Die Abreise König Wilhelms I. zur Armee am 31. Juli 1870 (anfänglich Linden Berlins am Nachmittag des 31. Juli 1870) ist ein Gemälde von Adolph MenzelMenzel wurde 1898 von Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Dazu: Jost Hermand: Politische Denkbilder. Von Caspar David Friedrich bis Neo Rauch. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2011, S. 68. Zum Zeitpunkt der Bildentstehung hieß er daher noch Adolph Menzel und wird im Folgenden nicht als Adolph von Menzel bezeichnet. aus dem Jahr 1871. Es stellt einen Teil des Boulevards Unter den Linden in Berlin dar. Auf der Promenade begrüßt eine Menschenmenge den in einer Kutsche vorbeifahrenden preußischen König Wilhelm I. anlässlich des beginnenden Deutsch-Französischen Krieges. Menzel hatte im Sommer 1870 persönlich die Abreise des Königs beobachtet. Der Berliner Bankier Magnus Herrmann beauftragte ihn daher mit einem Gemälde, das eben jenen historisch gewordenen Moment zeigen sollte. Das Bild thematisiert – zu Menzels Lebzeiten ungewöhnlich – ein beim Entstehungszeitpunkt erst wenige Monate zurückliegendes historisches Ereignis. Vor diesem Hintergrund fielen die zeitgenössischen Bewertungen des Bildes zwiespältig aus. Während einige Kritiker lobten, dass es sich von traditionellen Historienbildern abhebe, warfen andere dem Bild eine unpatriotische Haltung und zu starke Betonung des Gewöhnlichen vor.
Die Forschung setzt sich insbesondere mit der nur randständigen Darstellung des Königs und der Dominanz des städtischen Bürgertums auseinander. Beide Elemente geben Anlass zu Diskussionen um eine mögliche Ironisierung und Infragestellung von sozialen Hierarchien und Militarismus. Kunsthistoriker und Historiker attestieren dem Bild teils aber auch eine Monarchie und Krieg legitimierende Intention. Umstritten ist auch, ob das Bild der Historien-, Genre- oder Vedutenmalerei zugerechnet werden kann. Inwieweit es das Geschehen realistisch wiedergibt oder aus künstlerisch-ästhetischen Gründen eine nachträgliche Konstruktion ist, wird diskutiert. Das dem Realismus zugeordnete Gemälde wurde 1881 von der Nationalgalerie in Berlin erworben. Es wird in dem Gebäude der Alten Nationalgalerie ausgestellt.
Bildbeschreibung Das Gemälde hat die Maße 65 × 78 Zentimeter.Peter Paret: Kunst als Geschichte. Kultur und Politik von Menzel bis Fontane. Beck, München 1990, S. 182. Es ist in Öl auf Leinwand ausgeführt und trägt in der rechten unteren Ecke die Signatur Ad. Menzel Berlin 1871. Das Bild zeigt eine im Mittelgrund dicht zusammenstehende Menschenmenge auf dem Berliner Boulevard Unter den Linden. Im Vordergrund stehen die Passanten teilweise weniger eng gedrängt zusammen. Sie lassen Lücken im Raum frei, sodass der Gehweg noch zu erkennen ist. Ein Teil der dargestellten Menschen jubelt dem preußischen König Wilhelm I. zu, der neben seiner Frau Augusta in einer offenen Kalesche sitzt und Richtung Brandenburger Tor fährt, um den Berlin Potsdamer Bahnhof zu erreichen. Wilhelm reiste als Oberbefehlshaber zu den Armeen des Norddeutschen Bundes und der süddeutschen Staaten auf den kommenden Kriegsschauplatz.Tobias Arand: 1870/71. Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen. Osburg, Hamburg 2018, S. 154. Den linken Hintergrund nehmen die Reihen der Linden und Straßenlaternen ein. Im rechten Drittel rahmt eine perspektivisch stark verkürzte Häuserfront das Geschehen insgesamt ein.
