Max, Mischa & die Tet-Offensive ist ein Roman von Johan Harstad, der 2015 als Max, Mischa & Tetoffensiven auf NorwegischMax, Mischa & Tetoffensiven auf gyldendal.no, abgerufen am 1. November 2019. und 2019 in der Übersetzung von Ursel AllensteinDer Übersetzerin Ursel Allenstein wurde 2019 der Jane Scatcherd-Preis vor allem für ihre kongeniale Übertragung des Romans "Max, Mischa & die Tet-Offensive" von Johan Harstad verliehen. auf Deutsch erschienen ist. Der Roman verfolgt eine kleine Gruppe von nicht einmal zehn Figuren über etwa vierzig Jahre von etwa 1970 bis ins Jahr 2012. Die Vielfalt der sozialen, künstlerischen und politischen Bezüge (die Tet-Offensive des Vietcong erschütterte 1968 die Siegesgewissheit der amerikanischen Öffentlichkeit) macht diesen mit über 1200 Druckseiten erschienenen Roman zu einer Standortbestimmung am Beginn des 21. Jahrhunderts. Ihre wichtigsten Themen sind der Verlust von Heimat, von individueller Geborgenheit und der Bereitschaft zur Klärung moralischer Grundfragen. Hauptfigur des überschaubaren Figurenensembles ist der in Norwegen geborene, in den USA groß gewordene und schließlich in New York lebende Regisseur Max Hansen, der als Erzähler durch die Niederschrift seiner Erinnerungen die Bilanz seines 35-jährigen Lebens „für euch, für uns, für mich“ ziehen will.

Komposition Wie im Titel angedeutet, ist das alle Episoden durchwirkende Thema des Romans die Verflechtung von persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Die Erzählung ist in vier unterschiedlich umfangreiche chronologische Abschnitte mit insgesamt 14 Kapiteln gegliedert, denen jeweils ein Motto vorangestellt wird. Jedes Kapitel ist noch einmal in 2 bis 8, zusammen 59 nummerierte und thematisch fokussierte Unterkapitel unterteilt, zu denen noch einige zum Teil sehr kurze nach Tagesdaten geordnete Einträge kommen – entgegen den fiktiven improvisierten und zufälligen Schreibsituationen des Ich-Erzählers ist dieser Riesenroman stark durchgliedert und ausbalanciert.

Die im 1. Abschnitt, der Ouvertüre des Romans, dicht gedrängten Motive werden in den folgenden Abschnitten in die Biografien der Hauptfiguren eingeflochten, dort in einer Spiralbewegung entfaltet und durch weitere Themen ergänzt. Der Leser stößt auf die Veränderung und Entfremdung in Beziehungen, den Irrsinn des Faschismus und des Krieges in Vietnam, die Konsequenzen von Selbsttäuschungen sowie auf den Verlust des moralischen Kompasses der Gesellschaft.

Übersicht Erster Abschnitt Ausgangspunkt des ersten Abschnitts ist der Herbst 2012, in dem der Regisseur Max Hansen sein Ensemble mit einem neuen Theaterstück auf einer Tournee mehrere Wochen in 13 Städten Nordamerikas begleitet. Der Erzähler beginnt nun unterwegs immer wieder seinen Erinnerungen nachzuspüren, die er in einem anschaulichen, flüssigen Parlando notiert. Hierfür nutzt er Momente hinter der Bühne, während die Schauspieler sich mit dem ihrer Lebenserfahrung widersprechenden aktuellen Stück abmühen, nach dem Aufwachen und im Auto auf den Parkplätzen am Weg zur nächsten Spielstätte. mini|Ziele der NFL in Südvietnam während der Tet-Offensive. Das Theaterstück, eine Verteidigung des Kapitalismus nach den wirtschaftsradikalen Ideen Milton Friedmanns, wird vor einem noch unter den Folgen des Bankencrashs 2007/08 ächzenden Publikum gespielt. Es ist zwar ironisch gemeint, wird aber vom Publikum oft zustimmend als ernst gemeinte Apologie des Kapitalismus verstanden. Resigniert konstatiert der Regisseur: Ob die Schauspieler auf der Bühne sitzen oder stehen, sei die einzige Frage, zu deren Klärung der Regisseur beitragen könne: „Wir haben uns bewegt, und alles ist gleichgeblieben.“

