mini|Der Grabschrein von Hudschr ibn ʿAdī in ʿAdrā bei Damaskus Abū ʿAbd al-Rahmān Hudschr ibn ʿAdī al-Kindī (, gest. 671 in Mardsch al-ʿAdhrā' bei Damaskus) war ein arabischer Militärführer aus dem Stamm der Kinda, der zu den Kommandanten und bedeutendsten Anhängern des vierten Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib (reg. 656–661) gehörte und nach dessen Tod in Kufa die schiitische Opposition gegen den umaiyadischen Kalifen Muʿāwiya ibn Sufyān (reg. 661–80) anführte. Nachdem er mehrfach gegen die Politik von Muʿāwiyas Gouverneur Ziyād ibn Abī Sufyān protestiert und mit seinen Anhängern dessen Stellvertreter bedroht hatte, wurde er von Ziyād gefangen genommen und an Muʿāwiya ausgeliefert, der ihn zusammen mit fünf seiner Anhänger hinrichten ließ. Der Vorfall rief in den verschiedenen Gebieten des islamischen Reichs große Empörung hervor und gilt bis heute als eine der schwersten Verfehlungen Muʿāwiyas. Die Berichte über Hudschr ibn ʿAdī und die Vorgänge, die zu seiner Hinrichtung führten, nehmen in der islamischen Geschichtsschreibung breiten Raum ein. Hudschr gilt als einer der bedeutendsten schiitischen Märtyrer. Sein Grab in al-ʿAdrā bei Damaskus, das schon seit dem Mittelalter ein regionales Wallfahrtsziel ist und heute vor allem von Schiiten verehrt wird, wurde im Mai 2013 von Kämpfern der Freien Syrischen Armee geschändet. Sie exhumierten seine sterblichen Überreste und brachten sie an einen unbekannten Ort, um eine weitere Verehrung zu verhindern.
Abstammung und Namen Hudschr gehörte dem Stammesadel der Kinda an. Sein Nasab war nach Ibn ʿAsākir Hudschr ibn ʿAdī ibn Dschabala ibn ʿAdī ibn Rabīʿa ibn Muʿāwiya ibn Thaur ibn Murtiʿ ibn Thaur, wobei Thaur ein anderer Name für Kinda war.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1995, Bd. XII, S. 207. Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī fügt in der Kette zwischen Hudschrs Vater und Dschabal noch den Namen Muʿāwiya ein.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba. 1907, Bd. I, S. 329. Wie al-Aschʿath ibn Qais gehörte Hudschr zu den Nachkommen von al-Harath ibn ʿAmr Ākil al-Murār, des dritten und bedeutendsten Königs der vorislamischen Kinda im frühen 6. Jahrhundert u. Z.ad-Dīnawarī: al-Aḫbār aṭ-ṭiwāl. 1888, S. 238.
Während der Stamm der Kinda allgemein im Ruf der Boshaftigkeit stand, wird Hudschr in der arabischen Geschichtsschreibung als ein besonders guter Kindit beschrieben und Hudschr al-Chair („Hudschr, der Gute“) genannt.Leube: Kinda in der frühislamischen Geschichte. 2017, S. 130f. Diesen Beinamen soll ihm ʿAlī ibn Abī Tālib für seine Loyalität verliehen haben.Nasr ibn Muzāhim: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 104.
Ein weiterer Name, der für ihn verwendet wurde, war Hudschr ibn al-Adbar („Hudschr, der Sohn des am Rücken Verwundeten“).Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba. 1907, Bd. I, S. 329. Er geht darauf zurück, dass seinem Vater ʿAdī einmal auf der Flucht von hinten ein Stich versetzt worden war.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Bd. III, S. 463. Allerdings gibt es auch andere Überlieferungen, wonach sich der Beiname al-Adbar nicht auf seinen Vater, sondern auf ihn selbst oder einen anderen Vorfahren bezog.Ibn al-ʿAdīm: Buġyat aṭ-ṭalab fī taʾrīḫ Ḥalab. 1988, S. 2105.
