Die Berliner Geschichtswerkstatt e. V. (BGW) knüpfte bei ihrer Gründung 1981 an die damals neue Geschichtsbewegung in Skandinavien und den USA an, die mit den Begriffen „Grabe-wo-du-stehst“ und „Geschichte von unten“ verbunden ist. Zwei Grundsätze prägen die Arbeit der BGW seit ihrer Gründung: Die Deutungsmacht über Geschichte sollte nicht den jeweils Herrschenden und Wissenschaften überlassen bleiben, jeder hat etwas zu erzählen und zum Geschichtsbild beizutragen. Sich bewusst werden über den historischen Kontext der eigenen Biografie und die alltäglichen Mitgestaltungsmöglichkeiten in Vergangenheit und Gegenwart ruft politische Selbstwirksamkeit als Grundlage demokratischen Lebens hervor. und Cornelia Siebeck über die Bewegung
Geschichte Die BGW wurde am 25. Mai 1981 im Blauen Salon des Berliner Mehringhofs gegründet und bezog bald darauf ein Ladenlokal in der Schöneberger Goltzstraße 49, in dem der Verein seinen Sitz hat. Gründungsmitglieder waren 25 Personen, u. a. Thomas Lindenberger, Susanne zur Nieden, Diethart Kerbs, Udo Gößwald, Martin Düspohl, Andreas Ludwig, Gisela Wenzel.
In Projekten und Arbeitsgruppen arbeiteten und arbeiten Menschen jedes Alters und jeder Profession über mehrere Jahre zusammen, unter ihnen viele Geschichtsstudenten und Historiker. Ein Schwerpunkt der Arbeit der BGW wurde auf die NS-Zeit gelegt, über die die Eltern- und Großelterngeneration bis dahin geschwiegen hatte.
So wie in Berlin entstanden in den 1980er Jahren überall in der Bundesrepublik Geschichtswerkstätten. Die BGW war initiierend und federführend dabei, als es galt den Austausch unter den lokal und regional Forschenden in der neuen Geschichtsbewegung zu organisieren: Netzwerktreffen fanden statt. 1983 wurde ein bundesweiter Dachverband – die Geschichtswerkstatt e. V. – gegründet, der die neue Zeitschrift Geschichtswerkstatt (seit 1992 WerkstattGeschichte) herausbrachte. 1984 wurde das erste Geschichtsfest in West-Berlin organisiert und als mehrtägige Fachtagung durchgeführt.Michael Wildt: große Geschichtswerkstattschlacht im Jahr 1992 oder: Wie WerkstattGeschichte entstand. In: WerkstattGeschichte. Heft 50, 2009, S. 70–77.
Die Dampfergruppe der BGW entdeckt seit mehr als 30 Jahren mit den Historischen Stadtrundfahrten mit dem Schiff große und kleine Geschichten entlang der Berliner Wasserstraßen und ist die Folge einer „Erfindung“ zum Geschichtsfest 1984, als für das Rahmenprogramm die erste Fahrt auf den (West-)Berliner Wasserstraßen durchgeführt wurde.Zur Geschichte der Dampfergruppe s. Hanno Hochmuth: Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin. Wallstein Verlag, Berlin 2017, S. 159 f.
Die Methode der Oral History wurde mit jedem Projekt weiter entwickelt, die biografischen Selbstzeugnisse (lebensgeschichtliche Interviews, Fotos und Dokumente) bilden den Hauptbestandteil des heutigen Archivs der BGW in Berlin-Schöneberg, das fachkundig geleitet wird.
Seit der Gründung findet jeden ersten Montag im Monat eine abendliche Diskussionsrunde für Neu-Interessierte statt, neben der intensiven Projektarbeit werden Veranstaltungen und Stadtrundgänge organisiert. Die Arbeit in der BGW erfolgt überwiegend ehrenamtlich.
2001 wurden die Forschungsarbeiten und Aktivitäten der BGW durch ehemalige polnische Zwangsarbeiter gewürdigt. Gisela Wenzel erhielt die Goldene Medaille des Verbandes der durch das Dritte Reich geschädigten Polen
Am 13. März 2014 wurde Gisela Wenzel für ihre Arbeit in zahlreichen Projekten zur Alltags- und Lokalgeschichte, z. B. zum Arbeiterviertel „Rote Insel“ und zur NS-Zwangsarbeit in Berlin und zur Erinnerung an Julius und Annedore Leber mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Die thematische Entwicklung des Vereins und der Bewegung sind der Chronologie der Projekte und Publikationen zu entnehmen. Die eigenen Bücher des Vereins sind im Laden in der Goltzstraße 49 in Schöneberg, über die Website und über Amazon erhältlich; darüber hinaus ein ausgewähltes Sortiment an Berlin-Literatur mit dem Schwerpunkt Alltags- und Regionalgeschichte.
