mini|Julian Charrière (2017) Julian Charrière (* 3. Dezember 1987 in Morges, Schweiz.) ist ein französisch-schweizerischer Künstler, der in Berlin lebt und arbeitet. Seine künstlerische Praxis verbindet Bereiche der Umweltwissenschaften und Kulturgeschichte, und seine Projekte resultieren oft aus Feldforschungen an abgelegenen Orten mit akuter physikalischer Identität wie Vulkanen, Eisfeldern oder radioaktiv verstrahlten Testgeländen.

Leben und Werk Charrière wurde in Morges als Sohn eines Schweizer Vaters und einer französischen Mutter geboren. Er studierte Kunst bei Valentin Carron an der École cantonale d’art du Valais, Siders in der Schweiz, bevor er nach Berlin zog. Dort studierte er zunächst bei Christiane Möbus. Später machte er seinen Abschluss am Institut für Raumexperimente bei Olafur Eliasson an der Universität der Künste Berlin.

Charrières forschungsorientiertes Schaffen verbindet Kunst, Wissenschaft und aktuelle Themen der Anthropologie miteinander und beleuchtet die Spannungen, die sich in und aus unserer modernen Welt und ihren Entwicklungen ergeben. Inspiriert von Land-Art-Künstlern wie Robert Smithson, Schriftstellern wie dem Autor J. G. Ballard oder den Philosophen Dehlia Hannah und Timothy Morton, trägt sein Werk zu einer Diskussion über die sozialen und ökologischen Auswirkungen des Fortschritts bei, der die Gesellschaft bis heute prägt. Diese und ähnliche Ansätze verbindet Charrière in seiner Praxis häufig mit den Ideen der Romantik des 19. Jahrhunderts, in der der Platz des Menschen in der Welt als Reaktion auf die industrielle Revolution und die humanistische Philosophie einst unter ganz neuem Licht untersucht und reflektiert wurde. Charrière experimentiert in seinem Werk mit unkonventionellen Materialien und Methoden und bedient sich dabei ihrer symbolischen Bedeutungen. Eines seiner bevorzugten «Materialien» ist dabei die Zeit selbst; Charrière schafft Kunstwerke, die ihrer eigenen Zeitlichkeit entsprechen, diese reflektieren und dadurch gleichzeitig ihren Platz in der Zeitskala kommentieren, in der wir Menschen denken und uns bewegen.

Charrière inszeniert ausserdem «Fossilien als physische Marker der Zeit» und erhebt sie damit vor einem ganz neuen Bedeutungshintergrund – stets begleitet von der Frage danach, welche Artefakte in Zukunft zurückbleiben und die Interpretationen über diese Epoche künftiger Generationen prägen werden. Dabei entstehen Geo-Archäologien der Zukunft: Geologische Proben werden zu überlieferten und dennoch urzeitlichen Formen der Dokumentation früher Äonen unserer Erde. Charrière arbeitet in einigen seiner Werke mit diesen steinernen Archiven.

In seinem Werk Metamorphism interpretierte der Künstler diese Idee neu, indem er Elektroschrott mit künstlicher Lava verschmolzen und in scheinbar natürlich entstandene Felsen gegossen hat. Die technologischen Geräte kehren so im Wesentlichen zu den Rohstoffen zurück, aus denen sie einst hergestellt wurden. Dieses Projekt ist eine von mehreren skulpturalen Serien, in denen Charrière sowohl natürliche als auch von Menschenhand geschaffene Materialien verwendete, um einen physischen Kommentar zur zunehmend digitalisierten Welt zu schaffen.

Nach seinem Studium war er Mitglied des Berliner Künstlerkollektivs «Das Numen», das in ganz Europa ausstellte und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. 2012 arbeitete Charrière ausserdem mit dem Künstler Julius von Bismarck an der ortsspezifischen Performance Some Pigeons Are More Equal Than Others für die 13. Architekturbiennale Venedig zusammen. Die beiden haben ihre Kollaboration auch über dieses Projekt hinaus fortgesetzt und mehrere Ausstellungen gemeinsam produziert.

