Muhammad ibn Yūsuf Atfaiyasch (, geb. 1821/1822 in Ghardāya; gest. 1914 in Beni Isguen) war einer der bedeutendsten Gelehrten bei den Ibaditen des Mīzāb in Algerien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Er verfasste zahlreiche Werke zu Koranexegese, Hadith, Dogmatik und Fiqh sowie viele Sendbriefe, mit denen er zu anderen ibaditischen und nicht-ibaditischen Gelehrten in Kontakt trat. Da sich Atfaiyasch um ein zeitgemäßes Verständnis der früheren ibaditischen Quellen bemühte, wird von modernen ibaditischen Autoren häufig auf seine Werke Bezug genommen. Atfaiyasch spielte auch eine wichtige Rolle beim Kampf gegen die Kolonialherren in Französisch-Algerien und leistete den Libyern Beistand bei ihrem Kampf gegen die Italiener. Bei den heutigen Ibaditen hat Atfaiyasch den Ehrentitel quṭb al-aʾimma („Pol der Imame“). Sowohl in der arabischen als auch in der westlichen Wissenschaft wird er als Repräsentant einer ibaditischen Reformbewegung betrachtet.
Abstammung und Name Atfaiyasch gehörte einer Gelehrtenfamilie an. Ein Vorfahre väterlicherseits namens Muhammad ibn ʿAbd al-ʿAzīz, der im 15. Jahrhundert lebte, war sowohl ein Gelehrter als auch Scheich der ʿAzzāba. Sein Vater Yūsuf ibn ʿĪsā, der ein ibaditischer Gelehrter von Bedeutung zu seiner Zeit war, ist für seine Reformversuche bekannt, die seine Verbannung nach Ghardāya verursachten. Atfaiyaschs Mutter hieß Sattī bint Saʿīd ibn ʿAddūn und kam aus dem Stamm Āl Yadar in Banī Yasdschan und gehörte ebenfalls einer Gelehrtenfamilie an.Vgl. Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 110.
Sein vollständiger Name lautet Amhammad ibn Yūsuf ibn ʿĪsā ibn Sālih ibn ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿĪsā ibn Ismāʿīl ibn Muhammad ibn ʿAbd al-ʿAzīz ibn Bakīr al-Hafsī Atfaiyasch.Bābāʿammī/Bāḥḥāz: Muʿǧam aʿlām al-ibāḍīya min al-qarn al-auwal al-hiǧrī ilā l-ʿaṣr al-ḥāḍir: qism al-Maġrib al-islāmī. 2000. Bd. II, S. 399. Seine Herkunft wird auf ʿUmar ibn Hafs al-Hintātī zurückgeführt, der der Begründer der Hafsidendynastie in Tunesien (1229-1574) war.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 108. In manchen seiner Werke führt Atfaiyasch seine Abstammung weiter bis auf ʿUmar ibn al-Chattāb zurück.
Der Namensbestandteil Atfaiyasch hat seinen Ursprung in der mozabitischen Berbersprache und besteht aus drei Teilen: attaf bedeutet „nimm“, aiyā bedeutet „komm“ und asch bedeutet „iss“. Vielleicht ist der Name eine Metonymie, die für Gastfreundschaft und Freigebigkeit steht.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 109.
Obwohl sein ism-Name Muhammad war, schrieb Atfaiyasch ihn „Amhammad“ mit Alif am Anfang des Namens (). Als er danach gefragt wurde, warum sein Vorname so geschrieben werde, antwortete er darauf, dass diese Abänderung darauf abziele, den Namen des Propheten und dessen Person zu schützen, denn wenn jemand, der Muhammad heißt, verflucht oder beleidigt werde, erstrecke sich diese Beleidigung und Verfluchung auch auf den Propheten.Vgl. Muḥammad ibn Yūsuf Aṭfaiyaš: Kašf al-karb. Wizārat at-Turāṯ al-Qaumī wa'ṯ-Ṯaqāfa, Oman, 1985. Bd. I, S. 263. Digitalisat
Leben Geburt und frühe Kindheit mini|Atfaiyaschs Geburtsort Ghardaia Die Autoren sind sich sowohl über Atfaiyaschs Geburtsjahr als auch seinen Geburtsort uneinig. Die Meinung, dass er im Jahre 1236 der Hidschra (= 1820/21 n. Chr.) geboren wurde, teilen einige, während andere seine Geburt im Jahr 1237 (= 1821/22 n. Chr.) für definitiv erklären. Ein großer Teil der Autoren hält sich an das letztere Datum. Ähnlich ist die Situation bei seinem Geburtsort. Die Mehrzahl der Autoren behauptet, dass er in Beni Isguen geboren worden sei, da Atfaiyasch in seinen Sendbriefen sowie einigen seiner Werke die Nisbe al-Yasdschanī verwendet, die sich auf Beni Isguen bezieht. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist jedoch Ghardāya sein tatsächlicher Geburtsort, da er selbst in einem seiner Werke erwähnt, dass er in Ghardāya zur Welt gekommen ist.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 109f.
