Der Kuss vor dem Hôtel de Ville, auch Der Kuss vor dem Rathaus (), ist eine Schwarzweißfotografie des französischen Fotografen Robert Doisneau aus dem Jahr 1950. Sie zeigt ein sich küssendes Paar auf einem belebten Gehweg vor dem , dem Rathaus von Paris.
Die Fotografie entstand als Auftragsarbeit für das US-Magazin Life, in dem sie im Juni 1950 erschien. Als Liebespaar hatte Doisneau zwei Schauspielschüler engagiert, die er beim Küssen in der Pariser Innenstadt beobachtet hatte. In den 1980er Jahren wiederentdeckt, wurde die Aufnahme seitdem auf einer Vielzahl von Produkten wie Postern, Kalendern und Schreibwaren abgebildet. Sie entwickelte sich zu einem Symbol für Liebe und Romantik und gilt als eine der am häufigsten reproduzierten Fotografien der Welt.
Beschreibung mini|Die Westfassade des Pariser Hôtel de Ville, die im Hintergrund des Fotos zu sehen ist Das Foto zeigt eine Pariser Straßenszene auf der .Nina Lager Vestberg: Robert Doisneau and the Making of a Universal Cliché. 2011, S. 163. Im Vordergrund ist ein Mann von hinten zu sehen, der an einem Tisch eines Cafés sitzt. Auf dem Gehweg vor ihm sieht man einen jungen Mann und eine junge Frau, die einander küssen. Der Mann hat dabei seinen Körper in Richtung des Fotografen gedreht und seine rechte Hand auf die Schulter der Frau gelegt. Auf dem Gehweg sind noch weitere Menschen unterwegs, die alle in Bewegung zu sein scheinen. Gut erkennbar sind ein Mann, der ein Barett und eine Brille trägt und hinter dem Paar läuft, sowie eine Frau, die sich auf derselben Höhe wie das Paar befindet. Hinter dem Gehweg sieht man eine Straße, auf der zwei Autos von links nach rechts fahren. Im Hintergrund ist links verschwommen die Westfassade des Pariser zu sehen, rechts sind weitere Häuser erkennbar.
Entstehung und Veröffentlichung Das Foto entstand im MärzHans-Michael Koetzle: Photo Icons. 2019, S. 257. oder AprilPeter Hamilton: Representing the Social: France and Frenchness in Post-War Humanist Photography. 1997, S. 97. 1950 als Auftragsarbeit für das US-Magazin Life. Robert Doisneau hatte den Auftrag von der Fotoagentur Rapho erhalten, da er bereits vorher mit einer Fotoserie über Liebende begonnen hatte.Peter Hamilton: Representing the Social: France and Frenchness in Post-War Humanist Photography. 1997, S. 98. Für den Kuss vor dem Hôtel de Ville engagierte Doisneau die Schauspielschüler Françoise Bornet (1930–2023) und Jacques Carteaud († 2005), die er küssend in der Nähe des Invalidendoms beobachtet hatte. Laut Bornet dauerte das Fotoshooting, bei dem fünf bis sechs Posen an verschiedenen Orten von Paris aufgenommen wurden, einen halben Tag.
Veröffentlicht wurde das Foto in der Life-Ausgabe vom 12. Juni 1950 im regelmäßig erscheinenden Feature gemeinsam mit sieben weiteren Fotos von Doisneau, die ebenfalls küssende Paare in Paris zeigen. Der Titel der Fotoserie war („In Paris küssen sich junge Liebespaare, wo immer sie wollen, und niemanden scheint es zu stören“). Der Kuss vor dem Hôtel de Ville erschien in beschnittener Form, war kleiner als andere Fotos des Features und nahm durch seine Positionierung eher eine Nebenrolle ein. Untertitelt war er mit („Dies war ein kurzer Kuss, ‚ein Kuss rapide‘, sagt der Fotograf“). Der kurze Text des Features berichtet davon, dass – anders als in anderen Städten – junge Paare sich in Paris nicht ruhige Orte zum Küssen suchen. Stattdessen würden sie dies den ganzen Tag und die ganze Nacht an belebten Orten in der Stadt tun. Beachtet würden sie dabei nur von Touristen, Einheimische würden es ignorieren oder gar zustimmend grinsen. Zitiert wird ein Polizist, der dieses Verhalten begrüßt, da die jungen Männer wahrscheinlich Hockey spielen und sich dabei vielleicht verletzen würden, wenn sie nicht mit den Frauen zusammen wären. Der Text nennt den Namen des Fotografen und bezeichnet die Fotos als ungestellt.
