Das Erdbeben in Albanien 2019 ereignete sich am 26. November um 03:54 Uhr Ortszeit etwa 30 Kilometer nordwestlich der albanischen Hauptstadt Tirana. Das Erdbeben hatte eine Magnitude von 6,4 Mw und war von zahlreichen Nachbeben begleitet. Es gab 51 Todesopfer, viele Verletzte und Schäden an zahlreichen Häusern.
Tektonischer Hintergrund Geologie Das Erdbeben betraf die westliche Region Albaniens im Küstengebiet um die Hafenstadt Durrës und das Gebiet der „Tirana-Senke“, die den östlichen Teil der „Periadriatischen Senke“ darstellt, einem Vorlandbecken der Helleniden. Sie wird großteils durch kontinentale und marine Sedimente, die in seichten Schelfen gebildet sind, charakterisiert; an der westlichen Grenze finden sich auch Tiefseesedimente. Strukturell liegt sie an der östlichen Grenze der dinarischen Strukturen. Die vom Erdbeben betroffene Region ist durch nordwest-südost-streichende aktive Überschiebungen geprägt. Die an die Adria angrenzenden jungalpidisch gefalteten Orogene der Dinariden-Helleniden sind durch neogene Einengung („tektonische Einengungsregime“) und aktive Hebung charakterisiert.Efthymis Lekkas, Spyridon Mavroulis, Dimitri Papa, Panayotis Carydis: The November 26, 2019 Mw 6.4 Durrës (Albania) earthquake. In: Nationale und Kapodistrias-Universität Athen (Hrsg.): Newsletter of environmental, disaster and crisis management strategies. Issue No. 15, S. 18–23, 76–77. November 2019. Abgerufen am 22. Dezember 2019 (englisch; PDF; 35,3 MB).Laurent Jolivet: Tectonics of the Mediterranean Sea and subduction of the African plate: from basins to mountains, from mountains to basins. Vortrag auf der European Geosciences Union – General Assembly. Wien, April 2017, Vortrag online auf YouTube (Video; vgl. ab Min. 7:45 zur neogenen Einengung der Randgebirges; ab Min. 8:46 zur Adriatischen Platte).
Das betroffene Gebiet liegt im tektonischen Knoten zwischen den Dinariden und Helleniden an der Rotations-Achse der Skutari-Pec-Falte. Der nordwest-südost-verlaufende Falten- und Überschiebungsbogen beherbergt seit dem Miozän die Subduktion der Adriatischen unter die Eurasische Platte.Philip Groß, Sebastian Cionoiu et al.: A new 1:10,000 geological map of the Skutari-Pec Fault and surroundings, northern Albania – evidence of orogen-parallel extension. Conference Paper für: 15th Symposium on Tectonics, Structural geology and Geology of Crystalline Rocks. Potsdam, April 2014, doi:10.13140/2.1.4606.2720. Hierbei rotiert die Adriatische Platte im Gegenuhrzeigersinn und subduziert unter die Eurasische Platte. Sie hat seit 20 Millionen Jahren etwa 117 Kilometer zurückgelegt und sich um 5±3° relativ zu Europa gedreht. Die konvergierenden Platten führten hierbei zu einer Einengung von mehreren Zehner-Kilometern. Das Tirana-Vorlandbecken wurde hierbei um 80 bis 100 Kilometer eingeengt.Eline Le Breton, Mark R. Handy, Giancarlo Molli, Kamil Ustaszewski: Post-20 Ma Motion of the Adriatic Plate: New Constraints From Surrounding Orogens and Implications for Crust-Mantle Decoupling. In: Tectonics. Band 36. 2017, S. 3135–3154. doi:10.1002/2016TC004443.
Aufgrund der beschriebenen tektonischen Vorgänge gibt es eine Vielzahl von Verwerfungen in der Region, wo sich die konvergierenden Plattengrenzen mit einer Geschwindigkeit von 73 Millimeter pro Jahr aufeinander zubewegen. Das Beben wurde wahrscheinlich durch eine Aufschiebung an einer dieser Verwerfungen verursacht.
