Die Horrorliteratur (auch GruselliteraturJulia Hoydis: Horror- und Gruselliteratur: Unheimlicher Nervenkitzel.) ist eine Literaturgattung, die sich auf Horrorfiktion stützt und deren Gegenstand daher angsteinflößende und oft übernatürliche Ereignisse sind. Dabei rücken überwiegend die grausigen Motive der Handlung (Monster, Untote, Dämonen, Entstellungen, Qualen etc.) in den Vordergrund bzw. Mittelpunkt.
Genredefinitionen Die Horrorliteratur gilt neben dem Kriminalroman, dem Liebesroman, dem Heimatroman, dem Abenteuerroman, dem historischen und dem biographischen Roman, der Science-Fiction- und der Western-Literatur als eines der Genres der populären Literatur.Moritz Baßler: Poetik populärrealistischer Erzählliteratur. In: Ralf Simon (Hrsg.): Grundthemen der Literaturwissenschaft: Poetik und Poetizität. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2018, ISBN 978-3-11-041064-8, S. 225 (abgerufen über De Gruyter Online). Laut dem Dictionary of Literary Terms and Literary TheoryVgl. J. A. Cuddon et al. (1977), A Dictionary of Literary Terms and Literary Theory, André Deutsch Ltd, London, pass. stammt das Wort Horror vom lateinischen Verb horrere für die Haare hochstehen lassen, zittern, (sich) schütteln ab, wonach die Horrorgeschichte eine Geschichte ist, die den Leser schockt oder ängstigt und eventuell sogar Gefühle der Abscheu oder des Hasses bei ihm auslöst. Hauptthemen der Horrorliteratur sind laut dem Dictionary Mord, Selbstmord, Folter, Angst, Verrücktheit, Gespenster, Vampire, Doppelgänger, Succubi, Incubi, Poltergeister, dämonische Pakte, teuflische Besessenheit, Exorzismus, Hexerei, Voodoo, Lykanthropie und das Makabere.
Ein weiterer Begriff für Horrorliteratur, der im Lexikon der HorrorliteraturVgl. H. J. Alpers et al. (1999), Lexikon der Horrorliteratur, Fantasy Productions, Erkrath, pass. benutzt wird, ist Weird Fiction, was übersetzt etwa seltsame, merkwürdige, gruselige oder unheimliche Prosadichtung bedeutet, den Bogen weiter spannt und somit mehr Textsorten umfasst als der Begriff Horror. Die Horrorgeschichte ist vor allem für die Entwicklung der modernen Kurzgeschichte von Bedeutung; einflussreich war auf diesem Gebiet insbesondere Edgar Allan Poe. Weitere Bedeutung erhält sie durch ihre Verbindung zum Schauerroman (engl. Gothic Novel), zur Schwarzen Romantik, zur Geister-/Gespenstergeschichte und zum Thriller.
In der Horrorliteratur werden die Grenzen dessen erkundet, was Menschen zu tun oder zu erleben fähig sind. Die Abgründe der menschlichen Seele werden erforscht, der Grad von Angst, Hysterie und Wahnsinn, den Menschen aushalten könnten, die dunkle Seite der Seele wird beleuchtet. Sie beschäftigt sich mit der Hölle, wobei diese nur das mehr oder weniger universelle Symbol einer extremen Bedingung ist, wie z. B. tiefe Trauer, ein überwältigendes Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes, akute Angst, irrationelle Vorahnungen oder körperliche Schmerzen. Laut dem Dictionary entwickelte sich dieses Konzept der inneren Hölle im 16. Jahrhundert, wo es als Teil des Bewusstseins angesehen wurde – als subjektive, innere, psychologische, persönliche und individuelle Quelle von Schrecken und Terror, als Chaos eines gestörten und gequälten Geistes.
