mini|300px|Stadtmauer im Nordabschnitt mini|300px|Die Stadtmauer ist heute ein touristischer Höhepunkt in Worms mini|300px|Der Christoffelturm gehört heute zum Museum Andreasstift (Worms)
Die Stadtbefestigung Worms, die zum Schutz der Stadt Worms seit der Römerzeit, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit entstand, bestand im Endausbau aus zwei Mauerringen mit etwa 60 Türmen und acht Toren im inneren und neun Toren im äußeren Mauerring. Die Befestigung wurde nie eingenommen. Grün: Die Stadtmauer, S. 4; Hotz, Mai 1982, S. 6.
Geschichte Römer Erst gegen Ende des Römischen Reiches erhielt die Stadt Worms (Borbetomagus) eine Ummauerung, etwa um 360 n. Chr., als die Bedrohung durch Überfälle von der rechten Rheinseite latent wurde. Dieses Datum ist vor allem durch eine umfangreiche Grabung an der Ostseite der Befestigung gesichert, wo etwa 40 m freigelegt wurden und archäologische Befunde das belegten. Grünewald: Spätrömisches Worms; Porsche: Stadtmauer, S. 59f. Zuvor hatte die Siedlung keine Mauer gehabt. Die ältere lokale Forschung dagegen war – ohne Belege – von einer umfangreichen römischen Mauer ausgegangen (Porsche: Stadtmauer, S. 57f; Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 55; Friedrich M. Illert: Die Reichsbedeutung der Stadt Worms. Hinweis auf die geographische Lage der Stadt und ihre Auswirkungen. In: Der Wormsgau 2 (1939), S. 197–220 (210f)). Als sich in den 1930er Jahren entgegenstehende archäologische Befunde ergaben, wurden diese von der „herrschenden Meinung“ unterdrückt, was bis zur Versetzung des Mitarbeiters führte, der diese „missliebigen“ Ergebnisse ergraben hatte (Grünewald: Neue Thesen, S. 11f). Mathilde Grünewald zieht daraus „den Schluss, dass es von ihr [der römischen Mauer] nichts gibt, dass sie als Mythos aber sehr hartnäckig weiterlebt“ (Grünewald: Neue Thesen, S. 16). Für eine in der älteren Literatur vielfach vermutete frühere römische Stadtmauer gibt es keine archäologischen Belege Grünewald in Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms, S. 79; Grünewald: Neue Thesen, S. 13. Insofern unzutreffend: Spille: Denkmaltopographie, S. 13, 40. , dafür sprossen aber zahlreiche Vermutungen. Vgl.: Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 54–58.
Die römische Mauer verlief südlich entlang der heutigen Andreas- und Wollstraße. Grünewald: Neue Thesen, S. 18, bezeichnet ihre „Re“konstruktion selbst als „Gedankengebäude“. Im Osten etwas westlich von Fischmarkt und Bauhofgasse, der ursprünglichen Abbruchkante zum Rhein hin. Hier wurde die Mauer durch eine Ausgrabung nachgewiesen und ein Teil des Befundes in einem Archäologischen Fenster offen gehalten, so dass sie hier zu sehen ist. Grünewald: Unter dem Pflaster, S. 42. Der Verlauf des nördlichen Abschnitts dagegen ist nicht bekannt Grünewald in Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms, S. 95. und wird auf einer Linie zwischen Ludwigsplatz und nördlich der Paulusstraße vermutet. Grünewald in Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms, S. 161; vgl. Rekonstruktion in Grünewald: Unter dem Pflaster, S. 13. Auch in der westlichen Stadtmauer ist römisches Mauerwerk sichtbar. Wahrscheinlich handelt es sich dabei aber nicht um die römische Stadtmauer, sondern um ein im Mittelalter sekundär verwendetes Gebäudeteil des angrenzenden römischen Tempelbezirks. Grünewald: Spätrömisches Worms, S. 25.
Mittelalter mini|600px|links|Die Rheinfront von Worms um 1550 mit der Stadtmauer von Sebastian Münster
Bis ins Hochmittelalter reichte der römische Mauerring für die Bedürfnisse der Stadt weiterhin aus. Er wurde – auch später – immer wieder repariert. Die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung der Mauer stammt aus dem Jahr 897. Wagener / de Filippo: Die Wormser Stadtmauer, S. 20; Porsche: Stadtmauer, S. 66.
