mini|Petit guide Blatt 2 (1942) Horst Siegmund Rosenthal (geboren 19. August 1915 in Breslau; gestorben im September 1942 im KZ Auschwitz) war ein deutscher Zeichner, der im Juli 1933 nach Frankreich emigrierte. Nach mehreren Internierungen wurde er 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er starb.Da seine Deportation am 11. September 1942 erfolgte, wird dieses Datum oft als sein Todesdatum angegeben; der genaue Todeszeitpunkt und die Todesursache sind unbekannt. Bekannt wurde er durch drei 1942 entstandene illustrierte Heftchen, in denen er sich auf satirische Weise mit dem Lagerleben im Camp de Gurs auseinandersetzte. Am bekanntesten ist das erste Heft – Mickey au camp de Gurs –, in dem er die von Walt Disney geschaffene Figur Micky Maus in Gurs internieren lässt.
Ein in Deutschland vergessener Karikaturist Auf der Webseite Lambiek Comiclopedia: Horst Rosenthal heißt es: „Horst Rosenthal bleibt ein mysteriöser Mensch. Es gibt keine Fotos oder persönlichen Dokumente von ihm, außer seinen Asylpapieren. Ein Bericht vom 20. Mai 1940 beschreibt ihn als 1,70 Meter lang, braunhaarig und -äugig, mit normaler Nase (…) und ovalem Gesicht‘. Der Bericht erwähnt auch, dass sein linker Arm gelähmt war.“„Horst Rosenthal remains a mysterious person. There are no photographs or personal documents of him available, other than his asylum papers. A report written down on 20 May 1940 describes him as being ‚1.70 metres in length, brown-haired and -eyed, with a normal nose (…) and oval face.‘ The report also mentions that his left arm was paralyzed.“ Aber ein paar mehr Daten über ihn sind inzwischen doch bekannt, und sie sind vor allem den Forschungen von Pnina RosenbergUSHMM: Professional Background of Pnina Rosenberg zu verdanken, wie Joël Kotek und Didier PasamonikÜber Didier Pasamonik existiert bislang nur ein Artikel in der französischen WIKIPEDIA: :fr:Didier Pasamonik in ihrer Neuausgabe der Comics von Rosenthal bestätigen:
Von Rosenthal selbst gibt es über die drei in Gurs angefertigten Heftchen mit Karikaturen hinaus keine weiteren Arbeiten oder persönlichen Dokumente.
In Deutschland ist Horst Rosenthal – in Gegensatz zur französisch- oder englischsprachigen Welt – nahezu unbekannt, was vordergründig damit zusammenhängen mag, dass er seine drei kleinen Werke in französischer Sprache verfasst hat. Dagegen stellt Pnina Rosenberg fest, dass diese „Comic-Heftchen […] heute ein fester Bestandteil der bekannten ikonographischen Zeugnisse über die französischen Internierungslager und die darin gefangen gehaltenen ‚unerwünschten Ausländer‘ [sind]. Micky Maus, die schon damals sehr bekannte Figur aus amerikanischen Zeichentrickfilmen, erscheint hier in einer Persiflage auf die Unbill, die viele Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich während des Krieges erleiden mussten.“ Das in Deutschland erstmals ausführlicher zur Kenntnis gebracht hat 2017 Jörn Wendland im Rahmen seines Buches Das Lager von Bild zu Bild und darüber hinaus in einem 2018 von ihm mitgestalteten Workshop an der FU Berlin.Gesa Ufer: Der Holocaust im Comic. In scharfem Kontrast zur Realität in den Lagern, Deutschlandfunk Kultur, 26. Oktober 2018. Ein weniger wissenschaftlicher Zugang zu Rosenthal ist Christian Berkel zu verdanken, dessen Mutter zur gleichen Zeit wie Rosenthal in Gurs interniert war; er hat ihm in seinem autofiktionalen Roman Der Apfelbaum ein kleines literarisches Denkmal gesetzt.
