mini|Der Herrschaftsbereich um die Lagune von Venedig um 840 Valentinus († nach 810 in Venedig (?)) war bis zum Jahr 809 oder 810 ebenso Mitherrscher seines ältesten Bruders, des venezianischen Dogen Obelerius, wie ihr gemeinsamer Bruder Beatus. Die drei Dogenbrüder gerieten in den übergreifenden Konflikt zwischen dem Franken- und dem Byzantinischen Reich, der von 800 bis 812 andauerte, und der als Zweikaiserproblem bekannt ist. Während Obelerius ein Vertreter einer Anlehnung an das Frankenreich war, wurde die Rolle seiner jüngeren Brüder äußerst widersprüchlich gedeutet.
804 war es einer Gruppe unter Führung des Tribunen Obelerius gelungen, seinen byzanz-freundlichen Vorgänger Iohannes Galbaius zu stürzen. Die Volksversammlung erhob in Metamaucum (in der Nähe des später gegründeten Malamocco gelegen) seine beiden Brüder Beatus und Valentinus zu Mitdogen, sodass von drei Dogen die Rede ist.
Konstantinopel unterstrich in dieser Zeit mit drei Interventionen seinen Anspruch auf die Lagune von Venedig, den nördlichsten Vorposten des Reiches. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen mit Byzanz griff eine Armee unter Führung Pippins, des Königs von Italien – er war einer der Söhne Karls des Großen –, die wichtigsten Städte der Lagune an. Pippin konnte alle festen Plätze, vielleicht mit Ausnahme von Rialto erobern, das infolge dieser Ereignisse 811 zum Sitz des Nachfolgers der gestürzten Brüder wurde – der legendären Überlieferung nach durch Beatus.
Die zeitlich nächste Quelle, die Annales regni Francorum, bezeichnen Obelerius („Willeri“) und Beatus unterschiedslos als duces, sie erkennen also im Status keinen Unterschied zwischen den beiden Dogen. Der jüngste Bruder Valentinus hingegen wird dort gar nicht erwähnt.
Valentinus wird im Laufe der Zeit, je nach Geschichtsschreiber, als bloßes Anhängsel der älteren Brüder, gleichzeitig mit ihnen oder später, durch die Brüder oder die Volksversammlung erhoben. Er wird mit ihnen aus dem Amt gejagt, darf wegen seiner Jugend in Venedig bleiben, regiert für kurze Zeit sogar die Lagune. Er steigt sogar zeitweise zum Verteidiger gegen den Eroberungsversuch Pippins auf, und als derjenige, der die Verlegung der Hauptstadt von Metamaucum nach Rialto anführte. Auch eine Rolle als Überwacher der älteren Brüder in byzantinischem Auftrag wurde in Erwägung gezogen.
Name Der spätere Beiname Antenoreo, unter dem vor allem der Hauptdoge bekannt wurde, sollte die Brüder wohl spätestens seit dem 14. Jahrhundert auf den trojanischen König Antenor zurückführen, den legendären Gründer Paduas. Diese Stadt wiederum galt als Mutterstadt Venedigs. So heißt es in der Cronica di Venexia 1362 ausdrücklich über die Brüder Obelerio und „Biado“: „i quali tuti doi funno prenomadi Antenori, im per quelo che propriamente erano discexi li soi antixi del re Antenor hedifficador de Pathavia“, also sinngemäß ‚die alle beide Antenori genannt wurden, weil sie wohl Nachkommen des Königs Antenor waren, des Erbauers von Padua‘ (f. 14 v–15r).Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 20. Diese Deutung setzte sich in der Historiographie der Republik Venedig durch.
Leben und Mitherrschaft mini|Fränkische Eroberungen zwischen 768 und 816; venezianisches Territorium Mit der Kaiserkrönung Karls I., des Königs der Franken, im Jahr 800, hatte das Kaiserreich der Römer einen zweiten ranggleichen Herrscher.Die Darstellung folgt derjenigen zu Obelerio von Marco Pozza im Dizionario biografico, Bd. 79 (online). Die Herrscher in Konstantinopel sahen sich jedoch als einzig legitime Nachfolger der römischen Kaiser. Daher kam es wenig später zu Auseinandersetzungen, die sich bis zum Frieden von Aachen hinzogen, also bis 812. Auf der lokalen Ebene versuchten die beiden Großmächte im Laufe dieses Konfliktes Einfluss zu nehmen, während in der Lagune entsprechende politische Fraktionen ihre Tätigkeit entfalteten, die pro-byzantinisch oder pro-fränkisch agierten.
