mini|Pierre de Fermat mini|Pierre de Fermat auf einem Kupferstich von François de Poilly dem Älteren
Pierre de Fermat [] (* in der zweiten Hälfte des Jahres 1607 in Beaumont-de-Lomagne, heute im Département Tarn-et-Garonne; † 12. Januar 1665 in Castres) war ein französischer Mathematiker und Jurist.
Leben
Geburtsjahr und Eltern mini|Rückseite von Fermats Geburtshaus in Beaumont-de-Lomagne, 16. Jahrhundert; rechts hinten der zum Haus gehörende Turm mit Aussichtsplattform, das zweithöchste Gebäude Beaumonts
Als Geburtsdatum galt lange Zeit der 20. August 1601. Neuere Recherchen ergaben jedoch, dass Fermat Ende 1607 oder Anfang 1608 in Beaumont-de-Lomagne, einer 55 km nordwestlich von Toulouse gelegenen Bastide, geboren wurde.Klaus Barner: How old did Fermat become? In: NTM Internationale Zeitschrift für Geschichte und Ethik der Naturwissenschaften, Technik und Medizin, Neue Serie 9, 2001, S. 209–228 (englisch; Zentralblatt-Rezension).Wikipedia-Diskussion zum Thema „Fermats Geburtstag“. Der am 20. August 1601 in Beaumont-de-Lomagne getaufte „Piere (Pierre) Fermat“Registres paroissiaux de Beaumont, actes des baptêmes. Piere, fils de Dominique Fermat, bourgoys et segont consul de la ville de Beaumont, a esté baptisé le 20 aoust 1601, parrin Piere Fermat, marchant et frère dudit Dominique, marrine Jehanne Cazanove. Par moy DUMAS, vicario. Von der zweiten Hälfte des Jahres 1607 bis 1611 einschließlich sind alle Taufregister von Beaumont verlorengegangen. war nämlich ein früh verstorbener Halbbruder gleichen Namens aus der ersten Ehe seines Vaters Dominique Fermat mit Françoise Cazeneuve, die 1603 verstarb. Sein Vater heiratete 1604 in zweiter Ehe Claire de Long, und (wahrscheinlich zwischen dem 30. Oktober und dem 6. Dezember)Klaus Barner: Neues zu Fermats Geburtsdatum. In: Mitteilungen der DMV 15, 2007, S. 12–14. 1607 wurde der spätere Mathematiker Pierre Fermat geboren. Fermats Vater Dominique Fermat war ein erfolgreicher Großhändler mit ländlichen Produkten (Weizen, Wein und Vieh, auch Häute und Felle, jedoch kein Leder),Wikipedia-Diskussion zum Thema „Leder“. der es durch großes Geschick zu erheblichem Wohlstand und hohem Ansehen gebracht hatte. Dreimal wurde er von den Bürgern Beaumonts für je ein Jahr zu einem der vier Konsuln gewählt, die die Stadt verwalteten (einen Bürgermeister gab es nicht).Pierre Gairin: Pierre Fermat et ses ascendants. Publié à compte d’auteur, Beaumont-de-Lomagne 2001, S. 12 (französisch). Dominique Fermat wurde für das Jahr 1601 zum zweiten Konsul und für die Jahre 1605 und 1613 zum ersten Konsul von Beaumont gewählt.universal_lexikon.deacademic.com: Seine zweite Heirat mit der adligen Hugenottin Claire de Long aus der Hugenottenhochburg Montauban spiegelte seinen inzwischen erreichten gesellschaftlichen Status wider.