Leben und Aktivitäten bis zum Kalifat Muʿāwiyas Zusammentreffen mit Mohammed und die umstrittene Zugehörigkeit zu den Sahāba Viele muslimische Gelehrte zählen Hudschr ibn ʿAdī zu den Prophetengefährten. Dies geht auf die Überlieferung zurück, wonach Hudschr zusammen mit seinem Bruder Hāni' als Delegierter seines Stammes zu Mohammed reiste und bei der Gelegenheit den Islam annahm. Diese Überlieferung wird sowohl bei Ibn al-Kalbī (gest. 821)Ibn al-Kalbī: Nasab al-Maʿadd al-Yaman al-kabīr. 1988, S. 142. als auch bei Muhammad ibn Saʿd erwähnt.Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1909, S. 151.
Von Ibrāhīm ibn Yaʿqūb al-Dschuzdschānī (gest. 873) wird die Aussage überliefert, dass Hudschr ibn ʿAdī die Zeit der Dschāhilīya erlebt und dann zum Gefährten des Propheten geworden sei.al-Ḥākim an-Naisābūrī: al-Mustadrak ʿalā ṣ-Ṣaḥīḥain. 1997, Bd. III, S. 576. Ibn al-Kalbī belegt Hudschr deswegen auch mit den beiden Adjektiven „dschahilitisch“ (ǧāhilī) und „islamisch“ (islāmī).Ibn al-Kalbī: Nasab al-Maʿadd al-Yaman al-kabīr. 1988, S. 142. Andere muslimische Gelehrte, so zum Beispiel al-Buchārī, waren dagegen auch der Auffassung, dass er nur zu den Tābiʿūn, also den Muslimen der zweiten Generation, gehörte.Bahrāmiyān: "Ḥuǧr ibn ʿAdī". 2013, S. 191a.
Militärische und politische Aktivitäten unter den ersten drei Kalifen Während des Kalifats von Abū Bakr (reg. 632–34) nahm Hudschr 634 unter der Führung von Chālid ibn al-Walīd an den Feldzügen zur Eroberung Syriens und den Überfällen auf die Ghūta teil. Der Kalif ʿUmar ibn al-Chattāb (reg. 634–44) belohnte ihn mit einer Besoldung von 2500 Dirham und sandte ihn mit den meisten Angehörigen der Kinda in den Irak, um dort unter dem Kommando von Saʿd ibn Abī Waqqās zu kämpfen. Nach Muhammad ibn Saʿd nahm er auch an der Schlacht von Qādisīya (ca. 636) teil.Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1909, S. 151.
Bei der Schlacht von Dschalūlā' (637) befehligte Hudschr den rechten oder linken Flügel der muslimischen Armee.Leube: Kinda in der frühislamischen Geschichte. 2017, S. 158. Nachdem 638 die Lagerstadt Kufa gegründet worden war, ließ er sich dort nieder und wurde zu einer der prominenten Persönlichkeiten (afāḍil) der Stadt.ad-Dīnawarī: al-Aḫbār aṭ-ṭiwāl. 1888, S. 154. Nach einer Aussage, die von Saʿd ibn Abī Waqqās zitiert wird, machte er sich besonders bei der Eroberung der iranischen Stadt Hulwān, die im Jahre 640 stattfand, verdient.al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. 1979, Bd IV/1, S. 268.
Während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān (reg. 644–656) gehörte Hudschr zu den Qurrā', einer politischen Oppositionsbewegung in Kufa, die in einem Brief an Kalifen gegen das Verhalten des Umaiyaden Saʿīd ibn ʿĀs protestierte,Al-Balāḏurī: Kitāb Ansāb al-ašrāf. 1979, Bd. IV/1, S. 530. der bis 653 als ʿUthmāns Statthalter in Kufa fungierte. Hudschr scheint eine enge Beziehung zu den Qurrā' gehabt zu haben. Nach einem Bericht, den Ibn ʿAsākir zitiert, waren sie es auch, die ihn später beim Aufstand gegen ʿAmr ibn Huraith unterstützten.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1995, Bd. XII, S. 216.
