mini|Ferdinand Bonaventura Reichsgraf von Harrach von Hyacinthe Rigaud mini|Wappen der Grafen von Harrach zu Rohrau und Thannhausen
Ferdinand Bonaventura I. Reichsgraf von Harrach zu Rohrau, Freiherr zu Bruck und Pürrhenstein (* 14. Juli 1637; † 15. Juni 1706 in Karlsbad) war ein österreichischer Adeliger, kaiserlicher Diplomat, Staatsmann, Kämmerer, wirklicher Geheimer Rat sowie Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies. Er wurde 1673 zum Obersterblandstallmeister in Österreich ob und unter der Enns ernannt, wurde 1676 Gesandter in Spanien und nach seiner Rückkehr 1677 Geheimer Staatsrat. Im Jahre 1697 übernahm er als Botschafter am Spanischen Hof den wichtigsten diplomatischen Posten, da es darum ging, die Erbfolge nach König Karl II. von Spanien aus der spanischen Linie des Hauses Österreich für die österreichische Linie dieses Hauses in der Person von Erzherzog Karl von Österreich, den jüngeren Sohn von Kaiser Leopold I. insbesondere gegen französische und auch gegen bairische Ansprüche – durchzusetzen, was ihm trotz intensiver Bemühungen wegen entgegenstehender Machtinteressen europäischer Staaten letztlich nicht gelang. Zurückgekehrt nach Wien wurde er zum 1698 zum kaiserlichen Obersthofmeister ernannt und wurde Direktor des geheimen Staats-Konferenzrates, übernahm damit den Vorsitz der Staatskonferenz und die Leitung der Außenpolitik. Er begleitete Kaiser Leopold I. 1705 bei dessen Ableben, nahm hochbetagt am 22. September 1705 an der Erbhuldigung für Kaiser Joseph I. teil und verstarb selbst am 15. Juni 1706 bei einer Kur in Karlsbad in Böhmen. In Erinnerung blieb er als näherer Stammvater seiner Familie und als Erbauer des Palais Harrach in Wien, das 300 Jahre in Familienbesitz blieb.
Herkunft Ferdinand Bonaventura I. Graf von Harrach stammte aus der österreichischen Uradelsfamilie Harrach, aus der sein Vorfahre Leonhard IV. von Kaiser Karl V. am 4. Jänner 1552 in den Reichsfreiherrenstand und später sein Großvater Karl Freiherr von Harrach am 6. November 1627 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde, wobei gleichzeitig die reichsfreie Herrschaft Rohrau zu einer Reichsgrafschaft erhoben wurde.
mini|Karl Graf von Harrach Der Großvater von Ferdinand Bonaventura I., Karl Leonhard Reichsgraf von Harrach zu Rohrau Freiherr zu Bruck und Pyrrhenstein (* 1570 in Schloss Rohrau; † 1628 in Prag), war über seine Mutter, die Gräfin Maria Jakobäa von Hohenzollern (* Juli 1549; † 1573), die eine Tochter von Karl Graf von Hohenzollern († 1576), der Reichserbkämmerer und Reichshofratspräsident des Heiligen Römischen Reichs war,Europäische Stammtafeln. Band I, Tafel 147. und der Anna Markgräfin von Baden-Durlach (1512–1579), einer Tochter des Markgrafen Ernst von Baden-Durlach († 1579)Europäische Stammtafeln. Band I, Tafel 132. mit hochrangigen europäischer Dynastien – und entfernt sogar mit dem Haus Österreich – verwandt.
Karl Graf Harrach heiratete Maria Elisabeth Freiin von Schrattenbach (* 15. Februar 1575; † Wien, 10. Jänner 1653). Sie war Hofdame von Marie Erzherzogin von Österreich, Tochter des Maximilian von Schrattenbach (* 1. August 1537; † 1618), der seit 15. November 1587 Herr zu Heggenberg und Osterwitz und seit 24. Jänner 1598 Freiherr von Schrattenbach, Erzherzoglicher Geheimer Rat und Kämmerer, Hauptmann und Vizedom zu Cilli und seit 1598 Oberst-Erbland-Vorschneider in der Steiermark war und dessen Ehefrau Anna Grasswein, eine Tochter des Ritters Wilhelm Grasswein auf Weyer und Orth und der Helene von Herberstein.Siebmacher’s Grosses Wappenbuch. 26. Band: Die Wappen des Adels in Niederösterreich. Teil 2: S-Z. Verlag Bauer und Raspe, 1983, ISBN 3-87947-036-7, S. 87. mini|Kardinal, Erzbischof von Prag Ernst Adalbert, Reichsgraf von Harrach, Onkel von Ferdinand Bonaventura I.