Das Feature wurde ein Erfolg und sorgte für viele Leserzuschriften. Kurze Zeit später erschien es in leicht abgewandelter Form in der französischen Zeitung als („Der Artikel, der die Amerikaner so entzückte“).Peter Hamilton: Representing the Social: France and Frenchness in Post-War Humanist Photography. 1997, S. 99.
Analyse und Einordnung Der Kuss vor dem Hôtel de Ville lässt sich der sogenannten französischen humanistischen Fotografie der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zuordnen. Wie der Autor Peter Hamilton in seiner umfassenden Studie zu diesem Genre feststellt, weist Doisneaus Foto viele der für diese Fotografien charakteristischen Merkmale auf. Zunächst handelt es sich wie die meisten Bilder dieses Genres um ein Schwarz-Weiß-Foto. Inhaltlich konzentrierten sich die Fotografien vor allem auf das tägliche Leben der sogenannten , die Personen wie Arbeiter, Lehrer, Krankenschwestern, Rentner und Kleinbauern umfasste und sich am besten als das „gemeine Volk“ übersetzen lasse.Peter Hamilton: Representing the Social: France and Frenchness in Post-War Humanist Photography. 1997, S. 94. Die beiden Liebenden auf dem Foto machen auf Hamilton den Eindruck, „gewöhnliche Menschen“ zu sein, und ließen sich damit ebenfalls der zuordnen. Charakteristisch für die humanistische Fotografie sei es aber auch, dass der Blickwinkel des Fotografen die Sicht der einnehme, was hier durch die Positionierung an einem der Cafétische erreicht werde. Das Zusammenspiel dieses Blickwinkels und der Drehung des küssenden Mannes zum Fotografen hin verhindere zudem, dass das Bild voyeuristisch wirke. Auch dies sei typisch für humanistische Fotografien, die häufig eine Empathie für die abgebildeten Personen vermittelten. Ein weiteres charakteristisches Merkmal sei die Darstellung von universellen menschlichen Emotionen, wie hier der Liebe.Peter Hamilton: Representing the Social: France and Frenchness in Post-War Humanist Photography. 1997, S. 99–101. Die Vielzahl von Abbildungen von Liebenden aus dieser Zeit stehe dabei auch im Zusammenhang mit einem generellen Wandel in der französischen Gesellschaft, durch den die gegenseitige Zuneigung eine deutlich größere Rolle bei der Partnerwahl zu spielen begann als noch vor dem Krieg.Peter Hamilton: Representing the Social: France and Frenchness in Post-War Humanist Photography. 1997, S. 124.
Ein Grund für die Konzentration vieler Fotografen in Frankreich auf Inhalte des täglichen Lebens war ökonomischer Natur. Zum einen konnten sie solche Bilder sowohl an die kommunistische als auch an die katholische Presse Frankreichs verkaufen, zum anderen verloren diese Bilder nicht so schnell ihren illustrativen und damit auch kommerziellen Wert wie andere Fotos. Daneben ist die Hinwendung auf diese Themen auch durch die spezielle soziale und politische Situation in Frankreich nach dem Krieg zu erklären. Es bestand das Bedürfnis, nach der als traumatisch empfundenen Zeit der Besetzung durch das Deutsche Reich und die auf die Befreiung folgende Phase der (deutsch „Säuberung“) eine neue Vorstellung vom „Französischsein“ zu entwickeln.Nina Lager Vestberg: Photography as cultural memory: imag(in)ing France in the 1950s. 2005, S. 78. Laut der Kunsthistorikerin Nina Lager Vestberg haben einige zentrale Elemente der humanistischen Fotografie, die der Kuss aufgreift, direkten Bezug zu Anliegen und Bedürfnissen der französischen Gesellschaft in dieser Zeit. So repräsentiere die Straße die Freiheit, das Café die Geselligkeit, Paris Frankreich selbst und die gewöhnlichen Menschen diejenigen, die Frankreich wiederaufbauten. Das verliebte Paar repräsentiere die Familien, die die zwölf Millionen Babys zeugen sollten, die sich General Charles de Gaulle gewünscht hatte, um damit das französische Geburtendefizit auszugleichen.Nina Lager Vestberg: Robert Doisneau and the Making of a Universal Cliché. 2011, S. 159.