Während die Befürworter einer Fortsetzung der byzantinischen Herrschaft vor allem in Heracleia dominierten, der alten, auf dem Festland gelegenen Hauptstadt des Dukats, fand Kaiser Karl Unterstützung vor allem in Metamaucum, das sich am Ostrand der Lagune von Venedig befand. Dorthin hatte sich seit wenigen Jahrzehnten der Herrschaftskern verlagert. Während heftiger Auseinandersetzungen war es zur Ermordung des Patriarchen von Grado durch den Sohn und Mitdogen Mauritius (II.) auf Befehl seines Vaters Johannes im Jahr 802 gekommen. Entgegen deren Hoffnungen war damit der Konflikt jedoch keineswegs beendet, sondern dies führte im Gegenteil zum Sturz der Galbaii, die den ersten Versuch unternommen hatten, eine Dogendynastie zu etablieren.
Auch zwischen Heracleia und Equilium (später mit Jesolo identifiziert), am Nordrand der Lagune gelegen, kam es zu Konflikten. Die Gegner des Dogen Mauritius sowie seines Sohnes Johannes und seines Enkels Mauritius (II.), die allesamt mitregierten, sammelten ihre Kräfte in Treviso auf fränkischem Gebiet. Dort erhoben sie nach dem Sturz der drei Dogen den Tribunen Obelerius zu ihrem Führer. Dieser erhob, wie die Galbaii, Verwandte zu Mitregenten, allerdings nicht aus seiner Nachkommenschaft. Stattdessen ließ er seinen Bruder Beatus wählen, der wiederum, wenn auch vielleicht nur nach außen, gemäßigt byzanzfreundlich auftrat. Die beiden älteren Brüder zwangen Heracleia zur Unterwerfung, und ihre Oberhäupter wurden genauso als Geiseln zur dauerhaften Anwesenheit in Malamocco veranlasst, wie diejenigen von Iesolo. Patriarch Fortunatus nahm zwar seinen Sitz in Grado wieder ein, doch musste er, trotz ähnlicher politischer Interessen, wegen der Gegnerschaft der Dogenbrüder Monate warten, bevor er die Lagune betreten durfte.
Da die Lagune nun Teil der fränkischen Sphäre zu sein schien, tauchten Obelerius und Beatus Ende 805, ebenso wie der Patriarch, aber auch der Bischof von Zara als Repräsentant der Dalmatier, am Hof Karls des Großen in Diedenhofen auf. Über Valentinus erfahren wir hierbei nichts. Die Beziehungen zwischen Venedig und den Karolingern wurden nunmehr durch eine ordinatio de ducibus et populis tam Venetiae quam Dalmatiae geregelt, wie es in den Annales regni Francorum heißt.Annales regni Francorum, hrsg. v. Friedrich Kurze, Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum ad usum scholarum, Bd. VI, Hannover 1895, S. 120 f. (Digitalisat). Die Einzelheiten sind allerdings nicht überliefert. Etwas verkürzend heißt es bei Stefan Weinfurter „Karl der Große besetzte die Gebiete [i. e. Dalmatien und Venetien] 805/806 … 808 war Byzanz wieder Herr der Lage.“Stefan Weinfurter: Karl der Große. Der heilige Barbar, Piper, 2015, S. 239.
