Caroso, in spätmittelalterlichen Quellen auch Caroxo Mascolin († nach 832), war ein venezianischer Tribun, der sich selbst im Jahr 832 zum Dogen erhob. Er regierte die Lagune von Venedig nur drei, nach anderen Quellen sechs Monate lang.

Sowohl schwere Konflikte zwischen den führenden Städten der Lagune als auch Einwirkungen der Karolinger und der byzantinischen Kaiser führten dort seit Jahrzehnten zu brutalen Machtkämpfen. Allerdings wandelte sich die großpolitische Auseinandersetzung vom Streit zwischen dem Frankenreich und Byzanz (Zweikaiserproblem) hin zu neuen externen Bedrohungen. So tauchten verstärkt slawische Piraten, Narentaner genannt, in der oberen Adria auf, die bereits in der Lage waren, ganze Flotten zu kapern; in Süditalien sollten Venezianer erstmals gegen die Sarazenen kämpfen, die 827 begonnen hatten, Sizilien zu erobern.

Caroso, der wohl einer Tribunenfamilie entstammte und im Testament des Dogen Iustinianus Particiacus schon 829 als Zeuge auftaucht, wurde zwar gestürzt, nicht aber getötet. Stattdessen wurde er, da er byzantinischer Tribun war, geblendet und vertrieben. Die hinter ihm stehende Interessengruppe wurde im Laufe der historiographischen Entwicklung äußerst verschieden gedeutet. Die venezianische, staatlich kontrollierte Geschichtsschreibung räumte Caroso nicht den Rang eines Dogen ein, sondern deutete ihn als bloßen Usurpator, der in einer langen Reihe von Umstürzen steht.

Herkunft und Familie Zur Zeit der Serrata, also noch mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem „Tyrannen“ und „Usurpator“ Caroso, gehörten die Caroso zu den herrschenden Familien. Die Cronaca Giustinian stellt Mitte des 14. Jahrhunderts fest, dass die Familie auf Tribunen aus Aquileia zurückgehe, die zentral bei der Besiedlung von Rialto mitgewirkt hatten. Der Doge und Geschichtsschreiber Andrea Dandolo schreibt in seiner Chronik, ein Tribun namens Caroso haben eine Verschwörung initiiert, um den Dogen Giovanni Particiaco im Jahr 832 zu stürzen. Schon die ältesten Quellen aus der Zeit um 1000 nennen die Familie als eine der mächtigsten der Lagune. Marin Sanudo ordnet ihnen den Bau der Kirche auf San Servolo zu. Mitte des 12. Jahrhunderts war eine Sicara Caroso Äbtissin von San Zaccaria. Auch im gesamten 13. Jahrhundert saß die Familie in allen wichtigen Ratsgremien der Stadt, wie dem Großen Rat. Sie verteilte sich auf mehrere Contrade, nämlich die von San Vidal nahe dem Ponte dell’Accademia im Sestiere San Marco, und in San Canzian in Cannaregio. Im 13. Jahrhundert wählten Angehörige der Caroso den Dogen und boten Senatoren auf, die Anfang des 13. Jahrhunderts noch Pregadi hießen. Doch nach 1386 verschwindet die Familie aus den Dokumenten. Marino Sanudo gibt an, die Familie sei 1387 ausgestorben.Stanley Chojnacki: La formazione dello stato patrizio - Diritto, finanze, economia, Kap. VIII: La formazione della nobiltà dopo la Serrata, in: Girolamo Arnaldi, Giorgio Cracco, Alberto Tenenti (Hrsg.): Storia di Venezia, Rom 1997, S. 643 f.

Leben und Herrschaft Die kurze Herrschaft Carosos ordnet sich in eine Reihe politischer Umstürze ein, die mit dem unglücklichen Wirken des Dogen Iohannes Particiacus in Zusammenhang stehen. Er hatte sich gegen seinen Bruder Iustinianus durchgesetzt, doch gelang es dem nach Konstantinopel verbannten ehemaligen Dogen Obelerius, den deren gemeinsamer Vater Agnellus Particiacus um 810 vertrieben hatte, aus dem Exil zu entkommen und sich in die nördliche Adria einzuschiffen. Er bemächtigte sich bald der Insel Vigilata (Krk) vor Istrien und fand weitere Verbündete in seinem Heimatort Metamaucum (beim späteren Malamocco gelegen), das nach seinem Sturz den Rang der Hauptstadt der Lagune eingebüßt hatte. Der Doge Iohannes Particiacus, der in der neuen Hauptstadt Rialto residierte, reagierte sofort auf den Putschversuch. Er verwüstete Metamaucum und die Insel Vigilata. Obelerius ließ er enthaupten und seinen Kopf den Venezianern zur Schau stellen.

Kaum war diese Revolte niedergeschlagen, als der Aufstand des byzantinischen Tribunen Caroso den Dogen zwang, an den fränkischen Hof zu fliehen, wo er von Kaiser Lothar mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Caroso erklärte sich selbst zum Dogen. Doch wurde er schon wenige Monate später von den Anhängern der Particiaco, die es verstanden, die vielen mit der Herrschaft des Usurpators Unzufriedenen auf ihre Seite zu ziehen, im Dogenpalast gefangen genommen. Er wurde geblendet und aus Venedig verjagt. Ein Todesurteil soll nur sein Stand als Tribun verhindert haben.

