Helene ist der Titel eines Bildes, das die russische Künstlerin Marianne von Werefkin um 1909 malte. Das Werk ist Teil einer Privatsammlung.
Technik und Maße, Bei dem Bild handelt es sich um eine Gouache auf Papier auf Karton, Es trägt keine Signatur oder Datierung.
Ikonografie Dargestellt ist Helene Nesnakomoff, die Geliebte von Alexej Jawlensky, die er 1922 in Wiesbaden heiratete.Bernd Fäthke: Alexej Jawlensky, Köpfe radiert und gemalt, Die Wiesbadener Jahre. Galerie Draheim, Wiesbaden 2012, S. 14 f, ISBN 978-3-00-037815-7 Als „Helene im Herbst 1895 zehn Jahre alt war“,Marianne Werefkin: Brief an Herrn August Schädl, 1919. Archiv Fondazione Marianne Werefkin, Ascona, S. 11. wurde sie „in’s Haus“ der Familie Werefkin auf dem litauischen Landgut Blagodat,Deutsch: Glückseligkeit. „nach dem Tod ihres Stiefvaters des Polizeisoldaten bei uns im Fleck“Marianne Werefkin: Brief an Herrn August Schädl, 1919. Archiv Fondazione Marianne Werefkin, Ascona, S. 6. aufgenommen.
mini|Werefkins Atelierhaus auf dem Landgut Blagodat in Litauen. Es ist das einzige Atelierhaus aus dem 19. Jahrhundert in Litauen Der Sommersitz Blagodat hatte seinerzeit eine Ausdehnung von insgesamt 850 Hektar und umfasste die Landgüter Vyžuonėlės, Mediniai und Mazelizkiai, den Wald Skaistasilis und den See Lukuo.S. Kubickiené, VyzuonéliIiu Dvaras, Utenis, Schreiben vom 12. Juli 1994. Die Übersetzung aus dem Litauischen stammt von Stase Kuldasyte. Das Gut befindet sich etwa sieben Kilometer nordwestlich der Stadt Utena, im Gouvernement Kownow. Im Winter wohnten die Werefkins in Sankt Petersburg. mini|Informationstafel (Litauisch, Englisch, Deutsch) auf dem Landgut Blagodat in Litauen, im Hintergrund das Haupthaus der Werefkins Helene konnte fortan „satt und warm leben. Das noch kindliche Mädchen musste sich sein Essen und seine Unterkunft verdienen. Es ging bei Mariannes neuer Zofe Pascha in Lehre.“Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, S. 53
1896 war sie nach Deutschland „zur persönlichen Bedienung der Werefkin mitgekommen.“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen In: Clemens Weiler (Hrsg.), Alexej Jawlensky, Köpfe-Gesichte-Meditationen. Hanau 1970, S. 106 In München wurde Helene auf einer „Fehlliste“ im Melderegister beim Einwohnermeldeamt als Köchin der „Excell.“ Werefkin eingetragen.Bernd Fäthke: Marianne Werefkin. München 2001, S. 57, Dok. 7, ISBN 3-7774-9040-7 Obwohl Jawlensky Helene auf mehreren Bildern verewigte, weiß man bis heute nur wenig und Widersprüchliches über diese Frau. Ihr Mädchenname Nesnakomoff, der in der Übersetzung eine Unbekannte lautet, bestimmte wie ein Signet ihr Leben. Eine weitgehend Unbekannte blieb Helene selbst befreundeten Zeitgenossen, wie ein Bericht von Elisabeth Erdmann-Macke verdeutlicht: „In München besuchten wir den Maler Alexej von Jawlensky […] zusammen mit der ihm befreundeten Kollegin Marianne von Werefkin. Sie hatten zwei Atelierwohnungen auf dem gleichen Stock inne. […] In einem kleinen Nebenzimmer lebte Hélène, eine junge, hübsche Person, die still und unbemerkt den Haushalt versorgte und alle täglichen Arbeiten verrichtete, aber nie mit am Tisch saß, wenn Gäste anwesend waren […] In dem kleinen Zimmer […] waren viele bunte Kinderzeichnungen mit Reißnägeln an der Wand befestigt. Der kleine André, damals sechs Jahre alt, der ‚Neffe‘ von Jawlensky, in Wirklichkeit sein und Hélènes Sohn, hatte sie gemalt, […] ein wenig lag immer ein Geheimnis über diesen drei Menschen und ihrer Zugehörigkeit zueinander.“Elisabeth Erdmann-Macke: Erinnerungen an August Macke. Frankfurt 1987, S. 240.
