Orlando finto pazzo (deutsch etwa: „Orlando spielt verrückt“; RV 727) ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „Dramma per musica“) in drei Akten von Antonio Vivaldi (Musik) mit einem Libretto von Grazio Braccioli nach Motiven aus Matteo Maria Boiardos epischem Gedicht Orlando innamorato von 1483. Die Uraufführung fand im November 1714 im Teatro Sant’Angelo in Venedig statt.

Handlung

Die insgesamt sieben Charaktere lassen sich zwei Sphären zuordnen. Auf der einen Seite stehen der berühmte Paladin Orlando, sein Freund Brandimarte und das Paar Origille/Grifone, auf der anderen die böse Zauberin Ersilla, die Priesterin Tigrinda und der Ritter Argillano. Fast alle haben unerwiderte Liebesgefühle: Orlando liebt die Prinzessin Angelica, die in der Oper nur als Trugbild auftritt, ihm aber den Auftrag gegeben hat, Ersilla zu vernichten. Origille ist in Grifone verliebt, dieser in Tigrinda, diese in Argillano, dieser in Ersilla und letztere in Brandimarte und in die als Mann verkleidete Origille. Erst nach allerlei Verwicklungen, Verkleidungen und Täuschungen gelingt es Orlando, das Zauberreich Ersillas zu vernichten, und die Paare Origille/Grifone und Tigrinda/Argillano bekennen sich zueinander.

Erster Akt

Tempel von Demogorgon und Pluto, zur Nacht beleuchtet

In der Mitte ein Altar für die genannten Götter; Seitenaltare für Hekate Triformis und Phlegethon, jeweils mit brennenden Feuern davor.

Szene 1. Brandimarte, Grifone und Origille sind in das Reich der dämonischen Zauberin Ersilla eingedrungen. Ersilla beabsichtigt, Grifone, Origille und Orlando noch diese Nacht mit Hilfe der Priesterin Tigrinda (in die Grifone heimlich verliebt ist) in die Unterwelt zu verdammen. Diese besitzen ein Zauberdokument, mit dem sie die dämonischen Mächte zu brechen hoffen. Außerdem erwarten sie die Ankunft ihres Freundes Orlando. Trotz der Gefahren sind sie zuversichtlich (Arie Brandimarte: „Come in vano minaccia, e in vano freme“).

Szene 2. Grifone und Origille können den Augenblick ihrer Rache kaum erwarten. Als sie Ersilla und Tigrinda kommen hören, verstecken sie sich.

Szene 3. Ersilla und Tigrinda erscheinen in Begleitung des Ritters Argillano und einem Gefolge von Wachen, Tempeldienern und Priesterinnen, die ein Schwert und einen Kelch für das Ritual mitbringen (Chor: „Prima dell’Erebo“). Tigrinda bietet den Kelch, der ein tödliches Gift enthält, dem Gott Phlegethon dar. Das Schwert ist den Göttern der Unterwelt gewidmet und soll in der Lage sein, Orlando trotz seiner Unverwundbarkeit zu töten. Ersilla beauftragt den Ritter Argillano damit, es zu führen (Arie Ersilla: „Rasserena i vagi rai“).

Szene 4. Argillano und Tigrinda bereiten sich auf ihre Aufgabe vor. Letztere wagt es nicht, Argillano ihre Liebe zu offenbaren (Arie Tigrinda: „Son due venti infesti all’alma“).

Szene 5. Argillano entdeckt die Eindringlinge. Um ihren Geliebten zu schützen, behauptet Origille, Grifone sei ihre als Mann verkleidete Schwester Leodilla. Argillano weist daher Grifones Herausforderung zum Kampf zurück (Arie Argillano: „Se in ogni guardo“).

Szene 6. Grifone fühlt sich in seiner Ehre verletzt und beschimpft Origille. Diese wiederum erkennt, dass seine früheren Liebesschwüre keine Basis hatten. Grifone vergleicht seine Gefühle mit dem Flug der Bienen, die sich unterschiedlichen Blüten zuwenden (Arie Grifone: „Alla rosa ruggiadosa“).

Szene 7. Verärgert schwört Origille Rache (Arie Origille: „Sentire che nel sen“).

Gebirgige Landschaft mit einer Felstür, zum Schloss Ersillas führt; auf einer Seite ein Wald mit einem goldenen Baum

Szene 8. Bei Sonnenaufgang betet Argillano zu Venus, der Mutter des Liebesgottes Amor, dass er sich mit seinem Schwert seiner Angebeteten Ersilla als würdig erweisen werde (Arie Argillano: „Dirò allor dirò allor di te che sei“).

Szene 9. Orlando trifft ein. Sein Gebet gilt Amor, denn er will durch die Unterwerfung der Zauberin die Wünsche seiner Geliebten Angelica erfüllen. Argillano fordert ihn zum Kampf heraus, wird aber von Orlando besiegt. Obwohl Argillano um einen schnellen Tod bittet, verschont Orlando ihn und lässt ihm sogar sein Schwert. Argillano ist verzweifelt darüber, durch sein Versagen Ersilla enttäuscht zu haben (Arie Argillano: „Il destin, che mi sovrasta“).

