mini|Künstliche Befruchtung durch intrazytoplasmatische Spermieninjektion in eine menschliche Eizelle Künstliche Befruchtung ist eine medizinische Behandlung zur Herbeiführung einer Schwangerschaft. Der biologische Prozess beginnt mit dem Zusammentreffen der Spermien und der Eizelle und endet mit der Vereinigung der beiden Vorkerne mit ihren jeweils haploiden Chromosomensätzen. Das Ergebnis dieser Karyogamie ist eine Zygote, die die Genome beider Eltern enthält.Hans-Ludwig Günther, Jochen Taupitz, Peter Kaiser: Embryonenschutzgesetz. Juristischer Kommentar mit medizinisch-naturwissenschaftlichen Einführungen. Kohlhammer, 2008, Einf. A Rdn. 35 ff. Künstliche Befruchtung darf in Deutschland nur von einem Arzt vorgenommen werden und setzt die Einwilligung von Mann und Frau voraus ( Nr. 1, Abs. 1 Nr. 1 ESchG).

In der Tierzucht wird der Vorgang als künstliche Besamung bezeichnet. Bei Pflanzen geht der Befruchtung die Fremd- oder Selbstbestäubung voraus.

Künstliche Befruchtung wird bei Menschen angewandt, um Einzelpersonen oder Paaren mit Kinderwunsch zu einem Kind (oder Kindern) zu verhelfen, den sie sich auf natürlichem Wege nicht erfüllen können oder wollen. Bei über 90 % der betroffenen heterosexuellen Paare liegen körperliche Ursachen für die Kinderlosigkeit zu Grunde.fertinet.de Auch lesbische Paare nutzen die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung; ebenso alleinstehende Frauen, die keinen Partner haben. Gleichgeschlechtliche Paare haben in Deutschland jedoch keinen Anspruch gegen die gesetzlichen Krankenkassen auf eine Kinderwunschbehandlung,BSG, Urteil vom 10. November 2021 - B 1 KR 7/21 R ebenso wenig Alleinstehende.Rechtsgrundlagen für die Kostenübernahme bei künstlicher Befruchtung. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Sachstand vom 5. September 2018.

Geschichte Im 18. Jahrhundert unternahm der italienische Physiologe Lazzaro Spallanzani Versuche zur künstlichen Befruchtung des Froscheies.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 30. Der französische Mediziner Girault hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Versuche mit künstlicher Befruchtung beim Menschen angestellt und hierüber im Jahre 1869 unter dem Titel „Etude sur la génération artificielle dans l’espèce humaine, lue à la société médicale du Pantheon, par M. le Dr. Girault. Paris 1869“ eine Studie veröffentlicht. Hierüber berichtete der Gynäkologe Wilhelm Schlesinger in der Wiener Medizinischen Wochenschrift:

In den Jahren 1840 bis 1862 soll es in neun weiteren Fällen zu Geburten infolge künstlicher Befruchtung durch Girault gekommen sein. (Teil 2)

Als ein Pionier der Samenspende gilt Berthold P. Wiesner (1901–1972). Wiesner betrieb zusammen mit seiner Partnerin Mary Barton von 1940 bis 1960 eine Fruchtbarkeitsklinik in der Londoner Harley Street, in der Frauen (vor allem aus der Mittel- und Oberschicht) mit unfruchtbaren Männern Spendersamen erhielten. (Erhebliche Teile des gespendeten Samens musste Wiesner wegen damals mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz selbst beisteuern, weshalb er mit geschätzten 600 Nachkommen heute als kinderreichster Mensch gilt, der jemals lebte.)

1978 kam Louise Brown, das erste im Reagenzglas gezeugte „Retortenbaby“, zur Welt. Mittlerweile ist Louise Brown selbst Mutter. Ihre Kinder wurden auf natürliche Weise gezeugt.

Seit 1997 wird auch die Mitochondriale Austauschtherapie zur künstlichen Befruchtung angewandt. Dabei wird einer in vitro befruchteten Eizelle der Mutter der Zellkern entfernt und anschließend in die entkernte Eizelle einer Eizellspenderin eingesetzt. Dadurch wird ein kleiner Teil des Erbguts durch die Mitochondrien der Eizellspenderin, die sich außerhalb des Zellkerns befinden, weitergegeben. Das Genom eines Embryos, der durch einen solchen Vorgang entsteht, besteht somit aus den Erbinformationen von insgesamt drei Personen. Durch die Mitochondriale Austauschtherapie kann die Weitergabe bestimmter Erbkrankheiten, die über die Mitochondrien erfolgt, verhindert werden.