Er erinnert sich an die mit seinem 11. Lebensjahr einsetzenden zwei Jahre vor der Auswanderung seiner Familie nach Amerika. Durch einen Zufallsfund von politischen Buttons wird für den jungen Max der Vietnamkrieg zentral, gegen den seine kommunistisch orientierten Eltern sich früher engagiert hatten. Er lässt sich über den Krieg berichten, den er schon als Kind als Ungeheuerlichkeit, als Zivilisationsbruch empfindet und sieht viel zu früh die unkritischen und die kritischen Kriegsfilme („Rambo“ und „Apocalypse Now“). Schon als Kind beeindrucken Max die fotografischen Ikonen der Antikriegsbewegung, die napalmverbrannte Kim Phuc und der Polizeichef von Saigon, Nguyễn Ngọc Loan, der einen mutmaßlichen Vietcong-Soldaten auf offener Straße hinrichtet.

Zweiter Abschnitt Im zweiten Abschnitt lernt Max nach seiner schwierigen Eingewöhnung in die neue Umgebung einer amerikanischen Kleinstadt in der Nähe von New York die außer seinen Eltern lebensbestimmenden Bezugspersonen kennen: den gleichaltrigen Mitschüler Mordecai, den Leiter ihrer Theater-AG, Wohlman, die sieben Jahre ältere Künstlerin Mischa und seinen Onkel und Vietnamkriegsveteranen Owen, dessen Lebensweg erzählerisch allmählich an den von Max herangeführt wird.

Sowohl Mordecai als auch Mischa verlieben sich in Max. In Mordecai findet er einen seelenverwandten Freund, für den er aber keine homosexuellen Gefühle entwickelt. Nach der Schule, von der der Leser fast nur die Probenarbeit der Theatergruppe mitbekommt, beginnen Max und Mordecai ihr Schauspielstudium und Max und Mischa ziehen bei Owen mit ein, der sich inzwischen zu einem Komponisten von Gebrauchsmusik gemausert hat.

Dritter Abschnitt mini|Schwarzer Rauch über Saigon, eine Feuerwehr versucht während der Angriffe der FNL zu den Bränden zu kommen. Max und Mordecai sind inzwischen Mitte zwanzig, Mischa schon Anfang dreißig und alle drei sehr erfolgreich mit ihrer Theaterregie (Max, der auch am Broadway inszeniert), Schauspielerei (Mordecai, der seiner Filmaufträge wegen nach Los Angeles zieht) und Bildenden Kunst (Mischa mit Malerei und Ausstellungen). Ausführlich wird von Max´ Arbeit an zwei an die schulische Probenarbeit mit Becketts Warten auf Godot anschließende Stücke erzählt, deren gemeinsames Drittes das Warten, die geschäftige Vermeidung der wichtigen moralischen Fragen ist. Auch Mischa bearbeitet in ihren großformatigen Bildern gesellschaftliche Themen: den Vietnamkrieg, den 11. September und den Kapitalismus.

Owens Stern als Komponist von Gebrauchsmusik beginnt zu sinken und es wird deutlich, dass er noch immer mit der Erinnerung an seinen Einsatz in Vietnam zu kämpfen hat. Er schließt sich einer Gruppe von US-Veteranen an, die Vietnam auf den Spuren ihrer früheren Kampfeinsätze besuchen. Owen erzählt Max von seiner eigenen Auswanderung aus Norwegen und seiner freiwilligen Meldung zum Kriegsdienst in Vietnam, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Owen eröffnet Max und Mischa schließlich, dass er an Krebs erkrankt ist, möglicherweise eine Nachwirkung seines Kontakts mit Agent Orange in Vietnam und dem Asbeststaub am Ground Zero, wo er geholfen hat, die Trümmer zu beseitigen. Max kümmert sich um ihn, bis er stirbt.

Mischa beginnt sich in der Beziehung zu Max eingeengt zu fühlen und schlägt eine zeitweilige Trennung vor. Nach mehr als 8 Monaten in Kalifornien kehrt sie vorübergehend nach New York zurück, trennt sich bald darauf nach inzwischen 16 Jahren endgültig von Max und zieht nach Montreal. Auch Mordecai, der schon bald nach Abschluss seiner Ausbildung nach Kalifornien gezogen war, wird für Max zunehmend unerreichbar. Mordecai ist zwar zeitweilig als Schauspieler sehr erfolgreich, leidet aber mehr und mehr an Einsamkeit und Ängsten.

