Gustav Heinrich Wilhelm Rasch (* 17. November 1825 in Hannover; † 14. Februar 1878 in Schöneberg bei Berlin) war ein deutscher Journalist und Reiseschriftsteller, der für seine oft polemischen Texte, aber auch für seine anti-preußische Gesinnung und seine politische Agitation bekannt war.
Leben und Werk Gustav Rasch wurde am 17. November 1825 in HannoverGeburtsdatum und Geburtsort nach Ausweis des Steckbriefs Raschs, den die Staatsanwaltschaft Braunschweig am 11. Juni 1876 ausstellte. als Sohn des Oberleggemeisters Rasch und seiner Gattin, geb. Koch, geboren. Sein Vater war zwischen 1828 und 1839 in Osnabrück ansässig, wo nach seinem Tod seine Witwe auch im Jahr 1848 noch wohnte.Brockmeyer 1938, S. 40 Es ist deshalb wahrscheinlich, dass Gustav in Osnabrück aufgewachsen ist.
Nach eigener AngabeRasch, Ein Ausflug nach Rügen (1856), S. 4. studierte er für mehrere Jahre Jura an der Universität Göttingen, wenn auch unbekannt ist, wann er seinen Doktorgrad erhielt. Jedenfalls tritt er in seiner ersten Buchveröffentlichung Die neue Konkurs-Ordnung (1855) als „Doktor beider Rechte“ in Erscheinung, was bedeutet, dass er sowohl das zivile wie das kanonische Recht studiert und abgeschlossen hatte. In späteren Jahren legte er viel Wert auf die Nennung seines Doktortitels, was von einigen Zeitgenossen bespöttelt wurde.
Als KammergerichtsreferendarValentin 1931, S. 71. nahm Rasch im Jahr 1848 an der Revolution in Berlin und insbesondere am Sturm auf das Berliner Zeughaus teil; bei letzterer Aktion soll er „mit einem ungeheuren Schleppsäbel bewaffnet“ gewesen sein. Die Aktion scheiterte in der Nacht vom 14. auf den 15. Juni an dem Widerstand von Militär und Bürgerwehr, weshalb Rasch anschließend fliehen musste, zuerst in die Schweiz und dann nach Straßburg und Paris; in der französischen Hauptstadt sollte er Karl Marx und Friedrich Engels kennenlernen. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1849 wurde er zu Festungshaft in Magdeburg verurteilt.
Anfangsjahre als Schriftsteller mini|Titelblatt der Erstausgabe 1856 In der ersten Hälfte der 1850er Jahre war Rasch als juristischer Schriftsteller tätig und veröffentlichte mehrere Rechtshandbücher. Es ist anzunehmen, dass ihm aufgrund seiner politischen Vergangenheit und Vorstrafe keine staatliche Anstellung in Aussicht stand, und so versuchte er sich an der Abfassung von Rechtsratgebern, die sich gut verkaufen ließen. Sei es, weil er damit nicht den gewünschten Erfolg hatte, oder sei es, weil ihn seine persönlichen Neigungen in eine andere Richtung lenkten, orientierte er sich um die Mitte der 1850er Jahre neu und begann eine Karriere als Reiseschriftsteller. Sein Horizont weitete sich dabei von Rügen und dem Thüringerwald bis hin nach Bayern, Österreich, der Schweiz und Oberitalien. Sein erstes Reisebuch – Ein Ausflug nach Rügen (1856) – wurde eines seiner bestverkauften Bücher und noch über viele Jahre in deutschen Zeitschriften beworben und wiederaufgelegt. Wohl aus verkaufsstrategischen Erwägungen konzipierte er jedoch seine folgenden Reisebücher weniger als Reisebeschreibungen als vielmehr als Touristenratgeber mit vielen praktischen Hinweisen (einschließlich Hotelbewertungen und Tipps für die Reisenden).
Seine ersten touristischen Reisen nach Österreich und in die Schweiz (1858) waren der Auftakt eines unsteten Lebens als reisender Journalist, das er bis kurz vor seinem Tod führte. Noch 1875 wurde er in einer Zeitung als „der nomadisirende Schriftsteller“ vorgestellt. Raschs Reisen brachten ihn nach Italien (1859–1860), London (1865, 1875), Frankreich (1863, ab 1870), Algerien (1865, damals französisch), Ungarn (1866), Rumänien/Walachei (1866, 1871), Schweden (1868), Spanien (1869), Niederlande (1869), Griechenland (1871), Elsass-Lothringen (1873), Tirol (1874), Siebenbürgen (1877), außerdem in das heutige Bulgarien (1871, damals „Europäische Türkei“) und nach Konstantinopel (1871) sowie nach Serbien (1866, 1871–72) und Montenegro (1871–1872, 1874).
