mini|Wappen derer von Tierna Das Adelsgeschlecht derer von Tierna, auch Tirna oder Tyrna, trägt seinen Namen von einer abgekommenen Burg in der Ortschaft Oberthürnau, die heute Teil der Stadtgemeinde Drosendorf-Zissersdorf im Bezirk Horn im Waldviertel in Niederösterreich ist.
Geschichte Das Adelsgeschlecht tritt urkundlich erstmals 1326 mit Ulrich von Tierna auf, zählt daher zum niederösterreichischen ritterlichen Uradel und erwarb im 14. Jahrhundert zahlreiche Herrschaften und Burgen in Niederösterreich.Siebmacher’s Grosses Wappenbuch. Band 26: Die Wappen des Adels in Niederösterreich Band 2, S–Z. Verlag Bauer und Raspe, 1983, S. 305.
Zugleich zählten die Tierna im 14. und 15. Jahrhundert zu den einflussreichsten und vermögendsten Patrizierfamilien der Stadt Wien, wo Mitglieder der Familie zwischen 1348 und 1364 mehrfach das Amt des Bürgermeisters und des Stadtrichters ausübten und zahlreiche bedeutenden Höfe und Liegenschaften besaßen. Darüber hinaus übten die von Tierna auch wichtige Funktionen im Dienst der Herzoge von Österreich aus, denen sie als Kreditgeber und als Hofmeister, vor allem aber als Münzmeister und Hubmeister dienten, was nicht unwesentlich dazu beitrug, dass sie in kurzer Zeit einen außerordentlichen Reichtum erlangten.
An sie erinnert die von ihnen um 1358/1362 errichtete Kapelle in der Nordwestecke des Stephansdomes, die über 100 Jahre als „Tiernakapelle“ bekannt war und heute Prinz-Eugen-Kapelle genannt wird, wobei das Wappen der von Tierna auf der Außenseite des Domes seit über 600 Jahren gleich dreifach an ihre Stiftung erinnert.
Bedeutende Vertreter Friedrich von Tierna war Herr auf Rauhenstein und Sierndorf, Bürgermeister von Wien 1348 und 1349 – dem Jahr der großen Pest in Wien, durch die die Bevölkerung außerordentlich litt, wobei ganze Häuser und Straßen ausstarben – und neuerlich im Jahre 1352.Karl Weiß: Geschichte der Stadt Wien. S. 93. Hans von Tierna war 1346 Stadtrichter von Wien, und 1362 bis 1364 Bürgermeister von Wien, wobei 1364 der kinderlos gebliebene Herzog Rudolf IV. von Österreich mit seinen Brüdern Albrecht III. und Leopold III. die Herrschaftsverhältnisse in den habsburgischen Ländern nach seinem Tod durch die Rudolfinische Hausordnung regelte. Weiters war er 1354 bis 1378 (mit kurzen Unterbrechungen) herzoglicher Münzmeister und zwischen 1356 und 1388 (ebenfalls mit kurzen Unterbrechungen) herzoglicher Hubmeister und stieg 1365 zum herzoglichen Hofmeister auf. Nach dem Tod von Herzog Rudolf IV. im Jahre 1365 spielte er eine wichtige Rolle, weil die Herzöge Albrecht III. und Leopold III. beim Tod ihres Bruders Rudolf IV. so schwer verschuldet waren, dass ihnen Johann von Tierna mehrfach Geldmittel vorstrecken musste,Ferdinand Opll: Nachrichten aus dem mittelalterlichen Wien. S. 94, Böhlau-Verlag 1995, ISBN 3-205-98372-6. und die beiden Herzöge sich schließlich gezwungen sahen, von 1370 bis 1374 die Landesverwaltung des Herzogtums Österreich einem Konsortium von Experten zu übertragen, dem neben dem herzoglichen Hofmeister Hans von Liechtenstein auch Hans von Tierna angehörte.Karl Weiß: Geschichte der Stadt Wien. S. 97. Hans von Tierna starb 1388 vor dem 17. Mai in seinem Haus am Hohen Markt 8 und hinterließ sieben Kinder.Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. 