Musizierende Gesellschaft ist ein Ölgemälde des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn aus dem Jahr 1626, das eine Gruppe von vier Personen beim gemeinsamen Singen und Musizieren zeigt. Das Gemälde ist im Hochformat auf Eichenholz ausgeführt und steht zeitlich und stilistisch in engem Zusammenhang mit Rembrandts Gemälden Bileam und die Eselin und dem Historiengemälde mit Selbstporträt des Malers. Das Werk wurde erst 1936 bekannt und wird seither von fast allen Kunsthistorikern als Original von der Hand Rembrandts anerkannt. Das Gemälde wird vom aufbewahrenden Museum De Lakenhal als Familienporträt aufgefasst, mit Rembrandt, seiner älteren Schwester und den Eltern. Heute gilt diese Auffassung als überholt, es konnte aber auch keine zufriedenstellende Deutung erfolgen. Das 1976 vom Rijksmuseum Amsterdam erworbene Gemälde befindet sich als Dauerleihgabe seit 2021 im Museum De Lakenhal in Leiden mit der Inventarnummer B 1594.Museum De Lakenhal
Beschreibung mini|hochkant|Gambenspieler, frontal, Pier Francesco Mola, 1645/50, rote Kreide auf Papier, 25,1 × 17,2 cm, Rijksmuseum Amsterdam
Darstellung Rund um das Zentrum des Bildes sind vier Personen gestaffelt angeordnet, von denen drei singen oder ein Musikinstrument spielen. Zuvorderst befindet sich eine junge Frau, die von der Mitte leicht nach rechts verschoben an einem Tisch sitzt, mit dem rechten Fuß auf einem kleinen Podest, und deren übereinander geschlagene Beine entlang der Bilddiagonale nach links unten reichen. Die Frau trägt über einem engen Mieder ein aufwändig bunt gemustertes gelbes, bodenlanges Kleid und rote Schuhe. Ihre blonden Haare sind hochgesteckt und nehmen mit einem Diadem fast die Kontur einer phrygischen Mütze an. Als weiteren Schmuck trägt sie eine kurze Halskette mit großen Perlen oder rundgeschliffenen Schmucksteinen. Auf ihrem Schoß liegt ein aufgeschlagenes großes Buch mit rotem Einband und Messingbeschlägen an den Ecken, offenbar eingebundene Notenblätter. Die Frau hat den Blick nach unten auf das Buch gerichtet und den Mund leicht geöffnet, offenbar singt sie gerade. Ihr linker Ellenbogen ruht auf der Kante eines kleinen Tisches, die linke Hand liegt auf dem Buch, um das Umblättern zu verhindern oder für sich eine Stelle zu fixieren. Die Rechte ist leicht erhoben, um Aufmerksamkeit zu fordern oder um einen Takt vorzugeben. Die Hände der Figuren wirken eigentümlich unproportioniert. Dieser Mangel in der Darstellung steht im Gegensatz zur gelungenen Ausführung anderer Bildelemente, ist aber auch in anderen frühen Werken Rembrandts zu finden.
Links von der Bildmitte sitzt frontal zum Betrachter ein älterer Mann in einem bunten Kaftan aus Seide, mit mehrfarbig gestreifter Leibbinde und turbanähnlicher Kopfbedeckung. Er trägt einen auffälligen langen Schnauzbart und am rechten Ohr einen metallenen Anhänger. Links an seinem Turban befindet sich ein Schmuckstück aus Metall mit einem roten Stein, unter der Leibbinde ragt ein metallischer Gegenstand heraus, möglicherweise der Griff eines Dolches mit einer Trageschlaufe. Der Mann spielt eine Viola da gamba, die vor ihm auf dem Boden aufgestützt ist, und hat dabei die rechts abgebildete übliche Spielhaltung eingenommen. Drei Finger seiner Griffhand liegen unmittelbar hinter Bünden des Griffbretts, der kleine Finger ist leicht angehoben. Mit der rechten Hand greift er über das Ende des leicht abwärts zu den Saiten der Viola reichenden Bogens. Dabei hat er weit ausgeholt, so dass seine Finger knapp über den Bildrand hinaus reichen.
