Die Hamburger Sternwarte ist eine von der Universität Hamburg betriebene historische Forschungssternwarte. Sie befindet sich seit 1909 auf dem Gojenberg im Hamburger Stadtteil Bergedorf.
Geschichte miniatur|Sternwarte mit Navigationsschule und Repsold-Denkmal auf dem Wall beim Millerntor ca. 1840 (von Christoffer Peter Suhr)
Erste Sternwarte am Stintfang Johann Georg Repsold, der Gründer der Hamburger Sternwarte, errichtete 1802 auf der Albertusbastion am Stintfang eine eigene kleine Sternwarte. Repsold, der in Ritzebüttel, dem hamburgischen Außengebiet nahe Cuxhaven, bei Reinhard Woltman Wasserbau gelernt hatte, war ab 1799 als städtischer „Spritzenmeister“ für die Feuerwehr sowie die Wartung der Leuchttürme zuständig. Neben seiner beruflichen Tätigkeit widmete er sich insbesondere dem Bau astronomischer Beobachtungsgeräte, die von sehr guter Qualität waren. 1811 während der Zeit der napoleonischen Besatzung musste die Sternwarte abgebrochen werden. Im gleichen Jahr reichte Repsold eine erste Eingabe an den Hamburger Senat zur Gründung einer städtischen Sternwarte ein, die er 1820 zusammen mit Jonas Ludwig von Heß und Johann Theodor Reinke wiederholte.
Zweite Sternwarte am Holstenwall miniatur|Grundriss der Hamburger Sternwarte am Holstenwall von Guillaume Philidor van den Burggraaff (1790–1838), Brüssel, in: Adolphe Quetelet Voyage Scientifique, fait en Allemagne pendant l’été de 1829 miniatur|Observatorium am Holstenwall um 1900 miniatur|Observatorium Rechts unten auf der Karte um 1890.
Im selben Jahr begründete Repsold beim Hamburger Senat die Notwendigkeit der Errichtung einer Sternwarte, verbunden mit einer neuen Navigationsschule. Als geeignete Stelle wurde die Henricus-Bastion am Millerntor festgelegt. Erst 1824 stimmte der Senat unter der Bedingung zu, dass Repsold die Beobachtungsinstrumente unentgeltlich zur Verfügung stellte. Der Bau der Sternwarte wurde 1826 teilweise abgeschlossen. Die Sternwarte bestand aus einem zweiflügeligen Bau, auf dessen Dach sich zwei hölzerne Kuppeln befanden. Eine Hälfte des Gebäudes wurde von der Navigationsschule genutzt.
Nachdem Repsold im Jahre 1830 bei Löscharbeiten ums Leben gekommen war, beschloss der Senat, die Sternwarte als staatliches Institut zu übernehmen, nachdem die private Finanzierung der Betriebskosten gesichert war. Neuer Direktor wurde 1834 der Astronom Karl Rümker,Vermischte Nachrichten. In: Astronomische Nachrichten. Nr. 253, S. 227, ((Digitalisat). „Als erster Astronom an dieser Sternwarte ist der bisherige Navigationslehrer Herr Rümcker ernannt.“) der bis dahin das Observatorium von Parramatta (Australiens einzige Sternwarte) geleitet hatte. Repsolds Söhne und später seine Enkel bauten die Firma „A. Repsold & Söhne“ in Hamburg zu einem weltweit führenden Unternehmen für optische Instrumente aus. Das Unternehmen bestand bis 1919. Als Rümker 1857 aus Altersgründen ausschied, übernahm sein Sohn George Rümker die Leitung. Nach George Rümkers Tod im Jahre 1900 wurde Richard Schorr zum Direktor ernannt.
Nachdem die Sternwarte in den Besitz Hamburgs gekommen war, wurde regelmäßig über deren Arbeit berichtet. Dies geschah zunächst in den jährlich erscheinenden Vorlesungsverzeichnissen des Akademischen Gymnasiums, später in den Jahrbüchern der Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten.
Die Hauptaufgabe der Sternwarte lag neben der astronomischen Beobachtung und der Astrometrie in der exakten Bestimmung der Zeit. Diese wurde mittels eines Meridianfernrohrs bestimmt. Die Uhrenanlage der Sternwarte steuerte mehrere Normaluhren, später den Zeitball des Hamburger Hafens sowie die telefonische Zeitansage.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Standort durch zunehmende Luft- und Lichtverschmutzung sowie Erschütterungen stark beeinträchtigt, so dass eine Verlegung erforderlich wurde. Als neuer Standort wurde der Gojenberg in Bergedorf festgelegt.
Nach dem Abriss der Sternwarte wurde hier ab 1914 das Museum für Hamburgische Geschichte errichtet.
