miniatur|Moorbirkenwald mit Scheiden-Wollgras im Hochmoor „Mecklenbruch“ im Solling im Juni 2013 miniatur|Wappen von Krempermoor mit Moor-Birke und Gegenständen zur Nasstorfgewinnung
Die Moor-Birke (Betula pubescens), auch Haar-Birke, Besen-Birke, Glasbirke oder Behaarte Birke, auch Ruch-, BruchbirkeTuisko Lorey, Christof Wagner: Handbuch der Forstwissenschaft. Dritte Auflage, Band 1, 1913, S. 456, . genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Birkengewächse (Betulaceae). Sie ist kennzeichnender Baum der Moor- und Bruchwälder sowie trockenerer Bereiche in Hochmoorkomplexen. Als Pionierbaumart ist sie in der Lage, rasch neu entstandene Lebensräume zu besiedeln.
Beschreibung Die Moor-Birke wächst als laubabwerfender, also sommergrüner Baum oder Strauch, mit einem oder mehreren Stämmen, und kann Wuchshöhen von bis zu 30 Meter erreichen. Der Stammdurchmesser erreicht 50–70 Zentimeter, selten über 1 Meter.Gregor Aas: Die Moorbirke (Betula pubescens), LWF Wissen 87, 2023, bei Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft.Betula pubescens bei Trees and Shrubs Online. Einzelexemplare können bis etwa 120 Jahre alt werden.Faltblatt Die Birken (PDF; 0,4 MB), Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Die Borke ist anfangs dunkel rötlich-braun, später hell rötlich-braun bis lohfarben oder braun und schließlich gräulich-weiß; sie ist glatt und nicht in rautenförmige Platten gefeldert wie jene der Hänge-Birke und schält sich spät in papierdünnen Platten ab. Die Rinde der straff aufrecht beziehungsweise waagerecht abstehend wachsenden Zweige ist anfangs flaumig behaart, später rötlich braun. Die horizontalen Lentizellen sind anfangs hell, später vergrößern sie sich und werden dunkel. Die Endknospen der Moor-Birke sind spitz eiförmig und etwas gebogen. Die Knospenschuppen sind grau bis graubraun oder grünlichgrau. Sie sind am Ende abgerundet und an den Rändern weiß bewimpert.
Junge Laubblätter duften aromatisch und sind ebenfalls flaumig behaart, besonders entlang der Blattadern. Die wechselständig angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Die eiförmige oder rhombisch-eiförmige, herzförmige Blattspreite ist 3 bis 5 Zentimeter lang und doppelt gesägt.
Wie alle Birken ist die Moor-Birke einhäusig getrenntgeschlechtig (monözisch). Die männlichen Blütenstände (Kätzchen) sind länglich walzenförmig. Die weiblichen Blütenstände sind etwa 2 bis 4 Zentimeter lang, zylindrisch, später hängend. Die Mittellappen der dreilappigen Fruchtschuppen sind deutlich vorgezogen und überragen die aufwärts gebogenen Seitenlappen. Die etwa 3 Millimeter großen Samen (Nussfrüchte oder Nüsschen) sind breit geflügelt zur besseren Verbreitung durch den Wind. Ein Kätzchen enthält etwa 450 Samen. Die Moor-Birke blüht von April bis Mai und die Früchte reifen ab August.Jean-Denis Godet: Einheimische Bäume und Sträucher, Natur Buch, Augsburg 1998, ISBN 3-89440-296-2.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 56.
Vorkommen mini|300px|Verbreitung der Moor-Birke X Isolierte PopulationenBetula pubescens, Downy birch auf EUFORGEN Die Moor-Birke kommt in den gemäßigten Klimazonen Europas und Asiens von Island über Skandinavien, Russland nach Osten bis in das Jenisseigebiet und nach Süden bis Norditalien und dem Balkangebiet bis zum Kaukasus vor. Moorbirken bilden die subarktische Waldgrenze nördlich der Borealen Nadelwälder (Taiga).K.-H. Rechinger: Betulaceae. In: G. Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Band 3, Teil 1. Parey, Berlin 1981, S. 153–156. Ihre Höhenverbreitung reicht vom Flachland (kollin) bis zur Waldgrenze (subalpin). Im Alpenraum steigen Birken bis auf etwa 2000 Meter über NN. In den Allgäuer Alpen steigt die Moor-Birke bis zu 1700 Metern Meereshöhe auf.