Vorbeben Dem Hauptbeben gingen drei Vorbeben voraus. Das stärkste davon ereignete sich etwas mehr als eine Stunde vor dem Hauptbeben und hatte eine kurzperiodische Raumwellen-Magnitude von 4,6 mb und ein Epizentrum rund 5 Kilometer nordnordwestlich von Durrës ().M 4.6 - 5km ENE of Durres, Albania. USGS, abgerufen am 22. Dezember 2019 (englisch).M 4.4 - ADRIATIC SEA - 2019-11-26 01:47:56 UTC. EMSC, abgerufen am 27. November 2019 (englisch). Aufgrund dieses Vorbebens hatten viele Menschen ihre Häuser bereits verlassen, bevor es zum Hauptbeben kam.Time evolution of seismicity in #AlbaniaEarthquake The mainshock was preceded … In: twitter.com. EMSC, 26. November 2019, abgerufen am 27. November 2019 (englisch).
Das Erdbeben vom 26. November 2019 mini|Eingestürztes Gebäude in Durrës Das Erdbeben hatte eine Magnitude von 6,4 Mw und wurde von etwa 140.000 Menschen mit einer Intensität der Stufe VIII auf der Modifizierten Mercalliskala wahrgenommen. Mehr als 3,5 Millionen Menschen erlebten das Erdbeben mit einer Intensität der Stufe V oder höher.Albania – 6.4M Earthquake of 26 November – EU Response. In: reliefweb.int. ERCC, 29. November 2019, abgerufen am 29. November 2019 (englisch; PDF; 1 MB). 100.000 Menschen waren direkt von den Auswirkungen des Bebens betroffen.Erneut starkes Beben in Albanien. In: orf.at. 28. November 2019, abgerufen am 28. November 2019. Die Erschütterungen wurden noch in zahlreichen weiteren Ländern der Region wahrgenommen.
Nach Angaben von EMSC lag das Epizentrum etwa fünf Kilometer nördlich der Hafenstadt Durrës und circa 30 Kilometer westlich von Tirana,M 6.4 - ALBANIA - 2019-11-26 02:54:11 UTC. EMSC, abgerufen am 14. April 2020 (englisch). während es von USGS etwa 30 Kilometer nordwestlich von Tirana und 20 Kilometer nördlich von Durrës – im Bereich des Ufers der Bucht „Gjiri i Lalëzit“ südöstlich vom Kap Rodon – verortet wird. Laut EMSC lag der Bebenherd in einer Tiefe von 10 Kilometern, USGS geht von einer Tiefe von 22 Kilometern aus, das GFZ Potsdam von einer Tiefe von 24 Kilometern.GEOFON Event gfz2019xdig. In: geofon.gfz-potsdam.de. Abgerufen am 29. November 2019 (englisch).
Durch die lockeren Sedimente im Boden wurden die destruktiven Schwingungen im Bereich der Senke verstärkt.Ross S. Stein, Volkan Sevilgen: Albania earthquake strikes highest-hazard zone in the Balkans, devastating nearby towns In: temblor.net. 26. November 2019, abgerufen am 27. November 2019 (englisch). Das Beben hob das Höhenniveau der betroffenen Region dauerhaft um bis 10 Zentimeter an.Sisma Albania provocato da faglia lunga 85 chilometri. Il suolo vicino Durazzo sollevato di 10 cm. In: rainews.it. 27. November 2019, abgerufen am 27. November 2019 (italienisch).
Das Hauptbeben in Albanien war das schwerste Erdbeben in der Region seit Jahrzehnten. Beim Erdbeben in Montenegro 1979, dessen Bebenherd etwa 70 Kilometer weiter nordnordöstlich lag, kamen 135 Menschen ums Leben, viele davon in Albanien. Zuletzt kam es zwei Monate früher, am 21. September 2019, zu einer Erdbebenserie in Albanien. Das stärkste Beben damals hatte eine Stärke 5,6 Mw und ereignete sich ebenfalls nahe der Stadt Durrës.M 5.6 - 3km WSW of Shijak, Albania. USGS, abgerufen am 26. November 2019 (englisch). Dabei wurden über 100 Menschen verletzt und mehr als 1500 Gebäude beschädigt.Erdbebenserie erschüttert Albanien. In: orf.at. 22. September 2019, abgerufen am 26. November 2019.Albania – Earthquakes of 21 September. In: reliefweb.int. ERCC, 23. September 2019, abgerufen am 26. November 2019 (englisch; PDF; 639 kB).
Nachbeben In den ersten sieben Tagen nach dem Hauptbeben ereigneten sich mehr als 1300 Nachbeben.Mittlerweile 51 Todesopfer nach Erdbeben in Albanien bestätigt. In: derstandard.at. 2. Dezember 2019, abgerufen am 2. Dezember 2019. Einige Nachbeben hatten Magnitudenwerte über 4,0: