Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Szczytno () ist ein Bauwerk aus dem beginnenden 18. Jahrhundert. Sie war bis 1945 die Pfarrkirche des evangelischen Kirchspiels Ortelsburg in Ostpreußen und ist es heute noch für die Pfarrei Szczytno in der Diözese Masuren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.

Geographische Lage Die Kreisstadt Szczytno liegt in der südlichen Mitte der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren am Schnittpunkt der Landesstraßen DK 53 (alte deutsche Reichsstraße 134), DK 57 (Reichsstraße 128) und DK 58. Die Stadt ist Bahnstation an der Bahnstrecke Olsztyn–Ełk ().

Die mit ihrem Turm weithin sichtbare Kirche steht im Stadtzentrum an der Ausfallstraße in Richtung Warschau (Landesstraße 57).

mini|Der massive Kirchturm

Kirchengebäude Baugeschichte, -beschreibung Bereits in vorreformatorischer Zeit wurde in Ortelsburg eine Kirche errichtet. Es handelte sich um eine sogenannte Ordenskirche aus dem Jahr 1483.Kirchen in Ortelsburg bei ostpreussen.net Sie war aus Holz und brannte während des Krieges mit Polen 1520–1521 ab.Evangelisch-Augsburgische Kirche in Szczytno Sie wurde bis 1525 wieder aufgebaut. Im 17. Jahrhundert wurde die Ortelsburger Kirche wiederholt Opfer der Flammen, so 1638, 1653, 1669 und 1698: Jedes Mal wurde das Gotteshaus neu errichtet. Der vorläufig letzte Brand war 1714.

Auf den Fundamenten der alten Kirchen entstand in den Jahren 1717 bis 1719 durch Maurermeister Matz aus Königsberg (Preußen) (heute ) ein neues Gebäude, das 1719 feierlich eingeweiht wurde. König Friedrich Wilhelm I. zeigte sich als Gönner und spendierte 10.000 Mauerziegeln, 20.000 Dachziegeln, 200 Tonnen Kalk, Balken und Bretter. Es entstand ein – später verputzter – Ziegelbau mit vorgelegtem massiven Westturm. Die Ostseite schließt ein mehrfach gebogenen Bogen ab.Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2 Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen 1968, S. 129, Abb. 603–604

Noch im 18. Jahrhundert und wiederum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Renovierungsarbeiten erforderlich. Auch 1906 bis 1907 fanden umfangreiche Bauarbeiten statt, in deren Rahmen eine neue Dachdeckung vorgenommen wurde. Im Ersten Weltkrieg litt das Gebäude nicht allzu sehr, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren 1949 nur kleinere Reparaturen nötig.

Am 10. Oktober 1970 brach in der Kirche wieder ein Feuer aus. Die Brandherde lagen nahe dem Altar und der Orgel, was auf Brandstiftung hindeutete. Die Orgel und das Dach des Turms brannten vollständig nieder. Die gesamte Kirche musste wieder einer Renovierung unterzogen werden. Sie wurde 1972 und 1973 vorgenommen. Mit einem feierlichen Gottesdienst wurde das Gotteshaus am 29. April 1973 wieder in Dienst genommen.

Renovierungsarbeiten waren auch zwischen 2000 und 2005 notwendig und wurden im Innern und am Äußeren der Kirche vorgenommen. Ein Dankgottesdienst setzte am 4. September 2005 dazu den Schlusspunkt.

Im August 2019 feierte die Gemeinde in Szczytno im Beisein hochrangiger Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft das 300-jährige Jubiläum ihrer Kirche.

mini|300px|Blick in das Kircheninnere

Der Kircheninnenraum Der Innenraum der Kirche hat eine flach gewölbte Holzdecke. In der Sakristei überdeckt ein Kreuzgewölbe den Raum. Die Emporen im Kirchenschiff ruhen auf Holzsäulen.

Altar Der geschnitzte Altar von 1719 stammt wohl aus einer Werkstatt in Danzig. Er zeigt im Hauptgeschoss die Geburt Christi, im Obergeschoss die Kreuzigung Jesu und in der Bekrönung Christi Himmelfahrt. An den Seiten befinden sich Figuren der Maria, der Martha, zweier Apostel sowie von Engeln. Neben dem Kreuzigungsbild sind trauernde Engel abgebildet, während die Himmelfahrt von triumphalen Engeln gesäumt wird. Der Altar insgesamt zeigt Formen des Spätbarocks.