Die ersten vier Jahre seiner Kindheit verbrachte Atfaiyasch aufgrund der Verbannung seines Vaters aus Beni Isguen in Ghardāya.Vgl. Wīntan: in seiner Edition von Aṭfaiyaš: Šarḥ ʿaqīdat at-tauḥīd. 2001. S. 16. Kurze Zeit, nachdem die Atfaiyaschs wieder nach Beni Isguen zurückgezogen waren, starb sein Vater, nämlich im Jahre 1825. Für ihn sorgten nach dem Tod seines Vaters seine Mutter und seine Brüder.
Ausbildung Atfaiyasch genoss bereits seit seiner frühen Kindheit ein häusliches Umfeld von Gelehrsamkeit durch die Familie seiner Mutter, deren Bruder ʿUmar ibn Saʿīd ein wichtiger Mufti in Mīzāb war und deren Onkel Yūsuf ibn Hamū ein Gelehrter war, der einige Werke verfasste. Das muss einen Einfluss auf Atfaiyasch gehabt haben. Atfaiyaschs Mutter gebührt nach vielen ibaditischen Biographen das Verdienst um seine frühe religiöse Ausbildung.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 111.
Im Alter von fünf Jahren schickte Atfaiyaschs Mutter ihn in die Koranschule. Da seine Muttersprache Berberisch war, musste er erst einmal Arabisch lernen. Nach seinem Biographen Bakīr Aghūscht war Atfaiyasch außergewöhnlich begabt, hatte ein gutes Gedächtnis, war sehr wissbegierig und zeichnete sich gegenüber seinen Mitschülern durch großen Fleiß aus. Als er acht Jahre alt war, soll er den Koran auswendig beherrscht haben.Vgl. Aġūšt: Quṭb al-aʾimma al-ʿAllāma Muḥammad ibn Yūsuf Aṭfaiyaš. 1989, S. 64.
Die zweite Phase seiner religiösen Ausbildung fing nach der Memorierung des Korans damit an, dass er jeden Tag in die Moschee ging, in der der religiöse Unterricht der ʿAzzāba stattfand. Zu seinen Lehrern gehörten Muhammad ibn ʿĪsā Āzbār (gest. 1878), der Scheich des Madschlis ʿAmmī Saʿīd war, Sulaimān ibn ʿĪsā (gest. 1848), der Scheich der ʿAzzāba in Beni Isguen war, ʿUmar ibn Sulaimān Nūh (gest. 1875), der das Amt des Qādī in Beni Isguen ausgeübt hatte, und ʿUmar ibn Sālih (gest. 1834), der die Funktion des Ober-Qādīs in Ghardāya innehatte. Alle diese Gelehrten waren Schüler von ʿAbd al-ʿAzīz ath-Thamīnī (1717–1808) waren. In welchen Fächern sie Atfaiyasch unterrichteten, geht leider aus den Quellen und Sekundärliteratur nicht hervor.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 111 f.
Atfaiyasch führte seine breit gefächerte Ausbildung auf seinen Bruder Ibrāhīm ibn Yūsuf Atfaiyasch (gest. 1886) zurück, den er hochschätzte und über den er sogar eine Qasīda schrieb. Nach der Rückkehr seines Bruders von einer Studienreise in Oman und Ägypten nach Beni Isguen erlernte Muhammad bei ihm die arabische Syntax (naḥw), Fiqh, Koranexegese (tafsīr), Hadith, Kalām und islamische Geschichte.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008, S. 112. Im Gegensatz zu seinem Bruder und anderen algerischen Gelehrten, die nach ihrer Grundausbildung üblicherweise zur Weiterbildung bei anderen Gelehrten in die religiösen Zentren der islamischen Welt reisten, blieb Muhammad Atfaiyasch in seiner Heimat. Dies mag daran liegen, dass er sich solche Studienreisen nicht leisten konnte.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 113f.