Hinter und zwischen den vorgenannten Figuren steht ein junger Mann mit rotbraunen Haaren, der über einem weißen Hemd mit Rüschenkragen ein graugrünes Gewand trägt. Seine Kopfbedeckung ist ein schräg aufgesetztes großes, graugrünes Barett mit breitem, mehrfach eingekerbtem Rand und zwei großen grünen Federn. Vor ihm zwischen seinen Armen steht eine Harfe auf einem Stuhl, teilweise von dessen Rückenlehne verdeckt, auf der er beidhändig spielt. Ganz rechts im Mittelgrund steht eine alte Frau, die sich auf die Rückenlehne eines Stuhls stützt, und deren Kinn auf der rechten Hand aufliegt. Sie blickt auf den Harfenspieler und beteiligt sich nicht aktiv am Musizieren. Sie trägt ein dunkles Kleid, an ihrem rechten Arm ist ein kleines Stück von einem weißen Rüschenbund zu sehen. Über ihrem Kopf und ihren Schultern liegt ein weißes, vielfarbig buntes Tuch, das fast bis zu den Hüften reicht.
Die Szene ist in Licht getaucht, das von oben links einfällt und die Figuren und Teile des Vorder- und Hintergrunds scheinwerferartig ausleuchtet. Im rechten Mittelgrund befindet sich ein kleiner Tisch mit einer grünen, bunt gemusterten Tischdecke. Darauf stehen ein Holzkasten mit geöffneter Klappe, möglicherweise zur Aufbewahrung des Buches oder ein Toilettenkästchen, und ein großer Becher, anscheinend aus Silber und mit Goldbeschlägen verziert. Davor, über den Vordergrund verteilt, liegen mehrere Bücher ungeordnet auf dem Boden herum. Die meisten haben lederne Einbände und sind als Musikalien zu erkennen, das aufgeschlagen gegen den Tisch gestellte Buch zeigt sehr wahrscheinlich eine Tabulatur für eine Laute. Davor liegt ein aufgeschlagenes Buch auf dem Boden, möglicherweise ein Air de Cour für Laute und Gesang. Links liegt eine Laute auf dem Boden, deren Hals zum größten Teil von den Büchern verdeckt ist, und deren Korpus einen Riss aufweist. Ganz links im Vordergrund steht als Repoussoir ein Tisch oder kleiner Schrank im Schatten, auf dem eine Violine liegt.
mini|hochkant|Bileam und die Eselin, 1626, Öl auf Eichenholz, , Musée Cognacq-Jay, Paris Den Hintergrund bildet eine Wand, die bis in Brusthöhe eine dunkle Holzvertäfelung hat und darüber grau gestrichen oder verputzt erscheint. Links oben wird als Bild im Bild ein an der Wand aufgehängtes Gemälde mit schwarzem und goldenem Rahmen von dem einfallenden Licht angestrahlt. Darauf wird die Flucht Lots aus Sodom dargestellt, die Farbgebung ähnelt stark Rembrandts frühen Gemälden mit Bibelszenen wie Bileam und die Eselin und Die Taufe des Kämmerers. Rechts oben hängt wiederum als Repoussoir ein schwarzer Vorhang.
Links unten sind mittig auf das Repoussoir, mit großen grauen Buchstaben und Ziffern, das Monogramm und Jahr RH .1626 aufgemalt, die zweite Ziffer ist unleserlich. Das Monogramm und die Jahreszahl gelten als authentisch. Sie ähneln stark denen auf Rembrandts Bileam und die Eselin, Der Geldwechsler und Zwei alte Männer im Gespräch, alle aus den Jahren 1626 bis 1628.
Technische Untersuchung Das Gemälde hat das Format 63,4 × 47,6 cm und ist mit Ölfarbe auf eine fünf bis sechs Millimeter starke Tafel aus senkrecht gemasertem Eichenholz gemalt. Die Tafel besteht aus zwei Brettern, die vertikale Verbindung beider Bretter befindet sich oben 23,2 und unten 23,6 cm vom rechten Rand entfernt. Die Rückseite ist an allen Rändern unregelmäßig auf vier bis fünf Zentimeter Breite abgeschrägt. Das rückseitig linke Brett ist mit einer konkaven Klinge gehobelt worden. Der dendrochronologischen Untersuchung zufolge stammen beide Bretter von verschiedenen Bäumen. Sie wurden frühestens 1608, wahrscheinlich 1613 oder später gefällt. Das Format der Tafel und ihr Aufbau aus zwei miteinander verbundenen Brettern entspricht weitgehend Rembrandts Taufe des Kämmerers und Bileam und die Eselin, beide ebenfalls von 1626.
