mini|Bartolomé Esteban Murillo: Unbefleckte Empfängnis von El Escorial, ca. 1660–1665. Maria in weiß-blauen Gewändern, auf der Mondsichel stehend, die Engel tragen Mariensymbole: Lilien, Rosen, Palmzweig.

Die unbefleckte Empfängnis Mariens () ist ein 1854 verkündetes Dogma der römisch-katholischen Kirche, nach dem die Gottesmutter Maria vor der Erbsünde bewahrt wurde. Damit habe Gott Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins an vor jeder Sünde bewahrt, weil sie die Mutter Gottes werden sollte.

Diese Lehre ist eine wesentlich andere als jene von der Jungfrauengeburt, mit der sie von Laien oft verwechselt wird. Die Lehre von der unbefleckten Empfängnis bezieht sich nicht auf die Empfängnis Jesu, sondern auf die seiner Mutter Maria, die auf natürliche Weise von ihren (nur in apokryphen Schriften genannten) Eltern Anna und Joachim gezeugt, empfangen und geboren wurde, dabei aber als einziger Mensch von der Erbsünde frei („ohne Makel“) geblieben sein soll. Immaculata (lat. für „die Unbefleckte“) ist in der römisch-katholischen Kirche einer der Marientitel.

Ein eigenes kirchliches Fest Mariä Empfängnis (lateinisch Conceptio Mariae) wird am 8. Dezember gefeiert, neun Monate vor dem wohl älteren Fest Mariä Geburt. Die vollständige Bezeichnung dieses Festes lautet: Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria (Sollemnitas in conceptione immaculata beatae Mariae virginis, deutsch: ‚Hochfest der unbefleckten Empfängnis der seligen Jungfrau Maria‘).

Entwicklung des Dogmas in der katholischen Kirche mini|hochkant|Inmaculada Concepción (El Greco, Capilla de Isabel Oballe, 1607–1613)

Mittelalter Ein Tag der Empfängnis der Allerheiligsten Gottesmutter durch Anna wurde in der Ostkirche an manchen Orten seit dem 10. bis 12. Jahrhundert begangen, im Westen führte Anselm von Canterbury das Fest um das Jahr 1100 für seine Diözese Canterbury ein. Erstmals erklärte das Konzil von Basel in seiner 36. Sessio am 17. September 1439, dass durch einen besonderen Akt der Prävention Maria niemals von der Erbsünde befleckt wurde. Im Jahr 1477 führte Papst Sixtus IV. das Hochfest in Rom ein, 1708 wurde das Fest als Mariä Empfängnis durch Clemens XI. für die ganze katholische Kirche vorgeschrieben.

Kontroversen zwischen Dominikanern und Franziskanern mini|hochkant|Disputation der Immaculata Conceptio mit den vier Kirchenvätern und dem hl. Bernhardin (vermisstes Gemälde der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden)

Die Immaculata conceptio war wegen der ungeklärten dogmatischen Situation Gegenstand eines theologischen Streites im Spätmittelalter, der aus der Lehre über die Erbsünde entstand. Die Frage, wie Maria am Erlösungswerk teilnehmen konnte, da sie doch wie alle anderen Menschen unter den Bedingungen der Erbsünde lebte, wurde unterschiedlich beantwortet: entweder durch die Annahme einer göttlichen Reinigung Marias von der Erbsünde (Sanctificatio Mariae), wie es von den Dominikanern bis ins 19. Jahrhundert vertreten wurde, oder durch die Annahme, Maria sei bereits ohne Erbsünde empfangen worden, wie es von den Franziskanern gelehrt wurde. Vielleicht spielte hierbei die größere Volksnähe der Franziskaner eine Rolle, so dass sie Entwicklungen der Volksfrömmigkeit offen aufgriffen.So Giovanni Miegge: Die Jungfrau Maria. Studie zur Geschichte der Marienlehre. Göttingen 1962, S. 115.