Auf beiden Seiten des Altars hängen Ölgemälde unbekannter Meister. Sie zeigen die Kreuzigung bzw. die Rettung des sinkenden Petrus. Letzteres Bild trägt auf der Rückseite die Jahreszahl 1890.

Kanzel Eine Gedenktafel zeigt an, dass die Kanzel eine Stiftung des Ortelsburger Amtsgerichtsschreibers Christian Fischer und seiner Frau Regina Holzschu ist. Sie wurde 1719 gefertigt und scheint aus der gleichen Werkstatt wie der Altar zu stammen.

Der Kanzelkorb mit reich verziertem Treppenaufgang und Schalldeckel ruht auf einer Figur des Mose, der eine Tafel mit den Zehn Geboten trägt. Den Schalldeckel krönt eine Figur des Johannes der Täufer.

Orgel Im Jahre 1862 erhielt die Kirche eine neue Orgel. Sie wurde von der Orgelwerkstatt Terletzki unter Verwendung vorhandener älterer Teile angefertigt und verfügte über zwei Manuale, Pedal sowie 19 Register. 1930 erhielt sie einen elektrischen Motor. Das gesamte Instrument wurde bei dem Brand am 10. Oktober 1970 ein Raub der Flammen. Am 27. Oktober 2007 erst konnte es ein aus Deutschland überbrachtes Instrument ersetzen. Es war eine Spende von Helmut Tuttas, der auch den Abbau in Deutschland und den Wiederaufbau in Szczytno finanzierte.

Glocken Die jetzigen drei Glocken wurden 1921 von Ulrich & Weule gegossen. Zwei frühere und wohl im Ersten Weltkrieg für militärische Zwecke eingeschmolzene Glocken verzeichneten die Gussjahreszahlen 1819 und 1859. Eine dritte Glocke kam seinerzeit vom Ortelsburger Schlossturm in die Kirche, sie wurde allerdings aus Klanggründen 1856 von der Glockengießerei Groß in Königsberg (Preußen) umgegossen. 1876 musste diese Maßnahme wiederholt werden. Auch diese Glocke wurde wohl für Kriegszwecke abgegeben.

Uhrwerk In der obersten Etage des Turms befindet sich ein altes Uhrwerk, das aber nicht mehr in Betrieb ist. Es stammt aus dem Turm des alten Schlosses und wurde 1902, als der Turm der alten Burg abgerissen wurde, hier im Kirchturm installiert.

Kirchengemeinde Kirchengeschichte Das Gründungsdatum der Kirche in Ortelsburg ist nicht bekannt. Es könnte bereits im 13. Jahrhundert liegen. Am 30. November 1402 soll der erste urkundlich bestätigte Gottesdienst in der Schlosskapelle gefeiert worden sein. In den Jahren 1485 oder/und 1493Agathon Harnoch, Chronik und Statistik der evangelischen Kirchen in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Neidenburg, 1890, Textabdruck: wurde ein Pfarrer in Ortelsburg genannt. Die Kirche gehörte zum Archipresbyterat Bischofsburg (heute ).

Mit Einführung der Reformation trat 1525 der erste evangelische Geistliche in Ortelsburg seinen Dienst an. Damals waren die Kirchen Schöndamerau (polnisch Trelkowo) und Mensguth (Dźwierzuty) mitzuversorgen.

Ortelsburg war bis 1945 Sitz des Superintendenturbezirks Ortelsburg innerhalb des Kirchenkreises Ortelsburg in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union.Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3 Dokumente, Göttingen 1968, S. 496 Das Kirchspiel der Pfarrei in Ortelsburg zählte 1925 mehr als 12.000 Gemeindeglieder, die in mehr als zwanzig Dörfern und Ortschaften wohnten. Sie wurden in den Jahren vor 1945 von drei Pfarrern und zusätzlich eingesetzten Hilfspredigern betreut.Friedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg 1968, S. 105

Die Gottesdienste in Ortelsburg wurden bis in das 20. Jahrhundert hinein in deutscher und masurischer bzw. polnischer Sprache gehalten.

Heute ist Szczytno wieder Sitz einer Pfarrei. Ihr ist jetzt die Filialkirche Rańsk (Rheinswein) zugeordnet. Sie gehört zur Diözese Masuren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.