Die Menschenmenge mini|Detailausschnitt: Die Menschenmenge auf der rechten Seite Die Kleidung der Figuren in der Menschenmenge weist diese als Angehörige des Bürgertums aus. Die Männer tragen Gehrock oder Anzüge. Diese sind meist dunkel gehalten, teilweise kombiniert mit heller Hose. Als Kopfbedeckung der Herren sind Zylinderhüte, Schirmmützen oder helle Sommerhüte auszumachen. Vereinzelt sind Querbinder und andere Krawatten zu sehen. Teilweise tragen die Männer Uniform. Unweit der Bildmitte ist eine Pickelhaube zu erkennen. Die Damenkleider entsprechen der Mode um 1870. Eine von hinten gezeigte Frau links von der Bildmitte trägt ein rotes Kleid. Ihr nachschleppender Rock reicht weit über den Boden. Der mit einem Tournürepolster aufgebauschte Gesäßbereich wird zudem durch eine große Schleife betont. Über ihre Schulter ragt ein breiter Spitzenbesatz. Sie trägt einen kleinen, schwarz-weiß gestreiften Tellerhut mit Blumendekoration. Links von einem Zeitungsjungen erscheint eine Frau im violetten Kleid mit farblich passender Schoßjacke. Auch ihr Kleid betont die Gesäßpartie. Bei der Frau im blauen Kleid, die neben ihrem männlichen Begleiter rechts am Fuße der Treppe steht, wird das Dekolleté mit breitem Spitzenbesatz gerahmt, das vorn mit einer Blüte verziert ist. Als Accessoire trägt sie einen zusammengefalteten Sonnenschirm. Ihr Kopfputz kombiniert Spitzenbänder mit Blumengarnituren.
Während die vorderen Figuren der Menschenmenge detailliert wiedergegeben sind, werden die hinteren in den Worten der Kunsthistorikerin Susanne DrexlerZu Susanne Drexler: Angaben der Deutschen Digitalen Bibliothek. „zu einer farbigen Mischung aus Hüten, Gewändern und verschwommenen Gesichtern“. Im Vordergrund sind die Personen in einer Ganzkörperansicht zu sehen. Die Körper der schaulustigen Figuren sind überwiegend zum Monarchen hin ausgerichtet. Der Kunsthistoriker Hubertus Kohle meint jedoch, dass sie nicht besonders patriotisch erregt wirken: Viele Personen würden dem König keine Beachtung schenken. Die Kinder im Vordergrund seien abgelenkt. Ein älterer Mann blicke „nach etwas unten vor ihm Gelegenen“.Hubertus Kohle: Der Maler als Städter. Adolph Menzel in Berlin. In: Burcu Dogramaci (Hrsg.): Großstadt. Motor der Künste in der Moderne. Mann, Berlin 2010, S. 29–43, hier S. 41. Nach Ansicht von Martina Padberg gelingt es in dem Gedränge einigen Schaulustigen nicht, den König zu erspähen.Martina Padberg: Moderne Zeiten. Industrialisierung und Urbanisierung als Signum der Epoche. In: Hubertus Kohle (Hrsg.): Die Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland. Bd. 7: Vom Biedermeier zum Impressionismus. Prestel, München 2008, S. 381–409, hier S. 398. Der Kunsthistoriker Werner Busch meint, dass viele Figuren gerade im Gespräch seien und sich „Gedanken darüber [machen], was wohl aus diesem Abschied wird.“Werner Busch: Adolph Menzel: Auf der Suche nach der Wirklichkeit, Beck, München 2015, S. 219. Rechts oben winken einige Figuren von Balkonen aus dem König zu. Andere scheinen rechts vorne gerade erst aus einem Restaurant getreten zu sein und beobachten die königliche Abreise von den Eingangsstufen aus. Leicht rechts vom Bildzentrum legt im Mittelgrund ein uniformierter Mann die rechte Hand salutierend an seine Kopfbedeckung.
Auf der linken Bildseite steht eine Figur mit weißem Hut abgewendet von der königlichen Kutsche und hält in der rechten Hand ein Stück Papier. Drexler meint, dass sie gerade beim Zeichnen sei und ein größerer neben ihr stehender Mann die Skizze begutachte.Susanne Drexler: Künstler sehen die Masse. Deutsche Malerei und Graphik im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Auseinandersetzung mit dem Kollektiv Mensch [Dissertation], 2019, edoc.ub.uni-muenchen.de online, S. 196. Dem Historiker Frank Becker zufolge nehmen die beiden Figuren dagegen „gemeinsam ein Schriftstück“ in Augenschein.Frank Becker: Bilder von Krieg und Nation. Die Einigungskriege in der bürgerlichen Öffentlichkeit Deutschlands 1864–1913 (= Ordnungssysteme. Band 7). Oldenbourg, München 2001, S. 456. Möglicherweise handelt es sich um eine Zeitung.Martina Padberg: Moderne Zeiten. Industrialisierung und Urbanisierung als Signum der Epoche. In: Hubertus Kohle (Hrsg.): Die Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland. Bd. 7: Vom Biedermeier zum Impressionismus. Prestel, München 2008, S. 381–409, hier S. 398. Busch hält den kleineren Mann sowie links eine Frau für ein zusammengehörendes „Touristenpaar“, das sich nach dem Weg erkundigt. Die größere männliche Figur sei demnach ein Dienstmann.Werner Busch: Adolph Menzel: Auf der Suche nach der Wirklichkeit, Beck, München 2015, S. 219.
