mini|Michel-Werke in Augsburg-Kriegshaber Die Michel-Werke GmbH & Co. KG war ein deutscher Elektrotechnikhersteller mit Sitz in Augsburg. Das Unternehmen wurde 1932 gegründet und 1938 als ein Schlüsselbetrieb der deutschen Rüstungsproduktion in die Kriegswirtschaft eingegliedert. Produziert wurden überwiegend elektrische Bauteile für Flugzeuge der Messerschmitt AG sowie Steuerungssysteme für V-Waffen. Neben dem Stammwerk in Augsburg bestanden Zweigbetriebe in Vorarlberg und zu Kriegsende Verlagerungsstätten im Allgäu.
Nach 1945 nahm das Unternehmen in einzelnen Nebenbetrieben die Fertigung nichtmilitärischer Produkte aus dem Sortiment der Vorkriegszeit wieder auf. Noch 1994 befand sich der Verwaltungssitz in Augsburg-Kriegshaber, Ulmer Straße 161a. Später erfolgte die Umfirmierung in Michel-Werke Beteiligungs-GmbH, deren Geschäftsfeld heute vorwiegend die Verwaltung und Verpachtung firmeneigener Immobilien ist. Seit 2003 befindet sich der Firmensitz in Neusäß, Kobelstraße 55.
Rüstungsbetrieb Das Unternehmen wurde 1932 von dem Ingenieur Johann Michel unter der Firmierung Michel – Fabrik für elektrische Geräte Augsburg gegründet. Hergestellt wurden zunächst Elektroteile für Radios. Im Zuge der Rüstungskonjunktur entwickelte sich der inhabergeführte Betrieb ab dem Jahr 1936 insbesondere für Flugzeughersteller zu einem der wichtigsten Zulieferer elektromechanischer Steuerungstechnik. Dazu zählten unter anderem Komponenten der Bordelektronik, Schaltkästen, Stecker, Relais, elektromagnetische Spulen, Sicherungen, Magnetschalter, Fernbedienungen für Bordwaffen, beispielsweise für das MG 17 oder die MG FF. Hauptabnehmer war die Messerschmitt AG. Die Umfirmierung in Michel-Werke GmbH & Co. KG erfolgte erst zu Beginn der 1940er Jahre.Martin Broszat, Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller: Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland. Walter de Gruyter, 2009, S. 582. Archiv der Deutschen Luftwaffe, abgerufen am 19. November 2019.
Als ein Schlüsselbetrieb der deutschen Rüstungsproduktion wurde das Unternehmen im Jahr 1938 in die zentralgelenkte Wehrwirtschaft eingegliedert und unterstand bis zum Kriegsende dem Rüstungskommando Augsburg.Rüstungskommando Augsburg, 1938-1945 Archivportal Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 19. November 2019. Zwischen den Jahren 1939 und 1944 stieg der Gesamtumsatz der Michel-Werke um das 18-fache. Das Augsburger Stammwerk (Werk I) befand sich in der Rehmstraße am Siebentischwald. Im Jahr 1942 erfolgte die Fertigstellung des Gebäudekomplexes in der Ulmer Straße (Werk II). Neben den Augsburger Werken errichtete das Unternehmen ab Juni 1941 Zweigbetriebe in Bregenz und in Hard (Vorarlberg). Ab Mitte 1944 entstanden zusätzliche Verlagerungsstätten in Scheidegg sowie ab April 1945 in Lindenberg im Allgäu. Im Jahr 1944 beschäftigte das Unternehmen zusammen rund 4000 festangestellte Personen.Martin Broszat, Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller: Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland. Walter de Gruyter, 2009, S. 582.
Infolge der zunehmenden Luftangriffe auf Augsburg wurden ab Mai 1942 immer mehr Bereiche nach Vorarlberg verlegt. Im Harder Werk richtete das Unternehmen unter anderem eine aufwendige und hochmoderne Bakelitpressanlage zur Herstellung von Kunststoffgehäuseteilen ein. Für das Bregenzer Werk stellte das Rüstungskommando Innsbruck am 16. Juli 1943 fest, dass die insgesamt 373 „Gefolgschaftsmitglieder“ monatlich zwischen 140.000 und 160.000 Reihenstecker herstellten sowie durchschnittlich 3000 Verzögerungsschalter. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Ausstoß an Reihensteckern auf 300.000 Stück pro Monat verdoppelt. Rund 80 % der Beschäftigten in Bregenz und Hard waren Frauen.Harald Walser: Bombengeschäfte. Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit. Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs. Vorarlberger Autoren Gesellschaft, 1989, S. 313. Insgesamt beschäftigten die Michel-Werke ab dem Jahr 1944 in Vorarlberg 652 Personen, davon etwa 100 Fremdarbeiter oder Kriegsgefangene.Harald Walser: Bombengeschäfte. Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit. Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs. Vorarlberger Autoren Gesellschaft, 1989, S. 159.
