Der Breitflügelbussard (Buteo platypterus) ist ein kleiner, aber kompakt und robust wirkender Greifvogel der Gattung Buteo innerhalb der Unterfamilie der Habichtartigen (Accipitridae). Er erscheint in einer hellen Farbmorphe und einer dunklen. Dunkelmorphige Vögel, deren Gefieder fast zeichnungslos schwarzbraun erscheint, sind jedoch sehr selten. Obwohl der Breitflügelbussard eine charakteristische Art der südostkanadischen und ostamerikanischen Laub- und Mischwälder ist, ist über die Biologie, der während der Brutzeit sehr verborgen und heimlich lebenden Art, wenig bekannt.L. J. Goodrich, S. T. Crocoll, S. E. Senner: Broad-winged Hawk (Buteo platypterus). Version 2.0. (2019) In: A. F. Poole, F. B. Gill (Hrsg.): The Birds of North America. Cornell Lab of Ornithology, Ithaca, NY, USA 2014. doi:10.2173/bna.218 – BNA~Introduction
Alle Breitflügelbussarde des nordamerikanischen Festlandes sind Zugvögel mit Überwinterungsgebieten vom südlichen Florida bis zum nördlichen und nordzentralen Südamerika, südwärts bis ins zentrale Bolivien. Sie ziehen in großen Gruppen. Vor allem auf dem Wegzug sind tausende Migranten an bestimmten Engstellen ihrer Zugstraßen zu beobachten. Die Inselendemiten sind Standvögel.
B. platypterus ist vor allem ein Lauerjäger, der von einer gut getarnten Sitzwarte aus Beutetiere erspäht und am Boden oder in der Luft schlägt. Sein vielfältiges Beutespektrum umfasst Säugetiere bis zur Größe eines Kaninchens, Vögel, Reptilien, Amphibien und große Insekten.L. J. Goodrich, S. T. Crocoll, S. E. Senner: Broad-winged Hawk (Buteo platypterus). Version 2.0. (2019) – BNA~Diet an Foraging
Die Art wurde 1823 von Louis Pierre Vieillot erstbeschrieben. Er nannte sie Breitflügeliger Sperlingsfalke (Sparvius platypterus). 1901 wurde Buteo platypterus die gültige Bezeichnung.Frank L. Burns: A Monograph of the Broad-Winged Hawk (Buteo platypterus). In: The Wilson Bulletin. Band 23, Ausgabe 3/4, 1911, S. 143–320. (pdf engl.) Neben dem nominotypischen Taxon, das die Bussarde des Festlands umfasst, werden 5 weitere Unterarten beschrieben, die allesamt Inselendemiten sind.C. M. White, P. Boesman, J. S. Marks: Broad-winged Hawk (Buteo platypterus). In: J. del Hoyo, A. Elliott, J. Sargatal, D. A. Christie, E. de Juana (Hrsg.): Handbook of the Birds of the World Alive. Lynx Edicions, Barcelona 2019 (heruntergeladen von https://www.hbw.com/node/53124 am 25. November 2019).
Laut IUCN ist der Gesamtbestand der Art nicht gefährdet (LC = Least concern). Über die Inselendemiten liegen nur wenige Daten vor, doch ihre an und für sich kleinen Bestandszahlen könnten vor allem durch Habitatsverlust bedroht sein. Von der auf Puerto Rico beheimateten Unterart B. p. brunnescens sollen 1994 nur mehr 124 Individuen gelebt haben.
Aussehen Der Breitflügelbussard ist mit einer Länge von 34 – 44 Zentimetern ein kleiner Vertreter der Gattung. Er ist wesentlich kleiner als der in Mitteleuropa sehr häufige Mäusebussard, dem er in vielen Färbungsdetails des Oberseitengefieders ähnelt. Seine Körpermasse schwankt, abhängig von Geschlecht, Jahreszeit und Ernährungszustand, zwischen 265 und 560 Gramm. Seine Größe und sein Gewicht entsprechen etwa denen einer Saatkrähe. Die Geschlechter unterscheiden sich in der Färbung nicht, wohl aber in Hinblick auf Größe und Gewicht. Weibchen der Nominatform sind im Durchschnitt um 8 % größer und um bis zu 17 % schwerer als Männchen. Die Spannweite großer Weibchen erreicht annähernd 100 Zentimeter. Der reverse Größen- und Gewichtsdimorphismus ist bei den Inselrassen bedeutend schwächer ausgeprägt. Die Art erscheint vor allem in einer hellen Farbmorphe. Dunkelmorphige Individuen sind sehr selten; unter ziehenden Breitflügelbussarden waren weniger als ein Promille melanistisch. Vor allem in Alberta scheinen Schwärzlinge etwas häufiger vorzukommen. Intermediär gefärbte Individuen wurden bisher nicht beschrieben.