Auffällig ist ein älterer Mann mit rötlichem Anzug in der Bildmitte. Er verbeugt sich vor der vorbeifahrenden Kutsche. Seinen Zylinder hat er abgenommen und hält ihn in der linken Hand. Hinter ihm steht ein schwarz-weißer Hund, der einen Zeitungsjungen anvisiert. Dieser geht mit der linken Hand in der Hosentasche auf den Hund zu. Auf dem rechten Arm hält er einen Stapel Zeitungen. Die Figur ist relativ isoliert von der Menschenmasse. Sie und der Hund ziehen links die Aufmerksamkeit eines Mädchens mit Zöpfen auf sich. Es scheint sich zu den beiden hinzuwenden.
Die städtische Architektur mini|Detailausschnitt: Die fahnengeschmückte Häuserfront mit Balkonen Das Gemälde zeigt einen Ausschnitt des Berliner Boulevards Unter den Linden. Von den vielen Repräsentationsgebäuden der Straße ist jedoch nur der Turm des gerade fertigDas Berliner Rathaus wurde unter von Leitung des Architekten Hermann Friedrich Waesemann von 1861 bis 1869 erbaut. Carl-Wolfgang Schümann: König Wilhelms I. Abreise zur Armee am 31. Juli 1870. In: Helmut R. Leppien (Red.): Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, Kunsthalle Köln, 29. April–13. Juni 1971. Köln 1971, S. 44. gestellten Roten Rathauses im Hintergrund identifizierbar.Hubertus Kohle: Der Maler als Städter. Adolph Menzel in Berlin. In: Burcu Dogramaci (Hrsg.): Großstadt. Motor der Künste in der Moderne. Mann, Berlin 2010, S. 29–43, hier S. 41. Die rechte Häuserfront bildet bürgerliche Häuser ab, darunter wahrscheinlich auch ein Restaurant.Claude Keisch: Abreise König Wilhelms I. zur Armee am 31. Juli 1870. In: Claude Keisch, Marie Ursula Riemann-Reyher (Hrsg.): Adolph von Menzel 1815–1905 – Das Labyrinth der Wirklichkeit. Ausstellungskatalog. DuMont, Berlin / Köln 1996, S. 254–258, hier S. 256. Laut dem Kunsthistoriker Carl-Wolfgang Schümann handelt es sich um Cafés und Geschäfte.Carl-Wolfgang Schümann: König Wilhelms I. Abreise zur Armee am 31. Juli 1870. In: Helmut R. Leppien (Red.): Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts. Kunsthalle Köln, 29. April–13. Juni 1971. Köln 1971, S. 44. Links sind die der Straße ihren Namen gebenden Linden in einem fahlgrünen Farbton gehalten. Der Himmel ist trüb bewölkt.
Die Schwarz-Weiß-Roten Flaggen des Norddeutschen Bundes sind teils stark vom Wind um die Fahnenstangen geschlungen und verdreht. Zu sehen sind auch die schwarz-weißen Flaggen Preußens, einmal samt Adler. Gehisst sind auch Flaggen des Roten Kreuzes, die sich fast im perspektivischen Fluchtpunkt des Gemäldes befinden.Christiane Zangs: Die künstlerische Entwicklung und das Werk Menzels im Spiegel der zeitgenössischen Kritik. Aachen/Mainz 1992, S. 211 (Dissertation 1987).
Das Königspaar mini|Detailausschnitt: Das Königspaar Inmitten der Menschenmenge befindet sich die schneeweiß ausgeschlagene Kutsche des Monarchen. Der König in Uniform mit Pickelhaube erwidert den militärischen Gruß der Soldaten im Publikum; in Wahrheit trug er eine einfache „Reisemütze“.Claude Keisch: Abreise König Wilhelms I. zur Armee am 31. Juli 1870. In: Claude Keisch, Marie Ursula Riemann-Reyher (Hrsg.): Adolph von Menzel 1815–1905 – Das Labyrinth der Wirklichkeit. Ausstellungskatalog. DuMont, Berlin / Köln 1996, S. 254–258, hier S. 256. Seine Frau Augusta hält sich ein Taschentuch vor das Gesicht. Die Geste deutet an, dass sie mit den Tränen kämpft. Vier berittene Schutzleute folgen der königlichen Kutsche im Mittelgrund des Bildes. Auf dem Kutschbock sitzen ein Kutscher und ein Adjutant.Carl-Wolfgang Schümann: König Wilhelms I. Abreise zur Armee am 31. Juli 1870. In: Helmut R. Leppien (Red.): Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts. Kunsthalle Köln, 29. April–13. Juni 1971. Köln 1971, S. 44. Der Kutscher hält das Geschirr in der linken und eine Peitsche in der rechten Hand. Die Pferde des Gespanns selbst werden ausgespart.
Hintergrund, Entstehung und Provenienz Der Maler und das historische Ereignis