Eustace C. Grenville Murray (̈* 2. Oktober 1824;G.R. Berridge gibt in seinen Publikationen das Jahr 1823 an, während einzig das deutsche Meyersche Konversationslexikon das Jahr 1819 nennt. † 20. Dezember 1881 in Passy) war ein englischer Diplomat, Journalist und Satiriker. Er veröffentlichte viele seiner Schriften, sowohl Bücher als auch Zeitschriftenbeiträge, unter einem Pseudonym, etwa als The Roving Englishman, Silly Billy, Mark Hope oder (in seiner Pariser Zeit) Trois-Étoiles.

Zum Namen Sein Name erscheint, speziell in jüngeren englischen Texten, oft als Grenville-Murray (mit Bindestrich), jedenfalls dort, wo sein vollständiger Name genannt wird. Ansonsten wurde (und wird) er jedoch häufig nicht als „Grenville-Murray“, sondern nur als „Mr. Murray“ o. Ä. angeführt. So wird auch im Folgenden verfahren. Das Oxford Dictionary of National Biography (ODNB) listet ihn ebenfalls unter „Murray“, nicht unter „Grenville-Murray“ oder „Grenville“. Auch Murray selbst schrieb seinen Namen meistens ohne Bindestrich; zuweilen schrieb er ihn auch, recht eigensinnig, mit Doppelpunkt: „Grenville: Murray“. Der Familienname Clare, allem Anschein nach ein erfundener Name ohne erkennbaren Bezug zu seiner Mutter oder seinem Vater, wurde zunächst bei Murrays Geburt angegeben, um die Identität der Eltern zu verschleiern, weil es sich bei Murray um ein Kind aus einer außerehelichen Verbindung und – mit Blick auf seinen Vater – um einen illegitimen Sohn handelte. Diesen Namen verwendete Murray im späteren Leben nicht, verleugnete ihn aber auch nicht, indem er zuweilen als „C. Grenville(-)Murray“ firmierte.

Leben und Werk Murray wurde als illegitimer Sohn von Richard Temple-Nugent-Brydges-Chandos-Grenville, dem 1. Herzog von Buckingham and Chandos (1776–1839), in Buckinghamshire geboren, auch wenn in der Sekundärliteratur sehr oft (aber zu Unrecht) dessen gleichnamiger Sohn Richard Plantagenet Temple-Nugent-Brydges-Chandos-Grenville, der 2. Herzog von Buckingham (1797–1861), als Vater genannt wird. Über seine Mutter Emma Murray Mills, eine Schauspielerin, ist nichts Näheres bekannt. Murray war 1848 im Magdalen College (Oxford) eingeschrieben, machte aber, soweit bekannt, keinen Abschluss.Er hatte in Oxford u. a. Griechisch studiert, wie aus einem Nebensatz im Vorwort von Doǐne; or, the National Songs and Legends of Roumania (1854, S. xlvii) hervorgeht. Dennoch wurde er zwei Jahre später in den Inner Temple aufgenommen, eine der vier englischen Anwaltskammern. Aber noch im Jahr 1850 verließ er England und ging auf den Kontinent. In diesem Jahr veröffentlichte er auch seine ersten Texte in der von Charles Dickens herausgegebenen Wochenschrift Household Words.

Diplomat und Reisejournalist (1851–1857) Im Juli 1851 wurde er als Botschaftsattaché nach Wien entsandt, nachdem ihn sein Halbbruder (der 2. Herzog von Buckingham) in den diplomatischen Dienst gedrängt hatte und Lord Palmerston – britischer Außenminister seit 1846 – auf ihn aufmerksam geworden war.Hatton 1882, S. 107. Gleichzeitig war Murray in die Dienste der Morning Post eingetreten, um über seine Zeit in Österreich journalistisch zu berichten. Das entsprach nicht dem Usus der Zeit, und Murray wurde, als in Wien seine Arbeitsvereinbarung mit der Zeitung bekannt wurde, vom dortigen Botschafter Lord WestmorlandJohn Fane, 11. Earl of Westmorland (1784–1859), von 1851 bis 1855 Botschafter in Wien. aus dem laufenden Betrieb der Botschaft ausgeschlossen; Palmerstons Einfluss verhinderte Schlimmeres. Tatsächlich soll Palmerston selbst von Murrays Korrespondententätigkeit gewusst haben, zumal die Morning Post allgemein als Zeitung galt, die pro-Palmerston ausgerichtet war.