Vierter Abschnitt Im vierten Abschnitt geht die Tournee mit Max´ aktueller Inszenierung (vgl. 1. Abschnitt) zu Ende, als er die Nachricht erhält, dass Mordecai sich umgebracht hat. Max, seine Mutter und Mischa nehmen an der Beerdigung teil. Der Orkan „Sandy“ (Ende Oktober 2012) bewegt sich auf die Ost-Küste der USA zu, überflutet größere Teile von New York und zerstört auch das kleine Häuschen von Max´ Mutter und ihren Woll-Laden – beide sind nun „obdachlos“, aber ohne materielle Not. Weil Mischa sich vorstellen kann, dass Max sie, anders als bei seinem unangemeldeten Besuch in Kalifornien 3 Jahre zuvor, „lange“ besuchen könne, steigt er voller Hoffnung in ein Flugzeug nach Montreal – um „vielleicht für immer“ mit ihr zusammen zu sein.

Textur der Motive Heimat Das bestimmende Motiv ist der Verlust von Heimat, der nicht nur die Hauptfigur Max Hansen, sondern auch die Gesellschaft als Ganze ereilt: „Amerika ist ein Land der Heimatlosen.“

Die verlorene Heimat ist ein Doppelschicksal: Heimat steht einmal für die politische Heimat, die z. B. den kommunistisch orientierten Eltern peu á peu verloren geht. Trotz seiner kapitalismuskritischen Einstellung ist auch dem Erzähler selbst eine positive politische Vision abhandengekommen: seine Eltern seien die letzte Generation, „die glaubte, sie könnte etwas verändern; ich gehöre der ersten Generation an, die verstand, dass wir es nicht konnten“. Max fühlt sich in einer „Endlosschleife“, in einem „Malstrom“: „Nichts zu machen“, konstatiert er mit einem Becketts Warten auf Godot entlehnten Motto. „Das ist das Schlimmste, kein einziger Morgen ohne diese allumfassende Enttäuschung: noch ein Tag.“ So klingt schon am Anfang einer der Grundtöne an, die Spannung zwischen dem Unerträglichen und der unmöglichen Veränderung.

Mit Heimat gemeint ist aber auch die ortsgebundene soziale Heimat, die der mit 12 Jahren zusammen mit seinen Eltern nach Amerika ausgewanderte Max als Erinnerungsbild und Metapher eines sicheren und berechenbaren, eines erfüllten und in einem sozialen Netz geborgenen Lebens mit sich trägt. Er weiß, dass eine Rückkehr in seine erste Heimat in Norwegen für ihn nicht mehr möglich und nicht einmal wünschenswert istMax´ Geburtsort Forus, ein Ortsteil von Stavanger/Norwegen, war und blieb "in vielerlei Hinsicht ein Sumpf" (89), ein "Ghetto für die auftretende Mittelklasse" (343).: „Ich will nach Hause. Und ich weiß nicht, wo das ist.“ „Das ist am Ende die Essenz des Ganzen, eine tiefsitzende Angst davor, kein Zuhause zu haben.“

Einvernehmliches Beschweigen Verbunden mit dem Verlust der politischen und sozialen Heimat ist ein „sozusagen entsicherter Zweifel“ – vor allem von Max – an einem gelingenden Leben. Der entsteht aus der sich auflösenden Erinnerung, aus dem riskanten Vertrauen in Freunde und Beziehungen, aus der Unsicherheit über die Qualität der eigenen Theaterarbeit und aus dem Beschweigen der Lebensfragen. Sich selbst und andere kommentiert Max daher in seinen bis auf ein einziges Wort reduzierten, manchmal aber auch atemlos über mehrere Seiten laufenden Sätzen ironisch und mit einem sich der Resignation und Verzweiflung entgegenstellenden Humor.

Den scheinbar festen Boden der Beziehungen schildert Harstad immer auch als dünnes Eis, zusätzlich geschwächt durch eine oft einvernehmliche Täuschung der Beteiligten, die die Veränderung und Entfremdungen vermutlich spüren, aber die wirklich drängenden Fragen nicht ansprechen können. Diese sich in feinsten Rissen andeutende Auflösung von Beziehungen registriert der Erzähler mit seismologischer Sorgfalt, z. B. bei seiner Freundschaft mit Mordecai, bei der Abnabelung Owens von seiner norwegischen Familie, später bei seiner Selbstkritik nach seinem Vietnameinsatz sowie bei seiner Liebe zu Mischa.

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