Christmas ist ein Rock-Song der britischen Band The Who; er wurde von dem Who-Gitarristen Pete Townshend geschrieben und erstmals 1969 veröffentlicht. Es ist das siebte Musikstück des als Rockoper eingestuften Konzeptalbums Tommy und eröffnet die zweite Seite der ursprünglichen Doppel-LP. Auch wenn das Stück nie offiziell als Single ausgekoppelt wurde, so gilt es doch als eines der wichtigsten des Albums, sowohl musikalisch als auch für dessen Deutung.

Hintergründe und Entstehungsgeschichte The Who und das Album Tommy

Im Mai 1969 veröffentlichte The Who ihr viertes Studioalbum, die Doppel-LP Tommy. Die Lieder wurden zwischen September 1968 und März 1969 in den Londoner IBC Studios aufgenommen. Die 24 Stücke mit einer Gesamtlaufzeit von 75:15 Minuten bilden eine inhaltlich-thematische Einheit und erzählen die Geschichte des fiktiven Tommy Walker ab 1921 als „deaf, dumb and blind boy“, eines über Jahre tauben, stummen und blinden Jungen; durch seine ausgeprägte Fähigkeit, Schwingungen und Vibrationen wahrnehmen zu können, steigt Tommy zum gefeierten Flipperspieler auf, der eine wundersame Heilung erfährt und zunächst von seinen Anhängern als Guru gefeiert wird, ehe sie ihn fallen lassen, weil er sich ihren Vermarktungsbemühungen entzieht.

Townshend, von dem zwanzig der 24 Stücke stammen, entwickelte das Albumkonzept, nachdem er Mitte der 1960er-Jahre mit den Lehren des indischen Mystikers Meher Baba in Berührung gekommen war, die er musikalisch umzusetzen suchte. Das Album erhielt von Beginn an beste Kritiken und brachte der Band den endgültigen musikalischen und wirtschaftlichen Durchbruch; es gilt bis heute als wegweisend für die Geschichte der Rockmusik. The Who promoteten Tommy mit einer ausgedehnten Konzerttournee in den Jahren 1969 und 1970, zu deren Höhepunkten das legendäre Woodstock-Festival ebenso zählt wie die Isle of Wight Festivals 1969 und 1970 sowie Konzerte in der University of Leeds und der Metropolitan Opera in New York City.

Die Rockoper wurde schließlich zum Ausgangspunkt vielfältiger künstlerischer Projekte: Am Opernhaus von Seattle entstand bereits 1971 eine Version als klassische Oper, im Folgejahr eine Adaption mit klassischem Orchester in der Bearbeitung von Lou Reizner, 1975 der Spielfilm Tommy und 1992 ein Broadway-Musical. Das ursprüngliche Musikalbum verkaufte sich über zwanzig Millionen Mal und wurde mehrfach neu herausgebracht, darunter 1996 neu abgemischt auf CD, 2003 als Super-Audio-CD und 2013 als Box-Set mit bis dahin unveröffentlichtem Bonusmaterial.

Pete Townshend und die Spiritualität mini|hochkant|Who-Gitarrist Pete Townshend (vorne), Komponist von Christmas, mit Schlagzeuger Keith Moon (hinten rechts) im Backstage-Bereich 1967

Townshend, geboren am 19. Mai 1945 in London, wuchs in einem christlich geprägten familiären Umfeld in England auf, hatte über enge Freunde seines Vaters sowie Nachbarn aber auch Kontakte zu Juden, teils strenggläubigen. Bereits seine Eltern waren Berufsmusiker; als Sängerin beziehungsweise Klarinettist und Saxophonist einer Bigband nahmen sie Pete als Kind häufig mit auf Tourneen und sonstige Reisen, so dass er vielfältige Eindrücke sammeln konnte.

Christmas ist eines der ersten von mehreren Liedern, in denen Townshend Religion und Spiritualität thematisiert, noch vergleichsweise selten bei The Who, häufiger bei seinen Soloprojekten. Vor allem zwei Erfahrungen zu Beginn seiner Karriere waren prägend: einerseits die Erkenntnis, dass Rauschmittel für ihn eine Sackgasse darstellten, andererseits eine halluzinatorische außerkörperliche Erfahrung des an Flugangst leidenden Musikers an Bord eines Flugzeugs. Im Gegensatz zu beispielsweise George Harrison von den Beatles wandte sich Townshend in den 1960er-Jahren einer spirituellen Glaubenslehre mit konventionelleren, auch in der westlichen Gesellschaft anerkannten Werten zu, speziell dem schweigenden indischen Mystiker und selbsternannten „Avatar“ (im Sinne einer Personifizierung Gottes auf Erden) Meher Baba (1894–1969).