Der Breitflügelbussard ist relativ charakteristisch gezeichnet und auch aufgrund seiner Größe gut bestimmbar. Als Verwechslungspartner kommt vor allem der sympatrische Rotschulterbussard in Frage, der aber größer und langbeiniger ist und durch die rötlichbraune Färbung der Flügeldecken sowohl auf der Ober- als auch auf der Unterseite sehr gut gekennzeichnet ist.
Helle Morphe mini|hochkant|Immaturer Breitflügelbussard (Helle Morphe) mini|Helle Variante eines adulten Individuums mini|Juveniler Breitflügelbussard im Flug. Charakteristisch die graue Randung der Schwingen, die unvollkommene Linierung der Unterflügeldecken und das graue Subterminalband Wie bei vielen Arten der Gattung ist die Färbung hellmorphiger Breitflügelbussarde variabel. Vor allem die Grundtönung des Oberseitengefieders erscheint in unterschiedlichen Helligkeitsabstufungen, und die Zeichnung des Brust- und Bauchgefieders ist in Intensität und Farbgebung von Individuum zu Individuum verschiedenartig. Typische Exemplare sind auf der Oberseite gescheckt dunkelbraun, auf der Unterseite auf cremeweißem Grund rötlichbraun gefleckt.
Das Nacken- und Scheitelgefieder weist oft weiße, zumindest aber wesentlich hellere Federnschäfte auf, sodass es strähnig weiß durchzogen erscheint. Häufig sind ein cremefarbener Überaugenstreif und ein dunkler Malarstreif erkennbar. Mantel und Rücken sind beim sitzenden Vogel meist einheitlich dunkel bräunlichgrau. Die helleren Randungen der meisten Deckfedern und ihre schwarzbraunen Einschlüsse sind im Detail nur aus der Nähe erkennbar, bestimmen jedoch den gescheckten Gesamteindruck. Bürzel und Oberschwanzdecken sind auf cremeweißem Grund auffällig dunkel rötlichbraun gesprenkelt, die auf der Oberseite cremefarben gebänderten Steuerfedern sind schwarz. Beim sitzenden Vogel ist meist nur das breite Mittelband sichtbar, beim fliegenden mit gespreizten Steuerfedern zwei weitere. Die Flügel sind auf der Oberseite weitgehend einheitlich graubraun, wobei die Deckfedern etwas dunkler sind als die dunkel gerandeten Schwingen. Am dunkelsten sind die gefingerten, äußeren Handschwingen. Die Kehle ist weiß; oft weist sie einen markanten, dunklen Mittelstrich auf, oder ist unterschiedlich stark schwarz gestrichelt. Die übrige Unterseite ist auf fast reinweißem Grund in sehr variabler Intensität rostbraun gefleckt oder gewellt, wobei der Brustbereich am intensivsten gefärbt ist, der Bauchbereich jedoch oft nur eine spärliche rostbraune Sperberung aufweist. Die breiten, gebuchteten Flügel sind auf der Unterseite sehr hell, fast weiß; die Unterflügeldecken sind unterschiedlich stark rostbraun oder braun gestrichelt oder mehrreihig liniert, die deutlich grauschwarz gerandeten Schwingen fein linear, hellgrau gezeichnet. Die äußersten Handschwingen sind fast bis zur Hälfte schwarz. Die schwarzen, fein weiß geendeten Steuerfedern des leicht gerundeten Schwanzes weisen zwei vollständige reinweiße Bänder auf. Die bis zum Intertarsialgelenk befiederten, flauschig rötlichbraun gebänderten Beine sind orangegelblich, die Krallen schwarz. Der Schnabel ist schwarz oder hornfarben bläulichschwarz, an seiner Basis auffällig von einer gelben Wachshaut umgeben. Die Iris ist zimtfarben bis kastanienbraun.
Dunkle Morphe Bis auf den Schwanz, der in seiner Oberseitenfärbung dunkel gefärbten hellmorphigen Individuen gleicht, ist die gesamte Oberseite dunkel, düster, braunschwarz. Nur im Nackengefieder können sich einige weiße Strähnen zeigen. Auch die Unterseite ist fast zeichnungslos braunschwarz. Im Flug kontrastieren auf der Unterseite die fast schwarzen Unterflügeldecken scharf mit den silberfarbenen, schwarzgrau gerandeten Schwingen. Die Unterseite des Schwanzes ist wie bei hellmorphigen Bussarden gefärbt, doch sind die Weißanteile weniger leuchtend.