Ab Januar 1944 weitete sich die Produktion in Bregenz nochmals aus. Der Betrieb wurde in das Fliegerbordwaffenprogramm eingebunden und hatte monatlich 3000 bis 6000 Geräte zu liefern. Dazu kamen elektrische Durchladeschaltgeräte für andere Waffenbauprogramme. Aufgrund des permanenten Arbeitskräftemangels zog das Rüstungskommando Innsbruck für die Michel-Werke in Vorarlberg die Einstellung von Pendlern aus der nahegelegenen Schweiz in Erwägung. Interessanterweise bot das Arbeitsamt St. Gallen den deutschen Behörden in einem Schreiben die Vermittlung von wörtlich „etwa 100 erstklassigen Metallfacharbeitern“ an, was zu dieser Zeit eindeutig gegen die Neutralitätspolitik der Schweiz verstoßen hätte.Harald Walser: Bombengeschäfte. Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit. Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs. Vorarlberger Autoren Gesellschaft, 1989, S. 313. Letztlich scheiterte die Arbeitskräftevermittlung allein an den Sicherheitsbestimmungen der deutschen Behörden, da im Bregenzer Werk auch Teile für die „Geheimstfertigung“ produziert wurden.Christian Feurstein: Vom Familienunternehmen zur Unternehmensfamilie. Die Zumtobel-Konzerngruppe von 1950-2000. LIT Verlag Münster, 2009, S. 59 f. Das Marktsegment der Michel-Werke gehörte zu damaliger Zeit zweifelsohne zur Spitzentechnologie. Dazu zählten ferner Raketen-Zünder-Schaltkreisrelais für die V2.Raketen-Zünder-Schaltkasten, ca. 1945 Archiv der Deutschen Luftwaffe, abgerufen am 19. November 2019.
Im Herbst 1944 errichtete das Unternehmen auf eigene Kosten zwei größere Werksbaracken aus Holz in Scheidegg (Tarnname Schaltbau Scheidegg). Zudem beschlagnahmte das Rüstungskommando Werkräume der Scheidegger Ski- und Kartonagenfabrik Hanser & Wilhelm. Weitere Verlagerungsstätten ließ das Rüstungskommando in den Lindenberger Hutfabriken einrichten, welche die Michel-Werke ab April 1945 bezogen. Hier befanden sich große Produktionsräume unter anderem im Keller der Hutfabrik Ottmar Reich, ebenso in der Hutfabrik Aurel Huber und der Hutfabrik Gebrüder Wiedemann, in denen das Materiallager und die Buchhaltung eingerichtet wurden.Martin Broszat, Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller: Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland. Walter de Gruyter, 2009, S. 583.Lindenberg im Allgäu Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst – Haus der Bayerischen Geschichte, abgerufen am 21. November 2019.Lebenserinnerungen Luis Schultes Zeitzeugen im Gespräch, abgerufen am 21. November 2019.Rüstungskommando Augsburg, 1938-1945 Archivportal Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 21. November 2019.
Zwangsarbeit Im April 1943 wurden die Michel-Werke mit dem Prädikat Kriegsmusterbetrieb ausgezeichnet und Johann Michel zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. Allerdings sagte der Titel kaum etwas über die Nähe des Inhabers zum NS-Regime aus. Michel stammte aus bescheidenen, ursprünglich sozialdemokratisch geprägten Verhältnissen und stand ab Dezember 1943 unter dem Verdacht der Sabotage und Wehrkraftzersetzung. Im Frühjahr 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet. Das Rüstungskommando warf ihm gezielte Lieferungsverzögerungen vor, wodurch die Flugzeugproduktion in den Messerschmitt-Werken in Stockung geriet.Martin Broszat, Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller: Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland. Walter de Gruyter, 2009, S. 583.