Projekte 1981/1982: Veranstaltungsreihe mit Zeitzeugenbefragung Vom Lagerfeuer zur Musikbox 1983: Spurensicherung Alltag und Widerstand im Berlin der dreißiger Jahre und 50 Jahre Machtergreifung der Nationalsozialisten seit 1984: Historische Stadtrundfahrten mit dem Schiff in (West-)Berlin, seit 1990 durch ganz Berlin, seit 1991 mit AG zur Frauengeschichte 1984: Laientheatergruppe Oberwasser und Tiefgang seit 1986: Straßennamen: Rosa-Luxemburg-Brücke (2012 Benennung in Rosa-Luxemburg-Steg), Fliegerviertel in Tempelhof 1983–1987: Die Rote Insel in Berlin-Schöneberg und Der Wedding. Berlin nach dem Krieg und Der Lindenhof 1987–1990: Mobiles Museum – wechselnde Ausstellungen an mehreren Standorten in einem ehemaligen BVG-Bus: Euthanasie-Aktion T4-Die Mordzentrale in der Tiergartenstraße 4, Straßennamen, Russen-Bilder 1945, Ansteckende Maßnahmen. Eine Ausstellung zum gesellschaftlichen Umgang mit AIDS, Von Krenz zu Kohl, Laube, Parzelle, Kolonie 1988: Juden am Kudamm 1987–1989: Das Augusterlebnis 1914 1987–1990: Jüdisches Leben am Wedding 1988–1991: Juden in Kreuzberg 1989: Danckelmann-Kietz und Präsentation der Ausstellung Rote Insel im Museum Arbeiterleben um 1900 in der Ost-Berliner Husemannstraße (Prenzlauer Berg, Mai 1989), mit Begleitveranstaltungen 1990–1993: Arbeitsimmigration nach West-Berlin 1961–1993 seit 1994: NS-Zwangsarbeit – Berlin-Niederschöneweide, tschechische Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiteralltag in Berlin und Brandenburg 1939–1945, polnische zivile Zwangsarbeiter, Berliner Firmenliste, Gedenktafel-Initiativen, Dreilinden, Fehrbellin, Eröffnung des Dokumentationszentrums Berlin-Schöneweide im Herbst 2006, Zeitzeugen-App 2013,App zur NS-Zwangsarbeit kostenlos in Deutsch und Englisch Gedenktafel Wilhelmsaue 40 2000–2020: Zwangsarbeit bei Bosch - drei Bücher, drei Ausstellungen und eine Webseite zum Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in den beiden größten Rüstungsfirmen des Bosch-Konzerns: Dreilinden Maschinenbau GmbH, Kleinmachnow, und ELFI/Trillke-Werke, Hildesheim seit 2002: die 1984 gegründete Geschichtswerkstatt Lichtenrade arbeitet als Projektgruppe in der BGW weiter, mit dem Schwerpunkt NS-Zeit Zusätzlich zur Weiterarbeit in den Projekten Stadtrundfahrten, NS-Zwangsarbeit und Lichtenrade gibt es regelmäßige Aktionen, Rundgänge, Werkstattgespräche, Veranstaltungsreihen u. a. zu den Themen Berliner Straßennamen, Gedenkorte, Gedenken an Personen wie z. B. Rosa Luxemburg, Paul Löbe, Rio Reiser, Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, Annedore und Julius Leber.
Veröffentlichungen Alle nachfolgenden Publikationen sind von der BGW herausgegeben worden. Medienpaket zu den Instandbesetzungen in Berlin 1981/1982. Selbstverlag, Berlin 1982. Mitherausgeber: Diethart Kerbs … Geschichte zurechtrücken, Unbekanntes aufdecken … Dokumentation der lokalhistorischen Projekte in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin (West) anlässlich des 50. Jahrestages der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, Selbstverlag 1983. Projekt: Spurensicherung. Alltag und Widerstand im Berlin der 30er Jahre. Elefanten Press Verlag, Berlin 1983. Redaktion: Karl-Heinz Breidt, Andreas Ludwig, Kurt Schilde Spurensicherung in Schöneberg 1933. Rote Insel – Lindenhof – Jüdische Schweiz. Selbstverlag, Berlin 1983. Redaktion: Eva Brücker Spurensicherung des Widerstands und Alltags im Faschismus in Charlottenburg. Elefanten Press Verlag, Berlin 1983 Passagen. Geschichte am Landwehrkanal. Selbstverlag, Berlin 1984. Autor: Jürgen Karwelat Der Lindenhof. Untersuchung von Nachbarschaftszusammenhängen und ihrer Veränderung durch die nationalsozialistische Machtergreifung. Selbstverlag, Berlin 1985 Vom Lagerfeuer zur Musikbox. Jugendkulturen 1900–1960. Elefantenpress Verlag, Berlin 1985. Autoren: Christa Jančik, Gerhard Kluchert, Andreas Sander, Kurt Schilde, Eva Brinkschulte, Ulrich Meyer, Andreas Mischok, Winfried Sträter (dietermetzger.tk). Insel Moabit. Eine Dreiviertel-Rundfahrt mit dem Schiff. Selbstverlag, Berlin 1986. Autor: Jürgen Karwelat Landgang in Berlin. Stadtgeschichte an Landwehrkanal und Spree. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1987. Autoren: Susanne Köstering, Andreas Schleicher, Manfred Gailus, Cornelia Carstens, Gisela Hahn, Jürgen Karwelat, Christa Jančik, Thomas Lindenberger, Carsten Seefeldt Die Rote Insel Berlin-Schöneberg. Bruchstücke zu einer Stadtgeschichte. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1987. Autoren: Meike Eggert, Dieter von Buxhoeveden, Detlev Davids, Andreas Sander, Klaus Hesse, Uwe Clement, Lutz Birkholz, Christian Knapp, Hans-Michael Flämmig, Gisela Wenzel, Barbara Dankwortt, Herbert Böpple, Gerlinde Böpple, Wolf-Jürgen Haßdorf, Fred Wilhelm, Eva Brinkschulte, Hildegund Wolff, Uta Gerdes, Heike Papenthin, Kai-Torsten Illing, Martina Przewieslik, Rolf Amman, Jutta Bratz (Inhaltsverzeichnis PDF). Der Wedding – hart an der Grenze. Weiterleben in Berlin nach dem Krieg. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1987. Autoren: Siegfried Heimann, Axel Kuhn, Angelika Rix, Susanne zur Nieden, Ray Rosdale, Dagmar Hartung-von Doetinchem, Dorothea Führe-Behringmeier, Heinz Rein, Heinrich Marvin, Sabine Hillebrecht, Ursula Schröter, Klaus Leuchtmann, Roland Schwarz, Andreas Hallen, Thomas Lindenberger, Erika M. Hoerning, Wolfgang Bohleber, Harry Lange, Wolfgang R. Ritter Das war ‘ne ganz geschlossene Gesellschaft hier. Der Lindenhof. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1987. Autoren: Michael Meyer, Eva Brücker, Katia David, Roswitha Breckner, Christian Düntsch, Manuela Goos, Karl Bubenheimer, Gabriele Lang, Ursula Pasche, Jürgen Kerber, Andreas Ludwig, Gabriele Kienzl, Hannelore Gallin Die Nation als Ausstellungsstück. Planungen, Kritik und Utopien zu den Museumsgründungen in Bonn und Berlin. Zeitschrift Geschichtswerkstatt, Heft 11 (1987). VSA Verlag. Autoren: Sabine Weißler, Michael Wildt, Lutz Niethammer, Jürgen Habermas, Dieter Hoffmann-Axthelm, Albert d’Haenens, Gert Zang, Frank Thomas Gatter, Volker Wünderich, Claus F. Stolberg, Andreas Ludwig Berlins südliche Gestade. Stadtgeschichte an Neuköllner Kanälen. Selbstverlag, Berlin 1988. Autoren: Cornelia Carstens, Gisela Hahn, Klaus Handke Down By The River. A Historical Guide to Sightseeing along Berlin’s Waterways. Verlag Dirk Nishen. Berlin 1988. (Englische Übersetzung des Leitfadens aus Landgang in Berlin) Russen-Bilder, Berlin 1945. Selbstverlag, Berlin 1988. Autoren: Andreas Hallen, Brigitte Marquardt, Detlev Davids Sackgassen. Keine Wendemöglichkeit für Berliner Straßennamen. Verlag Dirk Nishen. Berlin 1988. Autoren: Jürgen Karwelat, Hans-Peter Richter, Margret Luikenga, Gisela Hahn, Claudia von Gélieu, Bernhard Müller, Cornelia Carstens, Sabine Werth Berliner Stadtplan von 1946. Nachdruck der Originalausgabe. Dokument einer verpassten Vergangenheitsbewältigung im Berliner Stadtbild. Selbstverlag. Berlin 1988. Plan, gefaltet und gerollt. Mitherausgeber: Jürgen Karwelat, Bernhard Müller, ISBN 3-925702-09-1. Postkartenserie. Selbstverlag, Berlin 1988 … als wäre es nie gewesen. Juden am Ku’damm. Selbstverlag, Berlin 1989. Autor: Michael Weiß August 1914. Ein Volk zieht in den Krieg. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1989. Autoren: Herrad-Ulrike Bussemer, Michael Reiter, Monika Bönisch, Susanne Rouette, Helmut Bräutigam, Gerhard Ille, Henrick Stahr u. a. Rund um den Klausenerplatz. Historischer Rundgang durch ein Charlottenburger Viertel. Selbstverlag, Berlin 1989. Autorin: Frauke Bollow u. a. Erna Proskauer: Wege und Umwege. Erinnerungen einer Rechtsanwältin. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1989. Mitarbeit: Sabine Berghahn, Christl Wickert Die Rote Insel. Zur Geschichte des Berliner Arbeiterviertels. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1989 (verbesserte Aufl., Reprint 2008) Direkt vor der Haustür. Berlin-Lichtenrade im Nationalsozialismus. ASF, Berlin 1990. Neuauflage 2005. Autoren: Andreas Bräutigam, Monika Fenuzau, Thomas Quilitzsch, Lutz Sand, Dagmar Schneider, Sönke Schneidewind, Rainer Weitzel, Ruth Zantow, Petra Heidebrecht