5. Band, S. 458/59, Digitalisat. Im Jahre 1382 wurden die Söhne des Hans von Tierna – aus unbekannter Ursache – in Böhmen gefangen genommen. Als sie nach Wien gebracht wurden, ließ sie Herzog Albrecht III. auf die Burg Kreuzenstein bringen, wo sie ein ganzes Jahr eingekerkert blieben. Einer von ihnen verfiel dem Wahnsinn, die anderen ließ man später frei. Die Söhne von Hans I., Rudolf von Tierna und Ludwig von Tierna, gerieten Ende des 14. Jahrhunderts in finanzielle Schwierigkeiten und mussten Teile ihrer Besitzungen veräußern. Johann II. von Tierna war Mitglied des Inneren Rates und Münzmeister zu Wien, der wohl von dem neuen Stadtrecht von Wien betroffen war, das 1396 nach dem Tod von Herzog Albrecht III. von dessen Sohn Albrecht IV. und dessen Cousins, den Söhnen von Herzog Leopold III. beschlossen worden war, da es die bevorzugte Stellung des städtischen Patriziats – den mit Liegenschaften ausgestatteten Erbbürger – beendete, indem nunmehr auch den Bürgern, die keinen Grundbesitz in der Stadt hatten, d. h. sämtlichen Kaufleuten und Handwerkern, zum Nachteil der eingesessenen Bürgergemeinde der Grund- und Hausbesitzer, den Eintritt in den Stadtrat öffnete. Immerhin wurden diese zugleich auch zur Zahlung der Stadtsteuer verpflichtet.Karl Weiß: Geschichte der Stadt Wien. S. 98. Johann II. von Tierna tritt urkundlich zuletzt 1397 auf. Rudolf von Tierna Herr auf Ebreichsdorf, Enzersdor an der Fischa, Falkenstein., Karlstein an der Thaya, Sierndorf und Weikersdorf., herzoglicher Hubmeister in Österreich, urkundlich bis 1406. Offen ist daher, ob er noch die auf Anordnung von Herzog Leopold am 11. Juli 1408 erfolgte Enthauptung des Bürgermeisters von Wien, Konrad Vorlauf und der Stadträte Hanns Rock und Konrad Rampersdorfer auf dem Schweinemarkt (dem heutigen Lobkowitzplatz) miterlebt hat, die sich der Politik des Herzogs Leopold widersetzt hatten.Karl Weiß: Geschichte der Stadt Wien. S. 104. Die Familie zog es jedoch in der Folge vor, das ruhigere Leben von Landadligen zu führen, statt sich den Schwankungen herzoglicher Gunst und dem politischen Streit in Wien auszusetzen. Ein anderer Rudolf von Tierna starb 1478 als Letzter seines Hauses in Wien.Nach Karl Weiß: Geschichte der Stadt Wien. Erster Band, 2. Auflage, Verlag von Karl Konegen, Wien 1882, S. 347. Siebmacher kennt diesen Rudolf nicht. Er lebte in unruhigen Zeiten, da es zwischen Kaiser Friedrich III. und Herzog Albrecht VI. 1460/61 zum Bruderkrieg kam, in Niederösterreich Fehderitter- und Bandentum eine Landplage war, Kaiser Friedrich III. im November 1462 von den Wienern in der Hofburg in Wien belagert wurde und 1468 der König von Böhmen mit seinem Sohn Victorin in Niederösterreich einmarschierte, worauf sich Kaiser Friedrich III. gezwungen sah, Niederösterreich an den ungarischen König Matthias Corvinus zu verpfänden, der selbst kurz darauf unter einem Vorwand die Grenze überschritt und nur gegen die Anerkennung als König von Böhmen und eine „Kriegsentschädigung“ von 100.000 Gulden Frieden schloss und das Land wieder verließ.Gerhard Stenzel: Niederösterreich, Geschichte und Kultur in Bildern und Dokumenten. Otto Müller Verlag, 1982, ISBN 3-7013-0637-0, S. 138. Zum Trost konnte sich Rudolf von Tierna zwischendurch wohl an den damals ganz populären Bauern- und Pfaffenschwänken des Neithart Fuchs erfreuen.Gerhard Stenzel: Niederösterreich, Geschichte und Kultur in Bildern und Dokumenten. Otto Müller Verlag, 1982, ISBN 3-7013-0637-0, S. 136. Die Familie erlosch in männlicher Linie jedoch erst mit Konrad von Tierna, Domherr zu Passau, der im Jahre 1492, d. h. im Jahre der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, verstarb.
Besitz Besitz in Niederösterreich Die Familie verfügte in Niederösterreich über bedeutenden Besitz an Schlössern und Herrschaften.
Schloss Ebreichsdorf
mini|Ebreichsdorf Castle 12 Gemeinsam mit den benachbarten Burgen Ebenfurth und Pottendorf zählte Ebreichsdorf zu der Kette von Wehrbauten, die das Wiener Becken vor Einfälle aus dem Osten schützen sollte. 1328 waren Ulrich II. von Pergau und sein Bruder Berthold die Besitzer der Herrschaft. Von diesen erwarb die ritterliche Wiener Ratsbürgerfamilie von Tierna Herrschaft und Schloss in der zweiten Hälfte des 14. Jh. Rudolf von Tierna gilt als Stifter der Schlosskapelle. Wegen hoher Schulden musste er 1393 die Burg dem Wiener Schottenstift übergeben. Danach folgten die Herren von Walsee.