Maler und Modell Die Maler der Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) pflegten das Aktzeichnen und die Aktmalerei. Auf ihren drei Ausstellungen (1909–1911)Rosel Gollek: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. Katalog der Sammlung in der Städtischen Galerie. München 1982, S. 388 ff. thematisierten sie das klassische Bildmotiv der menschlichen Figur. „Die Vorstellung einer wiedergefundenen Harmonie zwischen Mensch und Natur sollte dabei im Bild in eine moderne Formensprache übersetzt werden.“Beate Eickhoff: Der Akt bei den Münchner Künstlern. In Ausst. Kat.: Adolf Erbslöh der Avantgardemacher. Von der Heydt-Museum, Wuppertal 2017, S. 162.
Adolf Erbslöh setzte sich z. B. insbesondere mit den großflächigen Frauenakten von Pierre Girieud auseinander, mit dem er seit seiner Reise nach Paris im Mai 1910 befreundet war. Darüber hinaus beeinflussten ihn die Aktmalerei von Georges Rouault und Henri Le Fauconnier.Nicole Hartje-Grave: Erbslöh und die französische Avantgarde. In Ausst. Kat.: Adolf Erbslöh der Avantgardemacher, Von der Heydt-Museum Wuppertal 2017, S. 71. mini|Adolf Erbslöh: Mädchen mit rotem Rock, 1910 In der Zeit um 1910 malte Erbslöh eine Reihe monumental wirkende weibliche Akte. „Für diese ganz- oder halbfigurigen, stehenden, sitzenden oder liegenden Akte standen ihm seine Frau oder andere junge Frauen Modell.“Brigitte Salmen: Adolf Erbslöh, Leben und Schaffen bis 1916. In: Karl & Faber (Hrsg.): Adolf Erbslöh 1881–1947, Werkverzeichnis der Gemälde. S. 18 Sie gehören zu den fortschrittlichsten Werken seiner expressionistischen Phase, wie z. B. das Mädchen mit rotem Rock. Die drei Grundfarben Gelb, Rot und Blau dominieren im Bild. Die Figur erhält Stabilität durch eine schwarze Konturierung. Sie veranschaulicht die Intention des Malers zur Flächigkeit und ergänzt so den kaum differenzierten flachen Hintergrund. Johannes Eichner, der Biograf von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, hatte schon 1957 auf die Quelle der modernen Malerei bei den Künstlern der N.K.V.M. hingewiesen, indem er sagte: „Zweifellos war Jawlensky, als die Gruppe in Murnau ihre Arbeit aufnahm, der Fortgeschrittenste. Er wußte schon, wie man modern malt. Er hatte das Verfahren der Schule von Pont-Aven gelernt, die Farbflächen in Konturen zu spannen.Johannes Eichner: Kandinsky und Gabriele Münter, Von Ursprüngen moderner Kunst. München 1957, S. 89.“
An Erbslöhs „Akten wird besonders deutlich, wie wirksam in dieser Phase die Anregung und Ermutigung durch Jawlensky war, mit dem sich Erbslöh, neben dem engsten Freund Kanoldt, der im Hause Erbslöh fast täglich ein- und ausging, am intensivsten austauschte. […] Die häufigen Besuche, die Begutachtung der Gemälde Erbslöhs durch Jawlensky, gelegentlich in Begleitung seiner Gefährtin Helene (Erbslöhs nannten die beiden ‚LuluLulu steht für Jawlensky. Wegen seiner vielen Affären sah man in ihm das männliche Pendant zu jener Frau aus Frank Wedekinds Drama, die mit Sinnlichkeit Männer anlockt, um sie ins Verderben zu stürzen. und Lala‘„Lala“ ist ein Wortspiel, das sich auf „Lulu“ bezieht.) […] deuten auf wichtige Impulse, die der 17 Jahre Ältere geben konnte.“Brigitte Salmen: Adolf Erbslöh, Leben und Schaffen bis 1916. In: Karl & Faber (Hrsg.): Adolf Erbslöh 1881–1947, Werkverzeichnis der Gemälde. S. 19 Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass Jawlensky auch den vier Jahre jüngeren Benediktinermönch Jan Verkade zum Aktmalen animierte.Adolf Smitmans: Aufbruch zum Ganzen. In: Adolf Smitmans: (Hrsg.): P. Willibrord Jan Verkade, Künstler und Mönch. Ausst. Kat.: Kunststiftung Hohenkarpfen, Beuron 2007, S. 174 ff, Kat. Nr. 7.13 und Kat. Nr. 7.13, Farb-Abb. S. 118 f.