Kirchspielorte (bis 1945) Zum Kirchspiel Ortelsburg gehörten bis 1945 die Dörfer, Orte und Wohnplätze:Der * kennzeichnet einen Schulort Deutscher Name Polnischer Name Deutscher Name Polnischer Name Achodden1938–1945: Neuvölklingen Ochódno (Neu) Gisöwen Nowe Gizewo Eichthal Dębówko Ortelsburg Szczytno Freudenberg Radosna Góra Prussowborrek1932–1945: Preußenwalde Prusowy Borek * Hamerudau Rudka * Romahnen Romany Johannisthal Janowo Reußwalde Ruski Bór * Kaspersguth Kaspry * Schodmack1938–1945: Wiesendorf Siódmak Korpellenbis 1928: Corpellen Korpele * Seedanzig Sędańsk * Lehmanen Lemany Seelonken Zielonka Lentzienen Wólka Szczycieńska Ulonskofen1938–1945: Schobendorf Piece Lipnik1938–1945: Jägerforst Lipnik Waldpusch Wałpusz Maldanietz1938–1945: Maldanen Małdaniec * Worfengrund Czarkowy Grąd Mittenwalde Łęg Leśny * Zielonken1912–1938: Seelonken, 1938–1945: Ulrichssee Zielonka

Pfarrer Als Pfarrer – ab 1525 als evangelische Pfarrer – amtierten an der Kirche zu Ortelsburg/Szczytno: Nikolaus von Rzekwuye, 1485–1515Gilt als erster offizieller Pfarrer Albrecht, 1516–1525 (?) Stephan, 1525 (?)–1538Wohl der erste evangelische Pfarrer in Ortelsburg Stanislaus, 1538–1543 Nikolaus Glitzner, 1550–1553 Bartholomäus Lupienski, 1558 Georg Sonnerus, 1567 Christoph Lichtenstein, 1674–1627 Andreas Meier, 1631–1658 Andreas Bock, 1658–1679 Christian Böttcher, 1679–1702 Christ. Alb. Willudowius, 1702–1723 Georg Lehmann, 1723–1746 Andreas Konieczka, 1740–1746 Matthias Rogowski, 1744–1780Superintendent Christ. Friedr. Krupinski, 1780–1815 Ernst Chr. Fr. Krupinski, 1812–1816 Paul Sonnenberg, 1816–1819 Daniel Wlotzka, 1819–1826 Matth. Gottl. Nikolaiski, 1826–1846 Johann Jacob Paulini, 1847–1856 Otto Hartmann Czygan, 1848–1853Czygan war Ehrenbürger von Ortelsburg und Angehöriger des Corps Masovia. Adam Krolczyk, 1853–1855 Christian Ludwig Bolle, 1856–1864 Friedrich Otto Herm. Gerß, 1864–1868 Karl August Bercio, 1868–1903 Hermann Michael Zabawa, ab 1870 Franz Julius Thal, 1871–1873 Moritz Adolf Otterski, 1874–1879 Hermann Adolf Niklas, 1887–1891 Hugo Otto Buchholtz, 1892–1895 Paul Walter O. Brzezinski, 1896–1919 Alex. Reinh. Th. Klatt, 1902–1903 Otto Arthur Dignatz, 1903 Karl Michael O. Mensing, 1903–1923 Benno Kaless, bis 1910 Otto Jablonski, 1912–1913 Kurt Stern, 1913–1914 Fritz Schiweck, 1918 Johannes Blum, 1919–1931 Erich Schneider, 1922–1945 Wilhelm Hugo Kurt Korn, 1923–1930 Ernst Stern, 1930–1945 Heinrich Will, 1932–1935 Albert Koßmann, 1936–1945 Jerzy Sachs, 1945–1951 Alfred Jagucki, 1951–1963 Henryk Ćmok, 1964–1970 Pawel Kubiczek, 1970–1991 Alfred Tschirnitz, 1991–2011 Szymon Czembor, 2012–2013 Alfred Borski, 2013–2018 Witold Twardzik, 2018–2019 Adrian Lazar, seit 2019

Weblinks

Historische Bildaufnahmen von der Stadt und den Kirchen in Ortelsburg/Szczytno

Einzelnachweise

Kategorie:Erbaut in den 1710er Jahren Kategorie:Kirchengebäude der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen Kategorie:Kirchengebäude in der Woiwodschaft Ermland-Masuren Kategorie:Kulturdenkmal in der Woiwodschaft Ermland-Masuren KircheEvangelisch