunderts änderte sich mit der Beilegung der Streitereien innerhalb der Partei deren Stil. Die Jungpartei professionalisierte sich und erzielte politische Erfolge. So stimmte im Mai 2007 die Glarner Landsgemeinde dem JUSO-Antrag zu, das Stimmrechtsalter auf 16 zu senken. An der Jahresversammlung 2007 beschlossen die Jungsozialisten, ein Präsidium einzuführen, worauf Cédric Wermuth zum Parteipräsidenten gewählt wurde. Mit der Wahl der neuen Geschäftsleitung wurde eine «Agenda 2011» formuliert, die als Ziel hatte, die JUSO zur stärksten Jungpartei zu machen. Zudem entstanden in mehreren Kantonen weitere Sektionen. Die Jungsozialisten waren wieder stärker präsent in die Medien, sei es durch Positionen und Aktionen zu aktuellen Themen, sei es infolge von Diskrepanzen mit ihrer Mutterpartei: Beispielsweise kritisierte die Jungpartei das Sicherheitspapier der SP, welches insbesondere Bettel- und Rayonverbote sowie Videoüberwachung vorsah. Die Differenzen konnten zwar nicht beigelegt werden, jedoch wurden viele der kritisierten Punkte verändert. Am gleichen Parteitag der SP Schweiz wurde Cédric Wermuth ins Vizepräsidium der SP Schweiz gewählt. Aufmerksamkeit erheischte die Partei auch, als Wermuth an einem SP-Parteitag einen Joint rauchte, oder mittels einer Hausbesetzung der aargauischen Sektion oder durch eine Grossdemonstrationen gegen variable Lohnbestandteile («Boni») vor der UBS am Paradeplatz in Zürich.