Heutige Sternwarte in Bergedorf Mit dem Bau der neuen Sternwarte wurde 1906 begonnen, 1909 waren die meisten Gebäude fertiggestellt und die ersten Teleskope aufgebaut. Die Sternwarte wurde 1912 offiziell eingeweiht.
miniatur|400px|Übersicht über den Standort der einzelnen Gebäude Ausgerüstet war sie anfangs mit einem Meridiankreis, einem großen Refraktor mit 60 cm Öffnung von „Repsold & Söhne“, einem Newton-Teleskop von Carl Zeiss mit einem Hauptspiegel von 1 m Durchmesser, einem Doppelastrografen von Zeiss zur Astrofotografie sowie den Teleskopen der alten Sternwarte.
In den Folgejahren entstanden mehrere umfangreiche Sternkataloge, darunter der AGK2-Katalog. Anhand des Doppelastrografen wurden die physikalischen Eigenschaften der Sterne untersucht. Walter Baade führte Untersuchungen der Sternverteilungen in der Milchstraße und anderen Galaxien durch.
mini|links|Schutzbau des Meridiankreises der Sternwarte Bergedorf (2005) Zwischen 1905 und 1929 führte die Sternwarte mehrere Expeditionen zur Beobachtung von Sonnenfinsternissen durch, unter anderem nach Algerien, Mexiko, Schweden und auf die Philippinen.
Ab 1926 arbeitete der Optiker und Teleskopkonstrukteur Bernhard Schmidt als freier Mitarbeiter an der Sternwarte. Hier gelang Schmidt 1930 die Herstellung einer asphärischen Korrektionslinse und damit die Erfindung des „Schmidt-Spiegels“. Die extrem lichtstarke und bis an den Bildrand der Fotoplatten komafreie Weitwinkelkamera ist eine der durchgreifenden Neuerungen in der Astrofotografie des 20. Jahrhunderts. Ein geplanter großer Schmidtspiegel konnte erst nach dem Krieg verwirklicht werden.
1941 schied Richard Schorr altersbedingt aus dem Amt und Otto Heckmann übernahm die Leitung der Sternwarte. Diese führte seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs als „kriegswichtiges Institut“ nur noch Aufgaben für das Militär durch, insbesondere Positionsberechnungen für militärische Navigation und Beobachtung von Sonnenaktivitäten. Das gesamte Areal der Sternwarte in Bergedorf überstand die Kriegszeit fast völlig unbeschadet.
Mit der Berufung Heckmanns verteidigte sich die Sternwarte gegen die Einflussnahme des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes auf die Personalbesetzung. Otto Heckmann blieb ein Gegner der ideologischen „Deutschen Physik“, er nahm unter anderem 1940 erfolgreich mit Carl Friedrich von Weizsäcker an dem sogenannten „Münchener Religionsgespräch“ teil. Nach 1945 galt er als Direktor der Hamburger Sternwarte auch international als ein beachteter Astronom.
1954 wurde der lang geplante große „Hamburger Schmidt-Spiegel“, konstruiert von Heidenreich & Harbeck, in Betrieb genommen. Auch wurde eine Anlage zur Aluminium-Bedampfung von Teleskopspiegeln errichtet, in der Spiegel bis zu einem Durchmesser von 1,5 m beschichtet werden können. Die Anlage ist bis heute in Betrieb.
1962 wurde Otto Heckmann als einer der Gründungsväter der Europäischen Südsternwarte zum ersten Generalsekretär gewählt. Er richtete im Stadtzentrum Bergedorfs das erste Hauptquartier der ESO ein, mit der er 1975 nach Garching bei München übersiedelte. Im Juli 1968 wurde er emeritiert. 1968 wurde die Sternwarte als Institut in den Fachbereich Physik der Universität Hamburg aufgenommen.
1971 wurde ein Zonenastrograph von Carl Zeiss installiert. 1976 wurde der große Schmidtspiegel zum deutsch-spanischen Calar-Alto-Observatorium in Südspanien verlagert. An seiner Stelle wurde in Bergedorf ein großes Ritchey-Chrétien-Cassegrain-Teleskop mit 1,20 m Öffnung als „Oskar-Lühning-Teleskop“ in Betrieb genommen. Später wurde es mit modernen Steuerungs- und Aufnahmetechniken ausgerüstet und es wird weiterhin zu Lehr- und Forschungszwecken genutzt.
Schmidt-Museum mini|Sonnenbau
Im Keller des Hauptgebäudes befindet sich das Schmidt-Museum, in dem Geräte von Bernhard Schmidt ausgestellt werden, unter anderem der von ihm konstruierte erste Schmidt-Spiegel.
