Graf Alexei Andrejewitsch Araktschejew (, wiss. Transliteration ; * auf dem Gut Garusovo, Statthalterschaft Twer; † in Grusino, Gouvt. Nowgorod) war ein General und Staatsmann im Russischen Kaiserreich.Manfred Alexander. Günther Stökl: Russische Geschichte. 7., vollstdg. überarb. u. aktual. Aufl. Stuttgart : Kröner 2009., S. 411–413, hier S. 411. mini|George Dawe: Graf Alexej Andrejewitsch Araktschejew (1769–1834) im Jahr 1823, auf dem Höhepunkt seiner Macht, im Hintergrund eine seiner Militärkolonien, wohl Staraja Russa bei St. Petersburg
Seit 1808 Kriegsminister und Mitglied des Staatsrates, galt der „Gamaschenknopf“Theodor Schiemann: Geschichte Russland’s unter Kaiser Nikolaus I. 2 Bände. Berlin : Reimer 1904–1908. Bd.I (1908), S. 502–503, hier S. 18 f. und „Korporal von Gatschina“So benannt von Graf Fjodor Wassiljewitsch Rostoptschin; Michael Jenkins: Arakcheev, Grand Vizier of the Russian Empire. A Biography. London : Faber & Faber 1969. S. 45. seit 1815 im In- und Ausland wegen seiner Machtfülle als "Großwesir"Von Jenkins schon im Titel so genannt; s. a. Alan Palmer: Alexander I. Gegenspieler Napoleons. Stuttgart : Bechtle 1982, S. 37 und S. 45. Engl. EA u.d.T. Alexander I., Tsar of War and Peace. London : Weidenfeld & Nicolson 1974, S. 310, "Vizekaiser" des Reiches und Inbegriff der Autokratie, um den sich aufgrund seiner Rücksichtslosigkeit, Effektivität und Unbestechlichkeit, aber auch seines Machtbewusstseins schon zu Lebzeiten Legenden rankten. Als Vertrauter und Freund des Kaisers Alexander I. war er in dessen Abwesenheit mit der Leitung der russischen Innenpolitik betraut.
Unter den Romanow-Dynastie (1613–1917) soll niemand mächtiger gewesen sein, als Graf Araktschejew im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts (1801–1825) unter Kaiser Alexander I.Jenkins, Arakcheev, S. 11. Erst General Loris-Melikov (1824–1888), Innenminister und Chef des Geheimdienstes unter Zar Alexander II., erreichte wieder eine vergleichbare Machtfülle; Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution. 4., durchgesehene Auflage. München : Beck 2022, S. 912. Die Gründung und Leitung der wegen ihres Zwangscharakters berüchtigten russischen Militärkolonien nach den Vorstellungen des Kaisers seit 1810/1815–1825 war sein Werk. Die Aufstände, die damit einhergingen, unterdrückte er rigoros und blutig. Der nach ihm benannte Begriff der „Arektschejewschtschina“ (russ. Аракчеевщина) gilt seither als Synonym für obrigkeitliche Übergriffe, unbillige Härte und Schikane.
Wie sein Altersgenosse Napoleon Bonaparte (geb. 1769) und sein jüngerer Kollege, der Popensohn und russische Staatsmann Michail Michailowitsch Speranski (Jg. 1772) war Araktschejew ein Selfmademan, der seinen Aufstieg im Wesentlichen sich selbst verdankte; familiäre Netzwerke besaß er nicht, die öffentliche Meinung oder die Missachtung seiner Umgebung waren ihm gleichgültig.Die unterschiedliche Charaktere und Arbeitsweise der beiden Aufsteiger beschreibt ein Beamter, der unter beiden gearbeitet hatte; Jenkins, Arakcheev S. 216
Trotz seines Konservativismus bereitete Araktschejew auf Weisung des Zaren jedoch auch die Bauernbefreiung in Russlands baltischen Provinzen vor und entwickelte Pläne zur Emanzipation der Leibeigenen in Russland (1818).Bei einer Ablösungsdauer von 120 Jahren waren sie allerdings unrealistisch; Hildermeier, Geschichte Russlands, S. 743–744
Seine Reform der Artillerie („System von 1805“), die er mit großem Engagement betrieb, ermöglichte es den Russen, der führenden Artilleriemacht des Kontinents, den Franzosen, die Stirn zu bieten.