An der Innenseite der östlichen Mauer, zum Rhein hin, befand sich im Hochmittelalter die Burg der Salier Kohl / Felten in Bönnen (Hg.): Worms, S. 109, 121. , die als Grafenfamilie hier ihre Karriere begann.
mini|Nordmauer – Zustand nach knapp 1000-jähriger Baugeschichte mini|Fensterdurchbrüchen zur Feldseite seit der Romanik
Erst im 10. Jahrhundert kam es zu einer ersten Erweiterung nach Süden, wo die Mauer nun entlang dem heutigen Willy-Brandt-Ring und der Schönauer Straße verlief. Grünewald in Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms, S. 95, 161. Im Umfeld dieser Erweiterung oder wegen der Bedrohung durch die Normannen, die den Rhein hinauf vorstießen, allerdings – im Gegensatz zu den Ungarn – nie bis Worms gelangten Kohl / Felten in Bönnen (Hg.): Worms, S. 130. , entstand eine Mauerbauordnung, die Bischof Thietlach zugeschrieben wird. Sie regelte, wer zum Bau und Unterhalt der Mauer beizutragen hatte. Dazu zählten neben den anderen Stadtbewohnern auch die Friesen, die im nordöstlichen Bereich des Stadtgebiets siedelten und im Fernhandel tätig waren. Der dortige Mauerabschnitt unterlag ihrer Pflege. Bau und ständiger Unterhalt einer solchen Stadtbefestigung waren teuer. Sie zu gewährleisten, waren verschiedene Gruppen der Stadtbewohner und auch potentiell Schutzsuchende aus unbefestigten Orten des Umlandes verpflichtet, die dafür ein Recht besaßen, im Kriegsfall hinter den Mauern Schutz zu suchen. Reuter: Stadtmauern und Wehrtürme, S. 7; eine dieser Gruppen war die jüdische Gemeinde (Bönnen, in: Bönnen (Hg.): Zwischen Bischof, S. 209). Das funktionierte nicht immer reibungslos. Öfter wies die Mauer Bauschäden auf und auch die Weigerung einzelner Verpflichteter, ihren Beitrag zu leisten, sind bezeugt. So wollten z. B. die in der Stadt begüterten Ritter 1272 ihren Beitrag verweigern (Bönnen, in: Bönnen (Hg.): Zwischen Bischof, S. 204).
Die zweite Erweiterung erfolgte unter Bischof Burchard am Anfang des 11. Jahrhunderts. Bönnen, in: Bönnen (Hg.): Die Blütezeit, S. 166. Nach einer Phase, in der der bauliche Unterhalt der Mauern vernachlässigt worden war Bönnen, in: Bönnen (Hg.): Die Blütezeit, S. 137. , veranlasste er die Reparatur und der nördliche Abschnitt der römischen Mauer wurde durch den weit gezogenen Bogen einer neuen Mauer, die vom Westrand des heutigen Ludwigsplatzes, entlang der Martinsgasse, der Judengasse und der Bärengasse verlief, ersetzt. Im Osten schloss sie wieder an die bestehende römische Mauer, die die Ostseite von Worms schützte, an. Zum konkreten Aussehen der Anlage in damaliger Zeit geben die erhaltenen Schriftquellen keine verlässlichen Anhaltspunkte. Zum Teil sind sie auch widersprüchlich. Hin und wieder ist dort zudem von einem Wall die Rede, ohne dass dessen Verhältnis zur Mauer erklärt wird oder geklärt ist. Wagener / de Filippo: Die Wormser Stadtmauer, S. 20; Grünewald: Neue Thesen, S. 28.
In den Annales des Lampert von Hersfeld, entstanden 1078/1079, berichtet dieser darüber, dass die Wormser Bürger sich in dem Konflikt um Heinrich IV. auf dessen Seite schlugen. Dabei wird die Wormser Befestigungsanlage als hervorragend und uneinnehmbar erwähnt. Bönnen, in: Bönnen (Hg.): Die Blütezeit, S. 144. Da der Bischof von Worms, Adalbert II., sich auf die Seite der Gegner Heinrich IV. geschlagen hatte, sahen die Bürger eine Chance, sich gegen den Stadtherrn mit dem König zu verbünden. Dieser legte Truppen in die Stadt und übernahm so faktisch die Stadtherrschaft. Bei dem stufenweisen Rückzug des königlichen Militärs überließ er den Bürgern der Stadt auch die Verfügungsgewalt über die Stadtmauer, ein Prozess, der im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts ablief. Seit dieser Zeit hatte die Bürgerschaft die Hoheit über die Stadtverteidigung und die ihr dienenden Anlagen. Isele: Das Wehrwesen, S. 3. Nachrichten aus den Jahren 1116 und 1234/35 berichten auch von einer militärisch ernst zu nehmenden Stadtbefestigung. Wagener / de Filippo: Die Wormser Stadtmauer, S. 21.