Für Vestberg ist Der Kuss zusammen mit dem Life-Artikel, in dem er erschien, aber auch ein Dokument, das Aussagen über die USA der Nachkriegszeit zulasse. Zwar berichtete das Life-Magazin im Wesentlichen über die Vereinigten Staaten, nutzte Berichte über Frankreich aber regelmäßig, um ein im Vergleich zu den USA weniger beeindruckendes, wenn auch glamouröseres Gegenbild zu schaffen. Die Berichte beschränkten sich dabei meist auf vergleichsweise seichte Themen wie Liebe, Mode und Kunst; aktuelle französische Politik spielte eine untergeordnete Rolle. Trotzdem waren diese Berichte aus Sicht von Vestberg politisch gefärbt. Frankreich diente in dieser Zeit meist als Symbol für zwei der größten Ängste der USA: Sexualität und Kommunismus. Auch der kurze Text, der die Kuss-Fotos begleitete, bediene durch die Betonung, dass kein Pariser sich an den küssenden Pärchen störe, das in den USA verbreitete Vorurteil der sexuell zügellosen Franzosen. Dies werde auch durch die Versicherung des Magazins gestützt, die Fotos seien nicht gestellt worden. Das Zitat des Polizisten lasse zudem einen politischen Subtext erkennen, der den französischen Männern vorwirft, zu schwach zu sein, um ihr Land und ihre Frauen zu verteidigen.Nina Lager Vestberg: Robert Doisneau and the Making of a Universal Cliché. 2011, S. 159–161.
mini|Gustave Caillebotte: Straße in Paris an einem regnerischen Tag, 1877 Anne Grevstad-Nordbrock sieht beim Kuss vor dem Hôtel de Ville Bezüge zur Kunst des 19. Jahrhunderts. So erinnere das Foto mit seinem flüchtigen Blick auf flanierende Pariser an Gemälde französischer Impressionisten. Im Besonderen sieht sie Ähnlichkeiten zu dem Gemälde Straße in Paris an einem regnerischen Tag von Gustave Caillebotte, da beide Werke den Fokus auf den „Zuschauer als Spektakel“ (englisch ) legten. Während man bei Caillebotte dem laufenden Paar dabei zuschauen könne, wie es die Passanten beobachte, geselle man sich bei Doisneaus Foto zu dem Mann im Vordergrund, der an dem Cafétisch sitzt und das küssende Paar betrachtet.Anne Grevstad-Nordbrock: A Stolen Kiss: Robert Doisneau’s Photographic Icon. 1997, S. 191–192.
Nachwirkung Mitte der 1980er wurden die Bilder französischer humanistischer Fotografen aus den 1940er und 1950er Jahren von einer Nostalgie-Welle erfasst und fanden dadurch ein großes neues Publikum.Peter Hamilton: Representing the Social: France and Frenchness in Post-War Humanist Photography. 1997, S. 147. Dies trifft im Besonderen auf Den Kuss vor dem Hôtel de Ville zu, der seitdem auf einer Vielzahl von Produkten wie Postern, Kalendern, Postkarten und Schreibwaren abgebildet wurde. Neben den legal gedruckten 500.000 Postern und 400.000 Postkarten, von denen 2005 die Direktorin der Fotoagentur Rapho sprach, wurde weltweit eine hohe Zahl von Raubkopien vertrieben. Die Aufnahme gilt damit als eine der meistreproduzierten Fotografien der Welt und hat sich laut Nina Lager Vestberg zu einer „universellen ikonischen Repräsentation von Liebe oder Romantik“ entwickelt.Nina Lager Vestberg: Robert Doisneau and the Making of a Universal Cliché. 2011, S. 157. Der anhaltende Erfolg beruht für Vestberg neben der Darstellung eines „‚prägnanten Moments‘ voll erotischer Verheißungen“ auch auf der Bewegungsunschärfe des Fotos, die den Eindruck vermittelt, das Foto wäre wirklich als spontaner Schnappschuss entstanden. Besondere Beliebtheit wird dem Foto beim weiblichen Publikum nachgesagt. So eröffnet es laut Anne Grevstad-Nordbrock Frauen die Möglichkeit, in ihrer Vorstellung dem Alltag an einen Ort zu entfliehen, der von Leidenschaft und Spontanität geprägt ist.Anne Grevstad-Nordbrock: A Stolen Kiss: Robert Doisneau’s Photographic Icon. 1997, S. 195–196.