Das kurze Leben des Horst Rosenthal Von Breslau nach Paris Die Eltern von Horst und seinem Zwillingsbruder Alfred sowie einem 1920 geborenen weiteren Bruder waren die Kaufleute Ernst Nathan und Frieda (geborene Zöllner).Jörn Wendland: Das Lager von Bild zu Bild. S. 205–206. Laut dem Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurde Frieda Rosenthal am 6. April 1890 in Breslau geboren.Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945)
Wie sehr die Familie Rosenthal in das jüdische Leben in Breslau eingebunden war, ist nicht bekannt. Aufgrund ihres Zuhauses in einer gutbürgerlichen Wohngegend vermutet Rosenberg, dass es die Familie zu einem „gewissen Wohlstand“ gebracht haben muss. Dass Frieda Rosenthal später noch in der Lage war, ihren in Frankreich lebenden Sohn Horst mit Geld zu unterstützen,Pnina Rosenberg: Mickey orphelin: la courte vie de Horst Rosenthal/Das Waisenkind Micky Maus. S. 370–371. stützt diese These von einem „gewissen Wohlstand“ der Familie, die allerdings länger schon ohne den früh verstorbenen Vater auskommen musste.
Rosenberg sprach von einem begonnenen Hochschulstudium des 1933 achtzehnjährigen Rosenthal. Viel mehr ist über seine Breslauer Jahre nicht überliefert. Anfang Juli 1933 verließ er seine Heimatstadt und zog nach Paris. Dort gab er als Gründe für seine Einreise nach Frankreich an, er sei Mitglied der SPD gewesen. Kotek & Pasamonik schrieben zusätzlich, Rosenthal habe aus Breslau fliehen müssen, weil er aktives Reichsbanner-Mitglied gewesen sei. Eindeutig falsch ist dagegen die Aussage auf der Webseite memoriart33-45, wo es heißt: „Mit den Eltern flieht Horst Rosenthal 1933 nach Paris. Sie wohnen an der Rue de Clignancourt später an der Rue Richomme.“memoriart33-45 (siehe Weblinks) Diese Wohnadressen sind für Horst Rosenthal korrekt, doch leider nicht die Aussagen über seine Familie. „Frieda Rosenthal wird am 13. Januar 1942 im Alter von zweiundfünfzig Jahren in das Rigaer Ghetto gebracht und dort ermordet.“ Von Kotek & Pasamonik stammt der ergänzende Hinweis, sie sei am 19. Januar 1942 erschossen worden. Im Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist dagegen der 19. Januar 1942 als Deportationsdatum vermerkt; Frieda Rosenthal habe ihre letzte Reise von Berlin-Wilmersdorf aus angetreten. Über das Schicksal von Horst Rosenthals Brüdern ist nichts bekannt, Kotek & Pasamonik vermuten, sie seien auch nach Lettland deportiert worden.
Die Zeit bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Über Rosenthals Motive, Paris als Fluchtort zu wählen, ist ebenso wenig bekannt wie über seine Kenntnisse über die politische Situation in Frankreich. Dieses Land empfing „im Sommer 1933 die aus Deutschland kommenden Flüchtlinge nicht mit offenen Armen, und auch nicht mit großem Vertrauen, unterwirft sie vielmehr peinlicher Kontrolle und verlangt von ihnen, sich rigiden Amtsprozeduren zu beugen.“
Rosenthal musste das alles bald am eigenen Leib erfahren. Er erhielt erst einmal ein Visum für zwei Monate und fand sich vorerst in einem Pariser Flüchtlingslager wieder. Noch von hier aus stellte er am 17. November 1933 einen Antrag auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis – einen Antrag auf Asyl, wie Rosenberg später präzisierte. Er fand bald darauf eine Wohnung und erhielt Unterstützung vom Comité national de secours aux réfugiés allemands victimes de l’antisémitisme.Zur Geschichte und Aufgabe dieses Hilfskomitees für deutsche Flüchtlinge und Opfer des Antisemitismus siehe: Anne Grynberg: L’accueil des réfugiés d’Europe centrale en France (1933–1939), und dort vor allem den Unterabschnitt L’attitude des milieux juifs français.