Ob sich hier zum letzten Mal der Gegensatz zwischen einer Amts- und einer Erbtitelauffassung des Tribunats äußerte, oder ob Caroso nur noch Exponent der pro-byzantinischen gegen die pro-fränkischen Familien war, ist unbekannt. Sein Vater war laut Muratori ein Bonicio Tribuno,Lodovico Antonio Muratori: Annali d’Italia dal principio dell’era volgare sino all’anno 1750, Bd. XI, Florenz 1827, S. 307. was die Erblichkeit des Titels nahelegt. Möglicherweise verbirgt sich dahinter zudem ein Machtkampf zwischen den Familien von Rialto und denen von Metamaucum.

Zunächst führte bis zur Rückkehr des Dogen der Bischof Ursus (Orso), vielleicht ein Angehöriger der Particiaco, zusammen mit zwei Tribunen das Stadtregiment. Der Doge kehrte erst nach ungefähr einem Jahr zurück. Er herrschte seinerseits nicht mehr lange, denn er wurde 836 gestürzt.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der kurzen Herrschaft Carosos beilegte, in mehrfacher Hinsicht von einer gewissen symbolischen Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit Andrea Dandolo die Geschichtsschreibung steuerten, galt der Entwicklung der Verfassung (in diesem Falle der Frage der Dogenherrschaft, der Tyrannei und des Widerstandes dagegen), den inneren Auseinandersetzungen zwischen den possessores (repräsentiert in den Familiennamen), also der sich immer mehr abschließenden Gruppe der Besitzenden, die zugleich die politische Macht besetzten, aber auch den Machtverschiebungen innerhalb der Lagune (der zunehmenden Bedeutung Rialtos, der schwindenden von Malamocco und Heracleia), der Adria und im östlichen Mittelmeerraum sowie in Italien. Dabei standen die Fragen nach der Souveränität zwischen den übermächtigen Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, stets im Mittelpunkt. Ähnlich wie bei der kurzlebigen Dynastie der Galbaii versuchte man die Unsicherheit der Verhältnisse auf Mängel in der Machtbalance, mithin in der Verfassung zurückzuführen. Diese habe es noch nicht gestattet, die Macht des Dogen und seiner Nachkommen so einzubinden, dass keine Dynastiebildung mehr möglich war. Bei Caroso erwies sich demnach wieder deutlich, dass ein Versagen der Institutionen und Einstellungen bei den Entscheidern zum Wiederausbrechen der gewohnten Gewalttätigkeiten innerhalb der Stadt führen musste, schließlich sogar zum brutalen Regime eines Usurpators, dessen Dogenherrschaft nie Anerkennung fand, und der nicht einmal in den Dogenlisten geführt wurde.

Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer in dieser Zeit längst üblichen, sehr persönlichen Ebene dar, was den Dogen noch einmal größere individuelle Macht zuwies.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 34 f. Dabei ist die Darstellung äußerst knapp: „Caroxo Mascolin“ „vene poi furtevellemente cum consentimento de molti e fu alevado Duxe in Rivoalto.“ Worin die genannte Unrechtmäßigkeit der Erhebung zum Dogen bestand, erläutert der Chronist nicht. Wegen seiner Tyrannei verabredete ein „grande assemblamento“, ihn zu stürzen. Und so wurde er mit Gewalt ergriffen „et cavoli gli ochi dela testa fuora et poi caciò quello de Venesia.“ Nach der lakonischen Beschreibung des Sturzes, der Blendung und schließlich der Vertreibung, ergänzt der Verfasser der Chronik nur einen einzigen Namen als Drahtzieher: „Et questo principalmente fu facto per un Domenego Orciniacho.“

Ganz anders Pietro Marcello.Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 20 f. (Digitalisat). Zwar gelang es dem Dogen Iohannes, einen Vertrag mit den Narentanern abzuschließen, Piraten, die die nördliche Adria unsicher machten, doch sie raubten eine aus Apulien zurückkehrende Flotte aus. Unter Führung eines gewissen Carosio („di un certo Carosio“) verschworen sich einige Adlige gegen den Dogen. Der Doge musste fliehen, und Carosio „usurpo il Prencipato“ (S. 21). Gegen Carosio, der den Dogat usurpierte habe, erhoben sich nun wiederum einige „gentil’huomini“ unter Führung von Basilio Transimondo, Giovanni Mauritio und Domenico Ortiano – letzteren hatte schon die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo erwähnt –, sowie von 30 weiteren Adligen, die die Tyrannei nicht länger ertragen wollten („non potendo comportare la tirannide di Carosio“), die ihn überfielen, ihm die Augen herausrissen („gli trassero gli occhi“) und Caroso ins Exil schickten. Auch wurden viele Mitwisser getötet. Iohannes, der Doge, wurde aus dem Frankenreich zurückgerufen, als Basilio Transimondo, Giovanni Mauritio und „Orso Vescovo di Castello“ die ‚Republik‘ regierten. Ein Streit mit der Familie „Mastalitia“ führte zu Verrat und Überfall in der Kirche San Pietro, dem Dogen wurden die Machtinsignien geraubt, der Bart und das Haupthaar geschoren. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Mönchshabit in Grado.