Von Karls fünf Söhnen wurde Ernst Adalbert von Harrach (* 4. November 1598 in Wien; † 25. Oktober 1667 ebenda) Erzbischof des Erzbistums Prag und Fürstbischof des Bistums Trient sowie Kardinal.
Durch seine Tochter Isabella Gräfin von Harrach wurde Karl von Harrach zum Schwiegervater von Generalfeldmarschall Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein Herzog von Friedland, Herzog von Mecklenburg Grafen von Waldstein (* 1583; † 1634). mini|Wallenstein Reiterbild, angeheirateter Onkel von Ferdinand Bonaventura I.
Der Vater von Ferdinand Bonaventura I., Otto Friedrich Reichsgraf von Harrach zu Rohrau († 1639), der fünfte Sohn von Graf Karl, war kaiserlicher Kämmerer, Inhaber eines Regiments zu Fuß, nahm am 6. November 1632 an der Schlacht bei Lützen teil und erbte von seinem Schwager Wallenstein die Herrschaften Branna und Lomnitz in Böhmen. Er war seit 7. Oktober 1635 mit Lavinia Thecla Gonzaga Gräfin von Novellara (* 14. Oktober 1607; † 7. Mai 1639), einer Tochter des Camillo Gonzaga Graf von Novellara und Bagnolo und der Caterina d’Avalos d’Aquino d’Aragona (* 16. August 1586 in Urbino; † 23. Mai 1618) aus dem Haus der Fürsten von Francavilla und Montesarchio verheiratet. Es war deren zweite Ehe, da sie die Witwe von Wratislaw I. Graf von Fürstenberg (* 31. Januar 1584 in Prag; † 10. Juli 1631 in Wien) war.F. K. Wißgrill: Schauplatz des landsässigen niederösterreichischen Adels. Band 4, S. 165.
Leben Ferdinand Bonaventura war der einzige Sohn des Grafen Otto Friedrich von Harrach, des Stifters der noch blühenden jüngeren Linie des Hauses, wuchs mit seiner einzigen Schwester Maria Elisabeth Reichsgräfin von Harrach zu Rohrau auf, die später Karl Ferdinand Graf von Waldstein heiratete und am 23. Mai 1710 verstarb. mini|Kaiser Leopold II., dem Harrach als Freund und Vertrauter diente
Er kam früh an den kaiserlichen Hof, war Kämmerer von Erzherzog Leopold (* 9. Juni 1640 in Wien; † 5. Mai 1705), noch bevor dieser 1658 als Kaiser Leopold I. auf den Thron folgte und wurde von diesem nach der Thronbesteigung 1659 zum kaiserlicher Reichs-Hofrat und wirklichem Kämmerer ernannt.
Diplomatische Missionen Harrachs diplomatische Missionen standen im Schatten der Frage der spanischen Thronfolge, die ein Fixpunkt diplomatischer Bemühungen seiner Zeit war, da Karl II., der als Haupt der spanischen Linie des Hauses Österreich von 1665 (bis 1675 unter der Regentschaft seiner Mutter Maria Anna von Österreich (1634–1696)) bis zu seinem Tod im Jahre 1700 als König von Spanien und des dazugehörigen Weltreiches regierte, trotz zweier Ehen nicht nur kinderlos, sondern auch kränklich war.
Dabei war das zu erwartende Erbe einmalig, denn es war eines der größten Imperien der Geschichte, da es nicht nur eine Reihe europäischer Königreiche und Territorien, sondern darüber hinaus große Teile Lateinamerikas und in Asien das Inselreich der Philippinen umfasste, wodurch dort tatsächlich „die Sonne niemals unterging“. Es war daher verständlich, dass dies nicht nur am kaiserlichen Hof in Wien, sondern in fast allen europäischen Staatskanzleien Gegenstand strategischer Planungen war.
In Wien, wo dies naturgemäß ein Dauerthema war, schwankte man zwischen der offiziellen These, wonach Kaiser Leopold I. als nächster agnatischer Verwandter „naturgemäß“ alles erben würde und der erheblich realistischeren Erwartung, zumindest wesentliche Teile zu erben.