Bis Juli 2014 wurden weltweit schätzungsweise fünf Millionen Babys auf diese Weise geboren, bei einer Erfolgsrate abhängig vom Behandlungstyp von etwa 20–30 %. Die Prävalenz der Infertilität wird mit 9 % angegeben und die meisten assistierten Reproduktionstechniken werden bei 30–39-jährigen Patientinnen durchgeführt.

In Deutschland wurden im Jahre 2003 etwa 20.000 Kinder nach Insemination, In-vitro-Fertilisation (IVF) oder ICSI geboren, also etwa zwei Prozent aller geborenen Kinder insgesamt. Zum Vergleich: In Dänemark, dem Land mit der weltweit höchsten Quote an durch künstliche Befruchtung gezeugten Kindern, war um 2005 die Rate mit 3,9 Prozent fast doppelt so hoch.

2020 hat die Zahl der künstlichen Befruchtungen in Deutschland während der Corona-Einschränkungen einen Höchststand erreicht: die deutschen Kinderwunschzentren nahmen 108.000 Behandlungen vor (9,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor). 2019 waren es 99.000 Behandlungen.

Arten Homologe Insemination Als homologe Insemination wird die Befruchtung mit den Spermien des Ehepartners oder Partners einer festen, auf Dauer angelegten Partnerschaft bezeichnet. Sie ist in den meisten Staaten (zum Beispiel Deutschland,Richtlinien zur Durchführung der assistierten Reproduktion. In: Deutsches Ärzteblatt. 95, Heft 49, 4. Dezember 1998, S. A-3166. Österreich und Italien) zugelassen.C. Hirthammer-Schmidt-Bleibtreu: In: Rheinisches Ärzteblatt. 7/2007, S. 27; siehe auch Die homologe Insemination schließt auch die Anwendung der Insemination bei einer unverheirateten Frau in festgefügter Partnerschaft mit ein.

Donogene bzw. heterologe Insemination Ist der Samenspender nicht der Ehemann oder Partner einer festgefügten Partnerschaft, wird das Verfahren auch als donogene bzw. heterologe Insemination bezeichnet. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter dem Begriff Samenspende eine solche Fremdspende verstanden.

Eizellspende

Anders als die Samenspende ist die Eizellspende in Deutschland verboten. Abs. 1 Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 7 ESchG sollen die sog. gespaltene Mutterschaft, bei der genetische und austragende Mutter nicht identisch sind, verhindern.vgl. Entwurf eines Gesetzes zum Schutz von Embryonen (Embryonenschutzgesetz - ESchG) BT-Drs. 11/5460 vom 25. Oktober 1989.Eizellspende, Embryospende und Leihmutterschaft. Verfassungsrechtliche Diskussion. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Dokumentation vom 6. Juli 2018.

In vielen anderen Ländern wie in Spanien, in Belgien, in den Vereinigten Staaten oder in der Tschechischen Republik ist sie im Rahmen der künstlichen Befruchtung hingegen erlaubt. Dort können sich auch deutsche Paare ihren bisher unerfüllten Kinderwunsch per künstlicher Befruchtung erfüllen. Das Durchschnittsalter der spendenden Frauen liegt bei 24 Jahren.Spanische Gene, deutsche Mutter. auf: faz.net, 4. Dezember 2007.Seniorenmutti entfacht Streit über Eizellenspende. auf: welt.de, 4. Dezember 2007. Ende 2007 wurde in deutschen Medien und der Politik über die Zulassung der Eizellenspende in Deutschland diskutiert.Debatte um spätes Mutterglück entbrannt. auf: rp-online.de, 4. Dezember 2007. Zur Legalisierung der Eizellspende auch in Deutschland brachte die FDP-Fraktion im März 2020 einen Gesetzentwurf in den Deutschen Bundestag ein.Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Embryonenschutzgesetzes – Kinderwünsche erfüllen, Eizellspenden legalisieren. BT-Drs. 19/17633 vom 5. März 2020.Kontroverse Debatte über Legalisierung von Eizellspenden. Deutsches Ärzteblatt, 28. Januar 2021. Über den Entwurf hat der 19. Deutsche Bundestag nicht mehr abgestimmt.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied im März 2010: Wenn ein Staat künstliche Befruchtung zulässt, dann darf er die Eizellspende nicht verbieten.Europäische Gerichtshof entscheidet: Eizellspende muss erlaubt werden. auf: taz.de, 3. April 2010. Das Gericht urteilte, es sei eine „nicht durch objektive und vernünftige Gründe zu rechtfertigende“ Ungleichbehandlung, wenn man Paare, die eine Eizellspende benötigen, von der künstlichen Befruchtung ausschließt. Im November 2011 wurde diese Entscheidung durch die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wieder aufgehoben. Ein Verbot widerstrebe nicht dem Recht auf Familienplanung.EGMR:Eizellspende ist kein Menschenrecht. In: Die Presse. 3. November 2011.