mini|Die Stadtmauer am Torturmplatz zeigt drei Bauphasen:1. Unten: roter Sandstein, Abschluss mit Zinnen2. Mitte: Grau-braune Ziegel, Abschluss mit Zinnen3. Oben: Dunkle Steine, Abschluss mit gedecktem Wehrgang (außerhalb des Bildes) Die dritte Erweiterung der Stadtmauer – jetzt in Regie der Stadt – entstand kurz vor 1200 in deren Osten, wo die Mauer um 70 m, etwa die Stärke eines Gebäudeblocks, in Richtung Rhein, nach Osten, vorverlegt wurde. Grünewald in Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms, S. 92; Kohl / Felten in Bönnen (Hg.): Worms, S. 161; Spille / Böcher: Baugeschichte, S. 756. Die Datierung sei nach einer archäologischen Grabung 1987 dendrochronologisch gesichert: Verbaute Holzpfähle stammen aus dem Jahr 1196. Grünewald: Die neuen Daten, S. 2; Porsche: Stadtmauer, S. 82. Dies wäre zugleich die älteste absolute historische Datierung, die für die Stadtbefestigung vorliegt. Porsche: Stadtmauer, S. 83. Weil die Entnahmestelle der Proben aber auch alternative Interpretationen zulässt, wird diese Datierung von Anderen angezweifelt Wagener / de Filippo: Die Wormser Stadtmauer, S. 26. und der Bau der Mauer aufgrund kunstgeschichtlicher Kriterien im zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts angesetzt. Wagener / de Filippo: Die Wormser Stadtmauer, S. 27.
Ursprünglich verlief die einfache Mauer, mit Zinnen versehen, um die Stadt. Sie war etwa 6,30 m hoch. Grünewald: Die neuen Daten, S. 2. Der Bewegung der Wachen und des Militärs entlang der Mauer diente eine Gasse, die unmittelbar hinter der Mauer verlief. Porsche: Stadtmauer, S. 75. Eine Ausnahme davon bildete die Judengasse. Deren nördliche Häuserzeile war rückwärtig unmittelbar an die Stadtmauer angebaut, was zu Konflikten zwischen den Verteidigungsinteressen der Stadt und den Interessen der Grundeigentümer führte. Dieser Anbau von Häusern an die Mauer ist im mittelalterlichen Worms singulär Dass ein Schutzbrief für die Jüdische Gemeinde von König Heinrich IV. aus dem Jahr 1090 dieses Privileg sicherte, wird zwar in der Literatur immer wieder angeführt. Der Text der Urkunde gibt das aber nicht her (Grünewald: Neue Thesen, S. 29). und hatte baulich zur Folge, dass die Stadtmauer hier feldseitig [!] die Reste von Fenstern aus Romanik, Gotik und Renaissance aufweist.
Die Mauer wurde – wohl im 14. Jahrhundert Grünewald: Die neuen Daten, S. 2; Isele: Das Wehrwesen, S. 53; Reuter: Wehrhaftes Worms. 2. Staufermauer, S. 5, geht vom 14./15. Jahrhundert aus. – auf etwa 8 m erhöht Reuter: Wehrhaftes Worms. 3. Türme, Mauern und Wehrgang, S. 7. , nachdem Schwarzpulver und Schusswaffen aufkamen. Hinter die Mauer wurden breite Bögen gesetzt. Auf diesen verlief ein hölzerner Wehrgang, der stadtseitig weitgehend offen war. Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 58. Eine Rekonstruktion ist im Bereich des Nibelungenmuseums zu sehen und begehbar. Im Bereich der Judengasse, wo die Häuser ja direkt an die Stadtmauer angebaut waren, hatte das zur Folge, dass der Wehrgang bei manchen Gebäuden durch das Haus geführt werden musste, so etwa in der Nr. 39, dem Haus „Zur Büchs“ (auch: „Guggenheimhaus“ Grün: Die Stadtmauer, S. 19. ), im zweiten Obergeschoss, was erst bei einer Renovierung 1980 beseitigt wurde. Spille: Denkmaltopographie, S. 40.
Für 1201 ist überliefert, dass auch die Männer der jüdischen Gemeinde bewaffnet und zur Verteidigung der Stadtmauer verpflichtet waren. Adolf Kober: Die deutschen Kaiser und die Wormser Juden. In: Ernst Róth: Festschrift zur Wiedereinweihung der Alten Synagoge zu Worms. Ner Tamid Verlag, Frankfurt am Main 1961, S. 184; Reuter in Bönnen (Hg.): Warmasia, S. 669.
1234 stürzte ein Teil der Mauer am inneren Andreastor ein. Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 59.
Für 1272 gibt es eine Nachricht, dass sich – zumindest Teile – der Stadtmauer in einem ruinösen Zustand befanden. Bönnen, in: Bönnen (Hg.): Zwischen Bischof, S. 204. 1321 erließ der Stadtrat eine Ordnung über Bau und Unterhalt des Stadtgrabens. Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 56.
1491 wird der Baumeister Jakob Bach aus Ettlingen vom Wormser Rat der Stadt Frankfurt empfohlen, wo er den Domturm vollendet. Das macht es wahrscheinlich, dass er zuvor Bauaufgaben für die Stadt Worms und an deren Befestigungsanlagen wahrgenommen hat. Hotz, Juni 1982, S. 7
Frühe Neuzeit