Vordergründig geht es in Christmas – wie es der Musikjournalist Mike Segretto unter Bezug auf Townshend formuliert – um die religiöse Sachfrage: „Wenn ein Kerl taub, stumm und blind ist und er weder beten kann, noch überhaupt irgendwas von einer Gottesvorstellung weiß, wie kann er da vor der Verdammnis gerettet werden?“ Dabei spiegele Townshend nicht vor, eine Antwort darauf zu haben.

Pete Townshend, The Who und Weihnachten Für Pete Townshend als Musiker und allgemein für die Band The Who waren die Tage um Weihnachten mehrfach prägend oder führten zu besonderen Auftritten. So schenkte Petes Großmutter Denny an Weihnachten 1956 dem Elfjährigen eine einfache Spanische Gitarre, auf der er sich in der Folgezeit das Gitarrespielen weitgehend autodidaktisch selbst beibrachte. Mitunter ziehen Musikjournalisten bei der Interpretation der Rockoper Tommy Parallelen zwischen dem dortigen, noch kindlichen Protagonisten mit seinem Pinball-Spiel einerseits sowie allgemein jungen Menschen und ihrem ersten Zugang zur Musik oder im Speziellen dem jungen Pete mit seiner Gitarre andererseits.

Seitens der Plattenfirma von The Who bestand mehrfach der Druck, neue Musikalben rechtzeitig für das schon damals wirtschaftlich bedeutsame Weihnachtsgeschäft herauszubringen. So war das Vorgängeralbum zu Tommy, The Who Sell Out, rechtzeitig am 16. Dezember 1967 erschienen. Für das vierte Studioalbum drängte die Plattenfirma auf eine Fertigstellung vor Weihnachten 1968, weshalb dieser Termin unter den Musikern zunächst für intensive Diskussionen sorgte; da jedoch die neuartige Idee als Konzeptalbum und Rockoper zu Beginn der Studiosessions im September 1968 noch nicht ausgereift war, verzögerten sich die weiteren Aufnahmen zu Tommy und die Veröffentlichung letztlich bis Mai 1969, auch weil die Studioaufnahmen aus finanziellen Gründen und wegen anstehender Konzerte häufig unterbrochen werden mussten.

Ansonsten pflegten die Bandmitglieder einen lockeren Umgang mit den Festtagen und den Konventionen: Im Rahmen der erfolgreichen britischen TV-Musikshow Ready Steady Go beispielsweise wirkte der Who-Schlagzeuger Keith Moon an einem albernen Weihnachts-Pantomimenspiel mit, das auf dem häufig an den Festtagen gezeigten Märchenstoff Aschenputtel beruhte; ergänzend nahm die Band eine Version des zu Weihnachten gebräuchlichen Winterliedes Jingle Bells auf, die in der Folgewoche in der Heiligabendausgabe der Show ausgestrahlt wurde.Mike Segretto: The Who FAQ – All that’s left to know about fifty years of maximum R&B. Backbeat Books, Hal Leonard Corporation, Milwaukee, Wisconsin, Vereinigte Staaten 2014, ISBN 978-1-4803-6103-4, E-Book-Kapitel 26: There’s a Rock ’n’ Roll Singer on the Television – The Who on TV, Abschnitt: Ready Steady Go! (englisch).

Die Bedeutung von Christmas für den Ablauf des Albums Tommy In Christmas wird der Protagonist der Rockoper erstmals namentlich als „Tommy“ erwähnt; zuvor wird er lediglich allgemein als „Kind“, „Junge“ und „Sohn“ bezeichnet (Overture, It’s a Boy, 1921 und Amazing Journey). Auch findet sich in diesem Song die erste Erwähnung von Pinball, dem „Flipperspiel“, das im weiteren Verlauf des Albums eine große Bedeutung erhält, speziell dem bekannten, erfolgreichen Lied 13, Pinball Wizard.

Versionen und deren Veröffentlichungen Von Christmas entstanden im Laufe der Zeit diverse Versionen durch die Band The Who.

Die Studioversion Die bekannteste ist die Studioversion, die 1969 auf dem Album Tommy erstmals veröffentlicht wurde. Sie spielt in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als der mit seiner Mannschaft im Krieg als verschollen geltende Captain Walker zu seiner Ehefrau zurückkehrt und erstmals auf seinen Sohn Tommy, aber auch den neuen Lebensgefährten seiner Frau trifft. Tommy wird taub, stumm und blind, nachdem er ungewollt Zeuge einer nicht näher beschriebenen Gewalttat seiner Eltern wurde, offenbar der Tötung des Lebensgefährten der Mutter, und beide Elternteile ihm einreden, nichts gehört und nichts gesehen zu haben.