Aus dieser zweiten Überlegung heraus hatte Johann Weikhard Reichsfürst von Auersperg (* 1615; † 1677), der Obersthofmeister und erste Minister Österreichs, im Jänner 1688 mit dem französischen Gesandten in Wien Leopold von Grémonville unter größter Geheimhaltung einen Vertrag ausgearbeitet, der die Aufteilung des spanischen Erbes zwischen Kaiser Leopold I. und König Ludwig XIV. vorsah. Demnach sollte Österreich zwar den größeren Teil, Frankreich jedoch die Spanischen Niederlande, die Freigrafschaft Burgund, das Königreich Neapel und das Königreich Navarra sowie die Philippinen erhalten.Vertragstext in: Arséne Lagrelle: La diplomatie Francaise et la succession d’Espagne. 2. Auflage. Band 1, Braine-le-Comte 1895–1899, S. 518.
Gesandter in Frankreich mini|Ludwig XIV. König von Frankreich
Vor diesem Hintergrund wurde Graf Harrach im Jahre 1669 als kaiserlicher Gesandter nach Frankreich entsandt, da König Ludwig XIV. von Frankreich den Kaiser gebeten hatte, Taufpate seines zweitgeborenen Sohnes Philippe Charles von Frankreich, Herzog von Anjou (* 11. August 1668; † 10. Juli 1671) zu übernehmen. Graf Harrach – inzwischen kaiserlicher Kämmerer und seit 1661 Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies – begab sich daher nach Paris, um das kaiserliche Antwortschreiben zu überreichen und im Namen des Kaisers den Herzog Philipp von Orléans um die Stellvertretung zu ersuchen.
Er traf im Februar 1669 in Paris ein, wo am 24. März die Taufe des jungen Herzogs von Anjou stattfand, und hatte daher Gelegenheit, mit der Familie von König Ludwig XIV. und wesentlichen Ministern in Kontakt zu treten und den Geheimvertrag zu unterstützen. Harrach trat daher zufrieden seine Rückreise nach Österreich an.Anton Victor Felgel: Harrach, Ferdinand Bonaventura. In: Allgemeine Deutsche Biographie. herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 629–632 (Stand vom 3. November 2019).
Entwicklung des Umfeldes Tatsächlich kam jedoch dieser Geheimvertrag nie zustande, da er grundlegenden Interessen Spaniens – das auf Unteilbarkeit bestand – und auch Österreichs – nämlich dem nominellen Anspruch auf das ganze Erbe bzw. der Einsicht von Kaiser Leopold, dass er die ihm zufallenden Territorien kaum erfolgreich gegen Frankreich verteidigen könnte – widersprach.John P. Spielmann: Leopold I. Zur Macht nicht geboren. Styria Verlag, 1981, S. 55.
Trotz strengster Geheimhaltung hatte man in Spanien Wind von diesem geplanten Teilungsabkommen Wind bekommen, was in Madrid zu großer Empörung und zu einem so starken Rückschlag für den Einflusses Österreich am spanischen Hof führte, dass selbst Gefahr bestand, dass die Mutter von König Karl II., Maria Anna von Österreich, die Regentschaft in Spanien verlieren könnte.
In Wien benutzte der ehrgeizige Präsident des Hofrates, Fürst Wenzel Eusebius von Lobkowicz (* 1609; † 1677), das spanische Fiasko dazu, seinen Rivalen, den Obersthofmeister Fürst Auersperg, zu stürzen, der am 10. Dezember 1669 aus allen seinen Ämtern entlassen wurde,John P. Spielmann: Leopold I. Zur Macht nicht geboren. S. 56. da er verdächtig war, Frankreich übermäßige Konzessionen eingeräumt zu haben, um dadurch bei König Ludwig XIV. die Ernennung zum Kardinal zu erlangen.
Auch international gab es Rückschläge, da es Ludwig XIV. 1669 gelang, zwei mächtige Staaten des Reiches – das Kurfürstentum Brandenburg und den Herzog von Bayern – durch Aussichten auf Überlassung gewisser Teile der österreichischen Länder zu einer Allianz mit Frankreich zu bewegen, worauf er 1670 das Herzogtum Lothringen besetzte. Wien war zu schwach, um dem entgegenzutreten – da im Osten von einem Aufstand in Ungarn unter Stefan Rakoczi und Stefan Bocskai gebunden – und musste mit Frankreich 1671 einen Neutralitätsvertrag abschließen.John P. Spielmann: Leopold I. Zur Macht nicht geboren. S. 57. In der Folge lehnte Leopold I. sich verstärkt an England und niederländische Republik an.