Sie besiedelt feuchte bis staunasse, kalkarme, gering bis mäßig basenversorgte, saure Moor- und Anmoorböden (bis etwa pH < 5) mit geringer bis sehr geringer Nährstoffversorgung (oligo- bis mesotroph). Sie wächst in Moor- und Bruchwäldern sowohl im Gebirge als auch in entwässerten Regenmooren und im Randgehänge intakter Hochmoore. In deren Zentren bildet sie jedoch aufgrund der schlechten Nährstoffversorgung meist nur eine strauchartige Wuchsform aus. Ferner wächst sie in Niedermooren, Auenwäldern und feuchten Hecken. In nebel- und regenreichen Klimaten kann sie auch auf trockeneren Standorten existieren. Die Vermehrungsbiologie der Moor-Birke ist speziell auf die Primärstadien einer Sukzession ausgerichtet. Nur in Skandinavien und den Tundren Nordeuropas sowie auf Sonderstandorten wie Mooren bildet sie natürliche Klimaxgesellschaften.
Vergesellschaftung miniatur|Stamm und Rinde der Moor-Birke; links oben junge Blätter Die Moor-Birke ist eine Charakterart der Moorbirken- und Kiefern-Fichten-Bruchwälder (Molinio-Betuletalia pubescentis). Diese Bruchwälder sind oft reich an Beerensträuchern wie der Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) und Torfmoosen wie dem Sumpf-Torfmoos (Sphagnum palustre) und dem Gefransten Torfmoos (Sphagnum fimbriatum). Die Wälder sind meist schwachwüchsig, schütter und artenarm. Die Moorbirke bildet außerdem auf entwässerten Hochmoorstandorten artenarme sekundäre „Moorwälder“ meist mit dem Scheiden-Wollgras und Torfmoosen in der Kraut- und Moosschicht aus. Ferner wächst die Moor-Birke in Laubwäldern und Gebüschen feuchter bis trockenerer Standorte gemeinsam mit der Hänge-Birke (Betula pendula), der Esche (Fraxinus excelsior), der Vogelbeere (Sorbus aucuparia) und der Zitterpappel (Populus tremula).
Ökologie miniatur|Moorbirkenwald auf entwässertem Hochmoor. In der Krautschicht mit Scheiden-Wollgras, Torfmoosen und Pfeifengras (Molinia cearulea). Die Moor-Birke ist eine Lichtholzart, das heißt, sie wächst bevorzugt bei vollem Licht, erträgt aber in Grenzen eine Beschattung. Ihr ökologischer Schwerpunkt liegt auf gut durchfeuchteten bis oft durchnässten, luftarmen, sauren bis sehr sauren Böden.Heinz Ellenberg, H. E. Weber, R. Düll, V. Wirth, W. Werner, D. Paulißen: Zeigerwerte von Pflanzen in Mitteleuropa. Erich Goltze, Göttingen 1992, ISBN 3-88452-518-2 (Scripta Geobotanica 18). Sie ist außerdem eine Pionierbaumart.
Überlebensstrategien miniatur|Die Moorbirke als Pioniergehölz, acht Jahre nach einem Brand in einem Kiefernbruchwald. Ihre Vermehrungsbiologie ist speziell auf die Ausbreitungsbedingungen auf Rohböden und Freiflächen ausgerichtet. Charakteristisch ist ihre hohe Samenproduktion, die zu einer raschen Besiedelung von Kahlflächen beiträgt. Eine freistehende, alte Moor-Birke produziert bis zu vier Kilogramm Samen. Würde man diese nebeneinander legen, ergäbe sich eine Strecke von 60 Kilometer beziehungsweise eine Fläche von 180 Quadratmeter. Die Samendichte kann in der Natur bis zu 50.000 Stück pro Quadratmeter betragen. In einem männlichen Kätzchen befinden sich zirka fünf Millionen Pollenkörner. Der Pollen kann bis zu 2.000 Kilometer weit fliegen.
Die Anspruchslosigkeit der Birke im Hinblick auf die Nährstoffversorgung und ihr schnelles Wachstum machen sie zu einer Pionierpflanze, welche geeignete lichtbegünstigte Flächen wie Kahlschläge, Waldlichtungen und Brandflächen schnell besiedelt. Besonders in Mooren, wo andere Gehölze aufgrund des hohen Säuregehaltes der Moorböden keine geeigneten Wuchsbedingungen vorfinden, ist sie im Konkurrenzvorteil und kann artenarme Gebüsche bilden. Sie ist noch anspruchsloser als die Hänge-Birke (Betula pendula), die sich ebenfalls als Pionier auf vielen Flächen ausbreitet.