Szene 10. Orlando zieht einen Zweig aus dem goldenen Baum. Daraufhin versinkt der Wald in den Boden und die Szene verwandelt sich in einen lieblichen Garten mit Hainen.

Szene 11. Ein Chor von Nymphen, Faunen besingt die Liebe (Chor: „Nel ricetto del diletto“). Brandimarte beobachtet aus einem Versteck heraus die Ankunft seines Freundes Orlando, kann ihn aber nicht begrüßen, da auch die Zauberin Ersilla erscheint. Diese sinnt nach der Niederlage ihres Kämpfers und der Öffnung des geheimen Zugangs zu ihrem Reich nach einer List. Sie heißt Orlando willkommen, lässt ihn durch magische Gesänge der Nymphen in tiefen Schlaf fallen und fesseln. Kurz darauf entdeckt sie auch Brandimarte, der ihrer Macht wegen seines Zauberdokuments widerstehen konnte. Brandimarte gibt vor, sie zu lieben und schwört ihr Gefolgschaft. Er kann sie überreden, Orlando (den sie nicht erkannt hat) freizulassen und als Ritter gegen ihren Feind Orlando in ihre Dienste zu nehmen (Arie Brandimarte: „In amor spesso il cuor“).

Szene 12. Ersilla ist glücklich über die Liebe Brandimartes und ihren neuen Kämpfer (Arie Ersilla: „La speranza verdeggiando“).

Zweiter Akt

Galerie mit Zugang zu verschiedenen Wohnräumen

Szene 1. Grifone hat Origilles Idee aufgenommen und sich als Frau verkleidet. Tigrinda nimmt ihn als Hofdame in ihre Dienste.

Szene 2. Um ihre Rache gegen Grifone, Tigrinda und Ersilla ausführen zu können, hat sich auch Origille verkleidet. Sie bietet Tigrinda unter dem Namen ihres Zwillingsbruders Ordauro Liebesdienste an. Grifone/Leodilla zieht sich auf Wunsch Tigrindas in ein Nebenzimmer zurück (Arie Grifone: „E pur caro in questo petto“).

Szene 3. Tigrinda fühlt sich durch Origilles/Ordauros Verhalten eher belustigt. Ersilla jedoch verliebt sich bei ihrem Eintreffen sofort in den vermeintlichen jungen Mann. Tigrinda nutzt die Gelegenheit, um für ihren in Ungnade gefallenen Geliebten Argillano zu bitten. Ersilla lässt diesen jedoch nicht frei, sondern will ihn Ordauro als Diener überlassen. Tigrinda ist dennoch froh über ihren Einfluss auf die Zauberin (Arie Tigrinda: „Quando agitado“).

Szene 4. Ersilla flirtet mit Origille/Ordauro, doch diese antwortet mit Ausflüchten. Argillano unterbricht die beiden. Ersilla stellt ihm Ordauro als seinen Retter vor. Origille denkt über die Macht der Liebe nach (Arie Origille: „Per lo stral che vien da’rai“).

Szene 5. Argillano wirft Ersilla vor, ihn ungerecht zu behandeln und versichert ihr, dass er ihr immer treu gedient habe. Ersilla zeigt jedoch kein Mitleid (Arie Ersilla: „Non ti lagnar di me, non puoi sperar mercè“).

Szene 6. Argillano will sich von der Tyrannei Ersillas lösen (Arie Argillano: „Quall’or s’asconde“).

Ein der Venus gewidmeter ebenerdiger Saal mit ihrer Statue in der Mitte

Im Hintergrund sind auf der einen Seite Ersillas Gemächer und auf der anderen verschiedene Wohnungen zu sehen.

Szene 7. Orlando und Brandimarte dringen vorsichtig in Ersillas Gemächer ein.

Szene 8. Argillano versichert Tigrinda, dass er plötzlich von Liebe zu ihr überwältigt worden sei und Ersilla jetzt verachte.

Szene 9. Als Origille/Ordauro aus den hinteren Zimmern tritt, sieht sie wegen der Statue nur Tigrinda, kann aber Argillano nicht identifizieren. Sie glaubt zunächst, es handle sich um Grifone. Nachdem sie ihn erkannt hat, greift sie ein und wirft Tigrinda Flatterhaftigkeit vor, da sie noch vor kurzem ihm selbst Liebe geschworen habe. Tigrinda stößt Argillano von sich und versichert Ordauro ihre Liebe (Arie Tigrinda: „Mio caro – traditor – per te son tutta tutta amor“).