Schon früh nach Gründung des Franziskanerordens, 1263, hatte das Generalkapitel des Ordens zu Pisa unter Leitung des heiligen Bonaventura das Fest der unbefleckten Empfängnis unter die Eigenfeste des Ordens aufgenommen. Besonders heftig wurde der Streit im 15. Jahrhundert ausgetragen, involviert waren hier u. a. die Universität Paris, das Konzil von Basel und die Könige von Aragón. Die theologische Lösung für das Problem wurde von Duns Scotus ausgearbeitet. Nach seiner Lehre wurde Maria von der Empfängnis an von der Erbsünde befreit, durch die Verdienste Jesu Christi im Voraus. Er beglaubigt seine Doktrin mit dem Spruch von Pseudo-Anselmus: „Decuit, potuit, ergo fecit“ (‚Es ziemte sich, er [Gott] konnte es, daher machte er [es]‘). Die Lehre der Kirche, die davon abgeleitet ist, definierte die Bulle Ineffabilis Deus des seligen Papstes Pius IX., aber schon das Konzil von Trient (1545–1563) nimmt bei seinen Aussagen über die Erbsünde die heilige Jungfrau Maria ausdrücklich aus.DH 1400 DH 1425s

Prominente Gegner der Immaculata-Lehre waren im Mittelalter Bernhard von Clairvaux,Brief 174 an die Kanoniker von Lyon über die Empfängnis der Hl. Maria, die das Fest um 1136 einführten, siehe Albertus Magnus und Thomas von Aquin, der Franziskaner Bonaventura sowie die Päpste Johannes XXII. und Benedikt XII.; die meisten Päpste verhielten sich in dieser Frage neutral, was noch im Spätmittelalter von den Immakulisten beklagt wurde, bis mit Sixtus IV. ein Franziskaner auf den Papstthron gelangte, der zwar in den Auseinandersetzungen um den Libellus de veritate conceptionis Beatae Virginis Gloriosae von 1476/1477 die Position der Dominikaner zurückwies, zugleich jedoch eine eindeutige Stellungnahme zugunsten der franziskanischen Position in der Konstitution Cum praeexcelsa vermied.

Die Vorbereitung des Dogmas Papst Pius IX. setzte am 1. Juni 1848 ein Theologengremium zur Vorbereitung einer Definition des Glaubenssatzes ein. Am 2. Februar 1849 sandte er die Enzyklika Ubi primum an die Ortsbischöfe, um die Meinung des Episkopats zu erkunden. Von den 603 befragten Bischöfen äußerten sich 546 positiv zur Definition eines Glaubenssatzes. Pius IX. ließ die Voten der Bischöfe veröffentlichen und gab theologische Definitionsentwürfe eines Glaubenssatzes hinsichtlich der unbefleckten Empfängnis Mariens in Auftrag. An der Endredaktion der Bulle war der Papst selbst maßgeblich beteiligt.Unbefleckte Empfängnis Marias. In: Marienlexikon, hrsg. im Auftrag des Institutum Marianum Regensburg e. V. von Remigius Bäumer und Leo Scheffczyk, Band 6, St. Ottilien 1994, S. 519–532.Bulle „Ineffabilis Deus“. 8. Dezember 1854, in: Heinrich Denzinger: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, verbessert, erweitert, ins Deutsche übertragen und unter Mitarbeit von Helmut Hoping herausgegeben von Peter Hünermann. 37. Auflage. Freiburg im Breisgau / Basel / Rom / Wien 1991, 2800–2804, S. 774–776.

Der Wortlaut des Dogmas 1854 Schließlich verkündete Pius IX. am 8. Dezember 1854 in seiner Bulle Ineffabilis Deus (‚Der unaussprechliche Gott‘) das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens (Conceptio immaculata):

Beseelungslehre

Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens spielte eine Rolle bei der Bulle Apostolicae Sedis, mit der Papst Pius IX. 1869 die Unterscheidung zwischen dem unbeseelten und dem beseelten Fetus aufhob. Demnach empfange der Fetus seine Seele bereits zum Zeitpunkt der Zeugung (Simultanbeseelung). Pius IX. stützte sich auf den Leibarzt des Papstes Innozenz X., Paul Zacchias. Dieser hatte 1661 behauptet, die vernunftbegabte Seele () werde dem Menschen im Augenblick der Empfängnis eingegossen, denn sonst würde ja das Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens eine vernunftlose Materie feiern, was der allerseligsten Jungfrau „unangemessen“ sei.

II. Vatikanum Das Zweite Vatikanische Konzil behandelte Maria ausführlich im Rahmen der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium). Dort wird daran erinnert, „daß es bei den heiligen Vätern gebräuchlich wurde, die Gottesmutter ganz heilig und von jeder Sündenmakel frei zu nennen“. „Vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit“, hat sie „von Sünde unbehindert … zum Heil der Menschen mitgewirkt“.Karl Rahner, Herbert Vorgrimler (Hrsg.): Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums [in deutscher Übersetzung]. Herder, Freiburg im Breisgau 1966, Artikel 56, S. 188f.