Italien (1859–1861) mini|Garibaldi, fotografiert in Palermo 1860 Die politischen Ereignisse in Italien, mit welchen er zweifelsohne schon bei seiner ersten Reise in Oberitalien (1858) in Berührung kam, weckten in ihm einen schwärmerischen Nationalismus, besonders als ab dem Frühjahr 1859 der italienische Unabhängigkeitskampf gegen die österreichische und bourbonische Herrschaft in seine heiße Phase eintrat. Raschs ganze Sympathie und Begeisterung galt den Bestrebungen der italienischen Nationalisten und insbesondere ihrem wichtigsten Freiheitshelden und Anführer, Giuseppe Garibaldi. Rasch selbst reiste 1859–1860 durch Italien, und als Ergebnis seiner Abenteuer erschienen zahlreiche Artikel wie auch seine dreibändige Leidensgeschichte des italienischen Volkes (1860–1862) und eine schwärmerische Biographie Garibaldis (1863) mit dem reißerischen Titel Das Schwert Italiens. Letzteres Werk widmete er der deutsch-englischen Schriftstellerin Marie Espérance von Schwartz (1818–1899, auch bekannt als Elpis Melena), die Rasch selbst kennengelernt hatte und die in Garibaldis Leben ab 1857 eine große Rolle spielte und 1861 Garibaldis Memoiren auf Deutsch herausbrachte.Rasch stand noch 1862 in Verbindung mit Marie von Schwartz, die ihm brieflich über den Gesundheitszustand Garibaldis berichtete. Siehe die Notiz in der Wiener Morgen-Post, Nr. 300 vom 31. Oktober 1862, S. 2 (nicht paginiert).
Raschs stark anti-österreichisch gefärbte Darstellung der Ereignisse wurde in Italien sehr positiv aufgenommen, zumal er seine Bücher sogar an Garibaldi selbst übersandt hatte.Melena 1864, S. 310. Marie E. von Schwartz berichtete hierzu folgendes:
Außerhalb Italiens waren die Sympathien für die italienischen Nationalisten gedämpft, zumindest im halboffiziellen Meinungsbild, und Raschs Schriften wurden in der deutschen Presse reserviert aufgenommen. Ein Rezensent in der Wochenzeitschrift Über Land und Meer etwa schrieb, Rasch habe die jüngste italienische Geschichte „unter die Vergrößerungslupe seines Parteistandpunktes genommen, und uns eine Leidensgeschichte dieser Staaten erzählt, die mit Blut statt mit Tinte geschrieben ist. Wir zählen uns nicht zu den Nationalitätenschwärmern und konnten deshalb auch an diesem Buche keinen Geschmack finden“. Die Illustrirte Zeitung aus Leipzig gestand zu, dass Raschs Garibaldi-Biographie „vielen Beifall“ gefunden habe, obwohl es von einem „unbedingte[n] Parteigänger des italienischen Patrioten“ geschrieben sei und insgesamt den Eindruck eines „heißblütige[n] Radicalismus“ mache.
Wie zu erwarten fiel die Reaktion von offizieller Seite, namentlich in Österreich, noch sehr viel harscher aus. So wurde der erste Band von Raschs Darstellung der jüngsten italienischen Geschichte sofort nach Erscheinen, im Februar 1860, „durch ministerielle Verfügung“ in ganz Österreich verboten. Wenig später wurde die Verbreitung des Werks auch in Preußen und in Russland untersagt; Rasch und sein Verleger bemühten sich in Berlin um die Herausgabe der konfiszierten Exemplare, weil man befürchtete, sie würden – wie in Österreich geschehen – sofort eingestampft werden. Am 5. August 1862 wurde dann auch der dritte Band von Raschs Frei bis zur Adria auf Anweisung des k.k. Polizeiministeriums „für den ganzen Umfang der österreichischen Monarchie“ verboten; Gründe für das Verbot waren u. a. „Verbrechen des Hochverraths“, „Majestätsbeleidigung“ und „Störung der öffentlichen Ruhe“. Am 8. Juni 1863 folgten schließlich das Verbot von Raschs Garibaldi-Biographie Das Schwert Italiens, ebenfalls wegen „Störung der öffentlichen Ruhe“, am 26. Juli 1864 das Verbot der Verbreitung von Raschs Werk Das neue Italien, aus demselben Grund.