Autökologie Moor-Birken sind unempfindlich gegen Winterfröste. Bei Temperaturen unter −40 °C wandeln sie in den Zweigen Stärke in Öl um, wobei Wärme freigesetzt wird. Die Blätter erfrieren erst ab −6 °C. Bei Kälte werden die im Bereich der weißen Rinde auftretenden Lüftungsrisse („Korkwarzen“) verschlossen und erhöhen so die Frosthärte. Die Moor-Birke gilt als die nördlichste Baumart Europas. Eine Wintertemperatur von durchschnittlich −33 °C ruft keine Vitalitätseinbußen hervor. Die Frosthärte bleibt trotz zwischenzeitlicher Erwärmung (bis +18 °C) den gesamten Winter stabil.
In Nordeuropa schützt die weißfärbende Wirkung des Rindeninhaltsstoffs Betulin die dünne Rinde vor Rindenbrand. Aufgrund der im Frühling tief stehenden Sonne und der Reflexion von Schneeflächen würde sich dunkle Rinde überhitzen und das Zellteilungsgewebe geschädigt werden.
Die Moor-Birke verfügt über ein flach wurzelndes Herzwurzelsystem. Es fehlen stark entwickelte Horizontalwurzeln; anstatt einer Hauptwurzel werden mehrere unterschiedlich starke senkrecht wachsende Wurzeln am Wurzelstock mit mehreren bis zu 20 Meter langen Seitenwurzeln gebildet. Flachwurzler sind in erster Linie an die Aufnahme einsickernden Regenwassers ausgerichtet. Die Moor-Birke hat eine hohe Wasserdurchflussrate. Eine ausgewachsene Birke kann an einem heißen Sommertag bis zu 500 Liter Wasser aus dem Boden ziehen. Die Feinwurzeln sind von einem dichten Geflecht symbiotisch lebender Pilze umgeben (Mykorrhiza), was die Nährstoffversorgung stark begünstigt.Randolf Schirmer: Birke – Vermehrungskünstler und Überlebensstratege (PDF) lwf.bayern.de.
Synökologie Für etliche phytophage Insekten spielt die Moor-Birke eine entscheidende Rolle. Zum Beispiel saugen einige Zikadenarten ausschließlich (monophag 2. Grades) sowohl an Moorbirke als auch an Hänge-Birke. Dieses sind vor allem Arten der Gattung Oncopsis innerhalb der Familie der Maskenzikaden (Macropsinae).Herbert Nickel: The leafhoppers and planthoppers of Germany (Hemiptera, Auchenorrhyncha): Patterns and strategies in a highly diverse group of phytophagous insects. Pensoft, Sofia/Moskau 2003, ISBN 954-642-169-3.
Systematik Der Artname Betula pubescens wurde 1790 durch Jakob Friedrich Ehrhart in Beiträge zur Naturkunde, 5, S. 160 erstveröffentlicht.
Einige Autoren unterscheiden drei Unterarten von Betula pubescens Ehrh.: Karpatenbirke (Betula pubescens subsp. carpatica ( et ex. ) et ); Syn.: Betula carpatica et ex. , Betula pubescens subsp. glutinosa Betula pubescens subsp. pubescens; Syn.: Betula alba L. Fjellbirke (Betula pubescens subsp. tortuosa () ); Syn.: Betula czerepanovii , Betula pubescens subsp. czerepanovii () , Betula tortuosa
Nach R. Govaerts werden bei Betula pubescens folgende Varietäten unterschieden: Betula pubescens var. fragrans : Sie kommt in Schottland vor. Betula pubescens var. golitsinii , Novosti Sist. Vyssh. Rast. 34: 61 (2002): Sie kommt im europäischen Russland vor. Betula pubescens nothovar. kusmisscheffii = Betula pubescens var. pubescens × Betula pubescens var. pumila: Sie kommt in Finnland und im nördlichen Russland vor. Betula pubescens var. litwinowii : Sie kommt von der nördlichen und östlichen Türkei bis zum nördlichen Iran vor. Betula pubescens var. pubescens (Syn.: Betula pubescens var. glabrata , Betula carpatica , Betula pubescens subsp. carpatica ): Die Gewöhnliche Moor-Birke. Sie schließt die Karpaten-Birke ein. Sie kommt von Europa bis zu Russlands Fernem Osten vor. Betula pubescens var. pumila , World Checklist Seed Pl. 2(1): 10 (1996) (Syn.: Betula tortuosa , Betula pubescens subsp. tortuosa , Betula pubescens subsp. czerepanovii ): Die Fjell-Birke. Sie kommt von Nordeuropa bis Sibirien und von Neufundland bis Grönland vor.
mini|Karpatenbirkenwald im Roten Moor (Rhön) Die Karpatenbirke