Die Entwicklung des Horrorgenres ist ein Prozess, in dem Menschen versuchen, mit Ängsten vor dem Tod, dem ungewissen Leben nach dem Tod, der Bestrafung, der Dunkelheit, dem Bösen, der Gewalt und der Zerstörung zurechtzukommen. So widmeten sich bereits die Schriftsteller des späten Mittelalters insbesondere den beiden Themen des Ubi sunt und des Danse Macabre, wodurch sie spätere Entwicklungen vorwegnahmen. Als Auseinandersetzung mit dem Tod will auch Andreas Nohl in seinem Begleittext zu Das eiserne Leichentuch die Horrorgeschichte verstehen. Eine ähnliche Sichtweise legen Stephen King in Danse Macabre und H. P. Lovecraft in Die Literatur des Grauens dar: Beide sehen in der Horrorliteratur ein Genre, das den Leser mit seinen Ängsten, mit der jedem Menschen innewohnenden Angst vor der Dunkelheit, dem Tod, dem Unbekannten und dem Verlust von Kontrolle konfrontiert. Diese Argumentation übernimmt Anleihen aus der antiken Dramentheorie. Dort sollen die Zuschauer durch heftige Gefühlserregungen (Furcht und Schrecken, später bei Lessing: Furcht und Mitleid) eine psychische Reinigung (Katharsis) erfahren. Dem entspricht auch die Argumentation des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer in Das unglückliche Bewußtsein: In einem kurzen Exkurs über William Beckfords Vathek bestreitet Mayer, dass es sich bei Vathek um einen Horrorroman handele, da der Autor nicht auf die Erregung von Angst ziele, sondern kühl und unbeteiligt beschreibe.
Zuordnungsprobleme und Genrekombinationen mini|hochkant=1.2|Moderne Form des Zombies, der seinen Zustand meist einem wissenschaftlichen Grund, wie einem Virus, „verdankt“ – und nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Zombie der Voodoo-Mythologie zu tun hat.
Der Literaturkritiker Douglas E. Winter stellte die These auf, die Horrorliteratur sei überhaupt kein Genre, es handele sich vielmehr um „ein Gefühl“; zumindest letztere Aussage wird auch vom Dictionary of Literary Terms and Literary Theory gestützt. Dabei ist es nach Winter keinem bestimmten Autoren vorbehalten, dieses Gefühl bei seinem Leser zu erzeugen, den man allgemeinsprachlich als Horrorautoren bezeichnet, wie z. B. in heutiger Zeit bei Stephen King oder Thomas Harris geschehen. Vielmehr hätten sich immer wieder Autoren aller Kulturen und Epochen mit den Themen der Angst und Gewalt beschäftigt; als Beispiele nennt er namentlich James Joyce, Ernest Hemingway, Nathaniel Hawthorne und Carlos Fuentes, deren Werke teilweise ebenfalls der Horrorliteratur zuzurechnen seien. Gegen Winters These spricht die Tatsache, dass man Werke nur dann dem Horrorgenre zuzuordnen braucht, wenn die Horror-Motive, -Figuren, -Stimmungen etc. als solche im Vordergrund stehen – und nicht etwa die zu ihnen hinführenden oder von ihnen ausgehenden Verstrickungen. Zudem ist es selbstverständlich, dass Themen wie Angst und Gewalt keinem bestimmten Autorenschlag vorbehalten sind. Winters unhaltbarer These zufolge müssten auch alle anderen erdenklichen Genres wie Science Fiction oder Western für nichtig erklärt werden, denn Autoren können Zeitreisende im Wilden Westen landen lassen – oder umgekehrt: Westernhelden in die Zukunft schicken – und vieles mehr. Halten sich in einem Werk die Hauptmerkmale mehrerer Genres die Balance, handelt es sich um eine Genre-Kombination wie beispielsweise Horror-Western, SciFi-Horror, Horror-Krimi, Abenteuer-Horror oder SciFi-Horror-Komödie.
Abgrenzung von Horror und Science Fiction Sowohl Horror als auch Science Fiction sind Untergenres der Phantastik und ziehen ihren Reiz aus der Schilderung des Unbekannten, Unglaublichen und/oder Unheimlichen, das im einen Fall übernatürliche Ursachen hat oder zu haben scheint, während im anderen Fall wissenschaftliche Erklärungen angeboten werden. Eine klar definierte Grenze lässt sich daher nicht ziehen, da viele Werke beiden Genres zugerechnet werden und für deren Entwicklung entscheidend waren. Zum Grusel-Genre werden sie in der Regel dann gezählt, wenn die Horror-Aspekte überwiegen und die Science-Fiction-Elemente nur als Mittel zu dem Zweck eingesetzt werden, den jeweiligen Horror auszulösen. So etwa in z. B. Mary Shelleys Frankenstein, das oft als erste Science-Fiction-Geschichte gesehen wird, allerdings auch unbestritten zum Horrorgenre gehört. Gleiches gilt für Stevensons Dr Jekyll and Mr Hyde. Bei H. G. Wells erreichte die Vermischung beider Genres einen Höhepunkt, weshalb diese Romane oft als Science-Fiction-Horror, SciFi-Horror bzw. SF-Horror bezeichnet werden; auf die Romane von Richard Matheson (I Am Legend, The Shrinking Man) und H. P. Lovecraft (The Colour Out of Space) trifft dies ebenfalls zu. Insbesondere bei modernen Zombiegeschichten (z. B. in Stephen Kings Cell, in George A. Romeros Zombie-Filmen und in den Resident-Evil-Videospielen) liegt meist ein wissenschaftlicher Grund wie kosmische Strahlung oder ein Virus vor.