Falkenstein
mini|Burg Falkenstein im Weinviertel Die um 1050 gegen Einfälle aus Böhmen auf einer Kalkklippe errichtete Burg Falkenstein, die erst 1379 gesichert erwähnt wird, war ein landesfürstliches Lehen, wobei die von Tierna noch im 15. Jahrhundert als Pfandherren erwähnt werden.Gerhard Reichhalter, Karin und Thomas Kühtreiber: Burgen Weinviertel.freytag & berndt, 1. Auflage, ISBN 3-7079-0713-9, S. 96. 1578 wurde der Besitz für Paul Sixtus III. Freiherrn von Trautson zu einer freien Grafschaft erhoben.
Karlstein
mini|Burg Karlstein im Waldviertel Die Burg, die sich auf einer Felsnase im nördlichen Waldviertel befindet, wird bereits 1112 urkundlich erwähnt. Sie war bis in das 16. Jahrhundert ein landesfürstliches Lehen, befand sich von der Mitte bis zum Ende des 14. Jahrhunderts im Lehensbesitz der von Tierna und gelangte über die Eheschließung der Magdalena von Tierna im Erb- und Kaufweg an die Ritter von Hauser.Burgen. Waldviertel, Wachau, Mährisches Thayatal. freytag & berndt, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Wien 2009, ISBN 978-3-7079-1273-9, S. 232.
Rauhenstein
Die im 12. Jahrhundert erbaute Burg kontrollierte die strategisch wichtige Verbindung vom Wienerwald nach dem Westen. Sie befand sich lange im Besitz der Tursen von Rauhenstein, die in männlicher Linie 1369 erloschen und gelangte so an Johann von Tierna.
Schloss Wildberg
Im Jahre 1382 wird Hans von Tierna als Pfandbesitzer von Schloss Wildberg in der niederösterreichischen Gemeinde Irnfritz-Messern, nordwestlich von Horn, erwähnt.Burgen. Waldviertel, Wachau, Mährisches Thayatal. S. 224.
Burg Sierndorf mini|Sierndorf – Schloss Diese heute in der gleichnamigen Marktgemeinde Sierndorf im Bezirk Korneuburg gelegene Burg erwarben die Tierna von den Herren von Sunnberg. In der Kirche erinnert noch ein kleiner Grabstein an die Familie Tierna. Nach dem Tod von Leopold von Tierna († 1461) ging Sierndorf an seine Witwe und dann an ihren zweiten Ehemann, Christoph von Malzkasten.
Sitzendorf an der Schmida
Sitzendorf im Weinviertel befand sich im Besitz von Johann I. von Tierna, Bürgermeister von Wien, Hubmeister von Österreich (test. 1390).Siebmacher’s Grosses Wappenbuch. Band 26: Die Wappen des Adels in Niederösterreich. Teil 2, S. 365.Burgen. Waldviertel, Wachau, Mährisches Thayatal. freytag & berndt, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Wien 2009, ISBN 978-3-7079-1273-9, S. 226. Die Tierna besaßen zeitweise auch die Herrschaften Aigen, Alberndorf im Pulkautal, Enzersdorf an der Fischa, Goggendorf bei Sitzendorf an der Schmida (die Burg ist nicht mehr vorhanden),Burgen. Weinviertel. S. 369. Markersdorf, Teesdorf und Schloss Weikersdorf (beide im Bezirk Baden) und hatten Höfe in Kritzendorf und Waltersdorf sowie Gülten und Bergrechte bei Klosterneuburg, Mollesdorf und Gumpoldskirchen.
Besitz in Wien Die Tierna hatten auch in Wien bedeutenden Besitz:
Der Federlhof Er war seit alter Zeit einer der ansehnlichsten Höfe in Wien und wurde durch die von Tierna im Jahre 1338 von der Patrizierfamilie der Chriegler erworben. Das große Palais befand sich auf dem Grundstück, das heute etwa der Adresse Lugeck 7 und Rotenturmstraße 6 entspricht und hatte einen Eingang von der Bischofsgasse (heute Rotenturmstraße) und einen zweiten durch den Torweg des Turmes von der Bäckerstraße. Die von Tierna ließen zusätzlich einen Turm erbauen, der 1360 erwähnt wird, nutzten das Gebäude als Stadtresidenz, die von 1338 bis 1398 im Familienbesitz blieb. Das Gebäude verdankt seinen Namen einem viel späteren Besitzer, dem Patrizier Georg Federl, der um 1591 auch Besitzer der Herrschaft Tribuswinkel war. In diesem Gebäude sollen später zeitweise Philippine Welser († 1580 auf Schloss Ambras), eine Augsburger Patriziertochter und Ehefrau von Erzherzog Ferdinand II. von Habsburg, Landesfürst von Tirol, der berühmte Schweizer Arzt, Naturphilosoph und Alchemist, Theophrastus Bombast von Hohenheim († 1541), genannt Paracelsus und der kaiserliche Feldherr Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, Herzog von Friedland bekannt als „Wallenstein“ gewohnt haben.Groner: Wien wie es war. S. 153/154.
Der Margaretner Hof