Schulbildung mini|Früheres Collège de Navarre in Montauban
Über Fermats Schulbildung gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, aber plausible Annahmen. Seine ersten Grundschuljahre dürfte er in einer der drei Elementarschulen für Knaben von Beaumont verbracht haben. Dass er, wie immer wieder zu lesen ist, das Franziskaner-Kolleg in seiner Heimatstadt besuchte, ist kaum möglich, weil dieses collège erst im Jahre 1683 eröffnet wurde.Joseph Bessodès: Beaumont-de-Lomagne: son histoire des origines au début du XIXe siècle. Syndicat d’Initiative, Beaumont-de-Lomagne 1993, S. 97 (französisch). Den Franziskanern, die seit 1516 in Beaumont einen kleinen Konvent unterhielten, war zudem das Unterrichten des Griechischen verboten.Horst Heintze in François Rabelais: Gargantua und Pantagruel. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 10. Der Humanist Rabelais trat aus diesem Grund aus dem Franziskanerorden aus. Eine andere, von Michael S. Mahoney vertretene,Michael Sean Mahoney: The Mathematical Career of Pierre de Fermat 1601–1665. Princeton University Press, Princeton, New Jersey, 1973, S. 15 (englisch). Variante ist, dass Fermat seine primäre und sekundäre Erziehung in dem (zehn Kilometer östlich von Beaumont gelegenen) von den Cordeliers (Franziskanern) betriebenen Kloster Grandselve erhalten habe. Doch Grandselve war ein ZisterzienserklosterImmo Eberl: Die Zisterzienser. Geschichte eines Ordens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002, S. 67. und hatte 1281 zwar ein collège, das collège Saint Bernard, gegründet, aber in diesem wurden nur die Mönche des Ordens in Theologie unterrichtet.
Im Jahre 1615 starb Fermats Mutter Claire de Long, vermutlich im Wochenbett nach der Geburt ihrer Tochter Jeanne, die den Tod ihrer Mutter offenbar auch nicht überlebte. Fermat wurde daher mit nicht ganz acht Jahren Halbwaise.Pierre Gairin: Pierre Fermat et ses ascendants. Publié à compte d’auteur, Beaumont-de-Lomagne 2001, S. 71 (französisch).
Seine vielgerühmte klassische Bildung dürfte Fermat von 1617 bis 1623 in dem reformierten collège de NavarreGeorges Bourbon: Notice historique sur le collége de Montauban, depuis sa fondation jusqu’en 1792. Bulletin archéologique et historique 4, 1876, S. 185–214 (französisch).Abbé F. Galabert: Les écoles autrefois dans le pays du Tarn-et-Garonne. Édouard Forestié, Montauban 1905, S. 13–15 (französisch).Henriette Bazet & Mathieu Méras: Collège de Montauban. Inventaire Sommaires, Serie D, Archives de Tarn-et-Garonne, Montauban 1964, S. 1 (französisch).Nicolas Michel: Histoire de l’ancienne académie protestante de Montauban 1598–1659 et de Puylaurens 1660–1685. Édouard Forestié, Montauban 1885, S. 249–251 (französisch). im nahegelegenen Montauban erhalten haben. Dort lebte seine Großmutter mütterlicherseits, Bourguine de l’Hospital. Dieses collège hatte auch Samuel de Long, der Bruder seiner Mutter, während der letzten Jahre der Religionskriege besucht. Es nahm auch katholische Schüler auf.
Studium in Orléans mini|Salle des Thèses der alten Universität Orléans, wo die Studenten ihre Examina ablegten
Fermat studierte von 1623 bis 1626 Zivilrecht an der Universität OrléansBibliothèque d’Université Toulouse, ms 33, anc. 28, fol. 396. (Fermat, aggreg. baccall. in Civili. Discretus vir Petrus Fermat, diocesis Montisalbani, baccall. apud Universitatis Aurelian. in Jure Civili, fuit aggregatus baccall. in eadem Facultate sub domino Maran 2, die prima mensis maii, 1631). und schloss dieses Studium im Juli 1626 mit dem baccalaureus iuris civilis ab. Aus dieser Studienzeit stammt auch seine lebenslange Freundschaft mit Pierre de Carcavi (auch Carcavy) (1606?–1684), der später für einige Jahre (1632–1636) sein Kollege am parlement de Toulouse wurde. Die Universität Orléans war eine alte und in ganz Europa berühmte Rechtsschule mit Universitätsrang,Jean-Eugène Bimbenet: Histoire de l’université de lois d’Orléans. Gatineau, Orléans 1853 (französisch); .Jacques Debal: Orléans: une ville, une histoire. Band 1, X-Nova, Orléans 1998, ISBN 2-912924-00-6 (französisch).Jules Loiseleur: L’université d’Orléans pendant sa période de décadence. D’après des documents récemment découverts. H. Herluison, Orléans 1886 (französisch; bei Gallica).Jean Nivet: L’humanisme orléanais au XVIe siècle. Bulletin de la Société Archéologique et Historique de l’Orléanais. Nouvelle série 1, 1960, S. 339–350 (französisch).Jacques Soyer: De la valeur des études de droit dans l’Université d’Orléans au XVIIe siècle. Bulletin de la Société Archéologique et Historique de l’Orléanais 24, 1941, S. 155–159 (französisch). in der, als letzter, in den ersten drei Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts noch der mos gallicus (der humanisme juridique) durch drei beachtliche Professoren gelehrt wurde: Raoul Fornier (1562–1627), Jérome L’Huillier († 1633) und Jehan Matthieu Le Grand († 1625). Studenten, die noch nicht volljährig waren (Fermat war zu Studienbeginn knapp 16), wurden im Hause eines dieser Gelehrten en tutelle aufgenommen und dort auch unterrichtet. Bei wem Fermat Aufnahme fand, ist nicht bekannt. Aber dass er dort den letzten Schliff seiner allseits bewunderten klassischen Bildung erhielt, ist mehr als nur eine Spekulation.