Leben Herkunft und Erziehung Araktschejew entstammte einer adligen, aber unbedeutenden Grundbesitzerfamilie aus der Region Twer. Der Vater, Andrei Andrejewitsch Araktschejew (1732–1797), zog ihn und seine Geschwister in bescheidenen Verhältnissen auf, von der Mutter, Elisaweta Andrejewna Witlizkaja (1750–1820), erbte er den Hang zu unentwegter Tätigkeit, eine pedantische Liebe zu Ordnung und Disziplin und eine strenge Pflichtauffassung. mini|Elisaweta Andrejewna Araktschejewa, Gemälde von János Rombauer (1782–1849) aus dem Jahr 1809
Kadettenkorps in St. Petersburg Nachdem ihm ein Pope Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht hatte, gelang es dem Vater, ihn 1782 im Alter von dreizehn Jahren im soeben gegründeten Artillerie-Kadettencorps unter dem exzentrischen General Melissino in St. Petersburg unterzubringen, wo er eine große Begabung für Mathematik und Militärwissenschaften zeigte, nicht dagegen für das Französische, das am St. Petersburger Hof gesprochen wurde und das ihm zeitlebens fremd blieb.Kleinschmidt S. 396. Deutsch sprach er dagegen; Peter von Goetze: Fürst Alexander Nikolajewitsch Galitzin und seine Zeit. Aus den Erlebnissen des Geheimraths Peter von Goetze. Leipzig: Duncker & Humblot 1882, S. 110. Digitalisat Den Mangel an Bildung und Umgangsformen, den er jedoch auch geschickt einzusetzen verstand, hat Araktschejewitsch zeitlebens bedauert.Michael Jenkins: Arakcheev, Grand Vizier of the Russian Empire. A Biography. London : Faber & Faber 1969, S. 28–30. In Grusino besaß Araktschejew später eine Bibliothek von 11.000 Bänden.
Im Alter von 15 Jahren im Jahr 1784 Unteroffizier und damit Aufseher über seine Kameraden geworden, zeichnete er sich durch unnachsichtige Strenge gegen die Kadetten und absoluten Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten aus. Den Söhnen seines Chefs, des Generals Melissino, und des Feldmarschalls, Großfürsten und Prinzenerziehers, Graf Saltykow, der sein Förderer wurde, gab er Nachhilfe in Artillerie und Festungsbau.
Aufstieg und Entlassung unter Zar Paul I. Die Ausbildung im Artillerie- und Pionierkadettenkorps schloss er 1787 mit dem Rang eines Unterleutnants ab, wo er anschließend als Ausbilder blieb und 1790–1792 Adjutant des Direktors des Kadettenkorps, Melissino, wurde. Dieser empfahl ihn als leitenden Offizier für die neu zu gründende Artillerieeinheit des Thronfolgers Paul an dessen Wohnsitz Schloss Gatschina, etwa 35 km südlich von St. Petersburg, wo Araktschejew 1792 als Hauptmann das Kommando über die kleine Artillerieeinheit übernahm.
Der Großfürst und Thronfolger Paul wurde von seiner Mutter, der Zarin Katharina II., sorgsam von allen politischen Aufgaben ferngehalten und unterhielt in Gatschina auf eigene Kosten eine Truppe von einigen hundert Mann, bestehend aus allen Waffengattungen, darunter eine MiniaturflotteGroßfürst Paul war als Großfürst zugleich Admiral der russischen Flotte; Jenkins, Arakcheev S. 42, vor allem zu Exerzier- und Übungszwecken, eine „Spielzeugarmee“, wie sie spöttisch genannt wurde; eine solche Musterarmee hatte allerdings vor ihm schon Zar Peter der Große besessen, der sie dann gegen die Strelitzen und als Blaupause für seine Reformarmee einsetzte.Deren Einheiten, das Preobraschenski- und das Semjonowski-Leibgarderegiment, wurden im Jahr 2013 – fast ein Jahrhundert nach ihrer Auflösung – wieder eingerichtet. Die kleine Truppe bot zudem nach dem Russisch-Schwedischen Krieg von 1788-179 einen gewissen Schutz der Hauptstadt St. Petersburg vor einer Invasion, war aber in der Regel mit Auf- und Abmarschieren, Wachdienst, Paraden usw. nach altpreußischem Muster beschäftigt.Theodor von Bernhardi: Denkwürdigkeiten aus dem Leben des kaiserl. russ. Generals von Toll. 4 Bde. Leipzig : Wiegand 1856–1858. (2. verm. Auflage 1865–1866). Bd. 1, S. 25 ff.