Schleswig-Holstein (1862–1864) mini|Karte von Dänemark mit den Herzogtümern Schleswig, Holstein & Lauenburg (1862) Nach seinen Abenteuern in Italien nahmen während der Jahre 1862 bis 1864 die Vorgänge um die Zukunft Schleswigs und Holsteins Raschs ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Seine anti-preußische Gesinnung war in seinen Schriften zur Schleswig-Holstein-Frage und zum folgenden Dänisch-Deutschen Krieg (1864) deutlich erkennbar, und er agitierte auch vor Ort gegen die Intervention Preußens. Rasch unterstützte in Schleswig die sogenannte Augustenburgische Bewegung, die ein von Preußen unabhängiges Schleswig-Holstein forderte; sein besonderer Feind war Graf von Scheel-Plessen, um den sich wiederum diejenigen in Schleswig und Holstein scharten, die eine Intervention Preußens begrüßten.
Der zweite Band von Raschs Werk Vom verrathenen Bruderstamme wurde im Mai 1864 in Preußen „polizeilich mit Beschlag belegt“, nachdem er selbst drei Monate zuvor aus dem besetzten Herzogtum Schleswig ausgewiesen worden war. Die offizielle Begründung lautete, dass Rasch in seinem Buch angedeutet habe, dass das Ziel des Kriegs „ungewiss“ sei, und er sich „ungünstig“ über die preußische Artillerie geäußert habe. Das sei geeignet, so die preußische Staatsanwaltschaft, „Haß gegen die preußische Regierung“ anzureizen. Die Beschlagnahme von Raschs Buch konnte jedoch „nur bei zwei Exemplaren ausgeführt werden“, da alle übrigen sich bereits in Privatbesitz befanden.
Jens Owe Petersen urteilte zu Recht, dass Rasch, „obwohl selbst preußischer Staatsbürger, in gewisser Hinsicht eine Art Fundamentalopposition gegenüber der Staatsführung seines Heimatlandes“Petersen 2000, S. 6. verkörperte. Dennoch vertrat Rasch ganz entschieden deutschnationale Interessen und war schon seit 1862 auch als anti-dänischer Agitator in Erscheinung getreten. So war es auch bereits 1862 zu einer Kontroverse über Raschs Beiträge in der Gartenlaube (unter dem Titel Aus den Landen des verlassenen Bruderstammes) und über sein Buch Vom verlassenen Bruderstamm (1862) gekommen, weil er in ihnen die dänische Politik in Schleswig in scharfen Worten verurteilt hatte. Im Februar 1863 wurde sogar gemeldet, dass die dänische Regierung alle Polizeiämter in angewiesen habe, „den Schriftsteller Dr. Gustav Rasch, wo er sich in den dänischen Staaten betreffen läßt, zu verhaften und unter sicherer Bedeckung gefangen nach Kopenhagen zu führen“. Außerdem wurde die Einfuhr aller Schriften Raschs nach Dänemark verboten.
Raschs Verstrickungen in die Schleswig-Krise waren im Januar 1864 so weit gediehen, dass er allgemein als zugleich anti-dänischer und anti-preußischer Agitator wahrgenommen und in deutschsprachigen Zeitungen als „der bekannte Revolutionär“ vorgestellt wurde. Folgender, von Rasch am 15. Januar in Kiel abgefasster Aufruf wurde in Zeitungen und Wochenblättern, insbesondere in Blättern aus Holstein, verbreitet:
mini|Herzog Friedrich VIII. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, Werbung für ein unabhängiges Schleswig-Holstein (1864) Die Reaktion auf den Aufruf Raschs war allgemein frostig, und selbst Anhänger der deutschgesinnten Augustenburgischen Bewegung verwehrten sich gegen ihn. Herzog Friedrich VIII. von Schleswig-Holstein ließ Rasch „als fremden Agitator“ nicht zu sich vor und verbat sich eine weitere Einmischung: „Der Aufruf, den dieser hier ganz unbekannte Mann (wegen Bewaffnung einer Landarmee) an die Bevölkerung richtete, ist spurlos vorübergegangen, und ihm selbst ist hinlänglich deutlich gemacht worden, er möge sich schleunigst entfernen. Der genannte Literat renommirte in einzelnen Kreisen viel mit seiner Bekanntschaft mit Garibaldi“.