Expeditionen Viele seiner Werke sind Ergebnisse verschiedener Expeditionen rund um die Welt, bei denen er sich auf Orte konzentriert, die besonders von der Menschheit und ihrer zerstörerischen Kraft in Mitleidenschaft gezogen wurden oder werden. Zu den von Charrière besuchten Orten gehören beispielsweise das Semipalatinsk-Testgelände, und sein amerikanisches Pendant, das Bikini-Atoll auf den Marshallinseln. Auf den beiden Reisen entstanden eine Reihe von Fotografien, die die desolaten Überreste der Orte dokumentieren. Einer seiner technischen Ansätze war dabei die fotografische Entwicklung auf analogem Film, der mit nuklearem Material belichtet wurde. Dadurch kam die unsichtbare Kraft der Radioaktivität in den Bildern deutlich zum Vorschein. Im Anschluss an die Reise zum Bikini-Atoll schrieb Charrière zusammen mit dem Kurator und Kunsthistoriker Nadim Samman, der mit ihm reiste, das Buch As We Used to Float, das sich irgendwo zwischen Reisebericht und kritischem Essay verorten lässt. Beschrieben als: «toggling between a personal account of a sea journey, above and below water, and a critical investigation of postcolonial geography, As We Used to Float develops broader reflections on place and subjectivity».

Im März 2017 bekam der Künstler internationale Aufmerksamkeit, als die Berliner Polizei in seinem Atelier erschien, um sein damals neuestes Werk The Purchase of the Southpole zu konfiszieren, das sich mit der friedlichen, wissenschaftlichen Entwicklung und den Gefahren des Klimawandels befasst. Die drei Meter lange Kanone sollte ursprünglich als Teil der ersten Antarktis-Biennale Kokosnüsse vom Bikini-Atoll abschiessen. Aufgrund der Beschlagnahme gelangte das Kunstwerk nie in die Antarktis und befand sich danach lange Zeit in der Obhut der deutschen Behörden.

Im Kontext der Einladung zur Teilnahme an der Antarktis-Biennale 2017 entwickelte der Künstler zudem ein Werk, in dem er sich mit den Polarregionen und ihrer Repräsentation im kollektiven visuellen Gedächtnis des 21. Jahrhunderts auseinandersetzte. Daraus entstand seine bisher umfangreichste filmische Arbeit Towards No Earthly Pole, die im Mittelpunkt seiner drei gleichnamigen Einzelausstellungen stand (MASI Lugano, 2019, Aargauer Kunsthaus, 2020, Dallas Museum of Art, 2021). Die Ausstellungen inszenierten drei verschiedene Versionen einer Reise durch den aktuellen Kosmos des Künstlers und boten Einblicke in die Lektüre der Auswirkungen des menschlichen Handelns auf die Natur. Der Filmarbeit Towards No Earthly Pole ist eine Publikation gewidmet, in der eine Sammlung ausgewählter Essays in das Werk einführt, verfasst von führenden Wissenschaftlern aus den Bereichen Philosophie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte, u. a. Francesca Benini Amanda Boetzkes, Katherine Brodbeck, Dehlia Hannah, Scott MacKenzie & Anna Westerstahl Stenport, Shane McCorristine, Nadim Samman und Katrin Weilenmann sowie ein Gespräch zwischen dem Künstler und Konrad Steffen, Professor für Klima und Kryosphäre an der ETH Zürich und EPFL, in einem kunsttheoretischen Kontext.

Im Sommer 2021 nahm Charrière an der Leister-Expedition um Nordgrönland teil, einer schweizerisch-dänischen Expedition, die unter anderem zum Ziel hatte, die nördlichen Regionen Grönlands zu bereisen und zu dokumentieren, um die Entwicklungen des Klimawandels in der Arktis zu erforschen. Während der Expedition landete das Team auf einer 300 Meter langen Insel aus Schlamm und Erde, von der man annahm, es handele sich um die Insel Oodaaq. Nach ihrer Rückkehr stellte sich heraus, dass sie die nördlichste Insel vor der grönländischen Küste entdeckt hatten. Charrière, der einzige Künstler, der an der Expedition teilnahm, berichtete über diese Entdeckung.

Auszeichnungen 2013, 2015: Swiss Art Award (Kiefer-Hablitzel-Preis) 2014: Manor Kunstpreis, Lausanne 2016: Kaiserringstipendium für junge Kunst, Goslar 2018: GASAG-Kunstpreis, Berlin Art Week, für Within Bikini Atoll 2018: Prix Mobilière, BernPreisträger Prix Mobilière.

Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 2011: Horizons, Galerie Dittrich & Schlechtriem, Berlin 2014: We are all Astronauts, Centre culturel suisse, Paris, Frankreich 2014: Die Welt ist mittelgross, Kunstverein Arnsberg, Arnsberg 2014: Future Fossil Spaces, Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Lausanne, Schweiz 2014: Somewhere, Rudolph-Scharpf-Galerie im Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen 2016: Julian Charriere Freeze, Memory, Sean Kelly Gallery, New York, USA 2016: For They That Sow the Wind, Parasol Unit Foundation for Contemporary Art, London, UK 2016: Julian Charrière, Mönchehaus Museum Goslar, Goslar 2016: First Light, Galerie Tschudi, Glarus, Schweiz 2016: Siempre cuenta cuántos cuentos cuentas, Despacio, San José, Costa Rica 2018: An Invitation to Disappear, Ben Brown Fine Arts, Hong Kong, China 2018: GASAG Kunstpreis 2018: Julian Charrière. As We Used to Float, Berlinische Galerie, Berlin 2018: An Invitation to Disappear, Kunsthalle Mainz, Mainz; Mauvoisin Dam und Musée de Bagnes, Le Châble, Schweiz 2019: Twin Earth, (mit Marguerite Humeau), SALTS, Birsfelden, Schweiz 2019: All We Ever Wanted Was Everything and Everywhere, Museo d’Arte Moderna di Bologna, Bologna, Italien 2020: Towards No Earthly Pole, Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano, Schweiz 2020: Towards No Earthly Pole, Sean Kelly Gallery, New York City, USA 2020: Towards No Earthly Pole, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Schweiz 2021: Towards No Earthly Pole, Dallas Museum of Art, USA 2025: Midnight Zone Museum Tinguely Basel, Schweiz

Gruppenausstellungen 2011: Berlin 2000–2011: Playing among the Ruins Museum für zeitgenössische Kunst Tokio, Tokyo, Japan 2011: Über Lebens Kunst, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2011: Without Destination, Reykjavik Art Museum, Reykjavík, Island 2012: Tauben – gleicher als die andern, 13. Architekturbiennale Venedig, Venedig, Italien 2013: The unfinished presents, Biennale d’art contemporain de Lyon, Lyon, Frankreich 2013: move-align-avoid. Vom Schwarm als Prinzip und Phänomen, Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg 2014: Clockwork (mit Julius von Bismarck), Sies & Höke, Düsseldorf* 2014: Kochi-Muziris Biennale, Fort Kochi, Kerala, Indien 2014: Festival of Future Nows, Neue Nationalgalerie, Berlin 2014: One Place Next to Another, Moscow Contemporary Art Center Vinzavod, Moskau, Russland 2015: The Future of Memory, Kunsthalle Wien, Wien, Österreich 2015: The Forces Behind The Forms, Galerie Taxispalais, Innsbruck, Österreich 2016: The Forces Behind The Forms, Kunstmuseum Thun, Thun, Schweiz 2016: Desert Now, (mit Julius von Bismarck und Felix Kiessling) Steve Turner Gallery, Los Angeles, USA 2016: Objects In Mirror Might Be Closer Than They Appear, (mit Julius von Bismarck), Villa Bernasconi, Lancy, Schweiz 2016: The Forces Behind The Forms, Kunstmuseen Krefeld, Museen Haus Lange and Haus Esters, Krefeld 2016: Nuit blanche, Villa Medici, Rom, Italien 2016: Zeitgeist - Art Da Nova Berlim, Centro Cultural Banco do Brasil, Rio de Janeiro, Brasilien 2016: +ultra. gestaltung schafft wissen, Martin-Gropius-Bau, Berlin 2016: Deep Inside, 5th Moscow International Biennale for Young Art, Moskau, Russland 2016: Hybrid Modus. Hybrid Modus New positions in bio-, living- and digital sculpture, Skulptur Bredelar, Bredelar, Niederlande 2016: The End of the World, Centro per l'arte contemporanea Luigi Pecci, Prato, Italien 2016: Interractions n°4, Les Abattoirs, Musée - Frac Occitanie Toulouse, Frankreich 2017: The Antarctic Biennale, Antarktika 2017: Viva Arte Viva, 57th Biennale di Venezia, Venice, Italien 2017: Le Rêve des formes, Palais de Tokyo, Paris, Frankreich 2017: Produktion. Made in Germany Drei, Sprengel Museum, Hannover 2017: Tidalectics, TBA21-Augarten, Wien, Österreich 2017: De Nature en Sculpture, Villa Datris Foundation for contemporary sculpture, L’Isle-sur-la-Sorgue, Frankreich 2017: Notes on our Equilibrium, Fondation CAB, Brüssels, Belgien 2018: Julius von Bismarck und Julian Charrière. I’m Afraid I Must Ask You to Leave, (mit Julius von Bismarck), Kunstpalais Erlangen, Erlangen 2018: Post-Nature, A Museum as an Ecosystem, Taipeh Biennale, Städtisches Kunstmuseum Taipeh, Taipeh, Taiwan