Nach einer Überlieferung, die Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī anführt, war er auch anwesend, als Abū Dharr al-Ghifārī 652/53 in ar-Rabadha starb.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba. 1907, Bd. I, S. 329.
Als Kommandant in ʿAlīs Diensten Bei der Kamelschlacht Nach der Erhebung von ʿAlī ibn Abī Tālib zum Kalifen im Jahre 656 spielte Hudschr eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung der Bevölkerung von Kufa zur Unterstützung des Kalifen bei der Niederschlagung des basrischen Aufstands von ʿĀ'ischa bint Abī Bakr, Talha ibn ʿUbaidallāh und Zubair ibn al-ʿAuwām. Als al-Hasan ibn ʿAlī und ʿAmmār ibn Yāsir nach Kufa kamen und in der Moschee um Unterstützung ʿAlīs baten, war es Hudschr, der die Menge davon überzeugte, sich ʿAlī anzuschließen.ad-Dīnawarī: al-Aḫbār aṭ-ṭiwāl. 1888, S. 154. In der Kamelschlacht (656) kommandierte er einen siebten Teil (subʿ) der kufischen Armee. Nach al-Balādhurīal-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. 2003, Bd. II, S. 214. und ad-Dīnawarīad-Dīnawarī: al-Aḫbār aṭ-ṭiwāl. 1888, S. 154. umfasste sein Teil der Armee die Stämme der Kinda, Hadramaut, Qudāʿa und Mahra, nach einer Überlieferung, die at-Tabarī zitiert, die Madhhidsch und die Aschʿarūn.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 3174.
Verhalten vor und nach Siffīn Über Hudschrs Verhalten in der Zeit vor und nach der Schlacht von Siffin (657) gibt es mehrere Nachrichten in dem Geschichtswerk des schiitischen Historiographen Nasr ibn al-Muzāhim. Demnach zog Hudschr während der Vorbereitungen für den Feldzug gegen Muʿāwiya, der mit seinen Anhängern in Syrien Stellung bezogen hatte, zusammen mit ʿAmr ibn al-Hamiq al-Chuzāʿī durch Kufa und proklamierte die Lossagung von den Syrern und ihre Verfluchung. ʿAlī soll ihnen jedoch Einhalt geboten und empfohlen haben, stattdessen die Missetaten der Gegner zu beschreiben und zu beten, dass Gott sie auf den rechten Pfad führen und Blutvergießen zwischen den Parteien verhindern möge.Naṣr ibn Muzāḥim: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 103. Hudschr sicherte ʿAlī bei dieser Gelegenheit die unbedingte Loyalität seines Stammesverbands zu, wofür ʿAlī ibn Abī Tālib ihn „den Guten“ (al-Ḫair) nannte. Naṣr ibn Muzāḥim: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 104. Bei der militärischen Begegnung mit den Syrern übertrug er Hudschr wieder das Kommando über den siebten Teil mit den Kinda und den anderen jemenitischen Stämmen.Naṣr ibn Muzāḥim: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 117, 205.
Während der Tage der Schlacht gehörte Hudschr zu den prominenten Kämpfern, die ʿAlī ausschickte, um Gefechte mit prominenten Kämpfern aus dem Lager Muʿāwiyas auszutragen.Naṣr ibn Muzāḥim: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 195. So hatte er am 7. Safar 37 (= 25. Juli 657) auch einen Zweikampf mit seinem kufischen Stammesbruder Hudschr ibn al-Yazīd al-Kindī,Naṣr ibn Muzāḥim: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 243. der vor der Schlacht auf die Seite Muʿāwiyas übergewechselt war. Er wird von den Schiiten umgekehrt Hudschr asch-Scharr („Hudschr, der Böse“) genannt.Bahrāmiyān: "Ḥuǧr ibn ʿAdī". 2013, S. 191a. Als nach der Schlacht von Siffīn ein Schiedsgericht zwischen ʿAlī und Muʿāwiya eingesetzt wurde, gehörte Hudschr zu denjenigen, die das diesbezügliche Dokument auf ʿAlīs Seite unterzeichneten.Naṣr ibn Muzāḥim: Waqʿat Ṣiffīn. 1962, S. 507.