Ein anderer Weg für ihn, sein Wissen zu erweitern, war das Selbststudium von Werken anderer Gelehrter im Wādī Mīzāb. Jedoch war der Zugang zu ihren in Privatbibliotheken liegenden Büchern nicht einfach, da ihre Besitzer sie anderen nicht gern zur Verfügung stellten. Jedoch gelang es ihm, sich einen Zugang zur Privatbibliothek des damals schon verstorbenen ʿAbd al-ʿAzīz ath-Thamīnī zu verschaffen, aus dessen Werken er für sich viel Wissen zog.Vgl. Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 114f. Die drei Ehen, die Atfaiyasch nacheinander schloss, halfen ihm ebenfalls dabei, Zugang zu Büchern zu erhalten, denn alle drei Frauen waren Töchter von Gelehrten, die im Besitz wertvoller Privatbibliotheken waren. Zwei seiner Frauen erbten auch die Bibliotheken ihres Vaters. Außerdem nahm Atfaiyasch Kontakte zu anderen Gelehrten auf, insbesondere in Oman, und sandte ihnen Sendbriefe mit der Bitte, ihm Bücher zuzusenden. Außerdem erhielt er von Reisenden Bücher aus Ägypten und Marokko.Vgl. Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 11ff.
Wirkung als Gelehrter Schon mit dem Alter von 15 Jahren begann Atfaiyasch damit, in der Schule seines Bruders zu unterrichten. Ourghi zufolge half er seinem Bruder nur beim Unterrichten des Korans und der arabischen Sprache.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 116f. Als er 16 Jahre alt war, brachte er den langen Traktat von Ibn Hischām (gest. 1360) zur arabischen Syntax mit dem Titel Muġnī al-labīb ʿan kutub al-aʿārīb in die Form von 5000 Versen.Vgl. Dabbūz: Nahḍat al-Ǧazāʾir al-ḥadīṯa. 1965. S. 302. Im Jahre 1850 gründete er seine eigne Schule und nutzte dafür eines seiner drei Häuser in Beni Izguen. Die Schule wurde von Schülern sowohl aus dem Wādī Mīzāb als auch aus anderen ibaditischen Gebieten außerhalb Algeriens wie der Insel Djerba, dem Dschabal Nafusa, Oman und Sansibar besucht. Für die Zulassung zum Studium in seiner Schule setzte Atfaiyasch die auswendige Beherrschung des ganzen Korans voraus. Bei ihm lernten die Schüler die arabische Sprache, islamische Wissenschaften und Ethik. Besondere Bedeutung maß Atfaiyasch dabei dem andalusischen Schrifttum zu.Vgl. Saʿdallāh: Tārīḫ al-Ǧazāʾir aṯ-ṯaqāfī. 1998. S. 264, 271 f.
Die Schüler teilte er in drei Gruppen auf und legte für sie unterschiedliche Curricula fest. Die Gruppe der Anfänger unterrichtete er in Grammatik (mit der al-Āǧurrūmīya als Grundlagentext), Hadith, Dichtung, Literatur, Ethik und Glaubenslehre, wobei er für Letzteres die ʿAqīdat at-Tauḥīd von al-Dschitālī (gest. 1349) oder die ʿAqīdat al-ʿAzzāba von ʿAmr ibn Dschamīʿ (gest. ca. 1300). Bei der zweiten Gruppe, die ein mittleres Lernniveau hatte, arbeitete er mit schwierigeren Texten, so in der Grammatik mit dem Werk Qaṭr an-nadā von ibn Hischām und bei der Glaubenslehre mit der Nūnīya-Qasīda von Abū n-Nasr ibn Nūh. Die Gruppe der Älteren lernten bei ihm Grammatik mit der Alfiyya des Ibn Mālik und Rhetorik mit der Samarqandīya.
Nach Abū l-Qāsim Saʿdallāh führte Atfaiyaschs strenge Ablehnung von religiösen Praktiken, die er als Bidʿa-Neuerungen betrachtete, zu Todesdrohungen gegen ihn, so dass er gezwungen gewesen sei, aus Beni Izguen auszureisen. Zunächst sei er in Būnūra geblieben, wo er willkommen geheißen worden sei. Dann sei sich zwischen den Städten des Wādī Mīzāb hin- und hergereist. Auf diesen Reisen habe er Kontakte mit den ʿAzzāba aufgenommen und Predigten sowohl für Männer als auch für Frauen gehalten.Vgl. Saʿdallāh: Tārīḫ al-Ǧazāʾir aṯ-ṯaqāfī. 1998. BII, S. 267. Auch Mustafā Wīntan erwähnt dieses Exil. Es habe sieben Jahre lange gedauert, bis Atfaiyasch nach Beni Izguen zurückkehren konnte.Wīntan: in seiner Edition von Aṭfaiyaš: Šarḥ ʿaqīdat at-tauḥīd. 2001. S. 20. Im Jahre 1878 wurde Atfaiyasch zum Scheich der ʿAzzāba und zum Prediger der Moschee von Beni Izguen ernannt.Ourghi: Die Reformbewegung in der neuzeitlichen Ibāḍīya. 2008. S. 117f.
Reisen, Begegnungen und Korrespondenz