mini|Vasile Alecsandri, der Sammler von rumänischen Volksliedern Von April bis Oktober 1852 war Murray in Hannover tätig, bevor er am 19. Oktober nach Konstantinopel versetzt wurde. Dort kam er jedoch erst im März 1853 an. Sein Verhältnis zu Sir Stratford de Redcliffe Canning war von Anfang an so angespannt, dass er zwischen Oktober 1853 und Juli 1854 als Vertreter des dortigen Vizekonsuls nach Mytilene (Lesbos) abgeschoben wurde. Seine wohl erste Buchveröffentlichung, die während seiner Diplomatenzeit in der Türkei entstand, war eine Übersetzung von 33 kurzen Erzählungen und Balladen ins Englische, veröffentlicht als Doǐne; or, The National Songs and Legends of Roumania; doine ist der Plural von rumän. doină, „Volkslied“ oder „Ballade“. Das Buch enthält auch eine Reihe von Anmerkungen zu den Texten und sechs zu Noten gesetzte Melodien. Wie Murray selbst schreibt, vertrieb er sich mit diesen Übersetzungen die Zeit, als er im Sommer 1853 „invalided“Murray, Doǐne (1854), S. xlvi. auf einer der Prinzeninseln bei Konstantinopel weilte. Murray, der bis dahin Rumänien nicht besucht hatte, korrespondierte mit einer Prinzessin aus der Ghica-Familie und hatte die Texte für seine Übersetzungen aus zwei Büchern von Vasile Alecsandri entnommen, die 1852 und 1853 erschienen waren.Nämlich die in Moldawien gesammelten Volkslied- und Balladentexte, veröffentlicht 1852 und 1853 in zwei Bändenː Poezii poporale. Balade (Cîntice bătrânești) adunate și îndreptate de Vasile Alecsandri.

Auf seinem diplomatischen Posten in Mytilene – auf der Insel Lesbos gegenüber der türkischen Ägäisküste – hatte er hingegen die Muße, weiterhin seine satirischen Reiseberichte „of a Roving Englishman“ (etwaː „eines englischen Vagabunden“) zu verfassen. Diese Texte erschienen zwischen 1854 und 1856 in Buchform, in drei Bänden, allesamt anonym veröffentlicht von einem Autor namens The Roving Englishman. Die meisten Kapitel waren aber bereits zuvor in der von Charles Dickens redigierten Zeitschrift Household Words erschienen (sowie im Einzelfall auch in anderen Zeitschriften), und zwar zwischen November 1851 und März 1856. Murrays Reiseberichte behandeln seine Erlebnisse in Deutschland, Frankreich, Griechenland und – am ausführlichsten – der Türkei (einschließlich der heute bulgarischen Teile der „Europäischen Türkei“ und der griechischen Inseln, damals ebenso türkisch). Sie umfassen auch die Zeit des Krimkriegs, aber es handelt sich nicht um eigentliche Kriegsberichterstattung, wie insbesondere der Titel des dritten Buches – Pictures from the Battle Fields – nahelegen könnte.

mini|Stratford Canning, ca. 1860 In seinen satirischen Reiseberichten machte sich Murray u. a. über das Botschaftspersonal in Konstantinopel lustig, allen voran über Botschafter Stratford Canning, den er „Sir Hector Stubble“ nannte, also „Sir Hektor Stoppelbart“. Als Murray Ende Juni 1854 auf Lesbos abgelöst wurde und wieder an die Botschaft nach Konstantinopel zurückkehrte, eskalierte die Situation. Stratford kochte vor Zorn über Murray, und in London war es ein offenes Geheimnis, dass der englische Botschafter ihm früher oder später an den Kragen gehen oder selbst einem Wutanfall zum Opfer fallen würde.“it was thought that if he [Murray] Sir Hector Stubble remained tied to each other by official bonds, either Sir Hector would murder him, or would himself die of rage”ː Hatton 1882, S. 108. Lord Palmerston, der Murray weiterhin protegierte, mischte sich ebenfalls ein, und Murray wurde, um die Lage zu entschärfen, im Januar 1857 als „3. bezahlter Attaché“ zunächst der britischen Delegation in Teheran zugeteilt. Im Sommer 1858 wurde ihm dann der Posten des Generalkonsuls von Odessa übertragen, wo er im September 1858Nicht bereits 1855, wie in einigen Darstellungen – auch im Eintrag der englischen Wikipedia – fälschlicherweise zu lesen ist. eintraf.