Im Einsatz gegen ad-Dahhāk ibn Qais und die Charidschiten Nachdem das Schiedsgericht getagt hatte und Muʿāwiya den Schiedsspruch so gedeutet hatte, dass er im Recht sei, schickte er den Kommandanten ad-Dahhāk ibn Qais mit einer Anzahl syrischer Kämpfer in den Irak, um dort die Anhänger ʿAlīs zu überfallen. ʿAlī hatte große Schwierigkeiten, die Gegenwehr zu organisieren, weil seinen Kämpfern der Kampfesmut fehlte. Schließlich schickte er Hudschr mit einem Trupp von 4.000 Reitern gegen ad-Dahhāk. Hudschr konnte ihn mit seinen Leuten aus dem Irak zurückdrängen. Bei Tadmur kam es zum Kampf, der mit einer Niederlage ad-Dahhāks endete. Er verlor insgesamt 19 Kämpfer, während von Hudschrs Leuten nur zwei Männer fielen.aṯ-Ṯaqafī: al-Ġārāt. 1975, S. 416–426.
Auch während des Aufstands und des Abfalls der Charidschiten leistete Hudschr ʿAlī gute Dienste. So schlug er die charidschitische Revolte unter Führung von al-Aschhab ibn Baschīr al-ʿUranī nieder. Und bei der Schlacht von an-Nahrawān (658), bei der die Charidschiten niedergeworfen wurden, stellte ihn ʿAlī an die Spitze seines rechten Flügels.ad-Dīnawarī: al-Aḫbār aṭ-ṭiwāl. 1888, S. 223.
Im Dienste von Muhammad ibn Abī Bakr? Möglicherweise begab sich Hudschr auch für eine Zeit nach Ägypten. Der ägyptische Geschichtsschreiber al-Kindī erwähnt, dass Muhammad, der Sohn Abū Bakrs, der im Namen ʿAlīs diese Provinz verwaltete, Hudschr als Boten mit einer Sicherheitsgarantie zu Muʿāwiya ibn Hudaidsch as-Sakūnī geschickt habe.Muḥammad ibn Yūsuf al-Kindī: Kitāb al-Wulāt wa-Kitāb al-Quḍāt. Hrsg. von Rhuvon Guest. Brill, Leiden 1912, S. 28. Digitalisat
Nach der Tötung von Muhammad ibn Abī Bakr und ʿAlīs Verlust von Ägypten an Muʿāwiya, der ca. 658 stattfand, war Hudschr auf jeden Fall wieder im Irak. Nach der schiitischen Überlieferung suchte er ʿAlī, der wegen dieser Vorfälle bekümmert und traurig war, zusammen mit ʿAmr ibn al-Hamiq, ʿAbdallāh ibn Saba' und zwei anderen Gefährten auf und befragte ihn nach seiner Meinung über Abū Bakr und ʿUmar. ʿAlī soll sie daraufhin zunächst mit den Worten: „Dafür habt ihr Zeit, nachdem Ägypten erobert worden und meine Partei getötet worden ist?“ getadelt, ihnen dann aber ein längeres Schreiben überreicht haben, in dem er seine Sicht der Dinge darlegte.aṯ-Ṯaqafī: al-Ġārāt. 1975, S. 302ff. Der Vorfall wird in leicht abgewandelter Form auch bei al-Balādhurī erwähnt.al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. 1996, Bd. III, S. 155f.
Das Verhältnis zu al-Aschʿath ibn Qais