Bibliothek Die über 70.000 Bände umfassende Bibliothek ist im Hauptgebäude untergebracht und enthält alle wichtigen astronomischen Veröffentlichungen der letzten 200 Jahre.
Denkmalschutz 1996 wurde die gesamte Sternwarte unter Denkmalschutz gestellt, 1999 erfolgte die Renovierung des Hauptgebäudes. mini|links|Hauptgebäude mit HD-Bibliothek
2008 nahm Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Sternwarte in die Förderung national bedeutsamer Kulturdenkmäler auf. Außerdem läuft derzeit eine Bewerbung zum UNESCO-Weltkulturerbe, bei der die Hamburger Sternwarte zusammen mit vergleichbaren Observatorien aus anderen Ländern nominiert wird.Schwerpunkt der UNESCO im Internationalen Jahr der Astronomie 2009
Öffentlichkeit Neben der astrophysikalischen Lehre und Forschung bietet die Hamburger Sternwarte regelmäßig astronomische Vorträge, öffentliche Himmelsbeobachtungen und Tage der offenen Tür an. In Zusammenarbeit mit der Schulbehörde werden im Projekt „Astronomie-Werkstatt“ Workshops für Schule und Ferienkurse angeboten. Hier fand auch mehrmals die „vision sternwARTe“, eine Kunstausstellung mit Gedichtvorträgen und Konzerten, statt, die vom Verein zur Förderung von Kunst, Kultur und Kommunikation in Bergedorf e. V. organisiert wurde. Der ursprünglich aus Bergedorf stammende, bekannte südafrikanische Popstar, Sänger, Komponist und Schauspieler Ike Moriz gab dazu 2011 mehrere Konzerte und filmte im Oktober 2009 auch ein Musikvideo seines Liedes „Starry Night“ (Sternnacht) an der Sternwarte.
Besucherzentrum Der Park der Sternwarte ist täglich von 07.00 bis 22.00 Uhr geöffnet. Der Planetenpfad und die Gebäude der Sternwarte sind mit Erläuterungstafeln versehen. Das Besucherzentrum im restaurierten Gebäude des 1-Meter-Spiegels bietet mittwochs bis freitags einen Mittagstisch und am Wochenende Café-Betrieb an. Hier beginnen die regelmäßigen Führungen durch die Sternwarte, dabei kann im Hauptgebäude auch die historische Bibliothek und ein maßstabsgerechtes Modell des Hamburger Zeitballs besichtigt werden.
Förderverein Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Sternwarte wurde 1998 der „Förderverein Hamburger Sternwarte e. V.“ gegründet. Ziele des Vereins sind in erster Linie der Erhalt der Gebäude und astronomischen Geräte der Sternwarte nach Maßgabe des Denkmalschutzes. Darüber hinaus unterstützt er die astronomische Öffentlichkeitsarbeit und strebt eine zukünftige Nutzung von Teilen des Geländes als Volkssternwarte an. Die seit 2012 laufende Bewerbung zum Weltkulturerbe ist ein bedeutender Arbeitsschwerpunkt.
Instrumente Großer Refraktor mini|links|Observatorium mit dem Großen Refraktor
Der Große Refraktor besitzt eine Objektivöffnung von 60 cm und eine Brennweite von 9 m. Er zählt zu den größten Refraktoren Deutschlands und wird heute vorwiegend für öffentliche Himmelsbeobachtungen genutzt. Am Hauptfernrohr befinden sich noch ein Leitfernrohr von 18 cm Öffnung und 8,5 m Brennweite sowie ein Sucherfernrohr mit 10 cm Öffnung.
Das Kuppelgebäude war 1909 von der Fa. Carl Zeiss errichtet worden, Tubus und Montierung wurden 1911 von „Repsold & Söhne“ fertiggestellt. Die zweilinsige Optik konnte allerdings erst 1914 von der Münchener Fa. Steinheil geliefert werden, da die Fertigung großer fehlerfreier Glaslinsen sehr problematisch war (siehe Artikel Riesenteleskope). Weil das für die visuelle Beobachtung konstruierte Objektiv für die Astrofotografie unbrauchbar war (zur damaligen Zeit waren die fotografischen Platten ausschließlich blauempfindlich), wurde 1925 ein fotografisch korrigiertes Objektiv von Steinheil angefertigt, das bei Bedarf eingesetzt werden konnte. Der Fußboden der Kuppel ist als Hebebühne ausgeführt und kann mittels Elektromotoren und Drahtseilzügen um 4,5 m angehoben werden. Dadurch kann der Beobachter bei jeder Stellung des Teleskops bequem ins Okular blicken, ohne auf eine Leiter steigen zu müssen oder einen höhenverstellbaren astronomischen Stuhl zu benützen.