Szene 10. Trotz Brandimartes Ermahnung, seine Identität geheim zu halten, ruft er bei Origilles Anblick ihren Namen aus und gibt sich ihr zu erkennen. Brandimarte versucht, die Situation zu retten, indem er Orlando für verrückt erklärt. Orlando spielt mit, erzählt Argillano eine seltsame Geschichte über seine Bekanntschaft mit Origille und behauptet, sie habe sein Pferd Brigliadoro und sein Schwert Durlindana gestohlen. Dennoch wird Argillano misstrauisch. Er begibt sich zu Ersilla, um ihr Bericht zu erstatten. Origille bittet Orlando unter Tränen um Vergebung. Er verzichtet auf eine Strafe. Brandimarte hält ihre Tränen allerdings für vorgetäuscht (Arie Brandimarte: „Non simular il pianto“).

Szene 11. Nachdem die anderen fort sind, erklärt Origille in einem Selbstgespräch ihre eigenen Gefühle und ihre Begabung zur List (Aria breve Origille: „Se sempre à mio piacer“).

Szene 12. Argillano warnt Ersilla vor den Gegnern. Er hält den Wahnsinnigen für einen erfahrenen Kämpfer, bei dem es sich möglicherweise um Orlando handle. Auch Grifone befinde sich unter dem Namen Leodilla bereits hier. Ersilla vertraut weiterhin auf ihre eigene Macht. Sie lässt Leodilla holen und schickt Argillano hinaus (Arie Argillano: „Amor sprezzato diceva“).

Szene 13. Ersilla weist Grifone darauf hin, dass seine Tarnung aufgeflogen ist. Sie versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen, indem sie behauptet, dass sie sich in Orlando verliebt habe. Grifone glaubt ihr nicht und bleibt weiterhin standhaft, als sie ihm mit dem Tod droht (Arie Grifone: „L’alma del forte la palma ottiene“).

Szene 14. Ersilla leidet unter ihren widersprüchlichen Gefühlen für den unbekannten Ritter (Arie Ersilla: „Se garrisce la rondinella“).

Dritter Akt

Abgelegener Ort mit einem Gefängnisturm

Im Hintergrund mehrere Kolonnaden mit unterschiedlichen Ansichten; in der Mitte derselben ein großes verschlossenes eisernes Tor, das zu dem Ort führt, in dem Ersilla ihre Zaubereien ausführt.

Szene 1. Origille/Ordauro bricht mit einer Axt durch die Turmwand, um Grifone zu befreien. Als sie ihm erzählt, dass Origille sich wegen seiner Treulosigkeit umbringen wollte, zeigt er sich verärgert über ihr Verhalten. Daraufhin gibt sie sich ihm zu erkennen (Aria breve Origille: „Vedi spetato nelle mie pupille“).

Szene 2. Grifone bereut seine Worte. Kurz darauf erscheint Argillano mit den Wachen und nimmt ihn wieder fest.

Szene 3. Als Tigrinda hinzukommt, erklärt ihr Grifone seine Liebe, ergänzt aber, dass er eher im Gefängnis bleiben wolle als seinen Freund Orlando zu verraten (Arie Grifone: „Il di senza splendor“).

Szene 4. Tigrinda gibt Argillano einen Zaubertrank, mit dem er Ersilla in dauerhaften Schlaf versetzen soll, damit sie selbst die Macht übernehmen können. Argillano geht nur zum Schein darauf ein (Arie Tigrinda: „Vedrai vedrai Leone audace“).

Szene 5. Argillano hat noch immer Gefühle für Ersilla. Es will den Trank daher nicht ihr einflößen, sondern besseren Gebrauch davon machen (Arie Argillano: „Nascesti sosprirando“).

Szene 6. Ersilla öffnet das Tor zu ihrer geheimen Kammer (Arioso Ersilla: „Lo stridor l’orror d’Averno“). Die Szene verwandelt sich.

Magische Grotte mit einem unförmigen Altar in der Mitte

In der Grotte befinden sich verschiedene Kräuter, Gefäße sowie der Zauberstab. Um dem Altar, vor dem ein großes Feuer brennt, sitzen Priesterinnen der Hekate und Tempeldiener des Pluto.

Unterstützt von den Priestern beginnt Ersilla mit den Beschwörungsriten (Chor: „Pel valor dell’alte voci“ – „Qual dall’ombre Febo sorge“). Um herauszufinden, ob es sich bei dem verdächtigen Ritter um Orlando handelt, lässt sie ein Abbild von dessen Geliebter Angelica im Palast erscheinen. Sie kann Orlandos Reaktion durch ein Fenster im Hintergrund der Höhle beobachten.

Szene 7. Orlando nähert sich der scheinbar schlafenden Angelica und nennt sie seine Geliebte – was seine Tarnung beinahe auffliegen lässt. Da Brandimarte ihn gerade noch rechtzeitig vor Ersillas List warnt, spielt er erneut den Wahnsinnigen, während Brandimarte sich als Orlando ausgibt. Wütend tritt Ersilla dazwischen und lässt beide festnehmen (Arie Ersilla: „Sperai la pace qual usignuolo“).