Generalkonsul in Odessa (1858–1868) Murray blieb für die nächsten zehn Jahre in Odessa und schickte von dort viele Konsularberichte an das britische Foreign Office, die auch von modernen Historikern benutzt worden sind; diese Berichte beziehen sich v. a. auf wirtschaftliche und politische Vorgänge und können als Quelle für die Geschichte Odessas im 19. Jahrhundert dienen. Allerdings stritt er sich von Anfang an mit den dortigen britischen residents herum, die im Lauf der Jahre viele Eingaben gegen ihn an das Foreign Office richteten. Es scheint, dass er unzulässige Abgaben von den residents erhob und diese in die eigene Tasche steckte; Raymond A. Jones nannte Murray deshalb „den notorischen und korrupten Generalkonsul in Odessa, dessen Untaten in einem Blauen Buch detailliert verzeichnet wurden“.“the notorious and corrupt consul-general in Odessa, whose misdeeds were chronicled in a Blue Book”ː Jones 1983, S. 110. 1868 hatte Lord Derby, der damalige Außenminister, genug und zog Murray von Odessa ab.Hatton 1882, S. 108. Murray kehrte nach England zurück, nach insgesamt siebzehn Jahren im Ausland.

mini|Ira Aldridge, 1858 portärtiert von Taras Schewtschenko Aus Murrays Lebensabschnitt in Odessa ist noch erwähnenswert, dass er dort im Januar/Februar 1866 mit dem afroamerikanischen Schauspieler Ira Frederick Aldridge bekannt wurde, der Odessa auf seiner Reise nach Konstantinopel besuchte. Murray erlebte ihn in Odessa in der Rolle des Shylock in Shakespeares Kaufmann von Venedig und war begeistert; am 2. Februar schrieb er einen Dankesbrief an Aldridge, in dem er sich für seine Darstellung „des halb-orientalischen Juden“ bedankte und dann noch äußerte, wie „unangenehm doch einige Passagen dieser Rolle für die wohlhabenden Juden in unserer Zeit sein müssen, die doch alle Geheimnisse und Konzilien dieser Welt beherrschen“.“however displeasing it may be to the prosperous Jews of our time, masters as they are of the secrets and councils of the world”ː zitiert in Lindfors 2015, S. 229. Murray hatte schließlich noch die Idee, den Schädel Aldridges für eine phrenologische Untersuchung vermessen zu lassen, und teilte anschließend die Ergebnisse dem American Phrenological Journal mit, das eine Analyse abdruckte.Lindfors 2015, S. 229 f., 319. Aldridge blieb noch etwa sechs Wochen in Odessa, aber es nicht bekannt, ob er nochmals mit Murray in Kontakt kam.

Intermezzo in England (1868–1869) mini|Lord Carrington (Vanity Fair, 1907) Im Jahr nach seiner Rückkehr aus Odessa, 1869, gründete Murray in London eine Wochenzeitschrift namens The Queen’s Messenger, die vor allem Gesellschaftsnachrichten in einer üblicherweise satirischen Art und Weise kommentierte; dieses Magazin war „polemisch, auf Persönliches gerichtet, unfair und respektlos“.“polemical, personal, unfair, and disloyal”ː Hatton 1882, S. 108. Murray polemisierte auf dessen Seiten auch gegen das Personal in der Verwaltung des Foreign Office, dem er vorwarf, seine Entlassung in Odessa bewirkt zu haben; sein Zorn richtete sich speziell gegen John Bidwell Junior, einen Beamten im Foreign Office. Aber auch sonst machte er sich mit seinem Stil und seinen Indiskretionen, die er veröffentlichte, viele Feinde und wurde heftig angefeindet. Am 22. Juni 1869 wurde er von Lord Carrington am Eingang des Conservative Club in London mit einer Reitpeitsche geschlagen, weil er dessen Vater Robert Carrington in einem Artikel durch Indiskretionen beleidigt haben sollte. Murray prozessierte gegen Carrington und bekam Recht, gleichzeitig aber hatte er – entgegen den Tatsachen – behauptet, nicht der Autor des beleidigenden Artikels gewesen zu sein, und wurde in der Folge des Meineids überführt; ein von Carrington angestifteter Einbruch in die Redaktionsräume des Queen’s Messenger soll den Beweis erbracht haben, dass Murray den Artikel geschrieben hatte.Siehe die detaillierte Darstellung der Ereignisse in Jones 1983, S. 155 f. Daraus ergab sich ein neuer Prozess, doch bevor die Gerichtssache weitergeführt werden konnte, entschloss sich Murray zur Flucht und noch im Juli 1869 siedelte er nach Paris über. Damit kehrte er England endgültig den Rücken, und er sollte nicht wieder dorthin zurückkehren. Im August 1870 wurde er in Abwesenheit in London für bankrott erklärt.

Die Jahre in Paris (1869–1881)