Da die "Spielzeugarmee" als wenig prestigeträchtig galt, stieg Araktschejew aufgrund seines Einsatzes zum Thronfolger rasch auf, dessen Vorliebe für militärischen Drill, strikten Gehorsam und Paraden nach dem Vorbild des preußischen Soldatenkönigs er teilte, und war zum Schluss Oberst und Befehlshaber nicht nur der Artillerie, sondern des gesamten Gatschinaer Heeres.Bernhardi, Denkwürdigkeiten S. 21; Zar Paul I. hielt nach seinem Amtsantritt in St. Petersburg stundenlange Paraden in Schnee und Eis in den Uniformen ab, die denjenigen Preußens aus der Zeit des Soldatenkönigs, Friedrich Wilhelms I., nachempfunden waren, sich aber für das russische Klima denkbar schlecht eigneten, wobei er den Paradeschritt vor Kälte zitternd, aber „mit schallender Stimme“ vorzählte; Bernhardi, Denkwürdigkeiten, Bd. 1, S. 21. Bereits im nächsten Jahr wurde diese Praxis jedoch wieder eingestellt. 1795 verfasste er ein Trainingshandbuch, das lange als Standard in der russischen Armee galt.Jenkins, Arakcheev S. 44
Als 1795 die Söhne Pauls, Alexander und Konstantin, an den Paraden und Manövern ihres Vaters in Gatschina teilnahmen, wurden sie von Araktschejew betreut, der den jungen Großfürsten und zukünftigen Kaiser Alexander durch seine diskreten Hilfestellungen davor bewahrte, sich militärisch zu blamieren, was den Zorn des Vaters hervorgerufen hätte.Palmer, Alexander I., S. 37, 45. Ein Briefwechsel, der bis zum Lebensende des Zaren andauerte, festigte das Band zwischen dem Zarensohn und dem acht Jahre älteren Drillmeister.
Seine Unbestechlichkeit, Uneigennützigkeit und vor allem seine uneingeschränkte Loyalität machten ihn trotz aller Anfeindungen wegen seiner Härte und Rohheit zum Favoriten des Zaren.
Nach Pauls Thronantritt im Jahr 1796 wurde Araktschejew, zugleich mit der Eingliederung des Gatschinaer Truppe in die reguläre Armee, noch im selben Jahr Generalmajor, Kommandeur des prestigeträchtigen Preobraschensker Leib-Garderegiments, einer Eliteeinheit, und Militärkommandeur von Sankt Petersburg; er erhielt den St. Annenorden 1. Klasse und wurde 1797 zum Baron und Ritter des Alexander-Newski-Ordens erhoben. 1798 wurde er zum Generalleutnant, 1798 zum Generalquartiermeister des Heeres befördert. Paul schenkte ihm darüber hinaus den Landsitz Grusino im Gouvernement Nowgorod südlich von St. Petersburg, den einstigen Besitz des Vertrauten Zar Peters des Großen, des Fürsten Menschikow, mit 2.000 leibeigenen Bauern.Jenkins nennt 1.000 Leibeigene (Jenkins, Arakcheev S. 55). - Gezählt wurden nur die männlichen Leibeigenen, nicht die Frauen und Kinder; Peter von Goetze: Fürst Alexander Nikolajewitsch Galitzin und seine Zeit. Aus den Erlebnissen des Geheimraths Peter von Goetze. Leipzig: Duncker & Humblot 1882, S.110 Digitalisat
Im März 1798 fiel Araktschejew wegen seiner rücksichtslosen Härte – u. a. hatte sich ein Offizier aufgrund seiner Schikanen umgebracht – in Ungnade, wurde aber ehrenhaft verabschiedet.Meyers Großes Konversationslexikon, 6. Aufl. 1905–1909, Bd. 1, S. 666
Kaum ein halbes Jahr später berief ihn der Zar angesichts seiner Unentbehrlichkeit zurück und machte ihn zum Militärkommandeur von Sankt PetersburgMeyers Großes Konversationslexikon, Bd. 1 (1905), S. 666, zum Kommandeur der Leibgarde-Artillerie, zum Inspekteur der gesamten russischen Artillerie sowie zum Komtur des Malteserordens; am 16. Mai 1799 erhob der Zar ihn sogar in den Grafenstand.
Im Herbst 1799 wurde Araktschejew erneut aus dem Dienst entlassen, weil er zugunsten seines Bruders einen falschen Wachrapport abgeliefert hatte;Goetze, Galitzin S. 111 f. dies blieb – bis zu seinem Verhalten beim Tod seiner Lebensgefährtin, der Minkina (siehe unten) – der einzige Fall, in dem persönliche bzw. familiäre Rücksichten Araktschejews amtliches Handeln beeinflussten.
Er zog sich daraufhin vier Jahre lang auf sein Gut Grusino zurückGoetze, S. 387, wo er – mit Ausnahme einer kurzen Reise nach Sankt Petersburg vor der Ermordung des Kaisers – blieb. Paul I. hatte in Vorahnung der Verschwörung am Vorabend seiner Ermordung das Erscheinen Araktschejews angeordnet, die Hilfeschreiben wurden jedoch vom Haupt der Verschwörung, Graf Pahlen, abgefangen. Araktschejew hat sich die Schuld am Tod des von ihm hoch verehrten Herrschers stets vorgeworfen, den er seiner Meinung nach hätte verhindern können.Kleinschmidt S. 398
Wiedereinstellung unter Kaiser Alexander I. mini|George Dawe: Zar Alexander I. von Russland (1826, Museum Peterhof)