Tatsächlich schickte Nikephoros I., seit 802 Kaiser, eine Flotte in die nördliche Adria, die von dem Patrizier Niketas kommandiert wurde. Da den Franken keine Flotte zur Verfügung stand, brachte der griechische Flottenführer zunächst ohne Widerstand Dalmatien unter seine Kontrolle. Im Zusammenhang mit diesem Küstensaum behaupten spätere Chroniken, wie die besagte Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo, eine venezianische Flotte habe von „Malamocco“ aus einen Angriff vorgetragen, um die dortigen Slawen zu bekämpfen, die zuvor Eraclea bis auf die Grundmauern („fino a le fundamente“) niedergebrannt hätten.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 20. Als die byzantinische Flotte, von Dalmatien kommend, am Laguneneingang erschien, floh Fortunatus, während sich Obelerius und Beatus unterwarfen. Obelerius erhielt sogar den Titel eines Spatharius (Schwertträger), womit er äußerlich (wieder?) dem byzantinischen Herrschaftsbereich unterstand. Niketas gelang es, ein Abkommen mit Pippin, dem König von Italien und Sohn Karls zu schließen. Die byzantinische Flotte kehrte im Sommer 807 nach Konstantinopel zurück, wobei Beatus mitsegelte. Er erhielt in der Hauptstadt den Titel eines Hypathus (Ipato), um dann nach Venedig zurückzukehren.
Das Abkommen zwischen Niketas und Pippin war jedoch angesichts eines fehlenden Vertrages zwischen den Imperien nicht von langer Dauer. Im Jahr 809 führte Paulus, Duca von Kephalonia, eine weitere Flotte in venezianische Gewässer. Mit den Franken von Comacchio kam es zu Kämpfen, in deren Folge sich die dort gescheiterten Byzantiner um ein neues Abkommen bemühten. Die beiden älteren Dogenbrüder entschieden sich nicht eindeutig, so dass Pippin nach dem Abzug der Flotte des Paulus eine Invasion vorbereitete.
Die zeitlich nächste Quelle nach den fränkischen Reichsannalen verfasste Johannes Diaconus um das Jahr 1000, der jedoch ein höchst parteiisches Bild zeichnet. Aus dem Abstand von rund zwei Jahrhunderten hatte sich in Venedig bereits eine relativ feste Überlieferungsfassung etabliert. Die Schuld am Ausbruch des Konflikts rechnete sie ausschließlich Pippin zu, der das Dukat unter Bruch der Abmachungen attackierte. Er habe die küstennahen Zentren zügig erobern können. Dann sei er in die südliche Lagune eingedrungen, wo er bis Albiola nahe bei Pellestrina marschiert sei. Von dort habe er die Hauptstadt Metamaucum bedroht, sei jedoch im Kampf unterlegen.Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime, Bd. 1, Rom 1890, S. 104 f. Die Reichsannalen liefern hingegen eine ganz andere Fassung. Demnach sei ein Abkommen zwischen Konstantinopel und Pippin an den Machenschaften der beiden Dogen gescheitert. Valentinus spielt auch hier keine erkennbare Rolle. Erst daraufhin habe Pippin die Venezianer unterworfen. Am Ende zwang die griechische Flotte, die in der oberen Adria erschien, die Franken zum Abzug.
In jedem Falle war die pro-fränkische Partei geschlagen. Obelerius und Beatus versuchten ihre prekäre Herrschaft zu sichern, indem sie sich auf die Seite der Sieger stellten. Obelerius wurde dennoch als Gefangener nach Konstantinopel verbracht, Beatus nach Zara, wo er im nächsten Jahr starb. Einige Historiker behaupten, Valentinus sei wegen seiner Jugend geschont worden, oder sogar, er habe für einige Zeit die Herrschaft übernommen.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig mini|Domenico Tintoretto: Porträt der beiden Dogen Beatus und Agnello Particiaco im Saal des Großen Rates, dem größten Saal des Dogenpalasts, Öl auf Holz, nach 1577. Das Spruchband für Beatus lautet: „FRATRIS OB INVIDIAM REX PIPINUS IN RIVOALTUM VENIT DEFENDI PATRIAM SIBI GRATIFICATUS“ – sinngemäß: ‚Wegen des Hasses [meines] Bruders zog König Pippin gegen Rialto. Ich verteidigte mein Vaterland [und] verschaffte ihm Genugtuung.‘ Von den drei Dogenbrüdern ist Beatus der einzige, der in der langen Reihe der Dogen von Venedig im Dogenpalast, dem bedeutendsten Bauwerk der Staatsrepräsentation, in einer bildlichen Darstellung Eingang fand.