Der Antrag auf politisches Asyl wurde im Frühjahr 1934 abgelehnt. Die Pariser Polizeipräfektur teilte am 31. März 1934 dem Innenministerium mit, Rosenthals Mutter sei in Breslau keinerlei Schikanen ausgesetzt und er könne jederzeit dorthin zurückkehren. Folglich sei dieser „Ausländer schnellstmöglichst aufzufordern, das Land zu verlassen“.Schreiben des Polizeipräfekten, zitiert nach Pnina Rosenberg: Mickey orphelin: la courte vie de Horst Rosenthal/Das Waisenkind Micky Maus. S. 371. Auch Auskünfte beim französischen Konsul in Dresden wurden eingeholt, und dieser ließ ausrichten, bei Rosenthal handele es sich um einen „Israelit, den als politischen Flüchtling zu bezeichnen“ er „keinerlei Anlass“ sehe.Zitate bei Pnina Rosenberg: Mickey orphelin: la courte vie de Horst Rosenthal/Das Waisenkind Micky Maus. S. 372. Am 9. August 1934 wurde Rosenthals Ausweisung verfügt.
Dass all dies keine direkten Auswirkungen auf Rosenthal hatte, ist darauf zurückzuführen, dass er sich seit dem 1. März 1934 nicht mehr im Zuständigkeitsbereich des Pariser Polizeipräfekten befand. Er besuchte in Romans-sur-Isère im Département Drôme eine Gewerbeschule, wo er sich zum Schuster ausbilden lassen wollte, um nach Palästina auszuwandern.Pnina Rosenberg: Mickey orphelin: la courte vie de Horst Rosenthal/Das Waisenkind Micky Maus. S. 372–373. Natürlich fanden ihn die Behörden auch dort, doch der dortige Präfekt teilte seiner vorgesetzten Behörde mit, dass es über Rosenthal keinerlei Beschwerden gebe und man ihm deshalb die Möglichkeit geben solle, seine Ausbildung zu beenden. Rosenthal erhielt auch von anderer Seite aus Unterstützung und konnte so erreichen, dass ihm eine auf die Dauer seines Studiums begrenzte Aufenthaltserlaubnis erteilt wurde. Nicht klar ist, ob er seine Ausbildung in Romans-sur-Isère fortsetzte oder in Paris, denn er hatte die Absicht geäußert, an der dortigen Gewerbeschule Arts et métiers studieren zu wollen.Nicht ergründen lässt sich, ob damit das Conservatoire national des arts et métiers gemeint war.
In einem neuen Verfahren stellte Rosenthal im Dezember 1936 den Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung und damit verbunden die Anerkennung als politischer Flüchtling. Er lebte vermutlich wieder in Paris, doch gibt es keine konkreten Hinweise auf irgendwelche Tätigkeiten, die er dort ausgeübt haben könnte. In einem Formular im Zusammenhang mit dieser beantragten Aufenthaltsgenehmigung hatte er angegeben „Beruf und Beschäftigung: Zeichner“, doch ergaben Rosenbergs Recherchen keine Belege dafür, dass er als Zeichner tätig war, und ob er, wie es auf der Webseite der Lambiek Comiclopedia heißt, „die meiste Zeit des Jahrzehnts (…) ein ruhiges Leben in der Rue de Clignancourt in Paris“Lambiek Comiclopedia: „Throughout most of the decade Rosenthal led a quiet life in the Rue de Clignancourt in Paris.“ führte, scheint angesichts der innenpolitischen Lage in Frankreich und der schwierigen sozialen Lage der meisten in Paris lebenden Flüchtlinge ziemlich zweifelhaft. Rosenberg berichtet auch nichts darüber, ob Rosenthal überhaupt eine Arbeitserlaubnis besessen hat.