Merkmale der Horrorliteratur Schrecken, Horror und Ekel Laut Stephen King gibt es drei grundlegende Arten des Grauens, die in Horrorgeschichten angewendet und gegebenenfalls kombiniert werden:
Schrecken: Die sporadisch erzeugte Angst vor dem Unbekannten, vor dem, was nun wohl hinter der Tür lauert (z. B. in Die Affenpfote), ist von Autoren recht überraschend, plötzlich und häufig einsetzbar, klingt aber relativ rasch ab. Horror: Die länger anhaltende Angst vor dem Ungeheuerlichen manifestiert sich erst langsam und nimmt dann eine mehr oder weniger feste Form an, etwa die eines Monsters (z. B. in Shelleys Frankenstein) oder die eines unerträglichen Geräusches (z. B. in Poes Das verräterische Herz). Ekel: Die direkt empfundene Angst vor dem Unappetitlichen, das Gefühl der Abscheu, überkommt den Leser oder Zuschauer sofort bei abstoßenden Phänomenen wie Gewürm, Ungeziefer, Spinnweben, Schleim, Gift, Gestank, Fäulnis, Fäkalien, Innereien, Verletzungen, Krankheiten, Entstellungen, Folterungen, Perversionen aller Art etc. Starker Ekel kann durch unverhohlene (mitunter übertriebene) Darstellungen expliziter Gewaltszenen, oft Todesszenen, erzeugt werden. Wie in den Filmgenres Splatter und Gore, die in der Tradition des Pariser Théâtre du Grand Guignol stehen, kann dabei sehr viel Blut fließen, meist durch das Abtrennen von Gliedmaßen (wie in Saw oder Alien).
Das Lexikon der Horrorliteratur nennt in seinem Vorwort die folgenden fünf Merkmale für die Zuordnung einer Geschichte zur Horrorliteratur:
Übernatürliches realistisch geschildertes Grauen (in den sogenannten Tales of Terror) psychologische Gruselkomponenten (z. B. Angstträume, Schilderungen von Wahnsinn und/oder Besessenheit) Science-Fiction-Gruselkomponenten Groteskes, Skurriles, Surreales, schwarzer Humor
Horror und Soziologie Laut Stephen King sind Horrorgeschichten (unabhängig vom Medium) immer sehr populär, jedoch vor allen Dingen in Abschnitten von etwa 10 oder 20 Jahren richtig erfolgreich, was er mit politischen und wirtschaftlichen Krisen wie z. B. dem Zweiten Weltkrieg, der Weltwirtschaftskrise oder dem Vietnamkrieg in Verbindung bringt. Die gesellschaftlichen Ängste der Menschen werden dann in der Horrorliteratur (oder im Horrorfilm) aufgegriffen oder auch vom Leser hineinprojiziert.
Archetypische Figuren mini|Darstellung eines Piratengeists von Howard Pyle mini|Satan in Miltons Paradise Lost, Stich von Gustave Doré
In jedem Horrorroman gibt es ein oder mehrere „Monster“, durch das der Schrecken der Geschichte entsteht, wobei das „Monster“ bei den meisten Horrorgeschichten mehr im übertragenen Sinn zu sehen ist und zahlreiche Gestalten annehmen kann. Stephen King unterscheidet in Danse Macabre fünf Archetypen, auf denen nahezu jede moderne Horrorgeschichte aufbaut:
Der Werwolf: Die „dunkle Seite“ des Menschen kommt zum Vorschein und verleitet ihn zu schrecklichen Gräueltaten, der mentale Wandel geht einher mit einer körperlichen Veränderung, nämlich der Verwandlung in die tierische Gestalt des Werwolfs. King sieht jedoch auch Masken und Verkleidungen als körperliche Veränderung, weshalb er auch Norman Bates aus Psycho, der sich als seine Mutter verkleidet, sowie die Scream-Killer, die sich hinter einer Maske, die Edvard Munchs Der Schrei entlehnt ist, verstecken, als Werwölfe begreift. Als Urform sieht King Robert Louis Stevensons Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1886), wodurch King die Motive des Werwolfs und des Doppelgängers auf eine Stufe stellt.