Jugendgefieder Juvenile sind auf der Oberseite matt graubraun gefärbt. Häufig weisen die mittleren Oberflügeldecken weißliche Färbungselemente auf, die beim sitzenden Vogel in diesem Flügelbereich ein angedeutet bandförmiges Zeichnungselement bilden können. Nacken und Kopf sind braunweiß gesträhnt. Meist ist ein cremefarbener Überaugenstreif auffällig. Die gesamte Unterseite ist auf mattweißem Grund braun getropft oder speerspitzenartig gezeichnet. Die Steuerfedern sind farblich gleich, aber wesentlich kontrastärmer als die Adulter gefärbt und merklich länger. Der Schnabel ist grauschwarz, die Beine sind hellgelb und die Iris ist zuerst hellbraun, später so wie die ausgefärbter Individuen.L. J. Goodrich, S. T. Crocoll, S. E. Senner: Broad-winged Hawk (Buteo platypterus) – BNA~Appearance
In ihrer Körperbefiederung unterscheiden sich juvenile, melanistische Breitflügelbussarde von adulten kaum. Bürzel und Unterschwanzdecken sind jedoch variabel kastanienbraun gestreift und die Unterseitenfärbung der Flügel ähnelt der dunkler hellmorphiger Vögel.
Mauser Die erste Komplettmauser in das Jugendgefieder beginnt mit etwa 10 Tagen mit dem Durchbrechen der Hand- und Armschwingen. Im Alter von 50 Tagen ist das Jugendgefieder voll ausgebildet. Die erste Mauser in das Erwachsenengefieder erfolgt im Frühjahr des nächsten Jahres. Bei etwa 14 % der Vögel ist dies eine Komplettmauser; diese erscheinen danach im Erwachsenengefieder. Die überwiegende Mehrzahl vermausert zwar weitgehend die Schwingen und Steuerfedern aber nur unterschiedliche Teile der Deckfedern und des Körpergefieders; spätestens im September ist diese Mauser beendet. Bei ihnen sind auch noch im zweiten Herbst und Winter Merkmale des Jugendgefieders erkennbar. In das definitive Erwachsenengefieder vermausern Breitflügelbussarde im darauffolgenden Frühjahr. Bei Weibchen setzt diese Mauser während der Brutzeit ein, bei Männchen nach deren Abschluss. Wenn sie nicht vor dem Wegzug abgeschlossen ist, wird sie während des Zuges unterbrochen und im Winterquartier abgeschlossen. Zwischen diesen weitgehend polulationskonform erfolgenden Hauptmauserungen können individuell sehr unterschiedliche Teilmauserungen erfolgen.BNA~Molt
Lautäußerungen Breitflügelbussarde sind während des gesamten Jahres ruffreudig, doch aufgrund der vorherrschenden Rufcharakteristik akustisch nicht auffällig. Charakteristisch ist ein sehr heller und feiner, quietschend wirkender, lang gezogener Ruf, der typischerweise zweifach intoniert wird. Der zweite, lang gezogene Teil ist etwa eine halbe Oktave tiefer als die Intonation; häufig endet er mit einem singvogelartigen Zwitschern. Dieser Ruf wird in vielfältigen Variationen situativ angepasst und scheint weitgehend die universelle Lautäußerung dieser Art zu sein.Stimmbeispiel bei Xeno-canto
Verbreitung Brutgebiet mini|250px|Verbreitungsgebiet des Breitflügelbussards. Pink: Brutgebiet (Sommer); grünlich: Überwinterungsgebiet; gelb: Zugkorridor; Linien: Zugrichtungen Bis auf die Inselendemiten in der Karibik liegt das Verbreitungsgebiet der Art im südlichen Kanada und in den östlichen und südöstlichen USA. Vorkommen westlich der Rocky Mountains bestehen nicht und bestanden auch in früherer Zeit nicht.
Die nordwestlichsten Brutgebiete liegen in den südlichsten Bereichen der kanadischen Provinzen Yukon und Nordwestterritorien. Sehr lückenhaft brütet die Art in British Columbia; nach Osten hin wird die Brutverbreitung in Alberta, Saskatchewan und Manitoba geschlossener und dichter und setzt sich bis an die Atlantikküste fort. Die Nordgrenze liegt in Manitoba bei etwa 50° Nord und steigt an der Atlantikküste auf etwa 53° Nord an. Brutgebiete befinden sich auch auf Nova Scotia und der Prinz Edward Insel. Keine geeigneten Habitate findet der Breitflügelbussard entlang eines Streifens an der Atlantikküste von Virginia südwärts bis Georgia. In Florida bestehen nur im äußersten Norden einige Brutvorkommen.L. J. Goodrich, S. T. Crocoll, S. E. Senner: Broad-winged Hawk (Buteo platypterus). BNA~Distribution, Migration, and Habitat