Methoden Es gibt verschiedene wissenschaftliche Methoden der künstlichen Befruchtung, die abhängig von dem Grund der Unfruchtbarkeit angewendet werden.Methoden der künstlichen Befruchtung Gemeinsamer Bundesausschuss, abgerufen am 23. Dezember 2021.Robert W. Rebar: Techniken der assistierten Reproduktion. MSD Manual, Januar 2019.

Die sog. Bechermethode ist keine medizinische Maßnahme.

Insemination Um eine Schwangerschaft zu ermöglichen, werden bei einer Insemination die Samenzellen direkt mit einer Spritze oder über einen weichen Katheter in die Gebärmutter (intrauterin), den Gebärmutterhals (intrazervikal) oder den Eileiter (intratubar) gespritzt. Die Samenzellen müssen dann selbständig bis zur befruchtungsfähigen Eizelle finden. Intrauterine Insemination (IUI): Sperma wird während der fruchtbaren Tage der Frau bis in ihre Gebärmutter gebracht. Intracervical Insemination (ICI): Unbehandeltes Sperma wird bis in den Gebärmutterhals gebracht. Intrauterine Tuboperitoneal Insemination (IUTPI): Vorbehandeltes Sperma wird sowohl in die Gebärmutter als auch in den Eileiter gebracht. Intratubal Insemination (ITI): Vorbehandeltes Sperma wird in den Eileiter gebracht.

In-Vitro-Fertilisation Bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF) werden der Frau befruchtungsfähige Eizellen entnommen und in einer Nährlösung mit den Samenzellen des Partners befruchtet. Um genügend befruchtungsfähige Eizellen aus den Eierstöcken zu bekommen, wird vor einer IVF in der Regel eine Behandlung mit Hormonen durchgeführt.

Die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) ist ein abgewandeltes Verfahren, bei der eine aus dem Ejakulat oder operativ aus den Hoden oder Nebenhoden gewonnene Samenzelle direkt in die weibliche Eizelle injiziert wird.

Intratubarer Gametentransfer Der Frau mit Hilfe einer Laparoskopie (Bauchspiegelung) entnommene Eizellen werden zusammen mit aufbereiteten Samenzellen des Partners entweder über die Bauchdecke oder mithilfe eines Katheters durch den Muttermund in einen oder in beide Eileiter gespritzt. Das befruchtete Ei soll in die Gebärmutter wandern und sich dort einnisten.

Gesundheitliche Risiken

Epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass nach assistierten Reproduktionstechnologien (ART) geborene Kinder im Vergleich zu spontan gezeugten Kindern ein leicht erhöhtes Risiko für bestimmte gesundheitliche Probleme haben. Dazu zählen vor allem Frühgeburtlichkeit, niedriges Geburtsgewicht sowie ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie und Gestationsdiabetes.Hansen M, Kurinczuk JJ, Bower C, Webb S. The risk of major birth defects after intracytoplasmic sperm injection and in vitro fertilization. N Engl J Med. 2002;346(10):725–730. doi:10.1056/NEJMoa010035. PMID 11875048.Sunderam S, Kissin DM, Zhang Y, Folger SG, Boulet SL, Warner L, Barfield WD. Assisted reproductive technology surveillance — United States, 2014. MMWR Surveill Summ. 2017;66(6):1–24. doi:10.15585/mmwr.ss6606a1. PMID 28426307.