Als Amok (von malaiisch amuk „wütend“, „rasend“)Duden online: Amok bezeichnet man einen nach außen hin überraschenden, tateinheitlichen Angriff auf mehrere Menschen in eindeutiger Tötungsabsicht mit zumindest billigend in Kauf genommener Gefahr der eigenen Tötung,Lothar Adler: Amok – Geschichte und Ergebnisse aus psychiatrischer Perspektive. In: Ralf Junkerjürgen, Isabella von Treskow (Hrsg.): Amok und Schulmassaker: Kultur- und medienwissenschaftliche Annäherungen. transcript Verlag, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-2788-6, S. 26. wobei einzelne Tatsequenzen im öffentlichen Raum stattfinden. Einfache Erklärungsansätze, die Amoktaten auf eine einzige Ursache zurückführen, wie beispielsweise eine psychische Erkrankung, gelten heute als widerlegt.
Der entsprechende Vorgang wird als Amoklauf oder Amoktat bezeichnet, der Täter als Amokläufer oder Amoktäter – oder auch als Amokschütze, wenn er eine Schusswaffe verwendet. Falls der Täter ein Fahrzeug einsetzt, spricht man von einem Amokfahrer.Duden online: Amokläufer, Amokschütze, Amokfahrer In Anlehnung daran wird in den Medien auch der Begriff Amokflug mit diffuser Bedeutung verwendet, ähnlich finden sich auch der Definition nicht entsprechende sensationalisierende oder umgangssprachliche Verwendungen für allgemeinere blindwütige oder außer Kontrolle geratene Verhaltensweisen.
Definitionen Kulturgebundenes Syndrom Sowohl das DSM-IV als auch das ICD-10 führen Amok unter den kulturgebundenen Syndromen auf.Scheithauer, Bondü: Amoklauf und School Shooting S. 20 Das DSM-IV definiert Amok als eigene psychische Störung: „Eine dissoziative Episode, die durch eine Periode des Grübelns charakterisiert ist, auf die ein Ausbruch gewalttätigen, aggressiven oder menschengefährdenden Verhaltens folgt, das sich auf Personen und Objekte richtet“.Scheithauer, Bondü: Amoklauf und School Shooting S. 50 Im Gegensatz zum DSM-IV empfiehlt das ICD-10 die Einordnung von Amok in das bestehende System unter Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen im Kapitel 6 (F68.8). Amok wird im Anhang II zum ICD-10 (Forschung und Praxis) für Indonesien und Malaysia aufgeführt und wie folgt beschrieben: „Eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich destruktiven Verhaltens, gefolgt von Amnesie oder Erschöpfung. Viele Episoden gipfeln im Suizid“ (S. 207).WHO (2004): Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V(F).Diagnostische Kriterien für Forschung und Praxis. Hans Huber, Bern.
Die Betrachtung des Phänomens Amok als kulturgebundenes Syndrom ist jedoch umstritten, denn es lassen sich weltweit Taten beobachten, die ähnliche Auslöser, Abläufe und Opferkonstellationen aufweisen.Lothar Adler, Amok aus psychiatrischer Perspektive, in Amok und Schulmassaker: Kultur- und medienwissenschaftliche Annäherungen, Herausgeber: Ralf Junkerjürgen, Isabella von Treskow, transcript Verlag, 2015, ISBN 3-8394-2788-6, S. 24–25 Außerdem wird in der neueren Literatur Amok nicht selbst als psychische Störung begriffen, sondern es werden andere psychische Störungen genannt, die eine solche Tat möglicherweise begünstigen.Scheithauer, Bondü: Amoklauf und School Shooting S. 51Lothar Adler, Amok aus psychiatrischer Perspektive, S. 24
Geplante Taten Es gilt heute als empirisch abgesichert, dass eine Vielzahl der Taten nicht impulsiv stattfindet, sondern oft sogar über mehrere Jahre hinweg detailliert von den Tätern geplant wurde. In der aktuellen wissenschaftlichen Literatur werden Amoktaten deshalb wie folgt definiert: „Bei einem Amoklauf handelt es sich um die (versuchte) Tötung mehrerer Personen durch einen einzelnen, bei der Tat körperlich anwesenden Täter mit (potenziell) tödlichen Waffen innerhalb eines Tatereignisses ohne Abkühlungsperiode, das zumindest teilweise im öffentlichen Raum stattfindet.“Herbert Scheithauer, Rebecca Bondü: Amoklauf und School Shooting. Bedeutung, Hintergründe und Prävention. Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, ISBN 3-525-40435-2, S. 15; .
Polizeiliche Amoklage Die gemeinsame Polizeidienstvorschrift der deutschen Länder (PDV 100 Nr. 4.12.1.1) stellt unter dem Stichwort Amoklage fest:
Diese „pragmatische Definition“Christoph Seidler: Schwierige Definition: Was ist Terror? Was ist Amok? Spiegel online, 23. Juli 2016 stellt auf die erkennbare Gefahrensituation ab, damit die Polizeikräfte schnell und angemessen reagieren können. Ob die Tat geplant war oder welches Motiv der Täter hat, ist kein Kriterium in der Dienstvorschrift, da die Motivation des Täters oft nicht sofort erkennbar ist und erst später ermittelt werden kann.
Amoklauf und Terrorismus Amokläufen und terroristischen Aktionen (soweit zusammenfassbar) ist die Öffentlichkeitswirksamkeit gemeinsam. Eine gewisse Gemeinsamkeit besitzen Amokläufer und Terroristen auch dadurch, dass es keine eindeutige „Persönlichkeit des Täters“ gibt, was eine Vorhersagbarkeit potenzieller Taten erschwert. Eine Gleichsetzung von Terrorismus und Amoklauf ist trotzdem unangebracht.Torsten Preuß: Terrorismus und Innere Sicherheit. Eine Untersuchung der politischen Reaktionen in Deutschland auf die Anschläge des 11. September 2001. auf Qucosa, S. 42, Dissertation an der Universität Leipzig 2012 bei Andreas Anter und Felix Ekardt
Während Terroristen letztendlich politische Forderungen platzieren wollen, sind die Ziele von Amokläufern eher auf einer persönlichen Ebene zu suchen. Das US-Außenministerium definiert Terrorismus als „geplante, politisch motivierte Gewalt gegen nicht-militärische Ziele durch subnationale Gruppen oder verdeckt handelnde Agenten – üblicherweise mit dem Ziel, die Öffentlichkeit zu beeinflussen“.Frank J. Robertz, Robert Kahr: Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus: Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt. Springer-Verlag, 2016, ISBN 978-3-658-12136-5 () (Nicht-terroristischen) Amoktaten fehlt gemäß Kriminalistik-Professor Adam Lankford von der University of Alabama das bei terroristischen Selbstmordattentaten erkennbare religiöse oder politische Motiv.Adam Lankford: A comparative analysis of suicide terrorists and rampage, workplace, and school shooters in the United States from 1990 to 2010. In: Homicide Studies: An Interdisciplinary & International Journal, Vol 17, Issue 3, 2013. S. 255–274 doi:10.1177/1088767912462033 Unterschiede bestehen zudem auch in der Auswahl der Opfer. Die meisten Amokläufer beschränken sich eher auf ein ihnen in gewisser Weise nahe stehendes Umfeld, um dieses im Regelfall durch die Taten auch zu beeindrucken. Auch werden den meisten Amokläufern – im Gegensatz zu Terroristen – keine Rationalität im Sinne einer geeigneten Auswahl der Mittel zum Erreichen dieser (oder anderer) Ziele unterstellt.
Die Tat des Amokläufers ist der exzessive Ausdruck des Bedürfnisses nach Anerkennung, während der terroristische Attentäter an der Anerkennung eines Ideals interessiert ist.Christian Buder: Zur tödlichen Strategie der Selbstmordattentäter. In: Sic et Non. 10 2008 Gemäß dem Medienwissenschaftler Christer Petersen versteht man unter Amoklauf einen idiosynkratischen, egozentrischen und unpolitischen Gewaltakt. Amokläufe werden in den Massenmedien als persönlich und damit nicht politisch motivierte Gewaltakte eines psychisch gestörten Täters (re)konstruiert und kolportiert, wogegen Terroristen sich selbst als Freiheitskämpfer sehen.Christer Petersen: Terror und Propaganda: Prolegomena zu einer Analytischen Medienwissenschaft transcript Verlag, 2016, ISBN 978-3-8394-2243-4 ()
Eine Unterscheidung zwischen Terror und Amoktat wird dagegen schwierig bei einem offenbar labilen, aggressiven Einzeltäter mit einer gestörten Persönlichkeit, der kein Mitglied einer Terrorgruppe war, sich aber innerhalb kurzer Zeit radikalisierte.Markus C. Schulte von Drach: Was einen Terroranschlag von einem Amoklauf unterscheidet In: Süddeutsche Zeitung. 25. Juli 2016 Psychologe Jens Hoffmann sagt: „Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, was zuerst kam: der Gedanke, ich will ein Terrorist sein oder ich will meinen Frust loswerden.“Nils Böckler, Jens Hoffmann, Andreas Zick: The Frankfurt airport attack: A case study on the radicalization of a lone-actor terrorist. In: Journal of Threat Assessment and Management. 2015 2. 153-163. doi:10.1037/tam0000045 Der Fall des Anschlags in einer Regionalbahn bei Würzburg wurde z. B. von Innenminister Thomas de Maizière „im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“ angesiedelt.„Zwischen Amoklauf und Terror“ In: Handelsblatt. 20. Juli 2016 Oft wird fälschlich von „Amok“ gesprochen, obwohl sich Terroristen durch ihre politische Motivation von bloßen Amoktätern, die scheinbar aus pathologischen Gründen handeln, durchaus unterscheiden.Michael König: Poetik des Terrors: Politisch motivierte Gewalt in der deutschen Gegenwartsliteratur transcript Verlag, 2015 S. 9 Dissertation an der Universität Münster bei Moritz Baßler ISBN 978-3-8394-2987-7 ()
Es gibt z. B. Hinweise darauf, dass im Westen vor allem frustrierte junge Menschen mit schweren Problemen etwa bei der Identitätsfindung anfällig sind für die Propaganda des „Islamischen Staates“ (IS) und anderer Terrororganisationen. Im Unterschied zu den tatsächlich ideologisch motivierten Terroristen, mit denen die Welt es früher vor allem zu tun hatte, ähneln manche von ihnen wie z. B. der Anschlag in Nizza heute offenbar eher Amokläufern, die ihre Tat nur zusätzlich mit einer Ideologie rechtfertigen. Der IS dürfte besonders attraktiv für instabile Persönlichkeiten sein, die ihr als verkorkst empfundenes Leben für eine große Sache umdrehen und in ein heldenhaftes Ende münden lassen wollen. Ein Amoklauf ohne ideologischen Hintergrund würde längst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit erregen wie ein islamistischer Terroranschlag. Gemäß dem Suizidpräventionsexperten Armin Schmidtke von der Universität Würzburg sind daher auch 10 % von international aufgetretenen Fällen von Amokläufen politisch motiviert.Herbert Scheithauer, Rebecca Bondü: Amoklauf und School Shooting: Bedeutung, Hintergründe und Prävention Vandenhoeck & Ruprecht 2011 S. 60, ISBN 978-3-647-40435-6 ()
In Studien zu terroristischen Einzeltätern wie z. B. beim Mordanschlag am Frankfurter Flughafen stellte Hoffmann fest, dass diese oft in psychischen Krisen steckten oder sogar psychisch krank seien. Ihr Lebensstil sei eher aggressiv als religiös. In der Radikalisierung sehen sie eine Möglichkeit, ihrem Leben einen Sinn zu geben, Öffentlichkeit zu erzeugen, endlich jemand zu sein – und je nach kulturellem Angebot oder auch durch Zufall wenden sie sich den Islamisten oder auch den Rechts- oder Linksradikalen zu.
Begriffsgeschichte Ursprüngliche Bedeutung Das Wort Amok leitet sich vom Kriegsgeschrei der sogenannten Amucos ab. Diese Elitekrieger im hinduistischen Indien verpflichteten sich ihrem König gegenüber rituell zum bedingungslosen Kampf bis zum Tod. Gegner vermieden daher den König zu töten oder zu verletzen, um nicht der bedingungslosen Rache der Amucos anheimzufallen. Ansehen und Macht eines Königs waren abhängig von der Anzahl derartiger Kämpfer.Lothar Adler, Historie und Überblick. In: Jens Hoffmann, Karoline Roshdi (Hrsg.), Amok und andere Formen schwerer Gewalt: Risikoanalyse – Bedrohungsmanagement – Präventionskonzepte, Schattauer Verlag, 2015, ISBN 3-7945-2881-6, S. 52 Malaiische und javanische Krieger übernahmen den indischen Begriff und das einschüchternde Kriegsgeschrei „Amok! Amok!“.Wolfgang Georg Jilek, Louise Jilek-Aall, Kulturspezifische psychische Störungen. In: Hanfried Helmchen, F. Henn, H. Lauter, N. Sartorius (Hrsg.), Psychiatrie spezieller Lebenssituationen, Band 3 von Psychiatrie der Gegenwart, Springer-Verlag, 2013, ISBN 3-642-59625-8, S. 406–407 Eine ähnliche Art des Kampfes war bereits bei den Assassinen oder Berserkern verbreitet.