Mariä Himmelfahrt als dogmatische Konsequenz Eine Erweiterung dieser Glaubensaussage besteht darin, dass Maria – im Unterschied zu allen anderen Menschen – am Ende ihres Lebens keiner Läuterung im Fegefeuer mehr bedürfe, da die Läuterung Mariens bereits im Moment ihrer Empfängnis durch die Befreiung von der Erbsünde stattgefunden und sie während ihres Lebens keine Sünden begangen habe. Dies wurde 1950 im Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel mitausgesagt.

Marienerscheinungen Zusätzliche Bedeutung gewann das Dogma der unbefleckten Empfängnis in der römisch-katholischen Kirche durch die Marienerscheinungen von der Rue du Bac (1830, vor der Definition des Dogmas) und in Lourdes (1858, vier Jahre danach). 1830 soll Maria der Ordensfrau Katharina Labouré eine Medaille gezeigt haben, auf der stand: „Oh Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen.“ In Lourdes soll im Jahr 1858 Bernadette Soubirous mehrfach Erscheinungen einer weiß gekleideten Frau (der Mutter Gottes) gehabt haben. Die von Bernadette beschriebene „schöne weiße Dame“ offenbarte sich ihr als .

Die Haltung der Altkatholiken Die Altkatholische Kirche gesteht der Lehre von der unbefleckten Empfängnis keine Verbindlichkeit zu. Nach ihrer Ansicht entspricht diese Lehre weder dem biblischen Zeugnis noch jenen Ehrentiteln, welche die ökumenischen Konzilien der ersten Jahrhunderte Maria zugesprochen haben.

Rezeption und Kritik im Protestantismus Martin Luther behielt in den ersten Jahren der Reformation die Immaculata-Lehre bei. In seinen Resolutiones disputationum de indulgentiarum virtute von 1518 erklärte er seine Übereinstimmung mit den spätmittelalterlichen Konzilsbeschlüssen in dieser Frage. In einer Predigt legte er seinen Hörern noch 1520 dar, dass Maria in keinem Augenblick ihres Lebens mit der Erbsünde in Berührung gekommen sei. Als Mutter Christi habe Gott sie mit höchster Heiligkeit und Reinheit ausgezeichnet.zur Debatte: Unbefleckt empfangen – Zur Theologie und Politisierung einer marianischen Glaubenslehre von Klaus Schreiner. In: kath-akademie-bayern.de, Heft 7/2008.

Die Evangelische Kirche lehnt diese Lehre ab, anders als die auf biblische Texte gestützte Lehre von der Jungfrauengeburt. Denn die Lehre von der unbefleckten Empfängnis lässt sich ihrer Ansicht nach nicht aus den zum Bibelkanon gehörigen Schriften herleiten.

Aus evangelischer Sicht zeige auch dieses Dogma die Tendenz, Maria an Jesus anzugleichen. Was im Neuen Testament nur über Jesus ausgesagt wird, werde nun auch auf Maria übertragen. Jesus war ohne Sünde (, ), nun wird die Behauptung, ganz ohne Sünde zu sein, auch auf Maria übertragen.Erläutert von Franz Graf-Stuhlhofer: Zu Heiligen beten? Heiligenverehrung gemäß der Bibel, bei Kirchenvätern sowie in heutiger kirchlicher Praxis und Lehre. Folgen, Langerwehe 2014 (eBook), ursprünglich Schulte+Gerth, Asslar 1988, Kap. Was sagt das Neue Testament über Maria nicht?

Der Waldenser Giovanni Miegge äußert sich kritisch: „Die päpstliche Definition nennt die Lehre von der unbefleckten Empfängnis eine ‚Offenbarungswahrheit‘. Das ist angesichts des völligen Stillschweigens der Heiligen Schrift und der älteren Tradition eine schwerwiegende und gewagte Behauptung.“Giovanni Miegge: Die Jungfrau Maria. Studie zur Geschichte der Marienlehre. Göttingen 1962, S. 122.

Mariä Empfängnis als Hochfest der katholischen Kirche Die römisch-katholische Kirche begeht dieses Marienfest am 8. Dezember, neun Monate vor dem Fest der Geburt Mariens (8. September), das Hochfest der Empfängnis Mariens. Die vollständige Bezeichnung lautet Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria (Sollemnitas In Conceptione Immaculata Beatae Mariae Virginis). Im deutschen Festkalender heißt es auch Mariä Erwählung.

mini|hochkant|Immaculata Conceptio (Darstellung an der Ikonostasis der orthodoxen Kirche in Perlez in Serbien)