Nach seiner Entlassung aus der Gestapo-Haft übernahm das Rüstungskommando Augsburg vollständig die Kontrolle über die Produktion der Michel-Werke sowie laut Akten „die Bedarfsanweisung und Sicherstellung von Arbeitskräften“.Rüstungskommando Augsburg, 1938-1945 Archivportal Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 19. November 2019. Vor diesem Hintergrund richtete Ende August 1944 das Rüstungskommando im Komplex der Augsburger Michel-Werke in der Ulmer Straße ein Außenlager des KZ Dachau für Frauen ein.Rüstungskommando Augsburg, 1938-1945 Archivportal Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 21. November 2019. Bei den Insassen handelte es sich schätzungsweise um rund 500 ungarische Jüdinnen, die für verschiedene Rüstungsbetriebe in Augsburg Zwangsarbeit leisten mussten. Das Außenlager bestand vom 7. September 1944 bis zum 25. April 1945.Wolfgang Benz, Barbara Distel, Angelika Königseder: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 2. C.H.Beck, 2005, S. 286.
Die Räume befanden sich im zweiten Stock des nördlichen Hauptgebäudetrakts. Etwa 300 Frauen arbeiteten direkt bei den Michel-Werken, sowohl im Werk II in der Ulmer Straße als auch im Werk I in der Rehmstraße. Geschätzte 200 KZ-Häftlinge kamen etwa einen Kilometer vom Lager entfernt bei der Kuka AG zum Einsatz. Weitere waren bei der Industriewerke Lohwald AG in der Produktion von Tarnfarben beschäftigt. Mehrfach wurden die Frauen auch zu Räumungsarbeiten in ganz Augsburg nach Bombenangriffen eingeteilt. Die Bewachung erfolgte durch SS-Personal. Nach Häftlingsaussagen waren die Arbeits- und Lebensbedingungen den Umständen entsprechend erträglich. Die Arbeit erfolgte in 12-Stunden-Schichten. Das Essen für die Häftlinge entsprach nach Angaben von Johann Michel dem Kantinenessen aller Beschäftigten der Michel-Werke. Gemäß der Forschungsarbeit von Wolfgang Benz, Barbara Distel, Angelika Königsede und Wolfgang Kucera, erhielten die Frauen medizinische Versorgung durch Werksärzte. Es gibt keine Belege über direkt im „Außenlager Michel-Werke“ verstorbene Häftlinge, doch wurden mindestens zehn arbeitsunfähige ins KZ Dachau überstellt. Die Räumung des Lagers erfolgte im April 1945 in das Waldlager im KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf.Wolfgang Benz, Barbara Distel, Angelika Königseder: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 2. C.H.Beck, 2005, S. 286.
Nachkriegszeit Bei Kriegsende war die Produktion der Michel-Werke nahezu vollständig von Augsburg ins Allgäu, überwiegend jedoch nach Vorarlberg verlagert. Die Zweigbetriebe in Bregenz und Hard eignete sich der österreichische Ingenieur Walter Zumtobel an. Hierfür bot er den französischen Behörden im besetzten Nachkriegsösterreich eine Zusammenarbeit an, da nach seinen Worten „das Produktionssortiment der Michel-Werke für den Wiederaufbau Österreichs von Bedeutung“ war. Die Franzosen erkannten die Bedeutung der Betriebe für die französische Rüstung und erklärten sich bereit, für die französische Marine entsprechende Serienaufträge für Transformatoren und Hochfrequenzrelais an Zumtobel zu übergeben. Auch für die französische Luftwaffe wurden Aufträge ausgeführt.Christian Feurstein: Vom Familienunternehmen zur Unternehmensfamilie. Die Zumtobel-Konzerngruppe von 1950–2000. LIT Verlag Münster, 2009, S. 16 f, S. 64 f.
Obwohl nach Kriegsende keine Verbindung mehr zum Augsburger Mutterwerk bestand, nahm Zumtobel mit den umfangreich noch vorhandenen Maschinen ab September 1945, zunächst als Sequester im Auftrag der französischen Militärverwaltung, später als Pächter der österreichischen Behörden, die Produktion von elektronischen Bauteilen unter der Firmierung Michel-Werk Hard beziehungsweise Michel-Werk Bregenz auf. Ende Dezember 1949 erreichte Zumtobel einen Zusammenschluss und die Verlegung der beiden Werke nach Dornbirn. Am 1. Januar 1950 gründete er dann zwei Unternehmen: die Firma Michel-Werke, Pächter Dipl. Ing. Dr. Walter Zumtobel und die Firma Elektrogeräte und Kunstharzpresswerk W. Zumtobel KG.Christian Feurstein: Vom Familienunternehmen zur Unternehmensfamilie. Die Zumtobel-Konzerngruppe von 1950–2000. LIT Verlag Münster, 2009, S. 68 f.