Christmas wurde – wie alle Stücke des Albums Tommy – von Kit Lambert (1935–1981) produziert, der damals auch Manager der Band war. Als Sohn des Dirigenten und Komponisten Constant Lambert (1905–1951) war er auch mit klassischer Musik vertraut; er hatte Pete Townshend stets darin bestärkt, ein Konzeptalbum zu schaffen, dessen Grundidee Townshend schon seit 1966 verfolgte und das bereits alle Elemente enthielt, die später als Rockoper zusammengefasst wurden. Weitere Beteiligte waren der Toningenieur Damon Lyon-Shaw sowie der Executive Producer Chris Stamp (1942–2012).

Die Studioversion wurde vollständig von den vier Bandmitgliedern Roger Daltrey (Gesang), Pete Townshend (Gitarren, Gesang), Keith Moon (Schlagzeug) und John Entwistle (Bass) eingespielt.

Als Teil des Albums Tommy In der ursprünglichen Fassung als Doppel-LP von 1969 leitet Christmas die zweite Seite des Albums ein, die jedoch, um die Platten auch in einem Plattenwechsler einsetzen zu können, nicht auf die Rückseite der ersten Platte, sondern die Vorderseite der zweiten gepresst ist. Bei der Neuauflage 1972 wählte Track Records eine herkömmliche Pressung, so dass sich Christmas als erstes Lied auf der Rückseite der nun Tommy – Part 1 genannten Langspielplatte befindet.Track Records, Katalognummer 2406 007. Erstmals 1984 erschien das Album in digitaler Form auf einer Doppel-CD mit Neuauflagen 1990 und 1993, nun als Einzel-CD. 1996 erschien die von Jon Astley digital remasterte CD-Version; speziell bei Christmas treten nun die beiden verschiedenen Gitarrenspuren deutlicher und klarer unterscheidbar hervor. Weitere Überarbeitungen und Aufwertungen mit Bonusmaterial erfolgten 2003 und 2013.

Auf den CDs schließt Christmas direkt an den ausklingenden Schlussakkord in D-Dur des sechsten Stückes an, Eyesight to the Blind (The Hawker), das einzige Lied des Albums, das nicht von einem Who-Bandmitglied geschrieben wurde, sondern bereits 1951 von Sonny Boy Williamson II. Auf Christmas folgt Cousin Kevin, eines von zwei Stücken, die der Who-Bassist John Entwistle zum Album beigesteuert hat.

Auf Singles-Serien und EPs Offiziell wurde Christmas nie als Single ausgekoppelt, es stand 1969 jedoch kurz davor: Pete Townshend schätzte von jeher Singles „als konzentrierte Form der Popmusik“ und wirtschaftliche Alternativen zu den teureren Langspielplatten. Zudem wurde seiner Meinung nach die Doppel-LP Tommy im Vereinigten Königreich zu teuer verkauft. Ungeachtet des Gesamtkonzeptes des Doppelalbums setzte er sich gemeinsam mit dem Managementteam von The Who dafür ein, den Fans den maßgeblichen Platteninhalt preisgünstiger in Form einer Serie von Singles zugänglich zu machen. Auf ihr Drängen ließ Polydor schließlich im Juli 1969 eine Serie mit drei Singles für den britischen Markt pressen: Christmas wurde mit Overture kombiniert, dem weitgehend instrumentalen Eröffnungsstück des Albums, ferner Go to the Mirror! mit Sally Simpson (Lieder 15 und 20 des Albums) sowie I’m free mit 1921 (Lieder 21 und 3). Allerdings brach das Plattenlabel dieses Vorhaben kurzfristig ab und lieferte die bereits fertigen Singles nicht mehr an die Plattengeschäfte aus. Offenbar befürchtete es zu große Verkaufseinbrüche für das gewinnträchtige Doppelalbum.

Townshend sowie der Who-Manager und -Produzent Lambert verfolgten die Idee jedoch weiter. So erschien schließlich im November 1970 bei Polydor im Vereinigten Königreich eine für sechs Shilling erhältliche EP, bei der Christmas als zweites Lied mit den drei Songs See Me, Feel Me sowie Overture und I’m free kombiniert wurde. Für Käufer, die die im Monat zuvor erschienene normale Single See Me, Feel Me erworben hatten, organisierte das Plattenlabel sogar eine Umtauschmöglichkeit, wodurch Christmas eine nochmals größere Verbreitung und Bekanntheit fand.