Anwalt in Bordeaux mini|Handschriftliche Randnotiz Fermats in den Konika des Apollonios von Perge
Im September 1626 bestimmte Dominique Fermat in seinem Testament seinen älteren Sohn Pierre zum Universalerben, wobei er darin für seinen jüngeren Sohn Clément (vermutlich 1631/32 an der Pest gestorben) eine Abfindung und für seine Töchter Louise und Marie eine Mitgift festlegte. Im Herbst desselben Jahres ließ sich Pierre Fermat, vermutlich auf Anraten des Mathematikers Jean Beaugrand (1584–1640), als Anwalt (avocat) am parlement de Bordeaux nieder, wo er bis Ende 1630 blieb. Im Juni 1626 hielt sich nämlich Ludwig XIII. mit seinem Hofstaat, in dem sich auch Jean Beaugrand befand, für eine Woche in Orléans auf, ehe er sich mit der gesamten Entourage per Schiff auf der Loire nach Nantes begab.Jacques-Daniel de Bois d’Annemetz: Mémoires d’un favory de son Altesse Royalle Monsieur le Duc d’Orléans. Jean Sambix le jeune à la Sphère (Elsevier), Leiden 1668 (französisch); . Beaugrand hatte gute Beziehungen zu einem Kreis mathematisch interessierter Männer in Bordeaux (aus Fermats Korrespondenz sind die Namen Étienne d’Espagnet (d’Espaignet), François Philon und Pierre Prades bekannt)Nach Michael Mahoney, The mathematical career of Pierre de Fermat, S. 49, ist wenig über Philon und Prades bekannt. Philon hatte eher philologische Interessen. Prades kandidierte für den Mathematiklehrstuhl von Petrus Ramus am Collège de France, den dann Gilles de Roberval innehatte. und dürfte Fermat eine Empfehlung an einen von ihnen, Etienne d’Espagnet, mitgegeben haben. D’Espagnet, ein junger conseiller am parlement de Bordeaux, hatte von seinem Vater Jean D’Espagnet, einem Freund François Viètes (1540–1603), eine allseits bewunderte wissenschaftliche Bibliothek geerbt, in der sich auch die damals sehr schwer erhältlichen Werke Vietas befanden. Hier begann die Karriere des 21-jährigen Fermat als Mathematiker, nachdem er Vieta sowie die antiken Mathematiker Euklid und Apollonios von Perge gründlich studiert hatte, mit seinen Arbeiten über Maxima und Minima und über Tangenten.Max Miller: Pierre de Fermats Abhandlungen über Maxima und Minima (1629). Aus dem Lateinischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Max Miller. Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Akademische Verlagsgesellschaft, Leipzig 1934.Klaus Barner: Fermats «adaequare» – und kein Ende? Math. Semesterber. 58 (2011), S. 13–45. Um die gleiche Zeit (1629) rekonstruierte er die beiden Bücher des Apollonios über die ebenen Örter (De locis planis).Fermat: Apollonii Pergæi libri duo de locis planis restituti. Œuvres, Vol. I, S. 3–51.(lateinisch). D’Espagnet und Fermat wurden Freunde fürs Leben.
Aufstieg in die Noblesse de Robe mini|Straßenseite von Fermats Geburtshaus, Mauer und Tor im 18. Jahrhundert hinzugefügt; im Hintergrund der zum Haus gehörende Fermat-Turm aus dem 15. Jahrhundert