Jawlensky stellte laut Werkverzeichnis 16 Frauenakte in GemäldenMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings Bd. 1–3, München 1991–1993 und 139 in ZeichnungenMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky and Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné, The Watercolours and Drawings 1890–1938. Bd. 4, München 1998 dar. Dabei handelt es sich mit zwei Ausnahmen, Lisa Kümmel und Hanna Bekker vom Rath, Bernd Fäthke: Alexej Jawlensky, Köpfe radiert und gemalt, Die Wiesbadener Jahre. Galerie Draheim, Wiesbaden 2012, S. 28, Farb-Abb. 31 und S. 4 s/w-Abb. 44, ISBN 978-3-00-037815-7. hauptsächlich um Modelle mit anonymer Physiognomie. In normalen Porträts schildert Jawlensky Helenes Charakterzüge stets unverwechselbar mit denen anderer Personen.Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings Bd. 1, München 1991, Kat. Nr. 11, 13, 21, 156, 192, 195, 317, 400, 583, 584. In seinem Werk gibt es nur wenige Freunde, die er in ähnlich erkennbarer Weise porträtierte, dazu zählen z. B. die Frau von Alfred KubinMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings Bd., München 1991, Kat. Nr. 137, Elisabeth Iwanowna EpsteinMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings Bd., München 1991, Kat. Nr. 196., Alexander SacharoffMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings Bd., München 1991, Kat. Nr. 250., Andreas JawlenskyMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings Bd., München 1991, Kat. Nr. 306. oder Nikita WerefkinMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings Bd., München 1991, Kat. Nr. 308.. Jedoch tauchen Helenes vertraute Gesichtszüge in Aktdarstellungen in seinen Werkverzeichnissen nie auf. Desto erstaunlicher, dass sich Helene für Werefkin in mehreren GouachenIsabell Schenk-Weininger (Hrsg.): Ausst. Kat.: Marianne Werefkin, Vom Blauen Reiter zum Großen Bären. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen 2014, Kat. 26 und 32, Farb.-Abb. S. 72 und etlichen Zeichnungen als Aktmodell zur Verfügung stellte.
Literatur Clemens Weiler: Marianne von Werefkin. In Ausst. Kat.: Marianne Werefkin 1860–1938. Städtisches Museum Wiesbaden 1958, o. S. Brigitte Salmen (Hrsg.): Ausst. Kat.: Marianne von Werefkin in Murnau, Kunst und Theorie, Vorbilder und Künstlerfreunde. Murnau 2002, S. 95, Farb.-Abb. Kat. 48, ISBN 3-932276-14-0 Isabell Schenk-Weininger/Petra Lanfermann (Hrsg.): Ausst. Kat.: Marianne Werefkin, Vom Blauen Reiter zum Großen Bären. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen 2014, S. 72, Kat. 32 Bernd Fäthke: Marianne Werefkin: Clemens Weiler’s Legacy. In: Marianne Werefkin and the Women Artists in her Circle. (Tanja Malycheva und Isabel Wünsche Hrsg.), Leiden/Boston 2016 (englisch), S. 8–19, ISBN 978-9-0043-2897-6, S. 8–19, hier S. 14–19;
Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde (20. Jahrhundert) Kategorie:Gemälde von Marianne von Werefkin Kategorie:Frauenporträt