Die gelbliche Grundierung tritt nur an wenigen Stellen vor, zum Beispiel am Umriss der rechten Schulter der Sängerin. Die untere der beiden Schichten der Grundierung besteht aus Kreide, die mit einem tierischen Leim gebunden wurde. Die obere Schicht enthält Bleiweiß und eine geringe Menge braunen Pigments, gebunden mit Öl, das an einigen Stellen in die erste Grundierung übergetreten ist. Die Farbschicht befindet sich in einem insgesamt guten Zustand. Nur wenige Bereiche zeigen Farbverluste, zum Beispiel entlang der Verbindungslinie der beiden Bretter der Holztafel. An einigen Stellen sind Übermalungen zu erkennen, so rechts neben dem Kopf des Harfenspielers, an der Nasenspitze der Sängerin und links vom Hals des alten Mannes. Stellen mit einer dickeren Farbschicht weisen ein sehr feines Krakelee auf. Rembrandt hat bei diesem Gemälde wie bei anderen frühen Arbeiten von hinten nach vorne gearbeitet. Ausgenommen sind nur die Schatten der Bücher auf der Tischdecke und der Stuhl, auf dem die Harfe steht. Diese Elemente wurden erst eingefügt, als die Sängerin und die Tischdecke bereits gemalt waren.
Kunsthistorische Einordnung mini|hochkant|Die Taufe des Kämmerers, 1626, Öl auf Eichenholz, , Museum Catharijneconvent, Utrecht
Rembrandts Frühwerk Nach seiner Ausbildung bei Jacob Isaacsz. van Swanenburgh zwischen 1620 und 1624 begab Rembrandt sich nach Amsterdam, um ein halbes Jahr lang bei Pieter Lastman zu lernen. 1625 kehrte er nach Leiden zurück und eröffnete mit Jan Lievens eine Werkstatt. Das Gemälde folgt auf den Zyklus Die fünf Sinne, die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel und die Steinigung des heiligen Stephanus, wobei die Bildkomposition und die Farbenwahl im Lauf der Zeit immer besser gelingen. Übereinstimmungen bei der Art und Größe der verwendeten Tafel und im Malstil stellen die Musizierende Gesellschaft in eine Reihe mit den Arbeiten Rembrandts aus dem Jahr 1626. Eine größere stilistische Ähnlichkeit besteht mit dem Historiengemälde mit Selbstporträt des Malers und dem Bileam und die Eselin. Die Musizierende Gesellschaft entstand sehr wahrscheinlich nach der Taufe des Kämmerers, aber vor Tobias verdächtigt seine Frau des Diebstahls, das deutlich ausgereifter wirkt.
mini|hochkant|Büste eines Mannes mit Halsberge und gefiedertem Barett, Rembrandt, ca. 1626, Öl auf Eichenholz, , Privatsammlung
Deutung Das Gemälde wurde zunächst als ein Familienporträt Rembrandts mit seinen Eltern und seiner Schwester aufgefasst. Davon abweichend wurde der Harfenspieler durch Henri L. M. Defoer mit Jan Lievens identifiziert, dessen Gesichtszüge bereits in der Darstellung eines Dieners in der Taufe des Kämmereres erscheinen. Der Gambenspieler hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Offizier am rechten Bildrand von Rembrandts Historiengemälde mit Selbstporträt des Malers und seiner Büste eines Mannes mit Halsberge und gefiedertem Barett. Es gibt aber keinen Grund für die Annahme, es könne sich bei dieser Figur um Rembrandts Vater oder Bruder handeln. Die Frage nach den dargestellten Personen gilt letztlich als ungeklärt. Abgesehen von der Identität der Figuren hat das Gemälde offensichtlich eine Bedeutung, die noch nicht entschlüsselt werden konnte.
Emil Kieser deutete das Gemälde als eine Allegorie des Hörens und interpretierte den Harfenspieler als jungen David. Dessen Harfenspiel entfalte eine heilende Wirkung, wie in den zahlreich überlieferten Darstellungen des David, der vor Saul auf der Harfe spielt. Günter Bandmann schloss sich Kiesers Ansicht bezüglich des Harfenspielers als Verkörperung Davids an. Andere Autoren halten das Motiv für die Darstellung eines der Lobgesänge des Alten Testaments. Christian Tümpel glaubte in der Darstellung das Gleichnis vom verlorenen Sohn wiederzufinden. Auch Kurt Bauch sah in dem Bild eine Allegorie des Hörens, und möglicherweise eine Allegorie der Musik. Die fünf Sinne waren ein beliebtes Motiv der niederländischen Malerei des frühen 17. Jahrhunderts, auch Rembrandt war bereits mit seinem Gemäldezyklus Die fünf Sinne in Erscheinung getreten. Die Musizierende Gesellschaft fügt sich jedoch schlecht in die lange Reihe früher dargestellter Allegorien des Hörens oder der Musik ein.
mini|Eine junge Frau bei der Toilette, Rembrandt, 1632/33, Öl auf Leinwand, , National Gallery of Canada